Disclaimer: Ich besitze immer noch keinerlei Rechte an der Serie "Bones" sowie deren Charakteren. Ist vielleicht auch ganz gut so. Viel zu viel Verantwortung!
2. Grübeleien
Später am Abend saß Brennan zu Hause an ihrem Schreibtisch und versuchte ein Kapitel für ihr kommendes Buch auszuarbeiten. Aber sie konnte sich nicht auf die Story konzentrieren, denn Beverly Moyer ging ihr einfach nicht aus dem Kopf.
Während der weiteren Untersuchung hatte sich herausgestellt, dass sie Frau keine Familie gehabt hatte und sie nur vermisst gemeldet worden war, weil jemand in einem Obdachlosenasyl sie eine ganze Weile nicht gesehen hatte. Also hatte dieser Jemand herum gefragt und festgestellt, dass eigentlich keiner wusste, wo sie sich aufhielt und sie auch seit Tagen niemand mehr gesehen hatte.
Temperance Brennan war erstaunt, wie sehr sie dieser Fall auch nach Feierabend noch emotional beschäftigte. Eigentlich hielt sie Beruf und Privates streng getrennt; und Emotionen waren für sie ohnehin eher nebensächlich. Wenn sie es beschreiben sollte, würde sie wahrscheinlich Datei-Ordner als Bild wählen. Einen für ihre privaten Emotionen und einen für das, was sie bei den Ermittlungen in einem Fall beschäftigte. Die einzige Gelegenheit bei der sie aus diesen beiden 'Ordnern' gleichzeitig schöpfte, war beim Schreiben ihrer Bücher. Doch der 'Geist' der obdachlosen Frau schien wie ein Computervirus in ihre 'mentalen Ordner' einzudringen und diese planlos miteinander zu verlinken. Das Chaos, das er dabei anrichtete äußerte sich in einem für Brennan untypischen Anfall von Selbstmitleid, der sie noch zusätzlich verstörte.
„Sie muss sich sehr allein gefühlt haben", dachte Brennan. Ein Gefühl dass ihr nicht fremd war. Wenn sie an ihre erste Zeit im Fürsorge-System zurück dachte, damals, gleich nachdem ihre Eltern verschwunden waren, konnte sie noch noch das stechende Gefühl der Einsamkeit spüren. Sie war zwar über die Jahre einigermaßen darüber hinweg gekommen und auf diese Weise auch stärker und unabhängiger geworden. Aber die Erinnerung an diese Zeit war trotzdem noch gegenwärtig. Außerdem hatte sie in diesen Jahren auch gelernt, sich auf Niemand anders außer sich selber zu verlassen.
In den vier Jahren die sie nun schon mit Booth zusammenarbeitete hatte sich diese Sichtweise zwar ein wenig geändert und sie war sich sicher, dass sie sich auch auf Booth verlassen konnte. Doch wenn sie in eine Situation kommen würde, die eine schnelle Entscheidung diesbezüglich erforderte, wäre sie selbst immer ihre erste Wahl. Aber Booth käme ganz dicht dahinter, versicherte sie sich selbst.
Brennan stand auf, ging in die Küche und öffnete eine Flasche Wein. Sie füllte sich ein Glas und dachte an den vergangenen Tag im Labor. Einen Schluck Wein nehmend ging sie zurück an ihren Schreibtisch. Auf dem Bildschirm ihres Computers blinkte der Cursor immer noch vorwurfsvoll in einer geöffneten aber leeren Datei. Doch solange Beverly Moyer immer noch durch ihre Gedanken geisterte, würde sie wohl nichts Vernünftiges zustande bringen. Mit einem Seufzen fuhr sie ihren Computer herunter.
Allein zu sein war nie ein Problem für sie gewesen, seit sie unabhängig genug war und Niemanden Rechenschaft ablegen musste. Doch heute kam ihr der Gedanke, dass ihr übergroßes Unabhängigkeitsdenken (Ha! Noch jemand mit einem Größenproblem!) der Grund dafür sein könnte, dass sie sich alleine fühlte und dass sie glaubte eventuell wie Beverly Moyer enden zu können: Allein und ohne Familie.
Bei dem Gedanken lief ihr ein Schauer über den Rücken und sie versuchte das Gefühl mit einem weiteren Schluck Wein abzuschütteln.
Wie oft hatte sie schon Einladungen von Angela, sie auf Partys oder Matineen am Sonntag zu begleiten, abgelehnt, indem sie vorgab, noch arbeiten zu müssen oder einfach sagte, dass sie nicht so ein geselliger Mensch wäre? (Naja, sie war wirklich nicht allzu gesellig. Aber sie konnte sich anpassen, wenn sie es wollte.)
