Linda holte John am Bahnhof von Bury St Edmunds ab. Linda Woodard. Sie war Psychologin und Angestellte des Yard, Johns Kontaktperson für den gesamten Einsatz. Eine unauffällige Frau in Johns Alter. Ideal für den Job. Sie führte John in die kleine Wohnung, die für ihn angemietet worden war, ganz in der Nähe des St Annas Hospital aber ausserhalb des Campus. Wohnblock, 6. OG, eineinhalb Zimmer, möbliert. Die Wohnung war überraschend geräumig und hell. Sie befand sich im obersten Geschoss des Hauses. Durch ein grosszügiges Oberlicht fiel letztes Tageslicht.
John räumte seinen Koffer aus, versorgte die Kleidung im Einbauschrank. Das Bett in der Schlafnische war bezogen, Linda hatte ein zweites Set Bettwäsche bereits in den Schrank gelegt. Im Bad gab es Frottierwäsche und die kleine Küche war eingerichtet. Linda hatte alles vorbreitet. Sogar Obst und Mineralwasser hatte sie eingekauft.
„Ich lass dich dann mal ankommen", sagte sie. „Wir sehen uns morgen."
John ging als erstes einkaufen. Der Supermarkt lag direkt um die Ecke. Esswaren, Duschgel (ein anderes als er normalerweise benutzte, das gehörte zu seinem Auftrag), Abwaschmittel, ein paar Gewürze, eine Flasche Wein. John hatte Lust auf Wein. Er würde sich heute Abend etwas Kleines kochen, ein Glas Wein trinken, vielleicht etwas lesen oder fernsehen. Er musste sich ablenken. Er durfte Sherlock nicht anrufen. Auch keine SMS. Kein Kontakt. Das war unerwartet hart. John hatte nicht damit gerechnet, dass es ihm so schwer fallen würde. Schon während der zweieinhalb Stunden Zugfahrt hatte er sich ertappt, wie er unbewusst ständig auf eine SMS gewartet hatte, wie er immer wieder versucht gewesen war, Sherlock zu texten. Aber er hatte ein neues Mobiltelefon, eine neue Nummer, die Sherlock nicht wusste, anonyme Prepaid-Karte, zugelassen auf John Horton, die Kontakte leer. Zweieinhalb Stunden Zugfahrt. Das war lächerlich. Eine lächerlich kurze Zeit. Eine lächerlich kleine Distanz. Schmerzhaft nachrichtenlose Leere.
John hatte nicht mit dieser nagenden Unruhe gerechnet. Nicht mit dieser Abhängigkeit. Auch nicht mit der Ratlosigkeit, die der Abschied in London in ihm hinterlassen hatte.
Sherlock hatte ihn zum Bahnhof begleitet, eine unerwartete Geste, Ausdruck seines Unbehagens vielleicht, seiner Sorge. Sie waren sich vor dem Gate gegenüber gestanden, hatten nicht gewusst, was es zu sagen gab zwischen ihnen angesichts dieser Situation. Sie waren sich gegenüber gestanden und hatten nicht gewusst, wie sie sich trennen sollten. Die Zeit war ihnen davon gelaufen. Sherlock war dagestanden, verschlossen, die Hände in den Manteltaschen. Sie hatten sich in die Augen gesehen. John hatte sich dem Blick des Freundes geöffnet, hatte ihn seine Zuneigung sehen lassen.
„Mach's gut, Sherlock", hatte er gesagt und seine Hand für einen Moment an Sherlocks Arm gelegt, an den Wollstoff des Mantels.
Er hätte ihn gerne umarmt, aber Sherlock stand bewegungslos. John wusste um Sherlocks Scheu vor Berührung und körperlicher Nähe, akzeptierte sie. Die Zeit war ihnen davon gelaufen. John hatte sich gelöst von Sherlock, sich umgedreht, sich angeschickt zu gehen. Sherlock hatte ihn aufgehalten:
„Warte, John!"
Hatte ihn festgehalten. Zurückgezogen. Die Finger am Zipfel des Ärmelaufschlags von Johns Jacke, festgeklammert, direkt an Johns Hand. Vielleicht hatte er nach der Hand greifen wollen, es im letzten Moment vermieden. Ihre Hände berührten sich nicht.
„Pass auf dich auf, John."
Sherlocks Stimme leise und schwankend.
