Äusserst vorsichtig betrat die Gruppe das grosse Gebäude und schwärmte dann mit gezückten Zauberstäben aus.
„Macht mal Licht", raunte einer von ihnen. Darauf war ein Klacken zu hören, doch es blieb dunkel. Wieder und wieder klackte es bevor dann aus zwei Richtungen Meldungen kamen: „Das Licht ist hin, alle grossen Deckenstrahler lassen sich nicht einschalten."
„Hier drüben ist ebenfalls tote Hose, der Sicherungskasten ist aber o.k., daran liegt es nicht."
Nun herrschte einem Moment Schweigen, dann lachte Scrimgeour leise. „O.k., es scheint ein ganz cleverer Bursche zu sein, der hier mit uns spielen will. Seht euch vor, dass ihr nicht mit den gekappten Stromkabeln in Berührung kommt."
Sie mussten noch kurz warten, bis die beiden Nachtwächter des Golfclubs am Gebäude vorbei waren. Dann wurden von den Zauberern alle Aus- und Eingänge mit Sperrzauber belegt. Während der anschliessenden Suche mittels Scannzauber war kaum etwas zu hören. Nur wenn sich zwei der Jäger kreuzten, tauschten sie flüsternd Informationen aus. Merllano hielt sich wie angewiesen stets nahe seines Lehrmeisters. Das dieser sein Vorantasten in fast völliger Finsternis überwachen und notfalls helfend eingreifen konnte. Korrigierende Hinweise des Routineries Scrimgeour waren aber fast keine nötig, denn der angehende Auror war ein heller Kopf und lernte schnell. Es wurden von Rufus auch nur die begabtesten Schüler auf gefährliche Einsätze mit Gegnerkontakt mitgenommen.
„Eklig, dass man wegen diese Muggelnachtwächtern kein magisches Licht benutzen darf", reklamierte die Frau in der Truppe nach einer Weile laut.
„Ruhe! Strengt eure Ohren an, dieser Kerl flattert ohnehin schon so leise. Da müsst ihr nicht noch mit Reden dieses Geräusch überdecken!", rügte ein Kollege in scharfem Ton. Eben hatte er ein Flattern vernommen und meinte sogar einen Luftzug zu versprühen. Ein leises Schnaufen direkt über ihm, liess dem Auror eisige Kälte über den Rücken kriechen. Hecktisch richtete sein Zauberstab in die Höhe, doch er sah nur noch die im Scannzauber violette aufleuchtende Silhouette des Vampirs über seinem Kopf kreisen, dann war der Gesuchte schon wieder in der Dunkelheit verschwunden. „Sichert euch ab, er versuchte eben sich an mir vorbei zu schleichen und sucht sicher weiter nach Schwachstellen in unserer Einkesselung", keuchte der Mann und sprach sicherheitshalber noch einen zweiten Schutzzauber um sich. Er mochte Vampire überhaupt nicht, doch als Auror konnte man sich seine Einsätze nun mal nicht aussuchen. Die Fledermaus war noch da und wurde immer nervöser, je enger sie den Sperrkreis zogen, dies spürte und hörte die Gruppe immer wieder. Doch ihn mit einem Markierungszauber zu treffen gelang keinem der Verfolger. Einmal schrie Tonks erschreckt auf und alle dachten schon, sie sei gebissen. Um so erleichterter waren die Männer, als ihre schusselige Aurorenkollegin Entwarnung gab und die fesselnden Spinnweben als simples Golfernetz identifizierte. So suchten sie weiter und hatten bald schon die Hälfte der Halle durchquert. Da flammten plötzlich unzählige kleine Lämpchen am Boden auf und säumten ein paar der Putting Greens als schimmernde Lichterkette. „Ha, ich wusste doch, er hat nicht alles ausschalten können", zischte Rufus triumphierend und schloss den zweiten Sicherungskasten wieder. Nun sah man auch besser, was da alles herumstand.
Gleich beim Eingang vorne waren drei kurze Putting Greens um die Anfänge im Golfsport, wie Körperhaltung, den korrekten Winkel des Schlägers und die Dosierung des Schlages zu üben. Auch ein im schrägen Winkel fixierter Ring, ein Swing-Analyzer, mit Anleitung und Messgeräten war in der Anfängerzone aufgestellt. Weiter hinten, wo die Autoren jetzt standen, befand sich ein kleiner Turnierparcour mit den neun verschiedenen lichtgesäumten Kunstgrasstreifen.
Zwischen den Säulen der Golfhalle hatte es mannshohe Netze, welche die einzelnen Bereiche voneinander trennten. Deswegen war der Gesuchte nie in Bodennähe zu orten gewesen. Die Fledermaus mit ihren hochsensiblen Sinnen hatte, anderes als Tonks, alle Netze sicher umgangen. Doch wo war der Gesuchte nun? Neugierig sahen die Männer in die Höhe der Halle. Betongewölbe und ein paar wenige Dachfenster, die aber alle versiegelt waren. Nichts deutete drauf hin, dass sich außer den Auroren noch jemand in dem Golfzentrum befand.
„Mist! Er ist uns doch entwischt!" knurrte Ivory wütend und holte mit einem der Golfschläger aus. Der getroffene Golfball sauste knapp an Tonks vorbei, quer durch die Halle und verschwand dann hinter einigen künstlichen Büschen, die da an den Wänden herumstanden. Tonks funkelte ihren unbeherrschten Kollegen verärgert an.
