So, da bin ich schon wieder, ich dachte, ich lege gleich mal das erste Chap noch nach, damit ihr euch an diesem regnerischen Sonntag nicht zu sehr langweilen müsst *g*.
Update ab sofort einmal in der Woche, vermutlich am weekend, wenn mein lieber Nachwuchs mir Zeit dazu lässt.
Freue mich wie immer auf eure Kommentare. Auch bei diesem Chap waren Little Whisper und Silvereyes die Betas – danke an euch beide!
*winke*
Eure Cassie
1 - Remus
graffiti decorations
underneath a sky of dust
Harry rannte.
Er rannte blindlings. Ohne sich umzuschauen. Ohne nach vorn zu sehen.
In einem allmählich schwerer werdenden Stakkato hämmerten seine Schritte über den harten Asphalt. Die staubige Luft brannte klebrig in seinen Lungen und machte ihm das Atmen zu einer nicht enden wollenden Qual. Schmerzen breiteten sich bis in jede noch so winzige Faser seines Körpers aus. Dennoch rannte er schneller. Blut klebte in seinem Gesicht, an seinen Händen, seiner Kleidung, seinem Haar.
Er sah es nicht. Er fühlte die Schmerzen nicht. Er sah nichts. Er fühlte nichts außer dem schnellen Rhythmus seiner Schritte auf der Straße. Zart begann es zu regnen, die weiche Nässe sank auf Harry hinab. Er bemerkte es nicht. Auch als der Regen seine Anstrengungen verstärkte und die ersten sanften Tropfen in dicke, kalte Regentropfen übergingen, welche ihm das Blut aus dem Haar, von der Haut, aus den Augen wuschen, war in Harrys Kopf nur Raum genug für einen einzigen Gedanken. Lauf! LAUF!
Und das tat er.
Er rannte an verwunderten Gesichter vorüber, die ihm verständnislos nachschauten. An den ängstlichen Mienen einer Gruppe Jugendlicher, die ihm, die Graffitidosen in der Hand, bei Vollendung ihres neuesten Kunstwerkes hinterher schauten. Zweifellos mussten sie das Blut sehen. Es war überall. Harry war nichts als Blut und Lauf, Lauf und Blut.
Harry sah nichts von alledem. Hörte nichts. Fühlte nichts. Er rannte, den Zauberstab noch in der Hand, durch die grauen Straßen von Muggellondon. Vorbei an den Graffitis. Vorbei an den verwunderten Blicken. Vorbei an den ängstlichen Rufen, bis nichts mehr da war außer dem staubigen Himmel seiner Heimat und diesem einen, alles übertönenden Schrei:
"LAUF, HARRY!"
a constant wave of tension
"Professor?"
Minerva McGonagall blickte von ihrer Pergamentrolle auf, als Hermine Granger sie zögernd ansprach. Unweigerlich glitt eine ihrer Augenbrauen nach oben.
"Ja, Ms Granger?"
Hermine trat ermutigt näher. "Sagen sie, Professor, gibt es denn noch immer keine Neuigkeiten von Harry?"
Minerva ließ ihre Hand mit der Pergamentrolle sinken, nicht sicher, wie viel sie ihrer Schülerin anvertrauen konnte. Sicher war gerade Hermine Granger niemand, der sein Mundwerk nicht unter Kontrolle hatte, doch in diesem Fall ging es um Harry Potter. Minerva wusste, dass niemand dem Jungen so nahe stand wie Hermine Granger und Ronald Weasley. Nach allem, was sie gehört hatte vielleicht noch Ginny Weasley… Trotzdem, oder gerade deshalb war sie nicht sicher, wie viel Wahrheit Harry Potters Freunde verkraften würden.
Um etwas Zeit zu gewinnen, schob sie umständlich ihre Brille höher auf die Nase, rollte das Pergament in ihren Händen sorgfältig zusammen. "Nun, Ms Granger…", ein weiteres Zögern erhöhte die Spannung, welche von ihrer Schülerin ausging ins Unerträgliche und endlich rang Minerva sich zu einem Entschluss durch. "Ich kann doch davon ausgehen, dass sie diese Information vertraulich behandeln, nicht wahr?"
Das junge Mädchen nickte eifrig. Minerva winkte Hermine näher heran. "Wir…", sie sah die Anspannung im Gesicht ihrer Schülerin, welche sie unwillkürlich viel älter wirken ließ, als sie tatsächlich war. "Wir haben Harry gefunden. Schon vor vier Tagen."
