A/N: Zeit für das erste Kapitel und einen Einblick in Elenas Leben. Viel Spaß mit dem ersten Streich! :)

Blutiges Handwerk

1

Schlechte Nachrichten

Menschen sterben halt." – „Aber nicht in meinem OP!"

[Stadt der Engel]

Zwei Jahre, drei Monate und fünfzehn Tage zuvor...

„Scheiße!" Ich trat heftig gegen den Kaffeeautomaten, der derartige Behandlungen bereits von mir gewöhnt war, was er einzig und allein seinem permanenten Betriebsausfall zu verschulden hatte. Aufgebracht strich ich mir durch das volle, schwarze Haar, während eine Batterie junger Ärzte im Praktikum im Gefolge ihres Betreuers einen großen Bogen um mich herum machte.

Es waren schwere Zeiten, um ein medizinisches Praktikum in einer Stadt wie Gotham City zu absolvieren. Seit das Gotham General Hospital vor wenigen Stunden von diesem flüchtigen Irren in die Luft gejagt worden war, herrschte hier, im Metropolitan Hospital, Ausnahmezustand. Natürlich war auch hier so weit wie möglich evakuiert worden, aber da das schlechte Los an das General Hospital gegangen war, hatte man seine liebe Mühe gehabt, die Patienten wieder in die entsprechenden Behandlungstrakte zu transportieren und gleichzeitig die Patienten des General Hospitals zu versorgen. Obwohl die Kapazität der Betten nahezu ausgelastet war, hatten wir einen Großteil der evakuierten Patienten aufgenommen, was dazu geführt hatte, dass jeder Flur mit ausgelagerten Patienten bevölkert war, jeder Arzt und alle Mitglieder des Pflegepersonals dazu verdammt waren, bis an die Grenzen der Belastbarkeit Doppelschichten zu schieben und dennoch keine ausreichende medizinische Versorgung gewährleistet werden konnte. Minute um Minute wurden neue Patienten eingeliefert, ein Fall kritischer als der andere.

Ich wusste nicht, wann ich zuletzt richtig geschlafen hatte. Gestern war ich zur Frühschicht angetreten, hatte die Nacht hier zwischen Chloroformgestank und schreienden Patienten zugebracht und wurde nun, über vierundzwanzig Stunden später, auch noch meines wohl verdienten Kaffees beraubt.

„Probieren Sie den Automaten im Gang der Pädiatrie. Bei dem stehen die wenigsten Kollegen Schlange."

Dieser weise Ratschlag entstammte keinem Geringeren als Dr. Curtis, Leiter der Chirurgie und mein Mentor, seit ich im Metropolitan angefangen hatte. Sein schlohweißes Haar war stets zu einem akkuraten Scheitel gekämmt und nie zu lang. Das gerade, etwas pferdeartige Gesicht barg immer einen seltsam distanzierten und kühlen Ausdruck, obwohl er ein sehr warmherziger und freundlicher Mensch war. Zumindest, wenn man ihn besser kannte.

„Danke für den Tipp", lächelte ich ihm zu und spürte, wie sich die Erschöpfung wie Bleigewichte an meine Glieder hängte. Ich hatte schon oft Vierundzwanzigstundenschichten schieben müssen; das war eines der Mankos, die man zu tragen hatte, wenn man sich wie ich für die Unfallchirurgie entschieden hatte. So richtig gewöhnte man sich nie an das Gefühl, völlig ausgelaugt zu sein.

Ich hatte mich schon zum Gehen umgewandt, dürstete nach Koffein, das meinem Körper wenigstens vorübergehend frischen Auftrieb geben konnte, als mich die tiefe Stimme meines Lehrers zurückhielt. Ich erschauerte immer unwillkürlich, wenn ich ihn sprechen hörte. Es klang, als wäre seine Stimme Sandpapier, das über einen groben Holzklotz glitt. „Elena?"

Ich machte auf dem Absatz kehrt, die abgelaufenen, profillosen Gummisohlen meiner weißen Latschen knarrten widerspenstig auf dem frisch gebohnerten Linoleum. „Sie sind doch schon seit Stunden auf den Beinen. Haben Sie zwischendurch ein wenig geschlafen?" Ich schüttelte den Kopf. Mein bloßer Anblick genügte sicherlich als Antwort. Ich bekam furchtbar schnell Augenringe, und wenn ich unter Stress gepaart mit Schlafmangel litt, bildeten sie sogar noch tiefere Furchen als üblich.

„Ruhen Sie sich aus, und wenn es nur für eine Stunde ist. Ich habe keine Lust, Ihre Kunstfehler auszumerzen, die Sie im Tiefschlaf begehen." Ich nickte nur ergeben, auch wenn ich ihm in diesem Moment gern einen Vorgeschmack auf das Repertoire meines unfeineren Vokabulars gegeben hätte. Er hatte Recht und das musste ich einsehen, auch wenn ich eine der wenigen Chirurgen war, die noch nicht wegen eines Kunstfehlers belangt worden war. Wahrscheinlich war es ihm ein persönliches Bedürfnis, dafür zu sorgen, dass es auch so blieb. Ich steckte die Hände in meinen Kittel, den ich nur trug, weil ich ein wenig fror; für gewöhnlich machte ich die Krankenhausgänge nur in meiner dunkelblauen OP-Kluft unsicher.

„Ach so, und Elena?" Ich blieb stehen, atmete seufzend aus und schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass er sich kurz fassen möge. Meine Pause bemaß sich nur noch auf fünf Minuten, die ich gern mit dem Genuss eines Kaffees verbracht hätte, ehe ich mich wieder dem Ansturm in der Notaufnahme stellen musste. In einer halben Stunde wartete zudem die operative Behandlung eines offenen Trümmerbruchs im Schienbein auf mich. Keine schöne Sache. Es war, als müsste man ein mikroskopisch kleines Puzzle auf einer stark begrenzten Fläche zusammensetzen. Der OP wurde, soweit ich wusste, bereits vorbereitet.

„Ja?", hakte ich nach, bemüht, meine Gereiztheit und Erschöpfung nicht allzu stark durch meine Stimme hindurch dringen zu lassen. „Ich habe von der Scheidung gehört", sagte er etwas leiser und musterte mich eindringlich, ehe er hinzusetzte: „Tut mir leid." Ich zuckte mit den Schultern und entgegnete ein leises: „Na ja. Es hat wohl nicht sollen sein."

Die Zeit, in der ich meiner neuerlich für gescheitert erklärten Ehe mit Michael hinterher getrauert hatte, war vorbei. Spätestens seit ich in Erfahrung gebracht hatte, dass er seit Monaten seine Sekretärin vögelte.

„Was wird mit dem Sorgerecht für Jamie?" Ich hatte wenig Lust, meine private Baustelle auf dem Flur des Krankenhauses zu besprechen, zumal ich mir selbst in vielen Punkten noch nicht sicher war, wie wir verfahren würden. So auch in punkto Jamie. Der Nachteil, wenn man nicht schwanger sitzen gelassen wurde, bestand eindeutig darin, dass der Vater berechtigte Ansprüche auf das gemeinsame Kind hatte. Ich hätte meinen neunjährigen Sohn gern in meiner alleinigen Obhut gewusst, aber hatte wohl schlechte Chancen, da ich voll berufstätig war und mein Job mich voll einspannte. Seelisch wie auch körperlich.

