Kapitel 2
Als nächstes hatten wir Sport, Jungs und Mädchen getrennt. Wir spielten zu meinem Missvergnügen draußen Hockey.
Ich bin nicht so gut in Sport, weil ich ein wenig langsam bin.
„Hey Fetti", rief ein blondes Mädchen mit Schweißband. „Streng dich mal ein bisschen an."
Dazu muss ich sagen, dass dies eigentlich keine Beleidigung war, weil ich ja tatsächlich Fetti heiße, aber das wusste dieses Mädchen eigentlich nicht. Keine Ahnung, wie sie es erraten hatte.
Atemlos keuchte ich also den anderen Spielerinnen hinterher und gab mir alle Mühe nicht im Weg rum zu stehen, als ich plötzlich ein seltsames Klackgeräusch hörte. Klick klack, klick klack, als würde jemand Rinderknochen auf einander schlagen.
Ich schaute in die Richtung des Geräusches und sah in der Ferne die Jungs beim Dauerlauf. Einer der Jungen fiel mir besonders auf, weil er so einen komischen Gang hatte. So eckig und irgendwie hölzern, als würde er auf Stelzen laufen. Auch war er unglaublich dürr und als sie um die Kurve bogen und auf uns zu kamen, war ich mir schon fast sicher, dass die seltsamen Geräusche von ihm ausgingen. Klick klack, klick klack, machte es während der seltsame Bursche näher kam. Er lief alleine, nicht wie die anderen in der Gruppe. Es war als mieden sie seine Gesellschaft. Ich konnte meine Augen nicht von ihm lassen, er hatte etwas beunruhigend mysteriöses an sich. Er wirkte wie nicht von dieser Welt, geheimnisvoll und doch seltsam vertraut. Irgendwo, dachte ich, habe ich so eine Gestalt schon mal gesehen. Komischer Weise assoziierte ich sofort eine schwarze Kutte obwohl er einen pinken Jogginganzug und ein gleichfarbiges Stirnband trug. Als er näher kam, mit diesem verrückten Hüpfgang, wurde mir klar, dass er eine Glatze hatte. Das Sonnenlicht spiegelte sich auf seinem beinahe weißen Schädel… ich meine Kopf. Er war wirklich unglaublich dünn, wie Billi Kaulitz oder so und bei näherem Betrachten beinahe so hässlich.
Jetzt da er mich fast erreicht hatte, konnte ich sein Gesicht sehen, es war…
„Pass auf Fetti" schrie die blonde Sportskanone und dann traf mich schon der Hockeyball an die Schläfe. Mit einem Seufzen verlor ich das Bewusstsein, aber ich bin sicher, dass ich sehr graziös zusammen sank.
„BIST DU IN ORDNUNG?", hörte ich jemanden fragen, als ich erwachte. Für einen Augenblick dachte ich, ich sei gestorben, weil ich mir einbildete, dass mich keine 10 Zentimeter vor meinem Gesicht entfernt ein völlig blanker Totenschädel mit schwarzen Augenhöhlen und allem drum und dran anstarrte und auch die Stimme so komisch hallte. Dann aber drängte sich die Sportskanone in mein Sichtfeld.
„Man, Fetti, bist du bescheuert einfach so rumzustehen. Willst du das ich dir ein Loch in den Kopf baller?"
„Äh", antwortete ich verwirrt und starrte den Totenschädel an.
Bessergesagt es war ja gar keiner.
Über mir kniete nur ein sehr, sehr margerer , sehr, sehr weißhäutiger Junge mit Glatze und riesigen Augen und starrte mich an. Dabei grinste er so seltsam, dass ich zornig wurde.
„Was gibts denn da zu grinsen, Kojak? Geh runter von mir, deine spitzen Knie bohren sich mir in den Magen"
„ENTSCHULDIGUNG!" antwortete er wieder mit dieser hallenden Stimme.