Es dauerte den langen Bruchteil einer Sekunde, in der pure Verständnislosigkeit durch Hermines Blick rauschte. Dann folgte die Erkenntnis. Und der Schock. Hermine schluckte, ein namenloser Schrecken stand ihr überdeutlich ins Gesicht geschrieben. "Aber warum haben sie nichts gesagt?"
Minerva seufzte, fühlte sich mit einemmal sehr müde. "Er will niemanden sehen."
"Nicht einmal uns?", fragte Hermine ungläubig, ein Hauch von Verletzlichkeit in der Stimme.
Minerva schüttelte bedauernd den Kopf. "Geben sie ihm noch etwas Zeit, es war ein schwerer Weg."
Hermine senkte ihren Blick, Minerva war sich fast sicher, dass ihrer Schülerin noch etwas auf der Zunge lag. "Darf ich… darf ich es Ron erzählen?", wurde Minervas Ahnung bestätigt. Sie lächelte leicht, auch wenn Hermine es nicht sah.
"Aber nur Mr. Weasley."
Hermine nickte, hob den Kopf und schaute sie aus ernsten braunen Augen an. Oh ja, dachte Minerva schweren Herzens, der Kampf hat aus diesem Mädchen schon längst eine Frau gemacht.
"Was ist passiert, Professor? Was ist mit Harry passiert?" Hermines Stimme klang fest und kontrolliert, weit mehr als Minerva erwartet hatte.
Sie seufzte ein weiteres Mal, Trauer zeichnete sich auf ihrer ohnehin betrübten Miene ab, ließ sie streng wirken. "Sie haben es geschafft und den Horkrux vernichtet. Aber…", Minerva atmete tief ein, als würde es dadurch leichter die folgenden Worte auszusprechen: "…Remus ist tot."
Nun zerbrach die Maske der Kontrolle und Hermines Augen wurden groß, bevor sie sich mit Tränen füllten. "Oh Merlin… nein!", brachte sie mit erstickter Stimme hervor, barg das Gesicht für einige Augenblick in ihren Händen.
Minerva wusste, es gab nichts, was sie hätten sagen können um die schmerzliche Tatsache erträglicher zu machen. Seit der Nachricht über Remus' Tod trug sie einen Knoten in ihrer Brust herum, der sich einfach nicht lösen wollte und ihr jeden einzelnen Herzschlag schwer machte. Sie dachte an die arme Tonks und war plötzlich froh, dass Hermine sich so schnell sammelte und sich mit einer energischen Bewegung über die Augen wischte. "Würden sie Harry sagen, dass wir auf ihn warten?"
"Natürlich", sagte Minerva, obgleich sie wusste, dass sie nichts dergleichen tun würde. Nicht, weil sie es nicht wollte, eher weil sie wusste, dass Harry Potter ihr nicht zuhören würde. Ebenso wenig wie er irgendjemand anderem zuhören würde. Minerva beobachtete, wie Hermine mit eiserner Ruhe ihre Gemächer verließ.
Kaum hatte Hermine die Tür zum Zimmer ihrer Professorin hinter sich geschlossen, atmete sie kurz und hart die kalte, muffige Luft des Schlossflures ein. Harry war wieder da. Endlich.
Doch welchen Preis hatte er zahlen müssen? Welchen Preis hatte die Vernichtung des Horkruxes von ihm verlangt? Hermine hastete durch die verlassenen Gänge des Schlosses, schlüpfte durch geheime Abkürzungen, welche nur sie und Ron und Harry kannten, um möglichst schnell zurück in den Gryffindor-Turm zu kommen. Zurück zu Ron.
Ron saß mit Seamus über das Zaubererschachbrett gebeugt, bemerkte ihr hastiges Eintreten erst, als sie schwer atmend vor ihm stand. "Hermine, was ist denn mit dir los?", fragte er überrumpelt. Dann, als eine Ahnung ihn überkam, wurden seine Augen groß. "Du weißt etwas von Harry."
Beim Klang von Harrys Namen, verstummten die Gespräche im Gemeinschaftsraum und aller Augen richteten sich auf Hermine. Die Spannung war fast greifbar und Hermine war sicher, dass der ein oder andere den Atem anhielt. Sie bereute ihre Unvorsichtigkeit, rang sich mühsam ein falsches Lächeln ab. "Nein… nein, tut mir leid, nichts Neues von Harry." Zweifelnde Blicke trafen sie, bevor sie Verzeihung heischend mit den Schultern zuckte.