„Ich denke, wir können uns da einigen", erwiderte ich etwas schwammig, nicht gewillt, in die Tiefen meines Privatlebens abzutauchen. Ich wusste nach allem immer noch Arbeit und Privatleben zu trennen, wenngleich mein Job einen weitaus größeren Anteil meiner Zeit in Anspruch nahm. Sehr zum Leidwesen meines Sohnes, wie ich zugeben musste. Er war schon immer mehr ein Papakind gewesen, und dass er mich manchmal eine ganze Woche lang nicht sah, weil ich Nachtschicht hatte, Michael aber immer pünktlich um fünf Uhr das Büro verlassen und Zeit mit Jamie verbringen konnte, war auch nicht gerade förderlich für die Entwicklung unserer Beziehung gewesen. Und doch bedeutete mir Jamie alles. Er war mein Anker in der normalen Welt, erinnerte mich daran, dass es neben Blut, Krankheiten und menschlichem Elend noch eine Sonnenseite im Leben gab. Ich liebte meinen Job, keine Frage, aber ich wusste, dass jeder gute Chirurg schon mehr als einmal daran gedacht hat, alles hinzuschmeißen; die Überstunden, die Hilflosigkeit, wenn einem trotz aller Bemühungen, korrekten Vorgehensweisen und Maßnahmen ein Patient unter den Händen wegstarb, die Bezahlung, die längst nicht mehr dem Arbeitsaufwand gerecht wurde und nicht zuletzt Drohungen wie die heutige, dass man während der Arbeit noch in die Luft gejagt wurde. Und doch konnte ich die Finger nicht vom Skalpell lassen. Es war mir ein innerstes Bedürfnis, Menschen zu helfen, Leben zu retten. Es war schließlich das Einzige, was ich konnte, meine Berufung, meine Gabe. Aber wenn ich die Wahl hatte zwischen dem Skalpell und Jamie, würde ich eher auf das Skalpell verzichten. Ich hoffte, dass Michael einem geteilten Sorgerecht zustimmen würde, sodass wir uns den Gang vors Gericht sparen konnten. Wenn er jedoch das alleinige Sorgerecht beantragte, hätte ich schlechte Karten und das wusste er. Wenn er wollte, konnte er mich jederzeit ausbooten. Er hatte einen sicheren Job, flexiblere Arbeitszeiten, ein höheres Gehalt, hatte nach ihrer Trennung einen eigenen Wohnsitz vorzuweisen. Und wenn seine Sekretärin doch mehr als nur ein Gelegenheitsfick sein sollte, hatte er sogar eine Ersatzmutter für Jamie.

Ich ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten, meine abgeknabberten Fingernägel gruben sich tief und schmerzhaft in meine Handflächen. Der Kaffee, den ich wenig später im versprochenen Automaten vorfand, trug nicht wirklich dazu bei, dass sich meine Laune besserte. Meine Schritte hallten an den hohen Wänden der Klinik wieder, Stimmengewirr von Patienten, Ärzten und Angehörigen kreierte eine zweifelhafte Komposition mit endlosem Telefonklingeln an den Rezeptionen, das Heulen der Krankenwagensirenen schepperte durch den Eingangsbereich, kündigte Nachschub für die unterbesetzte Notaufnahme an. Ich warf den Becher mit der geschmacksarmen Flüssigkeit in den nächstbesten Mülleimer und rüstete mich für den einkommenden Notfall. Zwei der Sanitäter schoben schon die Liege mit einem blutüberströmten jungen Mann hinein.

„Patient ist männlich, Mitte zwanzig, tachykard, zweifache Schussverwundung im Abdomen, Projektile sind im Lendenwirbelbereich ausgetreten." Ich trat an den Pulk heran, dirigierte die Liege in Richtung Behandlungsraum drei, während der Helfer damit fortfuhr, mir die medizinischen Details zu dem eben eingelieferten Patienten aufzuzählen. Sein abnorm schneller Herzschlag pumpte das Blut durch seinen verletzten Körper, erhöhte den Blutverlust durch die beiden Schusswunden. Obwohl er auf eine Wärmedecke gebettet war, drang sein Blut durch die Austrittswunden auf die Liege, durchtränkte jede noch so robuste Stoffschicht, die ihn umhüllte. Der Geruch von Blut füllte schnell die von Desinfektionsmittel geschwängerte Luft aus, brachte meinen nüchternen Magen zum Rumoren. Der Ekel, der mit meinem blutigen Handwerk einherging, verließ selbst den routiniertesten Chirurgen nie völlig. Es würde immer etwas geben, das man noch nie gesehen hatte. Selbst die kuriosesten Unfälle oder schrecklichsten Verletzungen wappneten einen niemals gegen das Grauen, das tagein, tagaus durch die Pforten der Notaufnahme hereingelassen wurde. Nicht jeder Tag war schlimm, selbst in Gotham City gab es ruhige Zeiten, aber man konnte nicht behaupten, auf das Schlimmste gefasst zu sein, wenn man mit einem grauenvollen Fall konfrontiert wurde. Manchmal erweckte es den Anschein, als würde sich Gothams Abschaum von Mal zu Mal selbst übertreffen wollen, was die Absurdität seiner Verbrechen anging. Verschlimmert hatte sich das Ganze, seit dieser geisteskranke Killer mit Clownsgesicht Gothams Straßen unsicher machte. Er schien eine besondere Vorliebe für das Glasgow-Lächeln entwickelt zu haben. In den vergangenen Wochen hatte ich ein halbes Dutzend anonym eingelieferter Patienten mit diesem grotesken Schnitt von beiden Mundwinkeln bis hin zu den Jochbeinen zusammengeflickt. Für vier von ihnen kam jede Hilfe zu spät, sie waren ausgeblutet wie Schweine, die man zur Schlachtung geführt hatte. Man hatte auf sie eingeschlagen, um sie zum Schreien zu bringen, was ihre entsetzlichen Wunden zwangsläufig noch weiter hatte einreißen lassen. Was auch immer dieser Verrückte damit ausdrücken wollte, es war zu seiner grässlichen Signatur geworden, ein Anblick, auf den ich gut und gern hätte verzichten können.

„Er wird hypoton. Verabreichen Sie zwei Milligramm Verladyn. Wir brauchen zwei Konserven null positiv, ich brauche ein Operationsset, schnell..."

Eine Krankenschwester, die ich nicht besonders gut kannte, marschierte schnurstracks los, um die von mir angeforderte Ausrüstung zu holen, während ich gemeinsam mit den Sanitätern den zu verbluten drohenden Patienten in den Behandlungsraum schob. Ich streifte meinen Kittel ab, tauschte ihn mit einer gelben Operationsfolie aus und schnitt das blutdurchtränkte T-Shirt mit der Schere auf, um die Wunden vom Stoff freizulegen. Krankenschwester Wendy assistierte mir mit einem Sauger und reinigte die Schusswunden, damit ich mir ein besseres Bild vom Grad der Verletzungen machen konnte. Eine Kugel hatte den Dünndarm zerfetzt, Teile von ihm drohten durch den Wundkanal aus dem Bauchraum zu brechen. Das andere Projektil hatte andere Verdauungsorgane wie durch ein Wunder verschont, aber ich vermutete, dass es eine der Nieren beschädigt haben musste. Es folgte ein langwieriger Untersuchungsprozess, ich flickte seinen Darm bestmöglich zusammen, doch sein Blutverlust war immens. Zweimal verfiel er ins Kammerflimmern, zweimal war es der Defibrillator, der ihn ins Leben zurückholte. Ob es für ihn ein gutes oder ein schlechtes Los darstellte, wusste ich nicht. Ich hatte mir angewöhnt, mir keine Gedanken über die Lebensführung meiner Patienten zu machen. Ich gab Hinweise und Empfehlungen, aber was sie letztlich daraus machten, lag ganz allein bei ihnen. Gerade unter den Bandenmitgliedern mit Schussverletzungen hatte ich das eine oder andere Gesicht schon mehrfach gesehen. Das kriminelle Milieu in Gotham schien ein einziger Teufelskreis zu sein; geriet man einmal in ihn hinein, war es schwierig bis unmöglich, wieder aus ihm auszubrechen. Junkies, Kleinkriminelle, psychisch labile Menschen...Opfer von Gewaltverbrechen machten über achtzig Prozent der eingelieferten Notfälle im Metropolitan Hospital aus. Im Prinzip mussten wir dem organisierten Verbrechen dieser Stadt dankbar sein. Dank ihm konnten wir uns nicht über mangelnde Arbeit beklagen.

