Kapitel 2 – Weihnachten (2. Kuss)
Hermine hatte sich alle Mühe gegeben, Severus' Wohnung so weihnachtlich wie möglich zu schmücken. Selbst einen Tannenbaum hatte sie auftreiben können. Sie war gerade zufrieden mit ihrem Werk, als Severus vom Unterricht zurückkehrte. Es war Freitag, der 23. Dezember – der letzte Schultag vor den Ferien.
„Was ist denn hier passiert?", fragte er und blieb wie angewurzelt stehen.
„Überraschung!", rief Hermine fröhlich und ging auf ihn zu. „Ich habe dir doch gesagt, dass ich dieses Jahr mit dir zusammenfeiern werde und wir das schönste Weihnachtsfest von allen haben werden."
„Ja, aber… ich dachte, das wäre ein Scherz gewesen…" Er sah sie erstaunt an.
„Nein", strahlte sie. „Morgen und übermorgen machen wir es uns richtig gemütlich", versprach sie.
Da breitete sich ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht aus.
Den Rest des Abends verbrachten sie mit Lesen vor dem Kamin. Normalerweise hätten sie nun an Hermines Forschungstrank, den sie für ihre Ausbildung entwickeln musste, gearbeitet, aber da heute der letzte Schultag und dazu noch ein Tag vor Weihnachten war, nahmen sie sich für heute Abend einmal frei.
Doch Severus sah immer wieder heimlich zu Hermine. Dass sie wirklich mit ihm zusammen Weihnachten feiern wollte, konnte er noch immer nicht verstehen. Seit sie ihn im September geküsst hatte, waren sie zwar weiterhin gute Freunde geworden, aber mehr auch nicht. Hatte sie ihn wirklich nur geküsst, weil sie ihn mochte? Oder war es nur Mitleid gewesen? Er zerbrach sich seit Monaten den Kopf darüber, ob sie ihn liebte oder nicht, aber sie ließ sich nichts anmerken und verhielt sich immer freundschaftlich korrekt. Doch in diesem ganzen Beobachten hatte Severus selbst sich immer mehr in sie verliebt…
Der Abend wurde zur Nacht und irgendwann fiel Hermine das Buch aus der Hand und sie war auf dem Sofa eingeschlafen.
Severus schmunzelte, legte sein Buch zur Seite, stand auf, nahm Hermine hoch und trug sie in ihr Zimmer und ins Bett.
Sie seufzte glücklich, als sie das weiche Bett unter sich fühlte und kuschelte sich in die Decke.
„Schlaf gut", flüsterte Severus, strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn und ging wieder.
Am nächsten Morgen – Heiligabend – beschlossen die beiden nach dem Frühstück, einen Spaziergang am Großen See zu machen. Es war so wunderschön ruhig, nun da die meisten Schüler über die Ferien nach Hause gefahren waren, und Hogwarts zeigte sich von seinem bezauberndsten Wintergesicht.
Severus und Hermine unterhielten sich so gut wie schon lange nicht mehr und der Zaubertrankprofessor schlug irgendwann vor, nach Hogsmeade zu gehen.
Hermine nickte begeistert und so verbrachten sie einen angenehmen Nachmittag im örtlichen Buchladen, der Apotheke und in den Drei Besen.
„Du bist dir sicher, dass du nicht doch noch zu den Weasleys möchtest?", musste Severus plötzlich nachfragen. Es war ihm immer noch nicht begreiflich, warum sie mit ihm zusammenfeiern wollte.
Hermine lachte jedoch kurz auf, bevor sie ernst aber mit einem liebevollen Lächeln, das sein Herz schneller schlagen ließ, erwiderte: „Ich bleibe bei dir, Severus, was auch immer geschieht."
Auf dem Rückweg nach Hogwarts bot er ihr aus einer plötzlichen Idee heraus seinen Arm an und sie hakte sich sogleich bei ihm ein. Sie schwiegen den ganzen Weg über, beide glücklich in ihre Gedanken versunken und die Nähe des anderen genießend.
„Wollen wir gleich in die Große Halle gehen?", unterbrach Hermine die Stille erst, als sie die Eingangshalle betraten. „Ich glaube, das Weihnachtsessen beginnt bald."
Severus nickte und steuerte auf die Tür zu.
Hermine wollte seinen Arm loslassen, da sie nun vor die anderen treten würden, aber er legte seine Hand auf ihre, um ihr zu signalisieren, dass es ihn nicht störte, so gesehen zu werden, und so betraten ein schmunzelnder Severus und eine strahlende Hermine die Große Halle – immer noch eingehakt.
Die anderen Lehrer und die wenigen Schüler, die in Hogwarts geblieben waren, staunten nicht schlecht, als sie die beiden so vertraut miteinander sahen, doch niemand wagte es, sie deswegen anzusprechen.
Dumbledore hätte es gewagt, wollte aber nicht, dass die beiden aus Verlegenheit wegen eines neckischen Kommentars seinerseits wieder auf Abstand gingen.
Das Abendessen verlief lustig und fröhlich. Alle unterhielten sich gut miteinander, scherzten, während sie sich immer mehr von dem köstlichen Essen auf ihre Teller schaufelten, und Knallbonbons brachten die tollsten Kleinigkeiten hervor.
