I C – Illogical consequence

Kapitel 2

"Nein."

Mit einem Wort hat er ohne langes Zögern meine Frage beantwortet. Ich weiß, was er getan hat. Und wie er es getan hat. Harry hat mir davon erzählt, wie es ist, wenn Snape sich der Gedanken und Erinnerungen bemächtigt, die eigentlich nur einem selbst gehören. Ich war gewarnt. Und trotzdem habe ich es geschehen lassen. Ich habe nicht einmal den Versuch unternommen, ihn aufzuhalten.

Wozu auch? Er wäre ohnehin stärker gewesen als ich. Er weiß, was er tut, geschweige denn, warum er etwas tut. Vielleicht finde ich ihn deshalb auf eine abstrakte Weise so bewundernswert. Niemand sonst, den ich kenne, strahlt diese Macht und Selbstsicherheit aus. Harry und Ron bezeichnen es als Kälte, aber ich glaube, so einfach ist das nicht mit Snape. Ihn auf ein Wort zu beschränken, fällt mir schwer. So oder so hat er trotz seiner Unnahbarkeit ein faszinierendes Wesen. Snape ist abweisend, hart, streng. Er schafft es erfolgreich, sich von anderen abzuheben, nur um sich zugleich damit vom Rest der Gesellschaft zu distanzieren. Was auch immer er damit bezwecken will, es funktioniert. Aber was ist mit mir? Wo bleiben meine Erfolge? Ich habe gelernt, gelesen, gebüffelt. Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, in letzter Zeit besondere Fortschritte gemacht zu haben. Mein Leben ist zum Stillstand gekommen. So kommt es mir zumindest vor, obwohl ich nicht behaupten kann, dass es langweilig wäre.

Was jetzt? Wie geht es weiter? Kann ich das einfach hinnehmen? Was, wenn sich in meinem Hinterkopf eine andere Meinung dazu formen möchte, die ich mit Mühe und Not im Zaum halte, um nicht verrückt zu werden? Dass ich diesen Stempel aufgedrückt bekomme, den eigentlich Luna für sich gepachtet hat, fehlt mir gerade noch! Obwohl, wenn ich es mir recht überlege, spielt es keine Rolle. Ich kann Luna ganz gut leiden; sie ist wenigstens ehrlich … Vielleicht sollte ich sie um Rat fragen. Wer weiß, am Ende liegen wir womöglich auf einer Wellenlänge...

Ich sehe noch immer seine durchdringenden Augen vor mir, die sich in meinen Kopf zu bohren scheinen. Zwei funkelnde schwarze Rohdiamanten. Hat er jemals ernsthaft in den Spiegel gesehen? Sein ganzes Gesicht strahlt etwas Verruchtes aus. Und dennoch erweckt er den Eindruck, dass es genau das ist, was er will. Oder sollen wir vielleicht alle nur glauben, dass dem so ist?

Erst jetzt wird mir unwohl bei dem, was geschehen ist. Ich glaube nicht, dass ich in Worte fassen kann, was mir durch den Kopf geht. Aber irgendwie ist es erniedrigend, so schwach zu sein. Hilflos wie ein kleines Kind. Was hat er gesehen, in diesem kurzen Moment, in dem er sich meiner bemächtigt hat? Warum wollte er nicht, dass ich mir weitere Gedanken darüber mache? Ich meine, abgesehen davon, dass unsere Begegnung sehr unwirklich war, ist es verständlich. Aber so richtig begreifen kann ich es dennoch nicht. Wir haben uns doch nur angesehen. Und das nicht einmal besonders unangemessen. Oder?

Es fällt mir schwer, den Vorfall zu rekonstruieren, obwohl ich noch genau weiß, was geschehen ist. Genau darum will ich es herausfinden. Ich muss es wissen.

Am ganzen Körper zitternd stehe ich in den Kerkern und hebe meine Hand. Mir selbst ist unbegreiflich, dass ich das tue, aber ich kann nicht anders. Und so klopfe ich an die Tür zu Snapes Büro. Etliche Sekunden vergehen und fast denke ich, dass er nicht da ist. Aber dann, als ich gerade kehrt machen und in meinen Turm zurückgehen will, öffnet er.

Snape steht groß und hager vor mir und sieht mich an. Zum zweiten Mal an diesem Tag bohren sich seine eigenartigen schwarzen Augen endlos tief in meine. Keiner von uns sagt etwas. Lediglich eine seiner Brauen rutscht in die Luft, während wir beide warten, dass einer den Anfang macht.

