Ein gut aussehender Mann um die 60 öffnete die Tür. Er trug einen grauen Anzug und sein dunkles Haar war leicht grau meliert. Bei seinem Anblick erstarrte Harry. Das konnte einfach nicht sein. Es war nicht möglich.
„Hey ya, Harry", sagte der Mann freundlich und schloss die Tür hinter sich.
Harry war noch immer sprachlos. Sie öffnete ihren Mund, um etwas zu sagen, doch es fehlten ihr die Worte. Da stand er nun. Nach 23 Jahren marschierte er einfach so in ihr Büro.
„Kein Kuss zur Begrüßung?", neckte er sie und grinste frech.
Er hatte sich kaum verändert. Ein paar Falten mehr zierten sein Gesicht aber er war noch immer gut aussehend und smart. Harry ließ sich in ihren Stuhl zurücksinken.
Plötzlich platzte Fry in das Büro und fiel Dempsey direkt um den Hals.
„Entschuldigung", sagte er kurz und schaute verschämt zu Boden.
„Ist schon gut. Ich freue mich auch dich zu sehen, Fry", lachte Dempsey herzlich.
„Wenigstens einer freut sich mich zu sehen", merkte Dempsey an und legte seinen Aktenkoffer auf einen Stuhl.
So schnell Fry herein gekommen war, um so schneller verschwand er auch wieder.
„Na komm schon, Harry. Ich bin es doch", versuchte er die Stimmung aufzulockern.
Nein, er hatte sich wirklich nicht verändert. Noch immer sah er alles so locker und unbekümmert, wie vor vielen Jahren. Er betrat einfach so ihr Büro, als wäre nichts geschehen. Total geschockt über diesen Anblick, schüttete Harry nur ihren Kopf. Das musste alles Einbildung sein. Soweit war es mit ihr schon gekommen. Erst diese Albträume und jetzt das. Dempsey schaute sich die Urkunden und Auszeichnungen an der Wand an. Vor seinem Bild aus der Vergangenheit hielt er inne.
„Schau sich das einer an, wie jung wir waren", merkte er an und schaute dann zu Harry.
„Ja, das waren die guten, alten Zeiten", sagte sie nur kurz und versuchte ihren Herzschlag zu beruhigen. Es konnte doch nicht sein, dass er es nach all den Jahren immer noch schaffte, sie nervös zu machen.
Harry stand auf und ging zu ihm rüber. Tief durchatmend gab sie ihm die Hand zur Begrüßung.
„Hi Dempsey", sagte sie cool und schluckte hart.
„Hallo Prinzessin", begrüßte er sie ein weiteres Mal und nahm sie plötzlich in den Arm.
Oh mein Gott, das fühlte sich so gut an, dachte sie und ihr Herz raste, wie wild. Nach all den Jahren konnte sie ihn endlich wieder umarmen. Ihre Gefühle waren gemischt. Sie war glücklich ihn zu sehen aber sie zeitgleich so wütend, dass er vor Jahren einfach verschwunden war.
„Du siehst wundervoll aus", sagte er und küsste sie aufs Haar.
„Und wieder versuchst du deinen Charm spielen zu lassen aber das funktioniert nicht mehr, Mr.", sagte sie zu ihm und ließ ihre Arme sinken. Die Wut auf ihn wurde stärker. Warum hatte er ihr das angetan?
Er ließ sie los und setzte sich auf einen Stuhl. Sein Blick wanderte durch den Raum.
„Du hast es weit gebracht, Harry. Chief Superintendent, mh? Ich bin schwer beeindruckt aber ich habe es immer gewusst. Du warst der beste Polizist, den ich kannte", sagte er anerkennend.
„Du bist also der Sicherheitsexperte aus Washington? Hast du die Unterlagen für mich?", fragte sie professionell und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Ihre Gefühle waren nach all den Jahren noch so sehr verletzt.
„Ich habe hier beim SI10 viel gelernt und nun bin ich der Sicherheitsexperte für internationale Beziehungen und arbeite eng mit der NATO zusammen. Meine Aufgabe ist es, dass der Sicherheitsstandard der NATO-Staaten auf einen Level gebracht wird. Und hier bin ich nun", erklärte er ihr, und grinste sein unverwechselbares Grinsen.
„Du bist also nicht mehr bei der Polizei. Das überrascht mich wirklich", merkte sie an und verschränkte die Arme vor ihrer Brust.
„Nee, der Job hatte keine Bedeutung mehr für mich. Ich musste etwas anders machen, um nicht mehr an meine Zeit hier in London erinnert zu werden. Nach dem 11ten September hat man mir einen Job in Washington angeboten, weil ich hier in London, in der Antiterroreinheit, schon einige Erfahrung gesammelt habe. Da ich also nichts anderes zu tun hatte, habe ich den Job angenommen. Vor einigen Wochen kam dann ein Brief aus London mit deiner Anfrage. Ich bin aus allen Wolken gefallen und habe gleich meine Koffer gepackt", erklärte er weiter und lächelte sie liebevoll an.
Seine Erklärung überraschte Harry. Ein Polizist zu sein, hatte alles für ihn bedeutet. Wie konnte er seinen Job so einfach aufgeben? Harry hatte so viele Fragen an ihn und wusste nicht, wo sie anfangen sollte. Ihre Gefühle waren völlig durcheinander. Freude und Wut wechselten sich ab.
„Wieso bist du einfach abgehauen?", fragte Harry plötzlich und Dempsey senkte den Blick.
„Ich musste, Harry. Glaub mir, ich wollte London nicht verlassen. An dem Abend, als wir verabredet waren, kam Spikings zu mir und war in Begleitung von zwei FBI-Agenten. In einer Nacht- und Nebelaktion musste ich sofort das Land verlassen. Ich konnte dir nur schnell den Zettel hinterlassen und durfte dich nicht anrufen. Es war zu gefährlich. Das letzte, was ich wollte, war, dass du in Gefahr gerätst. Außer Spikings wusste niemand, dass ich das Land verlassen musste. Er durfte dir nichts sagen, es war zu gefährlich", erklärte er bedrückt und sah Tränen in ihren Augen.
Harry wusste nicht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte. James Dempsey hier und jetzt zu sehen, tat furchtbar weh und ihre Gefühle von damals waren wieder da. Nichts an ihren Gefühlen hatte sich verändert.
„Ich weiß nicht, was ich sagen soll", stöhnte Harry.
„Wir sollten das nicht hier im Büro besprechen. Es gibt so viele Dinge, die zwischen uns stehen und ich möchte dir so vieles sagen und erklären aber das kann ich nicht hier. Lass uns irgendwo hin gehen, wo wir ungestört reden können", bat er sie vorsichtig.
Harry wusste nicht, ob es gut war mit ihm alleine, zu sein. Sie war völlig durcheinander und ihr Schädel brummte. So viele Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Aber er war der Einzige, der all ihre Fragen beantworten konnte und egal, wie sehr es auch schmerzte, sie musste es riskieren.