John hatte in die wasserhellen Augen geschaut, in die Angst darin, die Unrast, die Trauer. Er hatte all das zugelassen, entgegen genommen. Signalisiert, dass er verstand. Signalisiert, dass es keine Rolle spielte, dass alles keine Rolle spielte. Dass alles, was zählte, nicht damit zusammenhing. Dass es keine Beweise brauchte. Dass sie zusammengehörten. Egal wie.
Der letzte Aufruf für den Zug. Bitte einsteigen. John hatte für einen Moment die Augen geschlossen, seinen Ärmel sorgsam aus Sherlocks Fingern gezogen, die den Stoff noch immer fest umschlossen hielten. Ein letzter Blick, dann war er davon geeilt.
John ass das Omelett, dass er sich in der winzigen Küche zubereitet hatte, ass den Salat dazu, trank ein Glas Wein. Er begutachtete seine neuen Ausweispapiere auf den Namen John Horton, prägte sich nochmals seine fingierte Lebensgeschichte ein. Er wusch ab, räumte das Geschirr weg. Er hatte fernsehen wollen, aber dann legte er sich aufs Bett und starrte an die Decke. Draussen war es Nacht geworden, das Oberlicht war schwarz. Fremder Geruch der Wohnung. Der Lärm der nahen Strasse. Leises Rauschen von Heizung und Wasser. Irgendwo lief der Fernseher. Er hätte Sherlock gerne eine Nachricht geschickt. Nur zwei Worte. Dass er angekommen war. Dass alles gut war. Aber das ging nicht. Ihn anrufen. Seine Stimme hören. John holte tief Luft und schloss die Augen. Er vermisste ihn.
Der erste Arbeitstag im St Annas verlief reibungslos. John hatte einen Vertrag als Assistent bei Phil und wurde vom Team umgehend akzeptiert. Er absolvierte seine ersten beiden neurologischen OPs, allerdings nur harmlose Eingriffe und nur als Zuschauer an der Seite von Ashley, die in beiden OPs assistierte. Für John war es eine Premiere. Hightech-Umfeld. Hilfsmittel und Apparate, die er nie vorher gesehen hatte. Endoskopische und mikroskopische Spezialgeräte, geführt über eine Navigation im Nanometerbereich über hochauflösende Bildschirme. Die chirurgischen Vorgänge hatten nichts mit dem zu tun, was John als Arzt wusste oder konnte.
Phil arbeite mit derselben Ruhe und Aufmerksamkeit, mit der er auch als Mensch in Erscheinung trat. Es gab keinen einzigen Augenblick der Hektik. Hin und wieder schaute Phil auf vom Patienten, von den Geräten, und seine klaren Augen, die durch die dunkelgrüne OP-Maske noch auffälliger leuchteten, trafen die von Ashley. Manchmal die von John. Dann vertiefte sich sein Lächeln für einen kurzen Moment. Seine Augen lächelten immer, selbst dann, wenn er konzentriert arbeitete. Es schien nichts zu geben, was seinen inneren Frieden stören konnte.
Nachmittags half John in der neurologischen Intensivstation, nahm an den Meetings teil, sog sich mit Information und Fachwissen voll. Er war todmüde von den Eindrücken und Begegnungen, als er abends in sein Bett fiel und ihm quälend bewusst wurde, dass er niemanden hatte, dem er erzählen konnte, mit dem er teilen konnte, und sei es auch nur still. So wie er und Sherlock manchmal einfach beieinander im Wohnzimmer sassen, jeder vor seinem Laptop, schweigend, aber zusammen.
Er hatte mit Phil zu Mittag gegessen in der Kantine des St Annas und Phil hatte ihm vom Klub erzählt, ihm angekündigt, dass er ihn morgen mitnehmen werde. Freitagabend. Das sei immer ein besonderer Abend, Einstieg ins Wochenende, ideal für Neulinge.
„Warum dieser Name, Luzifers Gärten?" fragte John.
„Du wirst es sehen", antwortete Phil. „Das Landhaus hat vier Gärten, je einer in jeder Himmelsrichtung. Sie sind den vier männlichen Archetypen gewidmet und entsprechend bepflanzt."
„Männliche Archetypen?"
John konnte damit nichts anfangen.