"Warum bist du dann so aufgeregt?", wollte Seamus wissen, sprach damit unbeabsichtigt die Frage aus, welche allen Anwesenden deutlich ins Gesicht geschrieben stand. Hermine wurde rot und schaute schnell zu Boden. Es widerstrebte ihr, ihre Mitschüler, ihre Freunde anzulügen, schließlich war sie nicht die Einzige, die sich ehrlich Sorgen um Harry machte. Doch sie hatte McGonagall ihr Wort gegeben und so hatte Hermine keine Wahl. "Ach, es ist wirklich nicht so wichtig."
Ginny Weasley tauchte unvermutet hinter ihr auf und Hermines schlechtes Gewissen wuchs. Ginny war Harrys Freundin - na ja - Ex-Freundin, obwohl sie nie richtig verstanden hatte, warum Harry sich von ihr trennte. Gerade in schweren Zeiten wie diesen war es gut, jemanden zu haben, der einen auch ohne große Worte verstand. An den man sich anlehnen konnte, wenn man selbst einen schwachen Augenblick hatte. Doch es war nicht an ihr Harrys Entscheidung in Frage zu stellen.
Hermines Blick wanderte zu ihrem ganz persönlichen Felsen in der Brandung. Ron. "…es ging nur um eine neue Verwandlung, die mir McGonagall beibringen will. Sie meint, es würde uns vielleicht helfen…", beendete sie schließlich die für ihre Mitschüler bestimmte Lüge. Vereinzeltes abfälliges Stöhnen war zu hören. Hermine hielt Rons Blick fest, während um sie herum allmählich die Gespräche wieder aufgenommen wurden. Verzweifelt bemühte sie sich darum Ginnys Gestalt neben sich zu ignorieren, welche - eben noch von aufkeimender Hoffnung aufgerichtet - in sich zusammensank und plötzlich so entsetzlich klein wirkte.
Eine steile Falte erschien zwischen Rons Augen und Hermine wusste, dass er verstanden hatte. Mit der fadenscheinigen Ausrede, sie müsse noch lernen, entschuldigte sie sich, stieg einige Stufen der Treppe hinauf, welchen zu ihrem Schlafsaal führte. Sie war froh Ginnys Gegenwart entkommen zu sein. Hermine blieb stehen und wartete. Weiter hinauf konnte sie nicht mehr, der Alarm würde Rons Anwesenheit im Trakt der Mädchenschlafsäle verraten. Hermine legte den Kopf an die kalte Steinwand, atmete den erdigen Geruch des alten Steins ein und versuchte das Chaos in ihren Gedanken zu ordnen.
Harry war wieder da. Also war ihm - Merlin sei Dank - nichts ernsthaftes zugestoßen. Ihm nicht. Die Erinnerung an Remus' Tod kam zurück und erneut brannten Tränen in ihren Augen. Hermine konnte nur ahnen, welche Vorwürfe Harry sich machen würde. Ebenso, wie er es bei Sirius getan hatte. Bei Cedric Diggory. Bei Albus Dumbledore. Bei seinen Eltern. Und nun bei Remus. Nicht zum ersten Mal wünschte sie beinahe, dass gerade Harry nicht der sensible junge Mann sei, der er nun einmal war. Aber war das ein Wunder bei den Erwartungen, die die ganze Welt in ihn setzte?
Wie viel Leid konnte Harry noch ertragen?
Wie viel Leid würden sie alle noch ertragen müssen, bevor die Entscheidung fiel? Keiner von ihnen, besonders die älteren Jahrgänge verstanden, warum die Lehrer alles daran setzten den Schulalltag so normal wie möglich aufrecht zu erhalten, doch Hermine begann zu ahnen, dass sie wirklich dankbar für die trügerische Normalität sein sollte, die man ihnen in Hogwarts aufrecht erhielt. Harry jedoch… Harry kannte auch die andere Seite. Plötzlich wunderte Hermine sich nicht mehr darüber, dass Harry sie nicht sehen wollte.
Hermine atmete schwer ein und sehr langsam wieder aus. So sehr sie sich auch wünschte, Harry wäre weniger er selbst, wusste sie doch ganz genau, dass gerade sein Verantwortungsgefühl für andere ihn zu dem machte, was er nun einmal war. Die letzte Hoffnung der Zaubererwelt. Ihre letzte Hoffnung auf eine Zukunft. Auf ein Leben ohne Krieg und Wahn.