Hermine zog eine rote Kunstblume, die sie sich sogleich ins Haar steckte, und Severus, dem es davor grauste, wieder einen Geierhut zu bekommen, zum Glück ein paar praktische Reagenzgläser.
Bald nach dem Essen hielt Dumbledore seine Weihnachtsansprache und schließlich begaben sich alle zu Bett.
Severus und Hermine tranken noch ein Glas Wein in ihrer Wohnung und unterhielten sich weiterhin über die spannendsten Themen.
Schließlich jedoch stand Hermine auf und fragte mit einem schelmischen Grinsen: „Brauchen wir den Tisch heute Abend noch?"
Severus sah sie skeptisch an. „Wieso?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Nur so", grinste sie, während sie ihre Gläser vom Tisch nahm und in die Küche brachte, und das Buch, in dem Severus zurzeit las, auf seinen Schreibtisch. Dann zog sie ihren Zauberstab – und verwandelte ihren Couchtisch in ein Klavier.
Severus riss erstaunt die Augen auf.
„Ich hab seit Wochen geübt", verkündete Hermine stolz. „Minerva meinte, dass sei eine schwierige Verwandlung, aber ich wollte dir unbedingt vorspielen." Ihr Gesicht zeigte Sorge, als sie hinzufügte: „Also nur, wenn du möchtest, natürlich."
„Sehr gerne", erwiderte er sofort, lehnte sich gemütlich an den Rücken des Sofas und wartete gespannt auf die Klänge von Mozart, Beethoven und Haydn.
Hermine setzte sich ans Klavier, atmete einmal tief ein – und begann zu spielen.
Severus' Herz schlug schneller, als er die ersten Klänge vernahm. Er kannte dieses Stück nicht, doch es war wunderschön. Ruhig, gefühlvoll glitten Hermines Finger über die Tasten und er wollte auf einmal nichts lieber, als sie zu umarmen. Es war, als würden die Töne ihm seine Zukunft zeigen – seine wunderbare Zukunft mit Hermine…
Als das Stück beendet war, herrschte einen Moment Stille, bevor Hermine sich auf dem Klavierbock zu ihm umdrehte und ihn unsicher ansah. „Und?", fragte sie schließlich. „Mochtest du's?"
Er schluckte einmal und nickte. „Das war wunderschön", brachte er mühsam hervor.
Da legte sich ein Strahlen auf ihr Gesicht und sie stand auf, um zu ihm zu gehen, doch er stand ebenfalls geschwind auf und trat ihr entgegen. So standen sie nun voreinander und sahen sich in die Augen, sie mit einem scheuen Lächeln, er mit einem fragenden Blick.
„Hermine?"
„Ja?"
„Darf ich dich etwas fragen?"
„Klar", schmunzelte sie.
„Warum hast du mich damals geküsst?", wollte er mit todernster Miene wissen und ihr Lächeln verstarb. „War es nur… aus Mitleid?"
Sie überlegte einen Moment, bevor sie ehrlich erwiderte: „Es wäre nicht fair, dies zu verneinen."
Sein Blick glitt enttäuscht zur Seite. Er wusste es! Oder hatte es zumindest geahnt. Und hier hatte er sich vollkommen sinnlos in sie verliebt…
„Aber", fuhr sie schnell fort, als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte, und nahm seine Hand in ihre, „das war nicht der Hauptgrund."
Er sah ihr wieder in die Augen. „Was dann?", fragte er leise, fast schon verletzlich.
Sie schenkte ihm ein kleines Lächeln und antwortete fest: „Ich habe dich geküsst, weil ich es wollte."
Sein Ausdruck erweichte sich, seine Augen zeigten Wärme. „Und… und willst du das noch immer?"
Sie nickte, stellte sich auf die Zehenspitzen, beugte sich zu ihm nach vorne und legte ganz zart ihre Lippen auf seine.
Dieses Mal brauchte er weniger Zeit, um sich an den Kuss anzupassen: Er legte seine Arme um sie, drückte sie an sich und küsste sie mit einer Hingabe, die all seine Liebe ausdrücken sollte. Als er jedoch plötzlich etwas Nasses auf seiner Wange spürte und der Kuss begann, salzig zu schmecken, unterbrach er ihre Nähe, um Hermine ins Gesicht sehen zu können. „Warum weinst du?", fragte er erschrocken. War er so schlecht im Küssen? Oder bereute sie es, sich überhaupt mit ihm eingelassen zu haben? Doch zu seinem großen Erstaunen strahlte sie ihn an.
„Du liebst mich", lachte sie fröhlich und fiel ihm um den Hals.
„Natürlich liebe ich dich", gab er verdutzt zurück und erwiderte die Umarmung. Solange sie nicht wütend auf ihn war oder es bereute, war doch alles in Ordnung, nicht wahr? „Aber warum weinst du dann?"
Sie sah ihm wieder in die Augen. „Weil ich glücklich bin. Ich liebe dich nämlich auch."
Da zeigte sich zum ersten Mal an diesem Abend ein Lächeln auf seinem Gesicht und er nahm seine Hermine in den Arm, hielt sie ganz fest, damit sie ihm nicht verlorengehen konnte, und strich ihr einfach schweigend über die buschigen Haare, während sie sich zufrieden seufzend an ihn schmiegte.
