Das orangene Licht der Straßenlaternen schien bis zu Janas Zimmer im 9. Stock hinauf. Sie mochte es nicht. Viel zu viele Schatten in ihrem Zimmer.
Verschlafen blinzelnd setzte sich das kleine blonde Mädchen auf, als ein Windhauch über ihr Gesicht strich. Wind …?
Verwirrt sah sie sich in ihrem Zimmer um. Das Fenster stand offen, bewegte sich leise quietschend in den Angeln hin und her. Eine Gänsehaut breitete sich auf ihrem Körper aus. Es war kalt.
Sie hatte das Fenster doch zugemacht …?
Leise gähnend zog sie die Zudecke von sich und schwang ihre nackten Füße über die Bettkante. Als ihre Zehen den kalten Boden berührten, zuckte sie leicht zusammen. Wirklich kalt. Sich so wenig wie möglich umschauend, huschte Jana zum Fenster und schloss es. Das Quietschen klang so laut. Ein leises Rascheln ließ sie sich erschrocken umdrehen.
Die bekannte Angst begann sich in ihr auszubreiten, ihr die Luft abzuschnüren. Die Dunkelheit um sie herum, wurde auch durch das orangene Licht nicht verbessert. Dieses grässliche Licht. Jana begann zu zittern.
‚Du bist acht Jahre alt! ', schoss es ihr durch den Kopf. ‚Wie sieht das aus, wenn du zu Mummy und Daddy rennst? '
Sie schluckte. Zum Bett, das wie eine schützende Insel in all der Dunkelheit hervorragte, rannte sie fast. Sie wollte tapfer sein. Sie war doch ein großes Mädchen. Trotzdem standen ihr Tränen in den Augen. Schnell zog sie die Bettdecke bis zum Kinn und zog die Knie bis an ihre Brust. Es gab keinen Grund Angst zu haben. Es war doch nur ihr Zimmer.
Janas Blick wandte sich nach links zu ihrem Nachttisch. Die Lampe darauf wirkte einladend. Ein Klick und die Monster verschwanden. Nur ein Klick. Aber war das nicht feige? Mit Licht schlafen? Das machten doch nur kleine Kinder! Sie wollte aber kein kleines Kind sein! Sie war doch ein großes Mädchen. Daddys großes Mädchen.
Sie kniff die Augen zu und lauschte. Ihr Atem klang hektisch, nervös. Noch immer zitterte sie. Sich auf die Unterlippe beißend legte sich Jana hin, schloss bebend die Augen und versuchte sich an den Ausflug ins Naturschutzgebiet zu erinnern. Die Bäume waren schön. Und Rehe hatte sie gesehen! Sogar ein ganz kleine-
Atmen. Ganz deutlich. Da atmete jemand. Die Gänsehaut wurde stärker, als das Mädchen spürte, wie etwas von unten gegen ihre Matratze drückte. Einen Moment erstarrte sie, dann wich sie zurück bis ganz zum Kopfende und versuchte das ängstliche Wimmern in ihrer Kehle zu unterdrücken. Das hatte sie sich eingebildet. Da war nichts unterm Bett. Daddy hatte nachgesehen, bevor sie schlafen gegangen war. Er hatte doch nachgesehen.
Sie lauschte. Angestrengt lauschte sie, doch außer dem Verkehr unten auf der Straße war nichts zu hören. Wenn sie genau hinhörte, konnte sie sogar Daddy schnarchen hören. Ein leises Lachen kam aus ihrem Mund, doch irgendwie klang es falsch. Hysterisch. Sie brauchte doch keine Angst zu haben.
Jana schüttelte den Kopf. Sie war doch kein Baby. Unter dem Bett war sicher nichts. Aber um ganz sicher zu gehen, konnte sie ja nochmal nachsehen. Nur zur Sicherheit. Alles was sie tun musste, war das Licht anzumachen und unters Bett zu sehen. Erneut ging ein Zittern durch ihren Körper, bei der Vorstellung das Bett zu verlassen. Was wenn das Monster unterm Bett sie packte und hinunterzog? Wenn es sie auffraß! Erneut schüttelte sie den Kopf. Das war doch Quatsch! Unterm Bett war nichts. Tief durchatmend schlug sie die Decke zum zweiten Mal in dieser Nacht zur Seite und tastete nach dem kleinen Schalter ihrer Nachttischlampe. Sie drückte ihn – nichts geschah. Jana schluckte. Sie hatte sie doch eingesteckt. Ganz sicher. Der Drang nach Daddy zu rufen wurde stärker. Er würde zu ihr kommen, aber er würde sie mit diesem Blick anschauen und ganz genau wissen, dass sie kein großes Mädchen war. Er würde sagen, dass es nichts machte, dass das okay war. Aber sie wollte nicht. Sie wollt doch ein großes Mädchen sein. Daddy hatte unterm Bett nachgesehen. Die Gänsehaut wurde stärker. Janas Hand wanderte beinahe automatisch zu ihrem Stoffdelphin Flipp. Sie drückte ihn an sich und schwang vorsichtig ihre Beine über die Bettkante. Die Angst wuchs. Was wenn unterm Bett doch etwas war?
Aber sie war ein großes Mädchen. Mummy sagte immer, wenn man den Monstern sagte, sie sollen verschwinden, würden sie das tun. Genau!
„Geht weg…", flüsterte sie leise zu sich, ehe sie ganz aufstand und ein paar Schritte vom Bett zurückwich. Das Licht, dass von der Straße hochschien erleuchtete das Zimmer eigentlich genug. Sie brauchte ihre Lampe nicht.
All ihren Mut zusammenkratzend ging Jana näher ans Bett heran und sank auf die Knie. Ihre Bettdecke hing über den Rand. Sie musste sie nur hochheben. Sie musste sie nur hochheben und sie würde sehen, dass nichts unterm Bett war. Daddy hatte nachgesehen. Sie war doch ein großes Mädchen.
Ihre kleine Hand schimmerte erschreckend orange in dem trüben Dämmerlicht, während sie langsam den Stoff ihrer Decke hochhob und -
Nichts. Gar nichts. Nur ein paar Staubmäuse.
Die Anspannung fiel von ihren Schultern und das leise Seufzen das aus ihrem Mund kam, klang erschreckend laut in der Stille ihres Zimmers. Sie war ein großes Mädchen. Daddy hatte Recht gehabt. Daddy war sicher stolz.
Lächelnd stand Jana auf und drückte Flipp noch ein wenig enger an sich.
Der warme Atem auf ihrem Nacken ließ sie erschreckt keuchend umdrehen. Der Blick des Mannes, mit den lavendelfarbenen Augen brannte sich ihr ein.
Panik durchströmte sie. Sie wollte schreien. Sie wollte laut schreien. Sie bekam keine Luft.
Der Mann lachte leise und legte den Kopf schief.
„Lass uns spielen…"