Eine warme Hand legte sich an ihre Wange und Hermine zuckte erschrocken zusammen. Ron trat näher, sein vertrauter Geruch stieg ihr in die Nase und ließ einen Teil ihrer Anspannung weichen. Wortlos wandte Hermine sich ihm zu und ließ sich in die Arme ziehen. Sekundenlang genoss sie seine vertraute Wärme, den Halt, welchen er ihr bot.
"Was ist passiert? Ist Harry…?" Ron stockte. Hermine schüttelte eilig den Kopf und Ron atmete hörbar aus.
"Er ist schon seit vier Tagen wieder hier", murmelte sie gegen seine Brust. Eine widerspenstige Masche seines rostroten Wollpullovers piekte in ihre Wange. Doch erst Rons überraschtes Geräusch ließ sie aufsehen. Ron sah sie verständnislos an. "Warum sagen sie uns nichts? Ist er verletzt? Können wir zu ihm?"
"Er will niemanden sehen", antwortete Hermine sanft und wartete auf Rons Reaktion, obgleich sie schon ahnte, wie diese ausfallen würde.
"Aber… uns wird er doch sehen wollen. Ich meine, dich und mich… Ginny vielleicht nicht."
Sie schüttelte den Kopf, unterbrach damit abrupt Rons Redeschwall. Fassungslosigkeit zeichnete sich auf seinem vertrauten Gesicht ab. Derselbe Zweifel, der auch sie erfüllte.
"Harry will niemanden sehen, Ron. Auch uns nicht. Remus ist… er ist tot." Die Tränen schossen ihr so überraschend in die Augen, dass Hermine diesmal den Kampf verlor und der warmen Spur der Traurigkeit nachgab, als sie ihre Wangen flutete. Rons Blick wurde weich und er küsste sie.
So standen sie einen langen Augenblick, hielten einander schweigend im Arm und versuchten zu verstehen. Harry zu verstehen.
Schließlich durchbrach Ron die Stille, räusperte sich und der harte Zug um seine weichen Lippen spiegelten seine Entschlossenheit wider. "Komm um Mitternacht wieder herunter. Wir werden Harry besuchen. Mag sein, dass er uns nicht sehen will. Was soll's? Wir wollen ihn aber sehen! Ich bringe die Karte und den Tarnumhang mit."
Hermine lächelte zu Ron hinauf und küsste ihn erneut. Als sich ihre Lippen trennten, flüsterte sie leise: "Ich hatte gehofft, dass du so was sagen würdest. Bis nachher!"
Hermine stieg zu ihrem Schlafsaal hinauf, sich der Blicke, mit welchen Ron sie beobachtete, durchaus bewusst. Trotz Remus' Verlust, trotz dem Schmerz, welcher Harrys Verhalten in ihr Herz brannte, lächelte Hermine noch immer, als sie sich auf ihr Bett fallen ließ. Sie bezweifelte zwar, dass sie Schlaf finden würde, auch wenn sie ihn zweifellos gebrauchen könnte. Dennoch glitt sie rasch in eine Art Dämmerzustand zwischen Wachen und Schlafen hinüber und die Zeit beschleunigte ihre Arbeit.
Ron dagegen fand nicht eine Sekunde Ruhe. Hellwach lag er hinter halb geschlossenen Vorhängen in seinem Bett und lauschte den gleichmäßigen Atemzügen seiner Zimmergenossen. Ein weiteres Mal glitt sein Blick durch den schmalen Spalt der Vorhänge zu Harrys leerem Bett.
Harry war also wieder da.
Seit vier Tagen. Ron hatte in den vergangenen Stunden seit Hermines Offenbarung zu verstehen versucht. Hatte hin- und her überlegt, aus welchem Grund Harry sie nicht sehen wollte. Nicht einmal ihn und Hermine. Es traf Ron schmerzhaft und hart, dass sein bester Freund sich derart von ihm abwandte. Ohne ersichtlichen Grund, jedenfalls keinen, den er, Ron, momentan eingefallen wäre. Was aber nicht bedeutete, dass Harry sich nicht einen Grund für sein Eremitendasein zusammenreimte, so verquer er auch sein mochte.
Ron war nicht dumm, er wusste ebenso gut wie Hermine, dass Harry viel zu viel mit sich selbst ausmachte, dass er sie nicht in noch größere Gefahr bringen wollte, indem er sie an seinen Gedanken teilhaben ließ.