Endlich komme ich zu mir und öffne den Mund. "Professor", murmle ich kaum verständlich.

Er blinzelt erwartungsvoll. Nein, wohl eher ungeduldig.

„Ich ..."

"Ja?", zischt er mir zu, ohne darauf zu warten, dass ich mein Anliegen vortrage. Seine Kiefer liegen eng aufeinander, seine Lippen gleichen dünnen, harten Linien.

Snape wirkt mit seiner abweisenden Haltung wie ein Fels in der Brandung, der erhaben dem aufgewühlten Wasser trotzt. Ich hingegen platze fast vor innerer Unruhe. Kein besonders guter Start für mich.

"Ähm, kann ich - darf ich rein kommen?"

Jetzt kommt Bewegung in sein starres Gesicht: seine Brauen ziehen sich unliebsam zusammen, sein linker Mundwinkel zuckt.

"Wozu?"

Das bringt mich völlig aus dem Konzept; nicht, dass ich wirklich eines gehabt hätte. Aber trotzdem ist es nicht besonders hilfreich, mit dieser Frage konfrontiert zu werden, wenn man schon so nervös ist, dass man denkt, die Beine versagen jeden Moment ihren Dienst.

Ich senke verschüchtert den Blick auf seine Brust. All diese Knöpfe...

"Ich ... Ich glaube, Sie irren sich."

Snape starrt mich an. Ich starre zurück.

Oh. Habe ich das gerade wirklich gesagt? Schnell hole ich Luft.

"Ich meine … ja, Sie irren sich."

"Ich bitte um Verzeihung, Miss Granger, aber ich hoffe, Ihre Worte beziehen sich nicht auf das, was Sie mich eigentlich fragen wollten. Da es aber ohnehin bereits nach einundzwanzig Uhr ist, muss ich Sie trotzdem darauf hinweisen, dass ich für unterrichtsbezogene Diskussionen nicht jetzt zur Verfügung stehe."

Ich muss schlucken.

"Genau genommen wollte ich Sie das gar nicht fragen. Es war eine Frage, die ich mir selbst gestellt habe, Professor."

"Bitte?", zischt er mit hochgezogener Braue, als hätte er sich verhört.

Ich hole Luft.

"Ich denke nicht, dass ich das wiederholen muss. Sie besitzen ein ausgezeichnetes Gehör, soweit ich das im Laufe der Jahre herausgefunden habe."

Seine Augen werden zu Schlitzen.

"Sagen Sie mir das, weil Sie derart erfahren im Umgang mit Menschen sind?", fragt er spöttisch. "Ich weiß wirklich nicht, was Sie von mir wollen, Miss Granger. Ich …"

Ich kann nicht anders, als ihn einfach nur ansehen. Seine Stimme dringt an mein Ohr, doch ich höre kaum noch, was er sagt.

"Miss Granger?"

Ich blinzle ihn an. "Ja?"

Es ist paradox, was mit mir passiert, aber mir wird ganz schummrig, während er so vor mir steht und auf mein Gesicht sieht. Unbewusst lecke ich mir über die Lippen.

"Ich glaube, ich will Sie, Professor."

Stille. Dann, nach etlichen Sekunden, höre ich ein leises, fast schon leidiges Räuspern, dem erneut Stille folgt.

Ich hätte nie gedacht, dass Snape einmal dermaßen die Worte fehlen könnten. Doch in diesem Moment, als ich ein weiteres Mal vor ihm stehe, kommt es mir so vor, als hätte ich ihn vollkommen unerwartet erwischt. Es fühlt sich eigenartig an, ihn dabei zu beobachten, wie er mich mustert, während sich sein Verstand auf der Suche nach einer logischen Erklärung überschlägt. Er macht einen obskuren, gefährlichen Eindruck auf mich. Mein Herz rast. Und dann, plötzlich, erhebt er die Stimme gegen mich.

Er spricht ganz leise: "Sie, Miss Granger, lügen."

Wieder verwirrt mich sein Verhalten. Nur Sekunden zuvor war er selbst noch verunsichert, doch jetzt trifft er mich mitten ins Herz.

"Das tue ich nicht", antworte ich vehement. Wenn mich jemand ungerechtfertigt der Lügerei bezichtigt, regt sich in mir der Protest. "Ich weiß nur nicht, was mich sonst dazu gebracht hat, hierher zu kommen."