„Im Osten der Liebhaber im Element des Wassers, im Süden der Krieger im Element der Erde, im Westen der Magier im Element der Luft, im Norden der König im Element des Feuers", sagte Phil.
Und da John ihn mit entsetztem Blick anschaute, ergänzte er: „Alles nach C.G. Jung. Mehr oder weniger. Vielleicht etwas fremd für Menschen, die sich damit nicht beschäftigen, aber du wirst sehen wie kraftvoll die Gärten sind."
„LUZIFERS Gärten", sagte John.
Er betonte das Wort Luzifer so, dass die Frage sich erübrigte.
„Bevor das Landgut zu einem Klub wurde, gehörte es einem Professor der Chemie, der an der örtlichen Universität unterrichtete. Er legte die Gärten an, experimentierte mit Kräutern und Essenzen. Er galt als Alchemist und Spinner. Er hiess Lucius Krambold. Aus Lucius' Gärten wurden irgendwann Luzifers Gärten. So einfach ist das."
Phils rehbraune Sprenkelaugen forschten in Johns grauen, kurz nur, sanft, wohlwollend. Keine Bedrohung, keine Verbindlichkeit, kein Urteil. Zurückhaltende Freundlichkeit. Nanometergenaues Ausloten der Distanz.
„Hilfreich für dich?" fragte Phil freundlich.
„Ja", sagte John, „ja, danke. Die Erklärung hilft. Das sind alles sehr ungewohnte Dinge für mich."
„Lass sie auf dich zukommen, John", sagte Phil. „Am besten, du denkst nicht allzu viel darüber nach. Der Kopf stiftet hier nur Verwirrung. Schau es dir einfach an."
Der Klub lag am Stadtrand. Ein typisches Landgut. Roher heller Naturstein. Ziegeldach mit Mansarden. Sprossenfenster. Der mächtige Kamin giebelseitig angebaut. Die Fassade überwuchert mit Efeu. Vor dem Haus ein Kiesplatz. Darum herum die Gärten. Sie waren kleiner als John sie sich gedacht hatte. Ohne Mauer, offen, nicht einmal ein Zaun begrenzte das Grundstück. Es war, als betrete man unwillentlich einen Park, so subtil war der Übergang von Landschaft zu Garten. John kam von Osten, ging an einem Goldfischteich vorbei, gespeist von einem Bach, und er verstand, dass er sich bereits im Wassergarten des Liebhabers befand. Er war zu früh und er drehte wieder um, ging hinaus in die abendlichen Felder. Im nahen Wald sammelte sich die Feuchtigkeit.
John war mit dem Bus hinaus gefahren bis zur Endstation, ein paar Minuten zu Fuss gegangen. Das Korn war längst geschnitten. Faulige Stoppeln standen nackt in der Dämmerung. Geruch nach Erde und Feuchtigkeit. Nebel lag über dem Boden. Schwarze Vögel sammelten sich auf der Überlandleitung. Perlenkette. Verblüffende Regelmässigkeit. Vogel an Vogel. Sie standen starr auf dem Kabel. Genau definierter Abstand. Aufgereiht. Tier neben Tier. Reglos. Stumm. Warten. Warten auf den Impuls. Den Auslöser. Verborgene Ordnung. John zog die Jacke enger um sich. Ihn fröstelte. Er ging ein paar Schritte auf dem Feldweg. Er führte um das Grundstück herum. Ein Weg durch alle Himmelsrichtungen hindurch. Ein Kreis, keine Grenze. Keine erkennbare zumindest. Seltsam. Der Weg führte durch Felder, die offensichtlich bewirtschaftet wurden. Das war kein Park, kein Garten. Es war Weideland, Anbaufläche. Im Westen Wald. Er schimmerte bläulich im Abendlicht. John drehte um, ging zurück. Es begann zu dunkeln. Die Uhr zeigte kurz vor 18 Uhr. Phil wartete sicher bereits auf ihn.
„Phil Salisbury", sagte John zum Türsteher, der ihn im Foyer abfing und eine Referenz von ihm wollte.
„Bitte tragen Sie sich unterdessen ein, Sir. Ich lasse nach Dr. Salisbury rufen".