Nun, Ron dachte nicht daran, Harry mit dieser Einsiedelei durchkommen zu lassen. Hatten sie nicht schon genug Schwierigkeiten zusammen gemeistert? Hatten er und Hermine, aber auch alle anderen Gryffindors, ihm nicht immer beiseite gestanden, wenn es ernst wurde? Hermines Worte kamen ihm wieder in den Sinn und Ron schloss die Augen.
Natürlich.
Remus war tot.
Daran gab es nichts zu rütteln. Der Letzte von James Potters Freunden war bei dem Versuch gestorben, Harry in seinem aussichtslos erscheinenden Kampf zu helfen. Zweifellos gab Harry sich die Schuld an Remus' Tod. Ron sah es als seine Aufgabe als Freund, Harry von diesem hirnrissigen Schuldtripp abzubringen. Er wäre ja schließlich nicht das erste Mal.
Ron war dankbar, dass die Untätigkeit ihr Ende fand, als er kurz vor Mitternacht so leise wie möglich aus seinem Bett kroch. Er nahm den Tarnumhang und die Karte der Rumtreiber an sich, welche er schon vor Stunden aus Harrys Truhe geangelt und unter seinem Kopfkissen versteckt hatte. Nach einem letzten prüfenden Blick auf die schlafenden Gesichter von Seamus, Dean und Neville, warf er sich den Tarnumhang über die Schultern und schlich hinunter in den Gemeinschaftsraum.
Eine sichtlich nervöse Hermine erwartete ihn bereits, sprang aus ihrem Sessel auf, sobald er sich den Tarnumhang vom Kopf zog. Angespannt blickten sie einander in die Augen, doch die Entscheidung war längst gefallen. Sie würden zu Harry gehen, ob es diesem nun passte oder nicht. Beide wussten, dass wohl Letzteres der Fall sein würde.
on top of broken trust
Harry schlief nicht. Er glaubte nicht mehr geschlafen zu haben seit… seit jenem Tag. Sein Kopf fühlte sich dumpf an, seine Gedanken flossen nur träge und er hatte Kopfschmerzen, der Tribut, den er dem Schlafmangel zollte.
Er bemerkte aus den Augenwinkeln, wie eine der beiden Flügeltüren zum Krankensaal sich öffnete und überlegte flüchtig, ob es schon wieder an der Zeit für einen Verbandswechsel sei. Doch statt der erwarteten Madam Pomfrey kam niemand. Harry wandte seinen Blick nun endgültig zur Tür.
Niemand.
"Verschwindet!", sagte er in den leeren Saal und die Kälte in seiner Stimme erschrak den letzten Rest seines alten Ichs bis ins Mark.
Wie Harry erwartet hatte, erschien zuerst Hermine unter dem fließenden Stoff des Umhanges und dann Ron. Seine roten Haare waren durcheinander.
"Hallo, Harry", sagte Hermine diplomatisch, trat näher an das Krankenbett heran und wollte nach Harrys Hand greifen, die schmal auf der weißen Bettdecke ruhte.
Mit einer eckigen Bewegung zog Harry seine Hand fort, funkelte seine Freunde wütend an: "Ich sagte: Verschwindet!"
"Aber Harry…", begann Hermine erneut, einen verständnislosen Ausdruck in der Stimme. Rons anfangs besorgter Blick ging zuerst in Fassungslosigkeit, dann zu echtem Ärger über.
"Nichts, aber Harry. Raus! Alle beide!", blaffte Harry seine völlig schockierten Besucher an. Sein Gesicht war zu einer kalten Maske der Wut verzerrt. Dies war der Punkt, an welchem Ron endgültig den Kampf gegen sein schäumendes Temperament verlor. Es war eine Sache, wenn sie auftauchten, obwohl McGonagall klar gesagt hatte, dass Harry niemanden sehen wollte. Das gab Harry aber noch lange nicht das Recht, so mit ihnen zu reden.
"Was zum Henker ist los mit dir?", brachte Ron ähnlich kalt heraus, seine Hände ballten sich unter dem Tarnumhang zu Fäusten.
"Gar nichts. Ich will allein sein. ALLEIN!"
"Komm schon, Harry. Wir sind deine Freunde, das weißt du doch und…", Hermine zuckte jäh zusammen, als Harry sich unvermittelt im Bett aufrichtete und "RAUS!" brüllte. Es war nur ein einzelnes Wort und weder Ron noch Hermine hätten je gedacht, dass es mit soviel Abscheu und Hass beladen werden könnte.