Der Pieper in meiner Tasche rumorte, riss mich aus meiner Trance, in die ich stets zu verfallen pflegte, wenn ich zum Skalpell griff. Es war keine geistige Abwesenheit oder mangelhafte Konzentration, der ich mich in diesem Zustand aussetzte, es war mein Schutzmechanismus, emotionalen Abstand zu meiner Arbeit zu schaffen. Ich fokussierte mich auf die Arbeit, die zu tun war, auf mein Handwerk, auf logische Abfolgen meiner Arbeitsschritte. Der Mensch funktionierte wie eine Maschine, die man zu reparieren im Begriff war. Man reagierte auf fehlerhafte Faktoren, tauschte wenn nötig Teile aus oder beseitigte Makel an den vorhandenen Ressourcen. Manche Maschinen konnte man reparieren, sodass sie nachher fast wie neu waren, andere gaben endgültig ihren Geist auf. Die Medizin war Wissenschaft an der Maschinerie des Lebens und wie in jeder anderen Lehre gab es auch in meinem Handwerk Methoden, nach denen man sich orientieren konnte und musste. Dachte man in anderen Dimensionen, dachte man daran, dass es ein Mensch war, der unter den eigenen Fingern lag, mischte sich zwangsläufig Emotionalität und damit verhängnisvolle Unruhe in das eigene Handeln. Es ging darum, Leben zu retten, natürlich. Aber man musste in abstrakteren Strukturen denken, Distanz gewinnen, wenn man erfolgreich in der Behandlung sein wollte. Es hatte nichts mit Arroganz oder Herzlosigkeit zu tun. Die innere Kälte, die man zulassen musste, war das, was Menschen das Leben rettete, berechnende Rationalität, klare, klinische Präzision. Auch ich hatte das erst lernen müssen, hatte nach meinen ersten eher mittelmäßigen Eingriffen geglaubt, dem Ganzen nicht lange standhalten zu können und meine Karrierepläne über den Haufen schmeißen zu müssen.

Es hieß einmal, dass mangelndes Mitgefühl eine Chirurgenkrankheit sei, dass ein guter Chirurg zwar alles über die Anatomie des Menschen wisse, aber nichts über seine Seele. Dem konnte ich nur teilweise zustimmen. Der gute Chirurg besaß Mitgefühl, aber er musste es zeitweise ausblenden können, um sowohl Körper als auch Seele des Patienten zu erhalten.

Der Pieper erwies sich als hartnäckig. Sein kurzes, wiederholtes Signal zerschnitt die Hektik am Behandlungstisch, die kurz ausgestoßenen Anweisungen und unruhigen Atemzüge der Beteiligten.

„Klammer...", murmelte ich und streckte die in Latex gehüllte Hand aus, die das kurz darauf gereichte Instrument mechanisch in Empfang nahm. „Dr. Clementine, sollten Sie den Ruf nicht beantworten?", fragte Peter, Assistenzarzt und stets auf Etikette bedacht. Er sprach seine Kollegen nie beim Vornamen an, wahrte dieselbe Distanz, die zwischen Patient und Arzt herrschen musste, auch bei seinen Mitarbeitern. „Ich kann wohl kaum alles stehen und liegen lassen, während er mir hier wegblutet, oder?", fragte ich mit sarkastischem Unterton und konzentrierte mich auf die Klammerung des empfindlichen Nierengewebes. Ich wollte das Organ retten, auch wenn es schwer angeschlagen war. Sein Körper würde ohnehin seine liebe Mühe haben, sich zu regenerieren, wenn ihm nur noch eine funktionstüchtige Niere blieb, würde sein Zustand in den kritischen Bereich absacken.

„Wenn ich mich nicht irre, wartet ein OP auf Sie." Peter konnte es nicht lassen. Mit seinen achtundzwanzig Jahren lechzte er danach, die Führung zu übernehmen und sich zu beweisen, ganz gleich, ob er sich dabei in einem fairen Rahmen bewegte oder nicht. Ich hatte kein Problem damit, übereifrigen Jungspunden die Grenzen aufzuzeigen, es war – wenn auch ein besonders nerviger – Teil meines Jobs. „Wenn ich mich nicht irre, sind Sie nicht auf innere Medizin spezialisiert, Dr. Burton. Also schauen Sie zu, lernen Sie, aber vor allen Dingen...halten Sie die Klappe." Meine Worte missfielen ihm sichtlich und zumindest gedanklich wollte er mich töten. Ein Temperament wie das seine war gefährlich. Nicht nur für seine eigene Karriere, sondern auch für seine Patienten. Sein ungestümes, egozentrisches Wesen war alles andere als verantwortungsvoll. Ich hätte ihm ungern mein Leben anvertraut, mich wohl noch eher selbst operiert, als mich von ihm aufschneiden zu lassen.

„Tamponade", forderte ich und vollendete meine Arbeit. Die Niere hörte auf zu bluten, ob das Organ jedoch nach wie vor tadellos arbeitete, würden die nächsten Tage zeigen. Ich streifte meine Handschuhe ab und warf sie in den Müllbehälter.

„Wenn Sie mögen, dürfen Sie ihn zumachen. Ansonsten übernimmt sicher Ihre engagierte Kollegin del Aquanto die Aufgabe", schoss ich noch eine abschließende Spitze auf einen resignierenden Peter Burton, der sich zähneknirschend den Schweiß von einer Schwester von der Stirn tupfen ließ. Das blonde Haar kräuselte sich leicht in seinem Nacken, er schwitzte wie ein Schwein ohne wirkliche Arbeit verrichtet zu haben.

Der Patient war stabil, sodass ich mich schon auf den nächsten Patienten stürzen konnte. Mein Pieper erinnerte mich daran, dass noch eine Wadenbeinfraktur auf mich wartete. Zeit zum Verschnaufen blieb mir nicht, obwohl ich spürte, dass mein Blutzucker sehr niedrig war und ich dringend etwas zu mir nehmen musste, das aus mehr als nur Wasser und Kaffeepulver bestand. Ich warf nur einen flüchtigen Blick auf die Uhr. Es war kurz nach vier. In zwei Stunden würde ich von hier verschwinden, komme, was wolle. Jamie war bei seiner Großmutter und ich hatte ihr versprochen, ihn gegen sechs Uhr abzuholen. Ich hatte meinen eigenen Sohn seit Tagen nicht zu Gesicht bekommen und wollte ihn nicht auf einen weiteren Tag vertrösten, auch wenn er mit seiner verbrauchten, müden Mutter nicht sehr viel anfangen können würde. Ich hatte ihm zugesichert, mit ihm Burger essen zu gehen, und besonders mein ausgezehrter Magen hatte nichts gegen dieses Vorhaben einzuwenden. Nur noch diese eine OP und dann würde ich meine ohnehin um über einhundert Prozent überzogene Schicht beenden.

Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sich meine Pläne für diesen Tag und die darauf folgende Nacht anders gestalten sollten, als ich es beabsichtigt hatte. Aber was konnte man schon planen? Ich sollte lernen, dass es eine unberechenbare Größe gab, die jeden Menschen willkürlich beeinflusste und gegen die es sich aufzulehnen nicht lohnte. Mich schien diese Variable x ganz besonders in Augenschein genommen zu haben. Und wie ich noch lernen sollte, lag alles, was ich ihr entgegenzusetzen hatte, nicht in meiner Macht.

-----

Ich warf die Latexhandschuhe in den dafür vorgesehenen Müllbehälter und wusch mir noch einmal die Hände. Obwohl ich sie vor dem Eingriff gründlich desinfiziert hatte, war es zu einer Angewohnheit für mich geworden, mich auch nach einer OP zu waschen. Wahrscheinlich war es nur eine psychosomatische Sache, dass man zuvor im Inneren eines Menschen zu Werke gegangen war, die einem trotz aller Schutzvorkehrungen das Gefühl von Unreinheit vermittelte.