Er legt den Kopf schief und zieht die Brauen bist zum Anschlag hoch.

"Sie und Ihre Freunde hatten es von Anfang an auf mich abgesehen. Denken Sie etwa, ich bin von gestern? Da irren Sie sich. Und zwar gewaltig!"

Das überrascht mich nicht. Mit dieser Reaktion habe ich gerechnet.

"Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, dass ich anderer Meinung darüber bin, Professor", erkläre ich mit Bedacht. "Man kann sich durchaus zu jemandem hingezogen fühlen, von dem man nie geglaubt hätte, dass er plötzlich interessant sein könnte."

Er presst die Kiefer aufeinander und starrt mich einmal mehr ziemlich befremdlich an.

"Was auch immer Sie damit bezwecken wollen, lassen Sie es bleiben, Granger. Sie begeben sich auf gefährliches Terrain, indem Sie mir diese absurden Dinge vortragen."

"Denken Sie, das wüsste ich nicht?", frage ich verletzt. "Es ist ja nicht so, dass ich darum gebeten habe, so zu empfinden ..."

Er reißt die Augen auf, seine Nasenflügel beben. Dann, bevor ich überhaupt geendet habe, gellt seine Stimme durch die Luft.

"Halten Sie den Mund!"

Ich zucke zusammen. Er macht einen Schritt auf mich zu, bis er über mir kauert. Seine Strähnen fallen ihm ins Gesicht, dessen Ausdruck seltsam verzerrt ist.

"Sind Sie wirklich so einfältig, zu glauben, dass ich darauf hereinfalle?"

"Ich …"

"Was auch immer Sie und Potter damit bezwecken wollen, es wird Ihnen nichts nutzen. Ich bin beinahe so lange Lehrer an dieser Schule, wie Sie existieren. Und jetzt gehen Sie mir aus den Augen und richten Sie Ihrem Freund aus, er soll sich einen anderen Plan zurechtlegen, um mich loszuwerden."

Dass er so dermaßen daneben langen könnte, hätte ich nun nicht gedacht.

"Das hat nichts mit Harry zu tun, Professor! Ich bin aus freien Stücken zu Ihnen gekommen."

"Erzählen Sie das jemand anderem. Ich bin nicht so blöd, darauf hereinzufallen."

Sein ganzer Brustkorb hebt und senkt sich vor Anspannung, als er fertig ist. Er tritt zurück und fährt sich mit den Händen durch die Haare.

"Verschwinden Sie, Granger! Auf der Stelle!"

Ungläubig sehe ich ihn an und lege meine Hand auf seinen Arm, was mich meinen ganzen Mut kostet.

"Warten Sie!", entfährt es mir ungestüm.

Er zuckt zusammen. Seine schwarzen Augen fixieren mich, als wäre ich der größte Abschaum und ich lasse ihn umgehend wieder los.

"Ich habe nicht gelogen, Professor", sage ich ernst. "Harry weiß überhaupt nicht, dass ich hier bin. Er würde mich nie vorschicken, so etwas Dreistes zu tun, glauben Sie mir. Auch dann, wenn Sie Schwierigkeiten miteinander haben, würde er das nicht auf meinem Rücken austragen wollen."

Es wird wieder still zwischen uns. Wir sehen uns an, doch diesmal scheint ihm zu dämmern, dass ich die Wahrheit sage. Zumindest lässt er anhand seines veränderten Ausdrucks durchblicken, dass er es in Betracht zieht.

"Ich fühle mich einsam, Professor", dringe ich weiter. "In diesem Schuljahr ist alles anders geworden ... Ich weiß nicht, wohin mit mir."

Er reckt das Kinn in die Höhe.

"Das ist nicht mein Problem", sagt er steif.

Bedröppelt nicke ich.

"Nein, ist es nicht", bestätige ich leise. "Aber Sie sind Lehrer, oder etwa nicht? Ist es nicht Ihre Aufgabe, die Schüler zu verstehen?"

Seine Brauen ziehen sich kräftig zusammen, sodass die dunkle Furche in ihrer Mitte noch deutlicher hervortritt, als sie ohnehin schon in sein Gesicht geprägt ist.

"Warum kommen Sie damit zu mir, Granger? Ich denke, in diesem Fall wäre Ihnen mit Professor McGonagall besser geholfen."