Ron begriff zuerst, was Hermine sich noch weigerte zu verstehen und ein Teil seiner Wut sank so schnell in sich zusammen wie sie gekommen war. Hermine dagegen stand wie versteinert einen Moment einfach nur da und starrte Harry an. Ein leises Zittern rieselte durch ihren Körper.
"Gehen wir", sagte Ron überraschend sanft und griff nach ihrem Arm. Hermine wollte sich wehren, doch Rons Worte ließen ihren aufkeimenden Widerstand augenblicklich in sich zusammensinken. "Harry ist mit Remus gestorben."
Hermine ließ sich sichtlich widerwillig mitziehen, den Blick auch beim Hinausgehen auf Harrys blasses Gesicht gerichtet. Nie hatte sie ihn so wütend gesehen, so kalt, so emotionslos. Ein Fremder mit dem vertrauten Gesicht ihres Freundes. Rons Finger an ihrem Handgelenk fühlten sich plötzlich fiebrig an, doch Hermine hatte nicht die Kraft sich zu wehren. Die Flügeltür des Krankensaals fiel hinter ihnen ins Schloss und mit ihr schwang eine Frage in Hermines Geist.
Was ist mit Harry passiert?
Es war, als würde der sanfte Lufthauch der zufallenden Tür Harry zurück in die Kissen pressen und er hatte nicht den Willen sich entgegenzusetzen. Das steife Leinen des Kopfkissens knirschte unter ihm, als er zurücksank.
Harry legte einen Arm über seine Augen, ignorierte den schmerzhaften Druck seiner Brille auf der Nasenwurzel und versuchte energisch das Brennen hinter seinen Lidern zu ignorieren. Waren das Tränen? Nein, denn was nützte es ihm noch zu weinen? Hatte er nicht schon genug Tränen vergossen? Tränen der Angst, der Wut, der Trauer? Und was hatten seine Tränen bewirkt?
Nichts.
Überhaupt nichts. Das Brennen ließ nach und der Moment der Schwäche verging. Harry drehte sich etwas mühsam auf die Seite, bemüht, die Verbände um seinen Rumpf nicht zu berühren.
Er war erschöpft.
So unendlich müde.
Er schlief nicht.
Die Nacht war lang und grausam, geprägt von seichtem Dahindämmern am Rande seines Bewusstseins. Verblassende Traumbilder ließen ihn immer wieder aufschrecken. Die Erinnerung war ein grausames Getier, welches auf Harrys Brust hockte, ihm die Luft zum Atmen stahl, ihm die Ruhe des Schlafes raubte. Und dessen Durst nach Qual war noch lange nicht gestillt.
Dennoch ging auch diese Nacht vorüber und am nächsten Morgen konnte Harry nach einem letzten Verbandswechsel die Krankenstation verlassen.
Fast widerwillig machte er sich auf den Weg zurück in den Gryffindorturm. Er ignorierte das erfreute Geschwätz der fetten Dame, die ihn überschwänglich begrüßte.
Ebenso ignorierte er die erst überraschten, dann fassungslosen Blicke seiner Hauskameraden, als er wortlos durch den Gemeinschaftsraum ging, die Treppe zum Jungenschlafsaal emporstieg und die Tür hinter sich zuschlug.
Dean und Seamus hockten auf Deans Bett, zwischen einem unordentlichen Berg aus Schokofroschkarten. Sobald sie ihn erkannten, sprangen sie zeitgleich auf, begrüßten ihn mit freudigem Geplapper.
Harry wich ihnen aus, als sie ihm freundschaftlich auf die Schulter klopfen wollten. Er sah sie nicht einmal an, zog nur schweigend seine Truhe unter dem Bett hervor, holte frische Sachen heraus und zwang seine Beine ihn in das angrenzende Badezimmer zu tragen. Die verblüfften Blicke seiner beiden Zimmerkameraden folgten ihm, bis auch diese Tür hinter ihm zuschlug.
Harry legte seine Sachen auf einem der niedrigen Holzschränkchen ab, in welchem die Badetücher verstaut waren. Er ging zu den Waschbecken, betrachtete sein blasses Gesicht in dem Spiegel darüber. Er sah aus wie immer. Zu blass, zu dünn, die dunklen Haare ein unfrisierbarer Haufen Schwarz. Seine Brille war ihm auf dm Nasenrücken nach unten gerutschte. Er schob sie wieder hinauf. Wie konnte es sein, dass er noch immer so beschissen normal aussah? Wie konnte er noch immer wie der alte Harry aussehen, wenn er nur noch eine leere Hülle war? Wie konnte er sich noch selbst erkennen, wenn seine Seele in jener Nacht doch aus seinem erbärmlichen Sein herausgerissen worden war?
