Chapter 2

Mein Weg führte mich in einen kleinen Club in der Nähe des Picadilly Circus. Es schien ein netter Abend zu werden. Am Eingang warteten etliche Mitzwanziger darauf hinein gelassen zu werden und den zukünftigen Idolen der Gothic- Szene zu huldigen. Zielstrebig ging ich an Ihnen vorbei und Paul der breitschultrige Türsteher machte mir Platz. Wir kannten uns schon seit Jahren und so hatten wir ein stillschweigendes Arrangement, wobei wir kaum ein paar Worte miteinander wechselten. Sicher war er ein netter Kerl, der jedoch ganz offensichtlich sein fehlendes Selbstwertgefühl damit aufwertete, dass er tagtäglich für mehrere Stunden in einem Fitnessstudio seinen Körper trainierte. Gerade als ich an ihm vorbei war, rief er mir hinterher. „Warten Sie mal. Da hat vorhin jemand nach Ihnen gefragt. Ich habe ihn hier noch nie gesehen, er meinte aber, sie wären alte Bekannte. Kurz darauf ging er wieder." Ich war eine Einzelgängerin und es wunderte mich, dass sich jemand nach mir erkundigte. Doch schenkte ich dem nicht allzu viel Beachtung. Ich nickte Paul kurz zu und ging dann hinein. Es war ein recht großer Club, der jedoch durch seinen Innenausbau mit seinen vielen Verschachtelungen eine angenehme Intimität zuließ. Meinen Mantel gab ich an der Garderobe ab und er wurde, so wie immer, in einen Bereich gehängt der nur für Vip´s und Stammgäste vorgesehen war. Als ich in den großen Hauptsaal eintrat, musste ich feststellen, dass der Club schon recht gut gefüllt war. Vor der kleinen Bühne drängten sich unzählige schwarz- gewandeter Jugendlicher und auch die Bar war überlaufen. Seitlich der Bar führte eine kleine schmale Wendeltreppe hinauf zu den reservierten, nun, nennen wir es Logen. Diese erstreckten sich über 2 Etagen und waren nicht miteinander verbunden, nur durch einen kleinen Korridor der sich rückseitig entlang zog. Diese Logen waren wir kleine Balkone, die von der Wand abstanden und jede war individuell eingerichtet.

Erstaunlicherweise war meine Loge nicht leer. Ein junges Paar war wohl der Meinung sich darin vergnügen zu können. Noch ehe ich ein Wort sagen konnte, stand Louis hinter mir. Louis gehörte dieser Club und er wollte nicht das Wagnis eingehen mich zu verärgern. Ich hatte ihm damals das Geld gegeben um diesen Club zu eröffnen und hatte ihm die entsprechenden Kontakte ermöglicht. Dafür verlangte ich nur wenig. Wann immer ich den Club betrat, musste meine Loge zu meiner Verfügung stehen und durfte auch sonst von Niemandem benutzt werden. Zudem sollte er mich nie mit unnötigen Fragen belästigen und ich erhielt natürlich monatlich eine Gewinnbeteiligung. Ich war also so etwas wie ein stiller Teilhaber. Dieses Arrangement, war jedoch Eines, das nur uns Beiden bekannt war und so sollte es auch bleiben. „Nun macht schon, dass ihr hier rauskommt. Wer hat Euch überhaupt hier reingelassen! Verschwindet!"

Louis war eine eindrucksvolle Erscheinung. Er war sicher 1,95 m groß und nicht gerade von schmächtiger Gestalt. Er hatte halblanges und sehr dickes Haar, das er zumeist leicht gegelt nach hinten gekämmt hatte. Doch wenn er sich so wie jetzt aufregte, fielen ihm stets ein paar Strähnen ins Gesicht, die er sich mit einer lockeren Handbewegung wieder nach hinten strich.

