Ernst Schwarz wohnte in einem alten Herrenhaus, das nur von den Augen von Zauberern gesehen werden konnte. Und das war auch gut so, denn es hätte dringend mal restauriert werden müsste. Jedenfalls von außen, denn von innen blinkte und blitzte das Haus, dass einem die Augen schmerzten.

Remoulade reichte Heini eine Sonnenbrille. "Nimm lieber die", sagte er. "Und putz Dir die Schuhe ab, bevor Du auf den Teppich trittst."

Heini setzte die Sonnenbrille auf und ging ohne den Fußabtreter an der Tür zu beachten weiter in die Halle.

"VERDAMMTES SCHLAMMKIND. SCHMUTZIGES GESINDEL. MIT DEN DRECKIGEN SCHUHEN IN MEINEM HAUS. ICH GLAUBE, DIR GEHT ES NICHT MEHR GUT."

Heini warf sich vor Schrecken auf den Boden und hielt sich die Ohren zu, als die Schimpfkanonade einer schrillen Frauenstimme ihn anschrie.

Sofort öffneten sich überall Türen und jede Menge Leute kamen in die Halle gerannt. Sein Patenonkel Ernst Schwarz rannte vorneweg und sprintete zu einem der Gemälde an der Wand. Heini sah, dass darauf eine alte Spinatwachtel abgebildet war, die wutentbrannt ihren Staubwedel in der Hand schwang. Sie war es, die dieses grauenvolle Geschrei hervorbrachte.

Heini kannte zwar magische Portraits, aber dieses war das erste, das ihn so ohrenbetäubend begrüßt hatte.

Ernst hob das Portrait schnell von der Wand und legte es verkehrt herum auf den Boden. Sofort wurde die schrille Stimme von einem dicken roten Flusenteppich verschluckt.

"Puh", keuchte Ernst und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Als er Heini auf dem Boden liegen sah, grinste er. "Wie ich höre, hast Du gerade Bekanntschaft mit meiner Mutter gemacht."

"Na, danke." Heini rappelte sich auf.

"Sie hatte zu Lebzeiten einen kleinen Putzfimmel, musst Du wissen", fuhr Ernst fort. "Ihr vermalledeiter Hauself, Kriecher, sorgt noch immer dafür, dass dieses Haus nur so vor sich hinblitzt. Kaum zum Aushalten, sage ich Dir. Aber oben in den Gästezimmern ist es ein wenig besser."

Und damit hatte Ernst nicht gelogen. Heini atmete erleichtert auf, als er sein Zimmer im Obergeschoss bezog. Dort warteten bereits ein paar alte Bekannte auf ihn.

Auf einem großen Sofa mit verdächtigen Kratzspuren, saß Heinis bester Freund Ronny Wiesel, seine kleinere Schwester Whisky und seine beiden Brüder, die Zwillinge Schorsch und Friedrich. Ganz am Rand saß Heinis beste Schulfreundin Gudmiene Garage auf der Armlehne und strahlte Heini an. Doch der war gar nicht erfreut, sie zu sehen.

"IHR", entfuhr es ihm und er klang kaum leiser als Ernsts putzsüchtige Mutter. "WAS MACHT IHR DENN HIER?"

Gudmienes Miene erstarrte. "Freust Du Dich denn gar nicht, uns zu sehen?", wollte sie wissen.

"NEIN", schrie Heini. "KEIN BISSCHEN. IHR HABT MIR DIE GANZEN FERIEN NICHT GESCHRIEBEN. IHR HABT MIR NUR EINE PACKUNG KEKSE ZUM GEBURTSTAG GESCHICKT. UND AUßERDEM HATTET IHR BESTIMMT BESSERE FERIEN ALS ICH."

Eine Träne rollte über Gudmienes Gesicht. "Aber Heini. So kenne ich Dich ja gar nicht."

"Im letzten Buch warst Du aber viel netter zu uns", fügte Ronny Wiesel empört hinzu.

"IM LETZTEN BUCH WAR ICH AUCH ERST VIERZEHN."

"Und?", wollte Ronny verwirrt wissen.

"JETZT BIN ICH FÜNFZEHN. ICH BIN JETZT IN DER PUBERTÄT. UND ICH BIN JETZT UNLEIDLICH, SCHREIE JEDEN AN UND KANN NIEMANDEN AUSSTEHEN."

"Oh, und das ist nur, weil Du jetzt fünfzehn bist?", wollte Gudmiene wissen und schniefte.

"JA. UND ICH WOLLTE MICH MAL SELBSTVERWIRKLICHEN."

"Aber es ist nicht, weil Du uns nicht mehr magst?", hakte Gudmiene nach und wischte eine weitere Träne beiseite.

"NEIN. ICH MAG EUCH IMMER NOCH. ABER ICH BIN JETZT EIN WENIG HITZKÖPFIG UND UNBERECHENBAR."