Obwohl er nicht sonderlich einfühlsam klingt - das wäre zu viel erwartet - bin ich dennoch dankbar, dass er mich anhört.

"Ist das so einfach für Sie?", frage ich enttäuscht.

"Pardon?", zischt er zurück.

"Ich glaube nicht, dass sie das verstehen würde", murmle ich nachdenklich vor mich hin. "Sie ist so rationell eingestellt. Eben anders."

Snape schnaubt belustigt. "Was lässt Sie glauben, dass ich nicht so bin?"

"Oh, ich wollte damit nicht ... Ich glaube nur einfach, dass ich darin nicht mit ihr übereinstimme. Professor McGonagall und ich, wir hätten Schwierigkeiten, diesbezüglich einander zu verstehen."

Snape verschränkt gemächlich die Arme vor der Brust. Langsam scheint er sich von dem Schock zu erholen, den ich ihm zugefügt habe.

"Dennoch ist sie Ihre Hauslehrerin, Miss Granger", sagt er mit seidenweicher Stimme. „Vergessen Sie das nicht."

Ich schüttle den Kopf.

"Tue ich nicht. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass Sie die Mädchen aus Ihrem Haus fortschicken, wenn Sie zu Ihnen kommen."

Er kneift die Augen zusammen. "Das hängt ganz davon an, worum es sich handelt."

Ich werde rot, doch Snape ignoriert mich.

"Bisher war noch niemand so einfältig, mir auf so dreiste Weise meine Zeit zu stehlen."

Wieder überrascht mich seine Wortwahl.

"Das ist keinesfalls meine Absicht, Professor. Ich möchte lediglich zum Ausdruck bringen, dass ich das Gefühl habe, etwas mit Ihnen gemein zu haben. Ich bin bestimmt nicht zu Ihnen gekommen, um Sie in Schwierigkeiten zu bringen."

Ein leicht süffisantes Lächeln kräuselt seine dünnen Lippen. "Und was sollte das sein?", fragt er mich.

"Wir sind beide einsam", erkläre ich schlicht. "Auch dann, wenn Sie das vor mir abstreiten werden, weiß ich doch, dass dem so ist. Sie können vielleicht andere täuschen, aber nicht mich. Ich habe es im Unterricht gesehen - obwohl Sie es verbergen wollten ..."

Er lässt die Arme sinken und presst sie an seine Seiten.

"Ich denke, es ist an der Zeit, dass Sie jetzt endlich zur Vernunft kommen, Miss Granger. Nichts - ich wiederhole - nichts gibt Ihnen das Recht, derartige Mutmaßungen über meine Person anzustellen!"

Der Zorn in seiner Stimme lässt keine Zweifel darüber aufkommen, wie aufgebracht er ist, was mich dazu veranlasst, erneut unruhig zu werden, denn was ich hier tue, ist auch für mich neu.

„Genau deshalb möchte ich dieses Missverständnis aus der Welt schaffen."

„Wollen Sie mich wirklich dazu bringen, Ihren Verstand anzuzweifeln?" Ein sarkastisches Grinsen ziert jetzt seine Lippen. „Nun, Glückwunsch, Miss Granger, das ist Ihnen gelungen."

Wieder sehen wir uns an. Die ganze Atmosphäre um uns ist eigenartig und angespannt. Ich kann die tiefen Furchen auf seinem Gesicht deutlich vor mir sehen und seinen unruhigen Atem hören. Mir geht es nicht viel anders als ihm, schätze ich. Zumindest bin auch ich furchtbar aufgewühlt von unserer Begegnung. Warum bleibe ich dennoch hier, anstatt die Flucht zu ergreifen?

"Können Sie mir nicht einfach eine Chance geben?"

Snape legt abschätzig den Kopf schief.

"Eine Chance?"

"Ja, Sir."

Seine Hände schießen nach oben und fahren durch seine Strähnen.

"Was meinen Sie damit?"

"Ich weiß es nicht", sage ich aufrichtig. "Ich kann Ihnen nicht anders erklären, warum ich hier bin. Aber indem ich hier hergekommen bin, habe ich nur getan, was ich glaubte, tun zu müssen."

Kaum bin ich fertig, schüttelt er den Kopf.

"Das ist unfassbar, Granger." Seine Stimme klingt leicht irritiert im Vergleich zu seinem sonst oftmals so beherrschten Verhalten. "Sie kommen tatsächlich zu mir, um mir zu sagen, dass Sie das Gefühl hatten, das tun zu müssen", stellt er noch einmal klar.