Der Mann schob John ein schweres, dickes, abgegriffenes Buch zu, geöffnet auf den paar letzten Seiten, ein rotes Band lag als Buchzeichen im Falz. Name, Vorname, Titel, Fakultät, Datum, Unterschrift. John schrieb Horton, John, Dr. med., Medizin. Er setzte das Datum und unterschrieb. Dann blätterte er neugierig im Buch. Es ging zurück bis 1897. Hinter den Namen auf den ersten Seiten stand überall ein Kreuz mit einem Datum. Interessant. Der Todestag der eingetragenen Mitglieder wurde festgehalten. Allerdings nicht durchgehend. Manchmal stand kein Datum neben dem Kreuz. Einige der Namen waren durchgestrichen, die ganze Zeile, fein säuberliche Linie mit Lineal gezogen. Abtrünnige? Verräter? So wie er? John ging zu seinem Namen zurück, blätterte nach vorne. Vereinzelte Kreuze, die letzten drei mit aktuellem Sterbedatum: Davide Perilli, James McGallagher, Gordon Kelley. Davide war Phils ermordeter Partner. Gordon Kelley war ebenfalls eines der Mordopfer. John wollte nach dem dritten Namen blättern, aber da kam Phil strahlend auf ihn zu und er beschloss, sich das Buch zu einem späteren Zeitpunkt vorzunehmen.
John fühlte sich wohl im Klub. Er sass am runden Tisch mit Wissenschaftlern aller Fakultäten und amüsierte sich. Es machte Spass, mit intelligenten Männern zu reden, zu spotten und zu lachen. Alles in diesem Klub war freundlich und offen und einfach. Die Organisation, die Regeln, die Menschen. John mochte Martin sofort. Der Mathematiker sass neben ihm und verwickelte ihn in die abenteuerlichsten Gespräche. Seine dunklen Augen blitzten vor Schalk. Er lachte laut und ungeniert und hatte einen skurrilen Humor, der John gefiel. Und er war hochintelligent. Vielleicht nicht ein Genie wie Sherlock, dafür zugänglich in jeder Hinsicht.
„Bist du gebunden?" fragte er John ohne jede Scheu.
John zögerte einen Moment. Er hatte diese Frage nicht erwartet. Nicht so schnell. Die Szene mit Sherlock kam ihm in den Sinn. Schon in den ersten 48 Stunden ihrer Bekanntschaft hatte er Sherlock dasselbe gefragt. Damals hatte er ihn noch zu wenig gekannt um zu verstehen, wie schwierig eine solche Frage für ihn war. John musste lächeln. Dann zwang er sich, an seine Aufgabe zu denken, an seine Rolle in diesem Klub. Er war Ermittler.
„Nein, ich bin nicht gebunden", sagte er.
Martin betrachtete ihn aufmerksam. Ein Lächeln kräuselte seine Lippen.
„Du hast gezögert", sagte er. „Und du hast gelächelt. Du hast an jemanden gedacht, den du liebst."
John blinzelte überrascht. Deduktion. Das ärgerte ihn. Er ertrug das nicht. Nicht von Martin.
„Wir haben uns getrennt", sagte John harsch.
Das war die Rolle, die er zu spielen hatte. Getrennt, an Männern grundsätzlich interessiert aber derzeit nicht bereit.
„Bist du auf der Suche?" fragte Martin.
„Suche wonach?" fragte John.
„Nach Freundschaft", sagte Martin. "Nach der Liebe eines Mannes. Nach Abenteuer."
John schluckte. Dann schüttelte er langsam den Kopf.
„Die Trennung ist noch zu neu", antwortete er vorsichtig.
„Ein Mann?" fragte Martin.
John schloss die Augen. Verdammt! Martin wollte es wirklich genau wissen. Und er musste seine Rolle spielen, musste offen bleiben, zulassen. Musste einen Mörder finden. Er hatte eine Aufgabe. Angesichts der Sachlage war es zielführend, diese Frage positiv zu beantworten.
„Ja", sagte er knapp.
Martin legte tröstend die Hand auf Johns Arm.
„Das ist ok, John. Ich wollte es nur wissen, bevor wir uns in irgendwas verstricken. Es ist einfacher, die Dinge gleich zu klären als im Nachhinein oder mitten drin, weisst du."
„Und du?" fragte John um das Gespräch von sich wegzulenken.
„Ich bin auf der Suche nach Freundschaft und Liebe", sagte Martin. Er lächelte nachdenklich und in seinen schwarzen Augen spiegelte sich unerwartet Trauer. „Aber ich habe keine Eile."
