Kapitel 2 – Braun statt Grün
Ihre Augen, smaragdgrün, sie hatten ihn angesehen, ein letztes Mal durfte er in ihre grünen Seen eintauchen und für ewig darin versinken, er würde nie wieder auftauchen müssen. Vielleicht war er gescheitert mit seiner Mission, hatte Potter gegen den mächtigsten aller Zauberstäbe überhaut eine Chance? Würde das bedeuten, dass Lily doch umsonst gestorben ist, all seine Bemühungen, ihren Sohn am Leben zu erhalten waren vergeblich gewesen?
Jetzt war es egal, es war vorbei, sie hatte ihn hinüber begleitet, er hatte seinen Frieden.
Er spürte den harten Untergrund an seinem Rücken, sein Nacken schmerzte, er fühlte sich feucht an, seine Haare zupften, als würden sie festkleben. Er wollte sich bewegen, doch es ging nicht, seine schweren Glieder verharrten an Ort und Stelle. Warum empfand er überhaupt Schmerz? Hatte Dumbledore ihm nicht aus dem Portrait heraus einmal gesagt, das man sich hier anfühlen würde wie auf Watte gebettet?
Seine Augen zuckten, vielleicht konnte er sie öffnen und eine Antwort auf seine Fragen finden. Er blickte in zwei Augen, sie waren mandelförmig und von stiller Tiefe, wie Liliys, aber braun, - rehbraun.
„Professor Snape, können Sie mich hören?"
Diese Stimme hallte in seinen Ohren und brachte ihn zurück unter die Irdischen.
Granger! Ein kurzer Blick an die Decke verriet ihm wo er sich befand, er lag auf dem nackten kalten Steinboden der Katakomben Hogwarts, von weicher Watte keine Spur.
„Professor, bitte, sagen Sie etwas."
Einen Moment lang herrschte Totenstille.
„Potter", war das einzige Wort, das Snape mit krächzender Stimme herausbrachte.
Seit Hermine Snapes Erinnerungen über Lily Potter mit Harry im Denkarium gesehen hatte, war ihr klar, dass Snapes ganzes Leben nur ein Ziel gekannt hatte, Harry vor Voldemort zu schützen und es zu ermöglichen, dass Voldemort getötet wurde. Sie wollte Snape keine Sekunde länger im Unklaren lassen, dass seine Mission doch noch erfolgreich geendet hatte.
„Harry hat Voldemort getötet, Harry geht es gut", versuchte Hermine Snape mit möglichst wenigen Worten auf den neuesten Stand zu bringen.
Snape schloss die Augen, als hätte er genug gehört.
„Gehen... Sie", krächzte er.
„Ich gehe Hilfe holen. Sind Sie stabil genug, dass ich Sie einige Minuten alleine lassen kann?", fragte Hermine.
„Keine... Hilfe, bitte", flüsterte er.
Hermine fuhren diese Worte durch Mark und Bein. Sie musste sich beherrschen und ihre Tränen zurückhalten, die sich in den Tränensäcken stauten.
„Ich habe Ihnen das Antiserum für Nagini gegeben, ich denke Sie haben mehr als gute Chancen wieder ganz gesund zu werden. Deshalb werde ich Sie hier gewiss nicht verdursten lassen, Professor", sagte sie mit zitternder Stimme.
Hermine nahm ihren Zauberstab und behandelte Snapes Bisswunde am Nacken, aus der immer noch kleine Mengen Blut tropften.
Ich bin gleich wieder hier", sagte sie und rannte aus dem Raum.
„Granger", dachte Snape, „typisch Granger".
Er schloss die Augen und eine tiefe Müdigkeit übermannte ihn.
oOoOo
Die Nachricht von Snapes Rettung verbreitete sich wie ein Lauffeuer. So sehr ihn viele gehasst hatten, nachdem 54 Leichen aus Hogwarts geborgen wurden, war eine solche Meldung eine wahres Balsam auf die Seelen der Überlebenden.
McGonagall beschloss, Hogwarts für die folgenden Wochen zu schließen, die Schüler hatten zu viel zu verarbeiten. Hogwarts sah aus wie ein Kriegsschauplatz, es würde einige Zeit dauern, hier wieder einen normalen Schulalltag zu organisieren.
Von den Verletzten konnten die meisten nach Hause entlassen werden. Trotzdem war die Krankenstation noch bis zum Rande gefüllt. Der widerwilligste aller Patienten war Professor Snape. Er verweigerte jegliche Kommunikation mit Poppy. McGonagall hatte sich ebenfalls die Zähne an ihm ausgebissen. Die Schlangenwunde konnte immer noch nicht versiegelt werden, Snape verlor weiterhin Blut und Poppy hatte am Morgen festgestellt, dass die Wunde nicht kleiner sondern wieder größer wurde.
Hermine war mit Harry, Ron, Ginny und einigen anderen Schülern in Hogwarts geblieben. Sie gehörten der Gruppe an, die McGonagall zusammengerufen hatte, um Hogwarts wieder in seinen ursprünglichen Zustand zu versetzen. Heute sollten sie in die Bibliothek, um dort dem Chaos Herr zu werden.
Hermine öffnete gerade die Tür zur Bibliothek, als McGonagall ihr entgegen kam.
„Hermine, kann ich Sie einen Augenblick in meinem Büro sprechen?", fragte sie.
„Natürlich. Sofort?"
„Ja, es ist dringend."
Damit begleitete Hermine ihre Hauslehrerin in ihr Büro.
„Professor Snape geht es zunehmend schlechter. Seine Wunde hat wieder angefangen zu bluten und Poppy hat keine Möglichkeit, sie zu stoppen. Nagini war ein schwarzmagisches Geschöpf, wir wissen nicht, was mit ihren Zähnen in Snapes Nacken alles hinein gelangt ist. Weder Poppy, Harry oder ich haben es geschafft, auch nur ein Wort aus ihm herauszubekommen. Er behandelt uns wie Luft, er will nicht, dass er gesund wird, er hat sich aufgegeben."
„Ich kann ihn verstehen", sagte Hermine mit matter Stimme. „Er hat sein Ziel erreicht, er hat keinen Lebensinhalt mehr. Harry lebt, aber Lily kann er nicht zurückholen, egal was passiert."
Hermine konnte sich tatsächlich sehr gut in ihn hinein versetzen.
„Würden Sie trotzdem versuchen, mit ihm zu reden? Immerhin haben Sie ihn gerettet", sagte McGonagall.
„Er hatte nicht wirklich eine Wahl und ich denke nicht, dass er mir vor Freude um den Hals fällt, wenn er mich sieht", sagte Hermine mit gesenktem Blick.
„Versuchen Sie es?", fragte McGonagall erneut.
Hermine nickte, stand auf und verließ in Gedanken versunken das Büro.
Seit ihr noch dabei? LG, Ranita