„Gute Arbeit!" Ich schaute auf und sah in den Spiegel, erkannte Thomas, meinen Kollegen, der so gut gewesen war, mir zu assistieren. Er war nur etwa fünf Jahre älter als ich, hatte aber weitaus mehr chirurgische Erfahrung vorzuweisen als ich, was unter anderem auch dem Umstand verschuldet war, dass ich mit Jamie schwanger geworden und auch das erste Jahr zu Hause geblieben war. Dass ich dennoch meinen Job behalten hatte, war für mich keine Selbstverständlichkeit gewesen. Man verlernte zwar nie das Handwerk eines Chirurgen, wenn man es einmal beherrschte, aber man war gezwungen, sich gegen die Konkurrenz zu behaupten, musste sich mit den kleinen, unbedeutenden Fällen abgeben und sich wieder nach oben arbeiten. Bis ich den nächsten prestigeträchtigen Fall ergattert hatte, waren immerhin fast zwei Jahre ins Land gezogen.

„Danke", murmelte ich und schenkte Thomas ein erschöpftes Lächeln. Ich hatte wieder einmal höchstkonzentriert gearbeitet, hatte mir keinen Fehler erlaubt, die Müdigkeit zurückgedrängt, nur damit sie jetzt und hier mit noch größerer Kraft auf mich zurückfiel. „Fährst du jetzt heim zu Jamie?"

Ich hatte Thomas' Anwesenheit schon wieder ausgeblendet, wie es mir viel zu oft geschah. Nicht nur im Krankenhaus, sondern auch in meinem Privatleben. Manchmal wurden mir Menschen zu viel. Es war anstrengend, sich auf Dauer mit ihrer alles hinterfragenden Art auseinander zu setzen und das war auch die Wurzel allen Übels in meiner Ehe gewesen. Irgendwann hatten wir uns entfremdet. Ich hatte aufgehört, mich ihm mitzuteilen, weil er aufgehört hatte, mir zuzuhören. Eines hatte zum anderen geführt und nun waren wir so gut wie geschiedene Leute.

„Ja, ich...ähm...", ich strich mir eine schwarze Locke, die sich aus meinem Zopf gelöst hatte, hinter das Ohr, befeuchtete meine Schläfen mit ein wenig kaltem Wasser, um mich wach zu halten. „Ich hole ihn gleich von seiner Großmutter ab und dann machen wir uns einen gemütlichen Abend." Ich entrang mir ein Lächeln, obwohl mir nicht danach war. Es war schon lange her, dass ich Grund gehabt hatte, ehrlich und frei heraus zu lächeln. Es strengte an, nur so zu tun, als sei man fröhlich, aber manchmal war es notwendig, eine intakte Fassade vorweisen zu können.

„Klingt gut. Den hast du dir verdient." Ich schenkte ihm ein weiteres Lächeln und hakte pflichtschuldig nach: „Und du und Sue? Ist euer Häuschen endlich fertig?" Ich fragte nicht aus Interesse nach, vielmehr aus Höflichkeit. Es gab nicht viele Kollegen, die mich wirklich gut kannten, ich ließ nicht oft jemanden an mich heran. Die Ausnahmen bildeten da Krankenschwester Michelle und Ärztin Karen, zwei Menschen, die ich wirklich gut und gern als Freunde bezeichnen konnte.

„Ach...frag nicht nach Sonnenschein. Der Statiker hat Mängel an der Dachkonstruktion festgestellt und ehe die nicht behoben sind...können wir den Einzug vergessen." Er streifte das Haarnetz ab, das seine schulterlangen, braunen Haare aus seinem Gesicht zurückgehalten hatte, und richtete seine Frisur. „Wer weiß, ob wir im September schon drin sind...ich hatte eigentlich wenig Lust auf einen Umzug im Winter..."

Ich trocknete meine Hände am Papier und sprach ihm Mut zu, ehe ich den Waschraum hinter mir ließ. Ich wollte mich nicht länger als unbedingt nötig innerhalb der Wände des Metropolitan Hospitals aufhalten, viel zu lange hatte ich meinen Sohn nicht mehr gesehen. Ich durchquerte den Flur und hegte die stille Hoffnung, dass jetzt kein Notfall mehr hereinkommen würde, nichts, womit nicht auch meine Kollegen glänzend zurechtkommen würden. Doch als ich den Empfangsbereich erreicht hatte, fiel mir auf, wie viele sich um den Fernseher scharten. „Hey, was ist denn mit euch los? Zu wenig zu tun?", lieferte ich einen sarkastischen Einwurf, der jedoch kaum beachtet wurde. Alle hatten ihre Blicke auf den flimmernden Briefmarkenbildschirm geheftet, sodass ich mich zwangsläufig fragte, was so interessant sein konnte, dass jeder sein Pflichtbewusstsein verabschiedet hatte.

Ich drängte mich zwischen zwei kräftige Pfleger und sah hinauf. Das Bild zeigte eine eher gewöhnungsbedürftige Aufnahme von Gotham Tonight Moderator Mike Engel. Eine Nachrichtensendung, die ich mir nicht sehr oft ansah, zu viel an diesem Sender war Meinungsmache, auch die Nachrichten waren davon nicht verschont gewesen. Seine Mundwinkel waren mit roter Farbe verschmiert, die ein spitzes Lächeln auf sein Gesicht malte. Ich erkannte nicht auf Anhieb, was an dieser Perspektive merkwürdig war, bis eine der Schwestern ausrief: „Oh mein Gott, er hängt kopfüber! Man hat ihn aufgehängt!"

Hinter ihm hing ein Transparent, auf dem in schwarzer Farbe und mit Hand geschrieben ‚Eilmeldung' stand. Jemand schien sich einen makaberen Scherz mit dem beliebten Reporter erlaubt zu haben. Mir wurde bei seinem bloßen Anblick etwas mulmig zumute. Die Arme vor der Brust verschränkt, schaute ich zu dem Bildschirm hinauf, für einen Moment scheint die Notaufnahme völlig stillzustehen, selbst der Chefarzt, der sonst jeden zur Arbeit ermahnte, sah von seinem Krankenblatt ab und ließ sich von dem allgemeinen Starren anstecken.

„Ich bin Mike Engel für Gotham Tonight", adressierte der Reporter mit der spärlichen Haarpracht die gebannten Zuschauer. Dieser Auftritt war unfreiwillig komisch, aber niemand traute sich zu lachen. „Was ist nötig, damit ihr alle mitmacht?", fragte er mit leicht gepresster Stimme und blätterte um, ließ eine Seite gelben Papiers los, das über seinen Kopf fiel und die verzerrte Perspektive nur noch verstärkte. Seine Augen waren wachsam, beinahe professionell auf die Kamera gerichtet, die jedoch aller Wahrscheinlichkeit niemand von seinem Team auf ihn richtete.

Ich wechselte unruhig mein Standbein. Ich wusste nicht, ob ich wirklich sehen und hören wollte, was Engel gleich berichten würde. Oder in welchem Namen er diese Eilmeldung übermittelte. „Ihr habt den Anwalt nicht getötet!" Engels hochkonzentrierter Gesichtsausdruck wirkte verkrampft, seine Brauen zogen sich angestrengt über seinen Augen zusammen, als er den Text las, den er in den Händen hielt. Ich sah in die Menge, doch alle starrten besorgt auf den flimmernden Bildschirm. Ich kannte nicht die genauen Umstände, die der Evakuierung vorangegangen war. Von dem, was ich gehört hatte, hatte dieser geisteskranke Verbrecher mit dem Pseudonym Joker die Ermordung eines Anwalts eingefordert, der behauptete, Batmans wahre Identität zu kennen und enthüllen zu wollen. Weil aber anscheinend niemand diese Forderung erfüllt hatte, war das Gotham General in die Luft geflogen. Auch wenn es gehässig und kalt klingen mochte, aber ich war erleichtert, dass es nicht uns getroffen hatte.