Er hörte die gedämpften Stimmen von Dean und Seamus, durch die Tür. Irgendwann kam eine Dritte hinzu. Wahrscheinlich Ron oder Neville.
Es war Harry egal.
Matt schälte er sich aus seinen zerknitterten Sachen, trat unter einen der alternden Duschköpfe und drehte das Wasser auf. Winzige Nadeln stachen in seine Haut, als das kalte Wasser ihn traf.
Harry wusch sich ohne Eile, ignorierte die Gänsehaut, welche seinen ganzen Körper bedeckte. Erst als er nach Minuten so stark zitterte, dass ihm die Seife aus der tauben Hand glitt, drehte er das Wasser ab. Nachlässig trocknete er sich, schlüpfte in frische Sachen und ging zurück durch seinen Schlafsaal. Vereinzelte Tropfen eisigen Wassers perlten aus seinen Haaren, nässten seinen Nacken und begannen ihren kriechenden Abstieg über seinen Rücken. Harry ging. Einen qualvollen Schritt nach dem anderen durchquerte er den Gemeinschaftsraum, stieg die Treppen hinab und betrat die große Halle.
Zurück ließ er seine schmutzige Wäsche auf dem Fußboden im Badezimmer. Mit einem leisen 'Pfock' rutschte die Seife von ihrer Ablage und schlitterte über die blank polierten Steine. Erst auf dem angelaufenen Gitter des Ablaufes kam sie zur Ruhe und bildete mit dem restlichen Wasser allmählich eine unansehnliche schmierige Pfütze auf dem feuchten Boden. Ohne es zu wissen, ließ Harry ein weiteres Stück von sich selbst zurück. Ein weiteres Stück seiner Seele, welche gestorben war, als er in Remus' blicklose Augen starren musste.
Harry betrat die große Halle. Er war zu spät. Alle anderen Schüler saßen schon über den Resten ihres Frühstücks und hoben die Köpfe, als er eintrat. Das vielstimmige Gemurmel verstummte augenblicklich, sobald sie ihn erkannten. Er hatte es immer als unangenehm empfunden so angestarrt zu werden. Er hatte es gehasst. Heute interessierte es ihn nicht. Nicht mehr.
Harry sah niemanden an, ging nur schweigend zu seinem Platz neben Ron, setzte sich und griff nach dem Haferbrei. Er tat sich zwei Löffel auf und begann zu essen ohne etwas zu schmecken. Noch immer herrschte Schweigen in der riesigen Halle, fast, als warteten alle mit angehaltenem Atem auf irgendetwas. Vielleicht ein Wort von ihm. Vielleicht würde sogar schon ein Nicken reichen.
Doch Harry enttäuschte sie.
Stoisch löffelte er seinen Haferbrei, trank ab und an einen Schluck Kürbissaft und schwieg. Er sah niemanden an und wollte von niemandem gesehen werden.
Prof. McGonagall fand schließlich als erste die Sprache wieder, klatschte energisch in die Hände und erinnerte Harrys Mitschüler herrisch daran, dass der Unterricht in wenigen Minuten beginnen würde. Artig erhoben sich die meisten, sammelten ihre Umhänge und Taschen ein und eilten dienstbeflissen davon. Harry sah ihnen mit einem spöttischen Lächeln auf den Lippen nach, beobachtete, wie sich zuletzt sogar Malfoy, gefolgt von seinen beiden Leibwächtern, der Meute anschloss. Ihre Blicke begegneten sich, hielten einander für die Dauer eines Wimpernschlages fest, wie sie es immer getan hatten.
Dann sah Harry weg.
Es interessierte ihn nicht mehr, was Malfoy tat. Es interessierte ihn nicht mehr, was all diese plappernden Schafe um ihn herum taten. Sie hatten keine Ahnung. Trotz der Gleichgültigkeit, welche sich allmählich durch seine Seele fraß, empfand er fast so etwas wie Ärger darüber, dass all die Anderen nur am Rande mitbekamen welcher Kampf in der Zaubererwelt außerhalb von Hogwarts tobte. Die Lehrer ließen nicht zu, dass allzu viele schlechte Nachrichten nach innen drangen und so wie es aussah, war es sogar den Eltern ganz recht so, denn keiner seiner Mitschüler hatte auch nur annähernd eine Ahnung davon, was Harry getan hatte. Was er noch tun würde!