Ich nicke.

"Warum?"

Enttäuscht klappe ich den Mund auf. "Das habe ich Ihnen doch gesagt."

Wieder schüttelt er den Kopf.

"Warum, Miss Granger?"

"Sir?"

Er setzt sich langsam in Bewegung und gleitet zu seinem Schreibtisch hinüber. Dort angelangt hebt er seinen schwarzen Umhang zur Seite und lässt sich auf seinem Stuhl nieder. Gebannt beobachte ich ihn. Dann wirft er mir einen auffordernden Blick zu.

"Setzen Sie sich."

Ohne etwas einzuwenden gehorche ich und nehme auf dem freien Stuhl vor seinen Schreibtisch Platz.

"Sie wissen, dass ich es erneut tun könnte", beginnt er seelenruhig.

Ich muss schlucken, doch er verzieht die Mundwinkel zu einem hämischen Grinsen und fährt unbehelligt fort.

"In Ihren Geist eindringen, Miss Granger."

Natürlich. Was denn sonst.

"Nun. Wenn Sie vermeiden wollen, für Ihre Unverschämtheit behelligt zu werden, sollten Sie mit der Wahrheit herausrücken."

"Das habe ich bereits getan, Professor", erkläre ich unbeholfen. "Das war die Wahrheit."

Er lehnt sich zurück und verschränkt die Arme vor der Brust.

"Tatsächlich?", fragt er scheinbar gelassen und mit obligatorisch hochgezogener Augenbraue.

"Ja. Wieso sollte ich Sie anlügen wollen?"

Das scheint ihn zu überraschen, was mir das Gefühl gibt, dass er nur mit mir spielt, um seine eigene Unsicherheit zu übertünchen.

„Und warum suchen Sie sich ausgerechnet meine Wenigkeit heraus, um Ihre Zeit totzuschlagen?"

„Entschuldigung?"

„Warum ich?"

Hilflos zucke ich mit den Schultern, während ich sein zerfurchtes, von langen schwarzen Strähnen umrahmtes Gesicht betrachte. Was tue ich hier eigentlich? Es ist Snape. Der am meisten gehasste und gefürchtete Lehrer von ganz Hogwarts. Oh Gott!

"Ich hatte das Bedürfnis, herauszufinden, wer Sie wirklich sind, nachdem ich Sie im Klassenzimmer beobachtet habe. Ihr Verhalten hat mich nachdenklich gemacht."

Er kneift die Augen zu bedrohlichen Schlitzen zusammen und ich verstumme.

"Dafür, dass Sie mir diese unglaubliche Geschichte auftischen wollen, sind Sie schlecht vorbereitet", sagt er in einem tiefen Grollen.

"So etwas in der Art haben Sie schon einmal bemerkt, Professor."

Er nickt kaum merklich.

"Ganz recht. Und ich tue es wieder. Und wieder. Bis Sie endlich aufhören, mir etwas vorzumachen."

"Aber das tue ich nicht!", werfe ich ihm ungestüm entgegen.

Snape jedoch hebt die Hand, um mich erneut zum Schweigen zu bringen.

"Entweder sind Sie furchtbar neunmalklug, Miss Granger, oder einfach nur unsagbar dumm, wenn Sie glauben, dass ich Sie damit durchkommen lasse."

"Ha! Und wozu tentieren Sie, Sir?"

Seine Kiefer knacken.

"Das werde ich noch herausfinden."

Ohne Vorwarnung schiebt er seinen Stuhl zurück und erhebt sich. Dann umrundet er, vom sanften Rascheln seines Umhangs begleitet, den Tisch und baut sich zu seiner vollen Größe vor mir auf.

"Was soll ich mit Ihnen machen? Ihnen Hauspunkte abziehen? Sie nachsitzen lassen?"

Ein Schauder streift mich. Er ist mir viel näher als gebührlich. Doch etwas daran ist aufregend. Genauso, wie ich es mir vorgestellt habe, als ich über unsere letzte Begegnung auf dem Flur vor seinem Klassenzimmer nachgedacht habe; bevor er meine Gedanken durchforstet hat. Kälte steigt in mir auf. Und Hitze zugleich. Dann beugt er sich plötzlich über mich, bis er mit seiner mächtigen Nase fast meine Wange berührt. Gezielt packt er eine Handvoll meiner Haare. Ich beiße mir hart auf die Zunge, um nicht aufzuschreien, so fest hat er mich in seinem Griff.