„Ich muss euch von der Ersatzbank holen und ins Spiel bringen", fuhr Engel fort und ich runzelte die Stirn. Es klang, als spräche jemand hinter der Kamera Bruchstücke seines Texts nach. Es war, als kicherte dieser Jemand dabei noch vergnügt. Ich konnte mich nicht gegen einen kalten Schauer erwehren, der sich seinen Weg über meinen Rücken bahnte.

„Bei Anbruch der Nacht gehört die Stadt mir." Eine tiefe, schnarrende Stimme echote dunkel „mir" und mein Mund wurde schlagartig trocken. „Und alle, die dann noch leben, spielen nach meinen Regeln." Die ersten irritierten Blicke wurden ausgetauscht, besonders hysterische Gemüter begannen durcheinander zu reden, sodass ich fast den Rest dieser sonderbaren Meldung nicht verstand. „Wer nicht mitspielen will, sollte jetzt verschwinden." Die dunkle Stimme mischte sich penetranter unter die vergleichsweise helle Stimme Mike Engels. Es war, als soufflierte er ihm diesen beunruhigenden Text. „Aber Brücken und Tunnel halten Überraschungen für euch bereit! Haha Haha Ha."

Ich schluckte, als dem künstlichen Gelächter Engels schrilles, fast kreischendes Gelächter folgte, das so irre war, dass ich meinte, wahnsinnig werden zu müssen, wenn es länger andauerte. Die Kamera begann zu zappeln, drehte sich schwindelerregend schnell, bis sie ihren Fokus auf Engel verlor und nur für den Bruchteil einer Sekunde den Anblick dieses Geisteskranken auffing. Ich hatte Mitschnitte in den Nachrichten gesehen, die Bilder von Überwachungskameras mit ihm gezeigt hatten, aber dennoch war ich darauf nicht vorbereitet gewesen. Sein Gesicht war von bizarren Narben in seinem Mundbereich entstellt, eine üppige Schicht weißen Make-ups legte sich über ihn wie eine Maske. Er sah aus wie ein heruntergekommener Clown. Ich hasste Clowns schon seit Kindertagen; nie war ich freiwillig in den Zirkus mitgegangen. Es war ihre aufgesetzte Fröhlichkeit, die keine Grenzen zu kennen schien, die mir schon damals das Fürchten gelehrt hatte. Und dieses Exemplar hier war der Beweis dafür, dass es nicht jeder Harlekin spaßig meinte.

Meine Kollegen schienen meinen Unmut zu teilen. Die Worte, die Engel verlesen hatte, setzten der bestehenden Trance am Empfangsschalter ein jähes Ende. Schwestern liefen durcheinander, einer der Assistenzärzte steuerte direkt die Umkleidekabine an, es war, als hätte sich die gewöhnliche Geschäftigkeit auf den Krankenhausfluren in einen chaotischen Hühnerstall verwandelt.

„Hey, was soll das! Hier geblieben!", donnerte die Stimme von Chefarzt Woods durch das Foyer. Ich konnte ihn und seine pedantische Art nicht ausstehen, aber ich war ihm in diesem Augenblick dankbar dafür, dass er selbst in drohender Panik Struktur zu schaffen mochte. „Niemand verlässt das Metropolitan Hospital! Soweit kommt's noch, dass wir uns wegen einer Meldung dieses Schizophrenen da wie Marionetten lenken lassen! Hier liegen Patienten auf den gottverdammten Fluren herum, weil unsere Kapazität nicht ausreicht. Und sie alle benötigen unsere Hilfe. Wer jetzt gehen mag, bitte...aber der unterschreibt damit seine fristlose Kündigung!"

Ich sah, wie zwei junge Medizinstudenten haderten, dann aber entschlossen den Fluchtweg antraten. Ein Pfleger und eine Krankenschwester folgten ihnen, der Rest blieb an Ort und Stelle stehen. Ich wusste nicht, ob ich diese Menschen für ihren starken Willen bewundern sollte, oder aber den Kopf über ihr fehlendes Rückgrat schütteln sollte, weil sie aberhunderte pflegebedürftige Patienten im Stich ließen. Diesen Menschen wurde nicht die Chance geboten, diese groteske Parade der Selbstverherrlichung dieses Psychopathen zu verlassen, sie waren aus gesundheitlichen Gründen dazu verdammt, hier zu bleiben und ihr Schicksal über sich ergehen zu lassen. Wie konnte ich es dann verantworten, zu gehen? Ich dachte an Jamie und spürte, wie mein Herz sank. Ich hatte nicht nur Verantwortung für meine Patienten zu tragen, sondern in erster Linie für mein Kind. Ich dachte nicht mehr an die verpatzte Gelegenheit, mit ihm Burger zu essen, sondern machte mir ernsthafte Gedanken, ob ich es mir überhaupt erlauben durfte, das Metropolitan zu verlassen. Wenn es Woods mit der Kündigung ernst meinte – und dieser Mistkerl hatte hervorragende Beziehungen in der Krankenhausverwaltung und dementsprechenden Einfluss – und ich ging, konnte ich zwar eigenhändig nach meinem Sohn sehen und mich um ihn kümmern, würde aber andererseits achtkantig herausgeworfen werden. Kein Job bedeutete kein Sorgerechtsanspruch für Jamie. Mir wurde flau im Magen.

Als Woods, der seine Glatze ständig auf Hochglanz poliert mit sich herumtrug, sich zum Gehen umwandte, fasste ich ihn am Arm und hielt ihn zurück. Aus seinen beunruhigenden grauen Augen konnte ich deutliches Missfallen herauslesen. Keine gute Voraussetzung, um ihm gegenüber eine Bitte zu äußern. Dennoch tat ich es: „Dr. Woods, ich habe bereits eine Doppelschicht hinter mir, ich bin völlig ausgelaugt...außerdem ist mein Sohn noch bei..."

Er ließ mich nicht ausreden, wofür ich diesem arroganten Lackaffen am liebsten mein Stethoskop in den Allerwertesten geschoben hätte. Schlafmangel machte mich besonders reizbar und ich war kein Mensch, der sein Temperament in bestimmten Situationen sonderlich gut unter Kontrolle hatte. Einer der vielen Gründe dafür, dass es Michael vorgezogen hatte, lieber seine passive, meinungslose Sekretärin zu bumsen.

„Es ist mir scheißegal, was mit Ihrem Sohn ist, Clementine! Wir sind völlig unterbelegt und wenn ich sage, dass hier niemand geht, dann geht auch niemand. Keine Ausnahmen, keine Extrawürste. Oder sehen Sie etwa, dass ich mich still und heimlich aus dem Staub mache?! Legen Sie sich meinetwegen hin, wenn Sie Schlaf brauchen, aber wir brauchen hier jede helfende Hand. Wenn sie ein Skalpell halten kann, umso besser." Damit war die Sache für ihn gegessen. Seine drahtigen Storchenbeine stakten durch die Notaufnahme und er drehte seinen haarlosen Kopf in jedwede Richtung, so als wollte er ein neues Opfer sichten, das er zur Schnecke machen konnte.

Ich schnaufte frustriert und ballte meine Hände zu bebenden Fäusten, musste mich regelrecht zwingen, um mich zu entspannen. „Lass dich nicht von ihm provozieren, Elena." Eine große, männliche, aber dennoch sehr feingliedrige Hand legte sich auf meine Schulter. Es war Thomas, der noch vor einer halben Stunde mit mir im OP gestanden hatte. Ihn schien es nicht weiter zu beunruhigen, dass Woods soeben eine allgemeine Ausgangssperre erlassen hatte. Bei einer Lebensgefährtin wie Sue wäre ich auch nicht erpicht darauf gewesen, nach Hause zu kommen.