"Ach, da bin ich aber erleichtert", seufzte Gudmiene. "Dann ist ja alles gut. Kannst Du dann erst mal aufhören zu schreien? Meine Ohren tun nämlich schon weh."

Heini ließ die Schultern hängen. "Na gut, wenn es sein muss."

"Fein", sagte Gudmiene und strahlte. "Dann können wir Dir jetzt ein paar handlungswichtige Sachen erzählen."

"Gut", sagte Heini und ließ sich auf das freie Bett den Wiesels und Gudmiene gegenüber fallen. "Ich habe mich schon gefragt, was ich hier soll."

"Also", begann Ronny Wiesel. "Dieses Haus ist nicht nur das Haus Deines Patenonkels. Vielmehr ist es gleichzeitig auch der Hauptsitz des Phönix-Odeurs."

"Phönix-Odeur?", fragte Heini. "Was soll das denn sein."

"Odeur", sagte Gudmiene. "Ist französisch und heißt 'Geruch'"

"Phönix-Geruch?", wollte Heini verwundert wissen. "Was soll das denn sein? Ein miefender Phönix?"

"Naja", meinte Gudmiene. "Eigentlich sollte es Orden heißen. Aber Ernst hat die Gründungsurkunde geschrieben und hat sich etwas verbuchstabiert. Ich glaube, es bekommt ihm nicht so gut, dass er so oft ein Hund ist."

Heini nickte. Er hatte es schon immer als sehr unangenehm empfunden, dass Ernst Schwarz sich manchmal in einen Yorkshire-Terrier verwandelte. Es konnte einfach so unangenehm sein, wenn man mit seinem Patenonkel im Park unterwegs war und das einzige, was man mit ihm machen konnte, Stöckchen werfen spielen war.

"Und was genau ist dieser Phönix-Odeur?", wollte Heini wissen.

"Es ist eine geheime Geheimorganisation", erklärte Ronny, "gebildet, um Lord Wolltemord zu bekämpfen."

"Es sind jede Menge Leute dabei, die Du kennst", fuhr Gudmiene fort. "Da ist Dein Patenonkel, dann Remoulade Wolf, Mußauge Mutti, Nymphomanin Dings, Herr und Frau Wiesel..."

"Was, Eure Eltern sind auch in diesem Geheimbund?", wollte Heini ungläubig wissen. Herr Wiesel war nämlich ein kleiner Angestellter im MiFMa und fiel vor allem wegen seiner geschmacklosen Westen mit Karomuster auf. Frau Wiesel hingegen war in erster Linie Hausfrau und eine recht chaotische dazu, wie Heini wusste.

"Naja, Dummwietür meinte, es müsse jemand aus dem Ministerium dabei sein", erklärte Friedrich Wiesel.

"Also ist Vater Mitglied geworden", ergänzte sein Zwillingsbruder Schorsch.

"Und irgendjemand muss sich auch um die Verpflegung der Organisation kümmern", sagte Friedrich.

"Also ist Mutter Mitglied geworden", führte Schorsch aus.

"Das erklärt auch, warum ihr hier alle herumlungert", stellte Heini fest. "Fragt sich nur, warum Gudmiene hier sein muss. Ihre Eltern sind ja wohl kaum auch Mitglieder. Oder braucht der Phönix-Odeur noch dringend Zahnärzte."

"Pah", sagte Gudmiene. Sie hatte von allen Anwesenden das größte Problem, was ihre Eltern betraf. Diese waren nämlich überhaupt keine Zauberer sondern Zahnärzte.

"Gudmiene hat aber noch jemanden vergessen", piepste Whisky Wiesel, die zwischen ihren Brüdern eingeklemmt saß.

"Ach, ja, Heini", sagte Ronny. "Du wirst es nicht glauben Serernst Schnippisch ist auch mit von der Partie."

Heini verzog sein Gesicht, als der Name seines absoluten Unlieblingslehrers fiel. Serernst Schnippisch unterrichtete Zaubertrankbrauen und konnte Heini so wenig ausstehen, wie er ihn.

"Lieber zwei Zahnärzte als einen Schnippisch", kommentierte Heini. "Sonst noch was?"

"Nein", erklärte Gudmiene. "Jetzt passiert erst einmal ein paar Tage nichts wichtiges. Wir werden im Haus rumhängen, dann wird Ernst Dir seinen Stammbaum zeigen, Du wirst mit Herr Wiesel ins Ministerium und dann können wir endlich wieder nach Hochwärts." Sie gähnte. "Ich finde diese Kapitel am Anfang immer so überflüssig."

"Reg' Dich nicht so auf", meinte Whisky Wiesel. "Wenigstens müssen wir dieses Mal nicht 100 Seiten bei einem Quetschmich-Spiel zu sehen."

Gudmiene, die den Zauberersport per Besen genauso wenig mochte wie langatmige erste Kapitel, seufzte. "Ja, wenigstens das bleibt uns erspart."