Und Booth? Die meisten Besuche von ihm erfolgten spontan, ohne dass sie ihn eingeladen hätte. Nicht, dass sie das stören würde. Aber Fakt war, dass Booth öfter zu ihr kam, als es umgekehrt der Fall war.
„Was, wenn die Beiden irgendwann ihre Einladungen und Besuche einstellen würden? Denn niemand möchte immer nur geben und geben ohne etwas zurück zu bekommen." dachte sie besorgt. Und was gab sie ihnen schon zurück? Meistens doch Ablehnungen und Zurückweisungen.
"Wenn ich so weitermache, habe ich wirklich bald alle vergrault, denen noch etwas an mir liegen könnte!" Sie leerte ihr Glas und ging erneut in ihre Küche.
Nachdem sie ihr Glas wieder aufgefüllt hatte, trug sie es zusammen mit der Flasche ins Wohnzimmer, stellte beides auf den Couchtisch und ließ sich auf ihr Sofa fallen. Während sie sich in die Kissen kuschelte setzte sie ihre Grübeleien fort. Sie rief sich ihre Kabbelei mit Booth im Labor in Erinnerung, als sie ihm gesagt hatte, dass kein Geist sie je jagen würde. Aber jetzt musste sie zugeben, dass der Geist der obdachlosen Lady es doch tat. Natürlich nicht buchstäblich. Booth hatte Unrecht wenn er behauptete, dass sie alles wörtlich nehmen würde. „Aber es macht Spaß, zu sehen, wie er in schierem Unverständnis die Augen verdreht, wenn ich ihn glauben lasse, dass ich es tue." grinste sie still.
Beverly Moyers einsames Leben und Tod ließ sie über ihr eigenes Leben nachdenken. Allein zu sein war manchmal schon ganz nett. Nach einem langen Tag im Labor zum Beispiel. Oder nach einer Werbetour für ihr neues Buch durch mehrere Staaten. Aber die meiste Zeit war es nicht so schön. Jetzt zum Beispiel. Die Stille in ihrer Wohnung war beinahe unerträglich. Bis auf das Rascheln der Kissen in ihrem Rücken, wenn sie sich bewegte oder die leisen Geräusche der gelegentlich vor ihrem Block vorbeifahrenden Autos war nichts zu hören. Sie nahm ihr Glas, erhob sich und ging zu ihrer Stereoanlage. Vielleicht würde etwas Musik ihre aufgewühlten Gedanken ein wenig beruhigen. Sie blätterte durch ihre CDs, fand aber nichts, das ihr in ihrem augenblicklichen Gemütszustand passend erschien.
„Hatte Booth nicht behauptet, er könne Geister vertreiben? Vielleicht sollte ich ihn einfach anrufen und ihn bitten Beverly Moyers Geist zu verjagen." überlegte sie, nachdem sie ihr Glas erneut geleert hatte. Ihr wurde etwas schwindelig, weil sie den Wein so herunter gestürzt hatte und sie fand, sie sollte wohl besser etwas langsamer machen. Im Schneidersitz ließ sie sich auf dem Boden vor ihrer Stereoanlage nieder und suchte weiter gedankenverloren durch ihre Musiksammlung.
Aber selbst wenn sie ein wenig angetrunken war, war ihr doch klar, wie albern diese Anfrage aus ihrem Mund für Booth klingen musste.
„Ich – die rationale, logisch denkende Anthropologin-, frage ihn – den FBI Agenten, der seine Geisterjäger-Fähigkeiten wahrscheinlich durch das mehrmalige Ansehen des Films „Ghostbusters" erworben hatte-, Geister zu vertreiben, an die ich meinen eigenen Aussagen zur Folge nicht glaube. Booth würde sich totlachen!" Sie schüttelte den Kopf über ihre eigene Lächerlichkeit. Auf keinen Fall würde sie ihn fragen!
Sie stieß langsam den Atem aus und erhob sich wieder um sich am Couchtisch ein weiteres Glas Wein ein zu füllen. Nachdenklich schaute sie ihr Glas an, dachte dann „Ach zum Teufel mit 'langsam machen'" und trank es in einem Zug halb aus und wollte sich gerade wieder auf der Couch niederlassen, als ihr Blick auf eine Kiste mit alten Vinyl-Schallplatten fiel.
Diese Kiste hatte ihr Bruder damals nicht mit genommen, als er fortging um sich einen Job zu suchen und Temperance in der Obhut des Fürsorgesystems zurück ließ. Obwohl Brennan sein Verhalten damals als eine Art Verrat empfunden hatte, hatte sie diese Kiste mit Schallplatten doch behalten und wie einen Schatz gehütet. Das Einzige mit einem relativen materiellen – und viel wichtiger als das, auch einem sehr hohen emotionalen – Wert, das sie zu der Zeit besessen hatte.