„Es geht nicht darum, dass er mich provoziert, ich will zu Jamie, ich muss sichergehen, dass es ihm gut geht, und wenn dieser...Wahnsinnige da...", ich deutete etwas unsicher auf den Bildschirm, der die verzerrte Fratze des Jokers als Standbild zeigte, „...wenn er auf die Idee kommt, ganz Gotham in Schutt und Asche zu legen, will ich wissen, wo mein Sohn ist!" Mein Tonfall hatte an Schärfe und Lautstärke gewonnen, sodass sich schon die ersten zu mir umdrehten. Ich holte tief Luft und senkte den Blick, um wieder runterzukommen. Die widerspenstige Strähne meines lockigen Haars gesellte sich wieder in mein Gesicht, aber diesmal störte ich mich nicht daran. Ich spürte Thomas' Hände auf meinen Schultern, grob massierend gruben sich seine Finger in meine verspannte Muskulatur. „Hey, wie wär's, wenn du deine Schwiegermutter anrufst und mit Jamie sprichst. Dann weißt du, dass es ihm gut geht und ich bin sicher, seine Großmutter wird nichts dagegen haben, einen oder zwei Tage länger auf ihn aufzupassen."

Ich nagte an meiner Unterlippe herum. Nein, sie würde mit Sicherheit nichts dagegen einzuwenden haben. Wie ich den alten Drachen kannte, würde sie die gemeinsame Zeit mit Jamie dazu nutzen, um ihn gegen mich aufzuhetzen, sodass es mich wieder mehrere Tage kosten würde, ihn von seiner Gehirnwäsche zu befreien. Hätte ich eine Alternative gehabt, hätte ich Jamie bei jemand anderem untergebracht, aber ich konnte mir kein Kindermädchen leisten und die wenigen Freunde, die ich an mich heran ließ, waren selbst berufstätig und genauso eingespannt wie ich. Sie war meine einzige Hilfe und wusste das, schlug Kapital aus meiner Abhängigkeit zu ihr. Wenn die Scheidung erst richtig durch war, würde sich zeigen, ob sie mir immer noch so mildtätig gestimmt sein würde.

„Vielleicht hast du Recht", lenkte ich dann jedoch ein. Ich konnte nicht einfach gehen, ohne meinen Job buchstäblich wegzuwerfen, also musste ich wohl oder übel in den sauren Apfel beißen und mich mit Thelma in Verbindung setzen. „Ich hab sogar sehr Recht", zwinkerte Thomas und klopfte mir auf die Schulter, „wir kriegen diese Nacht schon herum!"

Ich entrang mir ein klägliches Lächeln, auch wenn ich vor Wut am liebsten geschrieen hätte. Thomas' fröhliches Gemüt trug da nicht gerade zu meiner Besänftigung bei. Natürlich war mir Ruhe lieber als hysterisches Chaos, wie es in den Gesichtern einiger Schwestern abzulesen war, die der Gedanke ganz und gar nicht gefiel, dass ein größenwahnsinniger Irrer Gotham City zu seiner Stadt erklären wollte, aber zu unterschätzen wagte ich diese Situation auch nicht. In den vergangenen Tagen und Wochen hatte sich dieser Joker ein verrücktes Katz- und Mausspiel mit der Polizei und diesem anderen Spinner im Fledermauskostüm geliefert und die ganze Stadt damit in Atem gehalten. Ich hatte bislang nicht das zweifelhafte Glück gehabt, diesem Schlächter in Clownskostümierung zu begegnen und legte auch keinen Wert darauf. Es gab angeblich so gut wie niemanden, der ihn besser kannte oder mehr von ihm wusste, weil er nie lange genug mit jemandem zusammenarbeitete. Ich wollte gar nicht wissen, was mit den Anhängern wurde, derer er überdrüssig geworden war. Ich wollte im Prinzip gar nichts über diesen Durchgeknallten wissen. Alles, was ich wollte, war eine Garantie für die Sicherheit meines Sohnes. Selbst Michael war mir egal. Soweit war es mit uns schon gekommen.

Ein einkommender Notfall hinderte mich zunächst daran, zu telefonieren. Selbstmordversuch durch Medikamentenüberdosis. Hässliche Geschichte. Insbesondere, wenn man bedachte, dass es sich um eine junge Frau von nicht einmal zwanzig Jahren handelte. Wir pumpten ihren Magen aus, stellten ihre Vitalfunktionen bestmöglich wieder her, aber mussten davon ausgehen, dass einige innere Organe bleibende Schäden davongetragen hatten. Inklusive ihres Gehirns.

Ich begriff nicht, warum man sich auf so einem Wege das Leben nehmen wollte. Um friedlich einzuschlafen? Dabei ließen viele außer Acht, welche Nebenwirkungen eine Medikamentenüberdosis mit sich brachten. Diese waren alles andere als friedlich. Begonnen bei Krämpfen bis hin zu ausgelöster Epilepsie, inneren Blutungen, Organversagen, das man sehr wohl noch bewusst wahrnahm, Schüttelfrost oder Hitzewallungen...es war wie ein kalter Entzug. Ich konnte mir friedlichere Wege zu sterben vorstellen. Wenn es überhaupt ein friedlicher Prozess war.

Ich betrachtete den Tubus, den wir mit Mühe durch ihre verpfropfte Luftröhre gelegt hatten und überprüfte die Sauerstoffsättigung. Einer ihrer Lungenflügel war kollabiert. Die nächsten Stunden würden zeigen, ob sie ohne künstliche Beatmung überlebensfähig sein würde. Ich spähte auf die Uhr und knirschte mit den Zähnen. Wieder eine Viertelstunde verschenkt und die Krankenblätter stapelten sich schon wieder in meinem Fach. Von Nachtruhe konnte ich nur träumen. Selbst wenn ich mich hinlegte, um für ein paar Stunden Kraft zu tanken, war es fast vorprogrammiert, dass mich eine der Schwestern wegen eines dringenden Notfalls aus meinem schrecklichen Halbschlaf reißen würde. Nach Doppelschichten fühlte man sich irgendwann wie ein verdammter Zombie, wandelte durch die Flure des Krankenhauses, wach und doch von einem ständigen Tranceschleier verhüllt, lebendig und doch tot für zu anspruchsvolle Empfindungen. Dadurch, dass wir unterbesetzt waren und nun doch einige eher daran interessiert waren, ihren eigenen Arsch vor der Willkür des Jokers zu retten anstatt hier zu helfen, hatte ich keine andere Wahl, als hier zu bleiben, wenn die medizinische Versorgung in Gotham nicht vollends kollabieren sollten. Zwar gab es neben uns noch zwei andere intakte Kliniken, aber die eine war rein technologisch so modern ausgestattet wie ein mittelalterlicher Folterkeller und die andere platzte in ihrer Kapazität bereits aus allen Nähten. Es kam einem Kampf gegen Windmühlen gleich, den ich hier mit den anderen ausfocht, aber wenn wir auch noch aufgaben und das Handtuch warfen, würde Gotham noch viel schneller von Chaos überrannt werden und das konnten die wenigsten von uns wirklich verantworten.

„El, wir kriegen gleich zwei Rettungswagen rein. Verkehrsunfall auf der Auffahrt zur Schnellstraße, ziemlich kritische Sache...", informierte mich Ted, einer der Pfleger und verließ auf mein Nicken hin den Behandlungsraum. Die Tür schwang auf und zu und erinnerte mich ein wenig an die Schwingtür einer Restaurantküche. Ein morbider Vergleich, aber ich konnte mich nicht dagegen erwehren.