„Schon ok", ich versuchte aufzustehen, merkte aber schnell, dass sich mein Gleichgewichtsgefühl in Wackelpudding verwandelt hatte. Bevor ich wieder stürzten konnte, packten mich zwei harte dünne Hände an den Hüften. Der Griff war fest, aber auch irgendwie sanft, zumindest soweit das möglich ist, wenn sich zehn bleistiftdünne Finger in Hüftfett bohren
„DU MUSST VOSICHTIG SEIN, VIELLEICHT HAST DU EINE SCHÄDELFRATUR. DAMIT IST NICHT ZU SPASSEN!"
Er stand direkt hinter mir und für einen absurden Augenblick fühlte es sich wie eine zärtliche Umarmung an. Ich konnte sein Parfum riechen, Weihrauch oder so und Bienenwachs und Lilien.
„Schon gut", sagte ich mit zitternder Stimme, schon sehr lange hatte mich ein Junge nicht mehr so angefasst. Ja ist ja gut, der letzte Mann der das getan hatte, war mein Vater und das beim Hoppehoppereiter spielen in der Kindergartenzeit. Gibt keinen Grund darauf rum zu hacken. Auf jeden Fall war es angenehm, irgendwie.
„Nehmt euch ein Zimmer ihr Freaks", keifte die Sportskanone und trabte davon, nach dem sie sich vergewissert hatte, dass ich nicht tot umfallen würde. Jetzt erst wurde mir klar, dass wir seit über zehn Sekunden so standen und er keine Anstalten machte seine Hände weg zu nehmen. Nun ja ich habe diese Selbstverteidigungskurse auch gemacht, auch wenn ich sie bis jetzt noch nie gebraucht hatte und eigentlich war es ja keine Bedrohung, aber die Stunden sind teuer gewesen und irgendwann müssen sie sich ja mal lohnen. Mit voller Wucht trat ich ihm auf den Zeh. Keine Reaktion. Ich trat nochmal zu und wünschte mir Pfennigabsätze. Wieder nichts. Dann eben doch die radikale Variante. Ich holte nach vorne aus und schwang meine Verse zielsicher in seine Eier. Ein dumpfes Geräusch, ein leises Knacken und dann schrie ich auf weil meine Verse so höllisch weh tat, dass ich hätte heulen können.
„OH, DAS TUT MIR LEID", sagte er während ich fluchte und mich zornig aus seinem Griff heraus wand.
„Auh, scheiße, hast du Steine da drin?" fragte ich und verlagerte mein Gewicht auf den anderen Fuß, während ich mich zu ihm umdrehte.
„ ICH BIN SEHR ROBUST, TUT MI LEID."
„ Robust? Du bist ein Strich," keifte ich in an und machte Anstalten zum Hockeyspiel zurück zu humpeln.
„DU SOLLTEST DAS UNTERSUCHEN LASSEN, WENN DER KNÖCHEL ANGEKNAKST IST, MUSS DAS BEHANDELT WERDEN."
„Ach? Bist du jetzt ein Doktor oder was?"
„ ICH KENNE MICH AUS MIT KNOCHEN!"
Ich versuchte ihn zu ignorieren und wieder zum Spiel zu humpeln, aber es tat so scheiß weh, dass ich nicht mal zwei Meter weit kam, bevor ich wieder zusammensank.
Ich hatte gar keine Chance auf den Boden zu knallen. Kaum knickte ich ein, war er schon wieder da. Seine dürren Ärmchen schoben sich unter meinen stürzenden Körper und fingen mich auf. So lag ich nun in seinen Armen, mein Gesicht an seine knorrige Brust gedrückt und mein Herz begann seltsam zu rasen.
„DARF ICH DICH BITTE ZUR KRANKENSTATION TRAGEN? ICH FÜHLE MICH VERANTWORTLICH", fragte er grinsend und seine Stimme hallte vielfach in meinen Ohren.
„ Ja", wisperte ich scheu.
Und das war mein zweiter folgenschwerer Fehler.