Er konnte sich ein genervtes Stöhnen nicht verkneifen, als er bemerkte, dass Ron und auch Hermine noch immer bei ihm saßen. Warum begriffen sie es nicht endlich? Ihren netten kleinen Harry-Potter-Freund gab es nicht mehr!
"Seid ihr taub? Der Unterricht fängt an, also huschhusch! Ihr wollt doch keine Punkte für Gryffindor verlieren, nicht wahr, Hermine?" Harrys Stimme war nicht sonderlich ablehnend, trotzdem kniff Ron die Lippen zusammen und Hermine wich unwillkürlich zurück. Das Lächeln, welches an Harrys Mundwinkeln zupfte, hätte bösartiger nicht sein können.
"Harry, was ist denn nur mit dir?", fragte Hermine verwirrt, einen Hauch von Entsetzen in der Stimme. Dasselbe Entsetzen, welches Harry in ihren Augen lesen konnte. Sie wusste es. Hermine wusste, dass sie ihren Harry nicht mehr zurückbekommen würde, auch wenn sie sich zweifellos mit Klauen und Krallen dagegen zur Wehr setzte, sich diese Erkenntnis eingestehen zu müssen.
"Nichts, was soll schon sein? Alles bestens", log Harry kalt, bleckte die Zähne zu einem angedeuteten Lächeln und widmete sich erneut seinem Haferbrei. Er konnte Hermines Blick fast körperlich spüren.
"Mr. Potter", erklang die feste Stimme von Prof. McGonagall hinter ihm.
"Was?", schnappte Harry und schob seinen halbvollen Teller weg. Er hatte kaum einen Bissen hinunter bekommen, doch selbst das war ihm egal, er verspürte keinen Hunger mehr.
Seine Hauslehrerin atmete hörbar aus, bevor sie Ron und Hermine zum Unterricht schickte. Hermine wollte protestieren, doch Ron zog sie mit sich. Er würdigte Harry keines Blickes, dennoch wusste Harry, dass unverhohlener Zorn in Rons sonst so sanften blauen Augen zu lesen war. Harry stellte fest, dass da nichts mehr in seinem Inneren war, was auf die Wut seines Freundes reagierte. Lediglich der Widerhall eines leisen Bedauerns regte sich in seinem Herzen, doch er verging so schnell wie er gekommen war.
"Mr. Potter", riss Prof. McGonagall ihn aus seinen Gedanken, mit befehlsgewohnten Ton, der keinen Widerspruch duldete. Harry tat ihr den Gefallen, hob den Blick und sah sie an.
Wie immer, wenn sie besonders ärgerlich war, hatte Minerva die Lippen zu einem dünnen Strich zusammengepresst und betrachtete ihren Schüler vor sich mit einem tadelnden Blick über den Rand ihrer Brillengläser hinweg. Doch als der Junge sie ansah, verpuffte ihr Ärger restlos und sie musste um ihre Contenance kämpfen. Da war etwas in den Augen von Harry Potter, etwas Namenloses, etwas Schreckliches, was einen Teil von Minervas Seele zu Eis erstarren ließ. Schwarze Leere schien direkt aus Harry Potters sonst so ausdrucksstarken Augen nach ihr zu greifen, es rief nach ihr, verlangte nach ihr, geiferte nach ihr. Minerva zuckte beim Klang von Harrys Stimme zusammen.
"Prof. McGonagall", sagte Harry mit falscher Freundlichkeit, brachte sogar den Ansatz eines Lächelns zustande, bevor sein Gesicht erneut zu einer starren Maske gefror. "Nett, sie zu sehen, wo ihre Zeit doch schon fast abgelaufen ist. Also, ich an ihrer Stelle wäre ja nicht hier um zu unterrichten. Ich würde noch mal die Sau rauslassen, bevor ich abkratze."
Nach diesen Worten stand Harry auf und verließ ohne besondere Eile die große Halle. Er ignorierte seine geschockte Lehrerin, welche wie erstarrt schien und ihm mit aschfahlem Gesicht nachschaute, bis die Türen der Halle sich hinter ihm schlossen.
Minerva starrte die zuschlagenden Türen an und fünf kleine Worte hallten durch ihre Gedanken. "Er kann es nicht wissen! Er kann es nicht wissen! Er kann es nicht wissen!"
Wenn sie doch nur selbst daran hätte glauben können.
"Er kann es nicht wissen", hauchte sie in die leere Halle.
Die hohen Wände warfen ihr Flüstern hundertfach zurück.
"Er kann es nicht wissen!"
Tbc…
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