Seufzend straffte ich meine Gestalt, richtete meinen Zopf, aus dem sich immer mehr Strähnen befreit hatten, und massierte meinen Nacken, während ich mich in Richtung Empfang begab. Zwei Minuten für einen Anruf würden mir gerade noch vergönnt sein. Das Knirschen meiner Birkenstocklatschen auf dem glatten Linoleumboden ging in dem allgemein vorherrschenden Trubel völlig unter. Die so genannte Eilmeldung, die der Joker über Mike Engel übermitteln hatte, hatte Angst und Verstörung unter weiten Teilen der Belegschaft ausgelöst. Als das Metropolitan Hospital kurzzeitig evakuiert worden war, hatten bereits einige die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und waren getürmt. Dabei konnte ich mir nicht vorstellen, dass man jetzt noch aus Gotham City herauskommen würde. Terrormeldungen waren um ein Vielfaches schlimmer als beispielsweise der Beginn der Sommerferien, der sonst immer dafür sorgte, dass die Autobahnen und Straßen völlig verstopft wurden. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, was für eine Anarchie da draußen herrschte. Von blinder Angst und Panik angetrieben, neigten Menschen zu kopflosen Handlungen. Gut und gerne hätte man den Ausnahmezustand über Gotham verhängen können. Es war noch leicht, in die Stadt hineinzugelangen, aber sie zu verlassen, musste einem Ding der Unmöglichkeit gleichen, zumal Tunnel und Brücken wahrscheinlich nicht passierbar waren und somit nur die Überlandstraßen blieben, um aus dem Stadtgebiet schnellstmöglich herauszukommen. Ich hoffte, Thelma wäre nicht auf waghalsige Ideen gekommen und würde die Geschichte aussitzen. Gothams Straßen waren zu einem blutigen und tödlichen Pflaster geworden und ich wollte auf keinen Fall, dass mein Sohn darauf spazieren ging.

Ich schob mich an Oberschwester Clara vorbei und griff zum Telefon, wählte mit steten Fingern die Nummer, die sich zwangsläufig in den vergangenen Monaten in meinem Kopf eingeprägt hatte. Das Rufzeichen ertönte am anderen Ende und ließ mich ungeduldig mit den Füßen auf und ab wippen. Die warme Spätsommerluft drang ungehindert durch die offene Eingangstür der Notaufnahme, deren automatischer Schließmechanismus vorläufig beurlaubt war, weil ständig jemand ein und aus ging.

Während ich darauf wartete, dass Thelma ihren faltigen Hintern zum Telefon bewegte, sah ich, wie zwei Patienten auf Tragen hereingerollt wurden. Einer von ihnen war von einem Holzbalken regelrecht gepfählt worden. Es sah aus, als sei das schiefrige Eichenholz, das aus seiner Brust ragte, mit Blut lackiert worden. Seine Überlebenschancen konnten nicht über zehn Prozent liegen und das urteilte ich mit Überzeugung, auch ohne seine genauen Werte zu wissen.

„Samuel?", meldete sich die etwas piepsige und immer arrogant klingende Stimme meiner Schwiegermutter, nachdem ich schon fast die Hoffnung aufgegeben hatte. „Thelma, endlich! Hör zu, ich kann hier nicht weg...hier ist die Hölle los, wir bekommen Patienten wie am Fließband eingeliefert. Ich werde hier gebraucht. Kannst du bitte Jamie etwas länger bei dir behalten?" Ich versuchte mich so ruhige wie nur möglich zu äußern, aber ich musste dennoch recht aufgebracht geklungen haben. Zumindest wurden meine Worte von nichts anderem als eisigem Schweigen empfangen. „Thelma? Bist du noch dran?" Ich hoffte, sie würde mir die Grundsatzdiskussion, dass ich mein eigenes Kind vernachlässigte, ersparen. Das wusste ich selbst noch gut genug, auch ohne dass sie mich kontinuierlich daran erinnerte, was für eine Rabenmutter ich doch war.

„Ja, bin ich..." Ihr Ton war wie üblich nicht der herzlichste, aber ich hatte weder Zeit noch die Kraft, um mich davon ärgern zu lassen. „Gibst du mir bitte Jamie? Ich möchte ihm erklären, warum...", begann ich, doch wurde von ihr unterbrochen. Es kam mir so vor, als gab es ihr Genugtuung, mir die nächsten Worte wie Peitschenhiebe an den Kopf knallen zu können. „Er ist nicht mehr hier."

Für einen Moment blieb mir die Spucke weg und der Hörer schien schwer genug zu sein, um sich einfach dem schwächelnden Griff meiner rechten Hand zu entziehen. Ich blinzelte, rieb mir fest und fahrig über die senkrechte Falte, die sich immer dann mittig zwischen meinen Augen auf meiner Stirn herausbildete, wenn ich diese runzelte. „Kannst du...kannst du das bitte noch einmal sagen? Ich glaub, ich hab dich nicht richtig verstanden." Ich presste meinen Daumen in mein freies Ohr, um die Nebengeräusche weitgehend auszublenden.

„Ich denke, du hast ganz richtig verstanden, Elena. Jamie ist nicht mehr hier. Denn im Gegensatz zu dir ist Michael sehr wohl um die Sicherheit seines Kindes besorgt. Ich weiß nicht, ob du in deinem Krankenhaus so etwas wie Fernsehen hast, aber die Medien haben heute schon wieder so eine Nachricht von diesem Joker gemeldet. Gotham ist kein Ort für ein Kind. Michael hat Jamie mitgenommen. Sie verlassen gemeinsam die Stadt."

Ihre Worte waren für mich wie eine schallende Ohrfeige ins Gesicht, es kostete mich einige Sekunden, das, was sie gesagt hatte, zu verdauen. „Wie bitte??? Das kann doch nicht sein Ernst sein! Die Highways sind völlig verstopft, er wird nie und nimmer rechtzeitig aus Gotham herauskommen!"

„Was schlägst du denn vor, was er hätte tun sollen?" Ihre hochnäsige und gleichzeitig schnippische Antwort hätte mich um ein Haar dazu gebracht, den Hörer auf die Gabel zu knallen, doch wie durch ein Wunder hielt ich meine Nerven zusammen. „Jamie bei dir lassen und abwarten, bis der Spuk vorüber ist! Die Leute sind in Panik und wahrscheinlich eine weitaus größere Gefahr als dieser dem Zirkus entflohene Spinner!" Ich kassierte einige neugierige Seitenblicke und hoch gezogene Augebrauen, aber achtete nicht weiter darauf. Die Telefonstrippe, die ich um meine linke Hand gewickelt hatte, stand Höllenqualen aus, als ich an ihr zerrte und zog, um meine aufkochende Wut an irgendetwas auszulassen. „Woher willst du das wissen? Wenn du klug bist, suchst du selbst das Weite!"

Ich wollte ihr noch entgegnen, dass sie diesen Joker schon noch zu fassen bekommen würden, ich nicht einfach so Hals über Kopf die Stadt verlassen konnte und ihr liebenswerter Sohn Gefahr lief, eine Anzeige wegen Kindesentführung an den Hals zu bekommen, doch da begrüßte mich schon das monotone Hupen in kurzen Intervallen, das mich wissen ließ, dass Thelma aufgelegt hatte.

„Dämliche Fotze!", drückte ich mich noch mildtätig aus und hackte ungeduldig auf das Nummernfeld des Telefons ein. So einfach würde er nicht ungeschoren davonkommen! Mein Herz raste, pumpte Adrenalin durch meinen Körper und ließ ihn trotz enormem Schlafmangel hellwach werden. Ich wusste, dass die Müdigkeit nur noch heftiger zuschlagen würde, wenn sich meine Wut und Aufregung legte und ich besser mit meinen Kräften haushalten musste, aber ich konnte mich verständlicherweise nicht zu Vernunft durchringen, wenn mein künftiger Exmann wirklich mein Kind entführt hatte.