Als ich ihn damals fand, war er ein Wrack. In einer stinkenden Ecke, nähe des Hauptbahnhofes hatte ich ihn aufgelesen. Offensichtlich hatte er sich gerade einen frischen Schuss verabreicht und dämmerte vor sich hin. Eigentlich sollte er mein nächstes Opfer sein, doch ich erkannte ihn. Jahre zuvor hatte ich noch auf einer Konzertbühne gesehen, als Bassisten einer Band, die kurz vor ihrem Durchbruch stand. Damals hatte er recht selbstbewusst versucht meine Telefonnummer zu bekommen, doch ich hatte ihn abgewiesen, was ihm wohl nicht oft passierte. Doch nun war er genauso wie die Band vergessen, da sie sich zu schnell dem Ruhm ergeben hatte und ihm nicht standhalten konnte. Ich kann ihnen heute nicht mehr sagen, warum, aber ich nahm ihn mit mir und päppelte ihn auf. Es war einer dieser schwachen Momente, bei denen man nicht sagen kann, warum man es getan hat. Es spielt auch keine Rolle, es ist geschehen. Mit der Zeit erzählte er mir von seinem großen Wunsch, etwas Eigenes aufzubauen und überraschte mich sogar mit einem ausgefeilten Konzept und genauen Analysen. Und ich gab ihm die Chance, etwas aus seinem Leben zu machen. So entstand dieser Club. Dies ist nun schon 15 Jahre her. Es vergingen einige Jahre, bis er verstand, wer oder besser gesagt was ich war. An jenem Tag war ich kurz davor ihn zu töten. Doch wieder traf ich eine Entscheidung, die ich heute nicht mehr erklären kann. Ich hoffe nur, dass sie mir eines Tages nicht zum Verhängnis wird. Es ist nicht gut, jemand zu nah an sich heran zu lassen. Ich griff ihn am Hals und stemmte ihn gegen die Wand, entblößte meine Zähne und war kurz davor ihn zu töten, als er mir direkt in die Augen sah. Als ich ihn so betrachtete, sah ich zwar Angst in seinen Augen, doch noch mehr sah ich das Entsetzen. Diese Erkenntnis erschütterte mich, er hatte mich stets so betrachtet, wie ich es wollte, menschlich. Und nun sah er das in mir, was ich war, ein Raubtier, das stets auf der Suche nach seinem nächsten Opfer war. Zu leichtfertig hatte ich mich der Illusion hingegeben etwas Anderes zu sein. Jetzt werden sie verstehen, warum ich es vorziehe allein zu sein. Ich ließ ihn los und er versprach mir nie wieder ein Wort darüber zu verlieren, zu niemandem. Seit dem fürchtet, und zugleich sorgt er sich um mich.

Der junge Mann sprang auf und fuchtelte wild mit den Armen herum. „Was regst Du Dich so auf Mann. Ich wollte doch nur ein bisschen lockerer werden, bevor ich auf die Bühne gehe. Wenn Du mit Deiner Süßen kuscheln willst, es ist auch genug Platz hier für uns alle. Und wenn Du willst, können wir auch ruhig mal tauschen. Sieht ja ganz nett aus die Kleine." Louis lächelte kurz, ehe sich sein Gesicht verfinsterte. Er trat ganz nah an seinen Gegenüber heran, so dass dieser leicht nach oben schauen musste, um Louis direkt in die Augen zu sehen. Das Mädchen erkannte, dass es nun Zeit war zu gehen und sammelte eilig ihre Habseligkeiten zusammen. Sie zog an der Hand ihres Begleiters, doch dieser bewegte sich keine Zentimeter von der Stelle. So rannte sie allein die Treppen hinunter. Louis setzte sein berühmtes sarkastisches Lächeln auf. „Wenn Du mich reizen willst Bengelchen, dann brauchst Du nur noch piep zu machen. Und zudem wäre Dein Auftritt hier gestrichen und das nicht nur für heute Abend, sondern für immer." Er trat einen Schritt zur Seite und der junge Mann beeilte sich, schnell seine weibliche Begleitung wieder zu finden. Mit Louis sollte man es sich nicht verscherzen, denn mittlerweile war dieser Club eine

Fundgrube für Plattenfirmen geworden. Einen Gig zu bekommen war schon schwer, doch wenn man es vermasselte, dann war die Chance, die nächsten Jahre entdeckt zu werden gestrichen.

Mit einem pflichtbewussten Blick prüfte er die Loge, ob noch irgendwo Spuren davon zu sehen waren, dass sich jemand hier aufgehalten hatte. Dann drehte er sich zu mir um und ohne mir in die Augen zu sehen, bot er mir an, mich zu setzen. Ich setze mich auf das große dunkelrote, mit Samt bezogene Sofa. Louis zog den schweren Vorhang zu, der mich vor den Blicken der anderen Logen abschirmte. „Es tut mir leid. Das wird nicht wieder vorkommen." Ich strich sanft über seinen Handrücken und ergriff dann seine Hand und gebot ihm sich neben mich zu setzen. Er setzte sich in den Sessel neben mich und vermied es immer noch mich anzusehen. „Was ist los mit Dir Louis? Warum siehst Du mich nicht an? Denkst Du ich bin verärgert, über das was so eben geschehen ist? Nun, dass bin ich zwar, aber nur ein wenig. Sieh mich an."