„Ivory, lass das! Bevor du noch jemanden k.o. golfst!", rügte der Staffelführer und hieß den Auror, den Golfball wieder zurückzuholen.
„Der ist noch da", wagte Merllano zu widersprechen. „Aber wir müssen wohl den Instinkten einer Fledermaus folgen, um zu wissen, wo er sich versteckt."
Tonks schaute automatisch an die Decke, doch der Ire schüttelte den Kopf.
Ivory marschierte missmutig los, um den Golfball zu holen.
Die restliche Mannschaft beriet sich inzwischen leise, ob sie irgendwo etwas übersehen hätten. Jeder Hinweis zu einer Fluchtmöglichkeit wurde überprüft. Mitten in der Diskussion hörten sie Ivory in seiner der Ecke überrauscht aufkeuchen.
„Hey! Kommt mal alle her, ich habe etwas gefunden", rief er wenig später triumphierend. Argwöhnisch folgten seine Kollegen seinem Ruf. Hinter dem künstlichen Buschwerk verbarg sich aber kein Notausgang, sondern ein schmaler Korridor, eine Sackgasse. Ivory stand mit gezücktem Zauberstab vor dieser Nische und hielt jemanden in Schach.
Der Edelmann, welcher sich in die dämmrige Ecke zurückgezogen hatte, war ganz in schwarze Seide gekleidet. Das dunkle Haar trug er auf konventionelle Weise zurückgebunden und mit einer schlichten Masche geschmückt. Eine goldene Taschenuhr und eine Anstecknadel mit funkelnden Diamanten setzten reizvolle Akzente auf dem bordeauxroten Rüschenhemd. Der Herr brauchte nicht einmal zu lächeln, man sah seine markanten Zähne auch so. Sein aufmerksamer Blick glitt über die Gruppe der Auroren, welche nun den Ausgang der Sackgasse blockierten. Mit einem leisen Seufzen wandte er sich dem Anführer zu. „Sir, ich kann verstehen, dass sie auf jemanden wie mich nicht gut zu sprechen sind", sprach er ruhig den Auror an.
„Aber müssen sie deswegen gleich gemeinsame Sache mit den Vampir-Wilderern machen? Reicht es nicht, dass ein Mitbewohner meines Schlosses auf so schmähliche Weise geschändet wurde und er sich daraufhin der Selbstverbrennung hingab?"
Von den Auroren kam zunächst keine Antwort, sie blickten sich nur verwundert an.
„Vampir-Wilderer?", fragte dann Rufus verblüfft nach. „Wie darf ich das verstehen?"
Der edle Herr im Seidengewand ging ein paar Schritte über den grünen Kunstrasen, wobei er von den Auroren misstrauisch beobachtet wurde.
„Wilderer sind Leute, die unerlaubt etwas jagen, um dann eine Trophäe mit nach Hause zu nehmen oder das Gejagte illegal zu verkaufen", erläuterte der Herr in gleichmütigem Ton.
„Ja, ja, ja, ich weiss, was ein Wilderer ist", knurrte Scrimgeour ungehalten. „Aber was hat das mit ihnen oder mit ihrem Kollegen zu tun? Sie wollen uns doch nicht erzählen, ein Wilderer hätte einen Vampir auf dem Schwarzmarkt verkauft oder gar bei sich zu Hause an die Wand gehängt."
„Nein, gewiss nicht junger Herr", erwiderte der Gentleman in Schwarz, was ihm ein ungehaltenes Brummen einbrachte. „Sie sind jung, Mister. Verglichen zu meinem Alter von 218 Jahren sind sie noch fast ein Kind. – Aber zurück zu den Wilderen, diese jagen Vampire wegen ihren Zähnen. Sie wissen wohl, dass auf dem Schwarzmarkt Vampirzähne als Trankzutaten zu horrenden Preisen gehandelt werden. Um die hundert Galleonen das Stück, weil sie so schwer zu bekommen sind. Was nicht verwundert, denn ein Vampir verteidigt sein kostbarstes Gut natürlich bis zum Letzten."
„Wieso ... ich meine, was passiert denn, wenn ..." fragte Tonks neugierig und zeigt auf die eindruckvoll langen Zähne des Sprechers. Dieser bedachte sie mit einem freudlosen Blick und antwortete: „Ist ein Vampir erst mal seiner Eckzähne beraubt, so ist er zu einem langsamen Dahinsiechen bis zum völligen Kräftezerfall verdammt. Denn die Zähne wachsen nicht nach und wir können kein Blut mehr ernten. Wie gesagt, mein Kollege zog das Verbrennen an der Sonne diesem elendigen Zerfall bis zur völligen Lähmung vor."
Rufus musterte sein Gegenüber eingehend, dann trat er ein paar Schritte näher. „Wie heissen sie?"
„László. László Valerius der Sechste."
Scrimgeour nickte bedächtig und erklärte nun: „Ich kann im vorliegenden Fall der Meldung im Park eine Schuld ihrerseits nicht festlegen. Wir müssen sie im Ministerium verhören. - Mr. Valerius, sie sind hiermit festgenommen!"
Die Kollegen hielten den Atem an, als ihr Staffelführer magische Armfesseln hervorzog und dem nun gehetzt wirkenden Vampir eine Hand auf die Schulter legte.