„Michael Samuel", meldete er sich, worauf mir ein aufgebrachtes: „Hallo Arschloch!" herausplatzte. „Ah...", machte er mehr geseufzt als gesprochen, ich hörte im Hintergrund Stimmen, die aus dem Autoradio stammen mussten. Fahrgeräusche waren kaum zu hören, was aber nicht an Michaels noblem Mercedes lag, sondern vermutlich daran, dass er keine freie Fahrt hatte und bestenfalls stockend im Schritttempo vorankam. „Wenn das nicht meine liebliche Exfrau ist...", erlaubte er sich noch schalkhafte Ironie, weil er genau wusste, dass ich nichts gegen ihn ausrichten konnte, solange im Metropolitan die Hölle los war. „Du verdammter Mistkerl! Du bringst Jamie umgehend hierher, hast du verstanden?"

Ich wollte nicht wütend werden und anfangen, irrational zu schreien. Es zeigte ihm nur, wie schwach ich war und in welcher überlegenen Position er sich befand. Ich konnte im Moment eigentlich nur Fehler machen. „Selbst wenn ich wollte, wäre das wohl nicht möglich...keine Chance, auf die Gegenspur zu kommen."

Ich biss mir auf die Zunge, fest genug, um mir Probleme einzuhandeln und zwang mich zur Ruhe. Er spielte mit mir, amüsierte sich über meine verzweifelte Situation. „Du kannst nicht einfach so meinen Sohn schnappen und ihn mitnehmen, das ist Kindesentführung!" Ich sprach so fest und beständig wie ich nur konnte, auch wenn ich versucht war, ihn anzuschreien. „Kindesentführung? Durch den eigenen Vater, dem das Sorgerecht nicht entzogen worden ist? Ich bitte dich, Elena..." Die Art, wie er mit mir sprach, spöttelnd, als wäre ich ein unmündiges Kind, brachte mich zur Weißglut. Meine Finger schlossen sich so fest um den Hörer, dass es wehtat.

„Du sollst ihn hierher bringen!" In meiner Stimme schwang eine leise Drohung mit, die ich nicht in die Tat umsetzen konnte. Ich hatte nichts in der Hand, das ihn aufhalten konnte. Wenn er einmal aus Gotham heraus war, konnte er sonst wohin fahren und es mich einfach nicht wissen lassen. „Das geht nicht und das werde ich auch nicht tun. Ich lasse Jamie nicht in einer Stadt, die völlig durchdreht und erstrecht nicht bei einer Mutter, die sich einen feuchten Dreck um ihn schert!"

Die Furche, die ich mit meinen Zähnen in meine Unterlippe gegraben hatte, fing an zu bluten. „Du weißt, dass das nicht stimmt. Du weißt, dass mir Jamie nicht egal ist! Ich will mit ihm reden!"

Ich fürchtete, er würde sich dagegen sträuben, meiner Aufforderung nachzukommen, doch dann hörte ich Jamies noch sehr kindliche, glockenklare Stimme. „Mommy?" Er klang aufgeregt, verwirrt und seine Stimme hatte etwas Quengeliges, das ich schon lange nicht mehr gehört hatte. Jamie war mit seinen neun groß genug, um nicht bei jeder Gelegenheit, die sich ihm bot, loszuheulen. Meine Sorge wuchs ins Unermessliche. „Hey, Babe", ich wollte nicht, dass er meine Angst heraushörte, weil er verängstigt genug war und nicht auch noch den Eindruck gewinnen sollte, dass die Person, die für seinen Schutz verantwortlich war, die Nerven verlor. „Mommy, ich hab Angst! Daddy sagt, wir fahren zu Onkel Jeff nach Bridgeport, aber wir sind noch nicht mal richtig aus Gotham raus." Ich schluckte und schloss die Augen, drosselte meinen Atem auf ein Minimum, um mich zusammenzureißen und nicht zu heulen anzufangen. „Ich weiß, mein Schatz, ich weiß...geht es dir gut? Wo seid ihr gerade?" Ich war völlig entzweigerissen. Einerseits hoffte ich, dass sie weit genug aus der Stadt herausgekommen waren, um dem nächsten Terrorakt dieses Verbrechers zu entgehen, andererseits wollte ich Jamie noch so weit aus meiner Reichweite wissen. „Wir fahren ganz langsam. Hier ist überall Stau und die Leute hupen ständig!" Es rauschte leicht, als er offenbar den Kopf drehte und sein schwarzes Haar Michaels Handy streifte. Ich wurde von der plötzlichen Angst übermannt, vielleicht nie wieder durch seinen vollen Schopf streichen zu können und tat mich schwer, diese hartnäckige Beklommenheit beiseite zu schieben und mich auf ihn zu konzentrieren.

„Mach dir keine Sorgen, Jamie, wir sehen uns bald wieder. Versprich mir, dass du im Auto und angeschnallt bist und auf das hörst, was Daddy dir sagt." Es fiel mir nicht leicht, ihm diese Anweisung zu geben, da ich Michael höchstpersönlich lieber erwürgt hätte, als ihm mein Kind anzuvertrauen, aber im Moment war er die einzige Bezugsperson, die Jamie hatte. „Ok, Mommy." Er klang verunsichert und den Tränen nah. „Es wird alles wieder gut, hörst du? Versprichst du mir, dass du mir jede halbe Stunde eine Nachricht auf meinen Pieper schickst und mir sagst, wo du bist und wie es dir geht?" Es war die einzige Möglichkeit, mit ihm in Kontakt zu bleiben, auch wenn ich darauf hoffen musste, dass Michael Jamie das Mobiltelefon überließ. „Mach ich, Mommy."

„Guter Junge", entgegnete ich leise und merkte, dass ich vor unterdrückter Wut und Angst zu zittern angefangen hatte. Ich wollte noch ein paar Worte an Jamie richten, als ich plötzlich Michaels Stimme im Ohr hatte. „Ich leg jetzt auf. Du weißt ja jetzt, wo wir hinfahren."

Bevor ich etwas erwidern konnte, hatte er aufgelegt. Ich starrte fassungslos auf den Hörer und musste mich beherrschen, um ihn nicht einfach auf den Boden zu knallen. Zehn Jahre Ehe und alles, was ich jetzt bekam, war ein saftiger Tritt in den Arsch. Ich war so in Rage, dass ich mich zweimal mit zittrigen Fingern vertippte, bis ich wieder seine Nummer gewählt hatte. Diesmal jedoch stellte sich kein Rufton ein, sondern seine Mailbox. Dieser verdammte Mistkerl hatte das Telefon ausgestellt, damit ich ihn nicht mehr erreichen konnte. Gelähmt vor Angst und unaussprechlicher Wut starrte ich auf den Hörer, so als hätte ich diese Teufelei ihm allein zu verdanken. Dann knallte ich ihn auf die Gabel und atmete tief durch. Mein Ex hatte sich Jamie geschnappt und war mit ihm auf dem Weg nach Connecticut, wo sein stinkreicher Bruder lebte, und ich steckte hier fest und hatte nicht die geringste Chance, ihn abzufangen. Für einen Moment malte meine Rage schwarze Punkte auf meine Augen, ließ meine Sicht kurzzeitig verschwimmen, bis ich mich wieder unter Kontrolle hatte. Kontrolle war notwendig, dass ich meinen Job tun konnte und das war alles, was mir im Augenblick übrig blieb.

„El, du blutest", merkte Karen, meine Kollegin und geschätzte Internistin an. Ich musterte sie irritiert und betastete dann meine Unterlippe, die aufgerissen war. Ich winkte ab und zog die Unterlippe zwischen die Zähne. „Probleme?", fragte die blonde Mittvierzigerin zu meiner Rechten. „Ja", entgegnete ich leise und setzte seufzend hinzu: „Und ich glaube, das ist erst der Anfang."

Ich spürte ihren fragenden Blick in meinem Rücken, als ich mich in Richtung Ambulanzeinfahrt begab, um die Einlieferung der nächsten Patienten abzupassen. Ich drehte mich nicht mehr um. Meine Kraft reichte noch, um Leben zu retten, aber nicht mehr, um mich und mein verkorkstes Dasein zu erklären.

-tbc-