Langsam erhob er seinen Kopf und sah mich an. Sein Gesicht war sehr feingliedrig und doch maskulin. Über die Jahre hatten sich viele Sorgenfalten auf seiner Stirn gebildet, doch konnten sie ihm nicht die Ausstrahlung nehmen, die er schon damals hatte. Er war das, was man einen Womanizer nennt. Die Frauen beteten ihn an, zwar hatte er hier und da mal ein kurzes Verhältnis, doch nie etwas Ernsthaftes. Er ging vollkommen auf, in den Aufgaben und Herausforderungen, die sich durch den Club ergaben. Und ich denke, ich war die Einzige, die mehr von ihm wusste. Er ließ es zu, nicht aus Furcht vor mir, er tat es freiwillig. „Wir kennen uns schon so viele Jahre und wir sind uns vertraut, auch wenn ich nicht viel von Dir weiß. Ich kenne nicht einmal Deinen Namen." Er senkte wieder den Blick und stand dann auf um zu gehen. Bevor er durch den Vorhang trat, drehte er sich noch einmal kurz um und zeigte auf den Mahagonischrank, der neben dem Sofa stand. „Ich habe ihn aufgefüllt." Dann ging er.

Ich beugte mich hinunter und öffnete den Schrank. Er hatte wirklich an alles gedacht. In dem Schrank befand sich eine kleine Bar, mit einer Flasche Martini und einer Flasche meines bevorzugten Scottish Malt Whiskeys, sowie einiger Flaschen stillen Wassers. Darüber befand sich ein Fach mit Gläsern und ein kleiner Homidor. Er war gefüllt mir kleinen Cigarillos, die mit Vanille- und Whiskyaroma versetzt waren. Nun, ich kam selten in die Versuchung diesen menschlichen Genüssen nach zu kommen. Doch hier in dieser Atmosphäre tat ich es gern. Ich nahm mir ein Glas und füllte es mit zwei Eiswürfeln und einem Schluck Whiskey. Dann zündete ich mir einen Cigarillo an und betrachtete in aller Ruhe die Ansammlung von Gestalten, die versuchten sich im besten Licht darzustellen. Wie sehr genoss ich diese intimen Momente der Ruhe.

Ein junges Mädchen, das mir doch etwas zu jung für den Club erschien, versuchte sich durch die Menge hindurch einen Platz in der ersten Reihe an der Bühne zu sichern. Doch sie wurde abgedrängt und stand nun allein und sichtlich frustriert an einer der Säulen, die den Durchgang zum Nachbarraum säumten. Plötzlich wurde ihr ein gefülltes Glas vor die Nase gehalten und ein Mann mittleren Alters, ich schätze er war sicherlich schon Mitte vierzig sprach sie an. Er rühmte sich damit, der Manager einer Band zu sein, die heute Abend auftreten würde. Er hatte leichtes Spiel, er erzählte ihr, dass so ein hübsches Mädchen doch im Backstage- Bereich viel besser aufgehoben sei. Sie folgte ihm nur zu bereitwillig. In einer anderen Ecke küsste sich ein Paar leidenschaftlich und offensichtlich erregte es sie sehr, wenn er ihr in den Hals biss. Und zugleich genoss sie die Blicke eines anderen jungen Mannes, der ganz in der Nähe stand, und sich wohl für den Rest des Abends mit eindeutigen Gesten anbot. Sie winkte ihn zu sich heran und so bereiteten ihr Beide die Freude, nach der sie verlangte. Doch soweit sollte es nicht kommen, ein paar der Ordner waren schon zur Stelle und forderten die Drei auf, sich für ihre Vergnügungen doch ein anderes Etablissement zu suchen. Ich war für all jene unsichtbar, selbst wenn jemand nach oben sah, so konnte er doch nichts erkennen. Und so wand er sich schnell desinteressiert ab.

Das spärliche Licht wurde weiter reduziert und die erste Band des Abends begann zu spielen. Ich lehnte mich zurück und amüsierte mich über die Versuche eine gute Show abzuliefern. Ich will nicht sagen, dass sie schlecht waren. Doch sie erschienen mir eher eine Kopie all dessen zu sein, was man heutzutage in dieser Szene zu hören bekommt und was bereits auf unzähligen Radiostationen über den Äther geschickt wird. Die Reaktion des Publikums schien mit meiner Meinung einher zu gehen und so sah sich die Band gezwungen bereits nach dem vierten Song die Bühne zu verlassen. Für kurze Zeit wurde das Licht wieder heller und ich konnte sehen, dass das junge Mädchen tränenüberströmt den schnellsten Weg zum Ausgang suchte. Sie hatte jedoch Mühe sich durch die Menschenmenge zu bewegen. Ich verließ mein kleines Separee und begab mich hinter die Bühne. Schnell hatte ich diesen schmierigen Typen ausgemacht und stellte mich ihm als Vertreterin einer großen Plattenfirma vor.