"Das wäre zu einfach, nicht wahr?", flüstert er mir herausfordernd zu.

Wie gelähmt entgegne ich nichts. Snape hingegen legt seinen Kopf zur Seite und sieht mich an. Meine Augen brennen, ich bekomme kaum noch Luft vor Schmerz und Verwunderung über sein Handeln.

Mit einem schiefen Grinsen auf den Lippen fletscht er seine gelblichen Zähne.

"Wie steht es jetzt, Granger? Immer noch so fasziniert von der Vorstellung, mich hereinzulegen?"

Ich würde liebend gern den Kopf schütteln. Aber ich kann nicht.

"Das hängt ganz davon ab, Professor", bringe ich gequält hervor.

Sein warmer Atem trifft auf meine Haut. Er riecht nach schwarzem Kaffee und einem Hauch Zimt, der mich ironischerweise an die Kekse erinnert, die meine Mutter immer für mich gebacken hat. Ist Professor Snape am Ende etwa ein Liebhaber von Gewürzkeksen?

Schnell verdränge ich den Gedanken wieder, denn noch immer sieht er mich abwägend an, als würde er auf eine Erklärung meinerseits warten. Obwohl er mich dabei auf so eigentümliche Weise in seine Gewalt gebracht hat (mein Zauberstab steckt unerreichbar in der hinteren Gesäßtasche meiner Jeans), ist seine Nähe zwar befremdlich, doch keineswegs unangenehm. Sein Verhalten kommt mir eher so vor, als wüsste er tatsächlich nicht, was er mit mir anfangen soll.

"Wollen Sie mir die Haare ausreißen?", frage ich mit all meinem Mut.

Ein Blitzen legt sich in seine dunklen Augen. Seine Nasenflügel beben erregt, zugleich verstärkt er den Griff in meinem Haar, sodass ich ungewollt aufkreische. Unbeeindruckt lässt er ebenso schnell wieder von mir ab und macht einen Satz zurück, um ausreichend Abstand zwischen uns zu bringen.

Sofort macht sich ein eigenartiges Gefühl der Kälte in mir breit.

"Ich denke, Sie sind beides, Miss Granger", zischt er mit vorgetäuschter Ruhe vor sich hin. "Ihre neunmalkluge Erscheinung wird begleitet von einer törichten Dummheit."

Wenn er die Absicht hatte, mich damit zu treffen, dann hat er sich geirrt. Seine Worte, so bissig sie auch sein mögen, prallen fast gänzlich an mir ab. Es ist schließlich nicht die erste Beleidigung, die er mir an den Kopf wirft. Die Dinge, die er früher zu mir gesagt hat, kamen mir schlimmer vor.

"Was jetzt, Professor?", frage ich fast schon zu gefasst. "Wollen Sie mich wieder fortschicken? Ich bin nicht hergekommen, um einfach von Ihnen hinausgeworfen zu werfen."

Seine Haltung versteift sich.

"Was wollen Sie dann, Granger?"

Langsam stehe ich auf und bewege mich auf ihn zu, bis ich ihm so nahe bin, dass ich nur die Hand auszustrecken bräuchte, um sie auf sein Gesicht zu legen. Im nächsten Moment tue ich es einfach.

Meine Finger streifen für einen Moment seine raue Wange, doch Snape schiebt sie unsanft fort und macht einen Satz in Richtung Tür.

"Lassen Sie das, Granger."

Meine Atmung geht schneller. Wer hätte gedacht, dass es so aufregend sein könnte, ihm nahe zu sein.

"Warum? Was ist falsch daran, jemanden zu berühren?"

Für einen Augenblick sieht er mich an, als wäre ihm übel. Dann, noch ehe ich so recht begreife, wie mir geschieht, packt er mich an der Schulter, wirbelt mit mir herum und knallt mir die Tür vor der Nase zu.

Perplex zucke ich zusammen. Das war nicht das, was ich erwartet hatte, aber es hätte schlimmer sein können. Niedergeschlagen trotte ich in meinen Turm zurück.

Was ist nur in mich gefahren, Snape so etwas zu sagen? Ich verliere endgültig den Verstand. Vielleicht waren all die Jahre, die ich mit meinen Büchern verbracht habe, zu viel des Guten. Ich bin ein emotionales und seelisches Wrack.