Sie ging auf die Kiste zu ließ sich davor auf den Absätzen nieder und suchte eine bestimmte Platte. Ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie fand wonach sie gesucht hatte. Als junges Mädchen hatte sie ständig versucht, ihrem Bruder diese Schallplatte abzuschwatzen, jedoch erfolglos.
Sie startete ihren Plattenspieler, legte die Platte auf den Plattenteller und balancierte den Tonarm vorsichtig über das gewünschte Lied. Ihr Lächeln wurde etwas breiter als die ersten Töne von Genesis' „Man On The Corner" durch ihr Wohnzimmer klangen.
„See the lonely man there on the corner
what he's waiting for, I don't know
but he waits every day now
he's just waiting for something to show....."
Das Lächeln auf ihrem Gesicht machte wieder ihrem grüblerischen Ausdruck platz.
Und worauf wartete sie?
Sie behauptete von sich zwar immer, nicht von irgendeinem Prinzen oder Ritter gerettet werden zu müssen. Und sie hatte eigentlich auch keine Probleme, jemanden zu finden, der ihr eine Weile Gesellschaft leistete, auch im Bett. Dennoch fand sie diese Beziehungen in letzter Zeit seltsam unbefriedigend und irgendwie substanzlos.
Vielleicht sollte sie doch einfach ihr Glück versuchen, Booth anrufen und ihm sagen, dass sie sich alleine fühlte und gerne mit jemanden reden würde. Doch dann würde er wahrscheinlich sofort wieder seine über-besorgte Alpha-Männchen-Beschützer-Rolle an ihr ausleben und das war überhaupt nichts, wonach sie heute suchte. Sie wollte niemanden der sich um sie kümmerte, sondern nur jemanden, der ihr Gesellschaft leistete. Oder nicht?
Wahrscheinlich sollte sie doch lieber Angela fragen. Angela konnte einfach nur zuhören ohne zu urteilen. Etwas was sie an ihrer Freundin sehr schätzte.
Brennan füllte ihr Glas ein viertes Mal (Nanu? Ist die Flasche wirklich schon leer?) und nahm einen tiefen Schluck.
Aber konnte sie wirklich noch von ihrer Freundin erwarten, dass diese wieder mal sofort sprang, sobald Brennan sie anrief?
„Wahrscheinlich habe sie schon viel zu oft zurück gewiesen..."überlegte Brennan, der das Denken durch den Alkohol schon ziemlich schwer fiel. Mittlerweile war auch die Schallplatte weiter gelaufen und Phil Collins Gesang drang in ihr Bewusstsein:
Like it or not
You have done it this time
And like it or not, I have enough
Like it or not
There's a lot I could say
'Cause I've got a lot on my mind.
It won't be very long
You're just another face
That I once used to know
And I gave you everything
But what have I got to show?
Like it or not
You are out on the street.
Like it or not
That's where you'll stay
„Siehst du, Bones: Selbst Phil Collins ist der Meinung, dass du irgendwann alleine bist, wenn du so weiter machst!" hörte sie Booth ironische Stimme in ihren Gedanken.
„Blödsinn!! Alles nur eine Frage der Deutung! Misch du dich da nicht auch noch ein!!" fauchte Brennan Booth' imaginäre Stimme in ihrem Kopf an.
Rational zu denken, war, wenn man gerade in recht kurzer Zeit eine Flasche Wein geleert hatte, nicht sehr einfach, fand Brennan. Trotzdem war es einfacher, sich mit einem eingebildeten Booth auseinander zu setzen, als weiter ergebnislos darüber zu sinnieren, ob ihr Verhalten sie nicht doch irgendwann wie Beverly Moyer enden lassen würde. Einsam ..ohne Freunde...
"Toll, womit wir wieder am Anfang wären!!"dachte Brennan frustriert und ließ sich auf der Couch fallen. Niedergeschlagen ließ sie den Kopf hängen. Wenn der einzige Erfolg, den sie beim Verjagen der Geistern in ihrem Kopf bisher vorzuweisen hatte die Vernichtung einer Flasche Wein war, dann sollte sie wohl doch besser einen – wenn auch selbst ernannten - Fachmann rufen.
Beinahe automatisch griff sie zu ihrem Handy und wählte Kurzwahltaste „1".
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A/N: Da ich im Moment mit meiner anderen Story nicht so richtig weiter komme und mich diese Idee hier schon eine ganze Weile 'plagt', mache ich erstmal hier weiter, bevor ich mit rauchendem Kopf aber ohne Ergebnisse vor der anderen Story sitze.
Die beiden Song-Zitate sind aus den Songs 'Man On The Corner' und 'Like It Or Not', beide vom Genesis-Album 'Abacab'.
Ach ja: Seht ihr diesen schicken grünen Button da unten? Drückt doch mal drauf, das tut bestimmt nicht weh!! Versprochen!! ;)