Er begann siegessicher zu grinsen und versuchte mich mit allerlei Schmeichlereien für sich zu gewinnen. Louis stand auf einmal unvermittelt hinter ihm. Ich bat meinen Gesprächspartner um ein wenig Geduld.

Louis legte seinen Arm um mich und wir entfernten uns ein paar Schritte. „Tue mir einen Gefallen, nicht hier." Ich lächelte ihn an und sah ihm unvermittelt in die Augen und streichelte ihm sanft über die Wange. „Keine Sorge Louis, ich werde vorsichtig sein. Ich habe ihn schon einige Male beobachtet, nun reicht es mir." Ich ging wieder hinüber zu dem leicht untersetzen Mann, mit seinen fettigen schulterlangen Haaren und seinem Grinsen, wie aus einer Zahnpastawerbung. Wie mich dieser Kerl doch anwiderte. Ich bat ihn mit mir ein paar Schritte hinaus zu gehen, da es doch hier zu laut sei um über solch wichtige Dinge zu reden. Vorsorglich verließen wir den Club über den Hinterausgang. Wir gingen ein paar Straßen weit und ich lies ihn reden. Seine Arroganz allein, wäre schon ein Grund gewesen ihn zu töten. In einer Seitenstraße brach ich ihm das Genick, bevor auch nur ein Ton seiner Kehle entwich. Ich bettete ihn unter ein paar alte Zeitungen und Kartonagen. Seine Brieftasche und seine Schlüssel nahm ich ihm ab, so würde man es bei der Polizei sicher als einen Raubüberfall mit Todesfolge ad acta legen. Zwar hatte ich noch Durst, doch wollte ich keinerlei Spuren hinterlassen, die ihn irgendwie mit dem Club und damit mit Louis oder mir in Verbindung brachten. So lief ich die 8 Blocks wieder zurück zum Club und als ich im ankam hatte die zweite Band bereits begonnen zu spielen.

Ich ging zur Toilette und wusch mir die Hände, ich wollte den Geruch loswerden, der an mir haftete. Sicher konnte man es nicht riechen wenn man ein Mensch war, doch ich konnte es. Als ich mir gerade die Hände abtrocknete kam eine Frau herein, die ihren Zenit schon lange überschritten hatte. Sie zog sich ihren Kajal nach und versuchte ihre Augenringe mit Make up zu kaschieren. Dann frischte sie ihren blutroten Lippenstift auf. Wie selbstverständlich packte sie auch ein kleines Tütchen mit Kokain auf den Rand des Waschbeckens. Als sie ihre Schminkutensilien wieder eingepackt hatte, präparierte sie sich eine feine Linie. Sie sah mich an und fragte mich wie selbst verständlich." Na willst du auch?" Ich schüttelte nur den Kopf. Sie zuckte mit den Schultern und machte sich daran es zu schnupfen. „Das Leben ist kurz genug, da muss man schon ein bisschen was erleben." Ich öffnete die Tür und im hinausgehen erwiderte ich nur kurz. "Das Zeug wird Dich eines Tages umbringen."

Die Lautstärke die mir entgegenschlug, als ich wieder in den Hauptraum trat, war ohrenbetäubend. Das Publikum sprang energisch im Takt der Musik auf und ab und die Band gab ihr Bestes. Starke Bässe drangen an mein Ohr und machten mir bewusst, wie schön doch die Ruhe sein kann. Ich begab mich wieder in meine Loge und trank meinen Whiskey in einem Zug aus und machte mir ein neues Cigarillo an. Nach etwa einer Stunde betrat eine neue Band die Bühne und die junge schmächtige Frau die zum Mikrofon ging, zog mit dem ersten Ton alle in ihren Bann. Im Gegensatz zu den anderen Bands, konzentrierte sich das Arrangement der Instrumente, ganz auf die Stimme der Sängerin. Zunächst leise und sehr klar, steigerte sich der Gesang in einen mitreißenden Rhythmus der von stetigen up- tempi- Wechseln begleitet wurde. Doch plötzlich wurde ich aus meiner Begeisterung gerissen. Ich war nicht mehr allein.