Köln 1996 – vor 5 Monaten

„ Ein Psychopath lebt von den Emotionen seiner Mitmenschen."

Es war ein kalter, regnerischer Tag. Von den Fenstern des Vorlesungsraumes VII rann das Wasser in kleinen Bächen hinab. Tenma saß in der hintersten Reihe des halbbesetzen Saales. Tiefe Augenringe zeichneten sein Gesicht. Er hatte seit Wochen nicht geschlafen. Selbst Nächte in denen er von Erschöpfung übermannt einnickte, führten nicht zu der ersehnten Ruhe. Jedes Mal schreckte er nach einer kurzen Weile schweißgebadet auf.

„Keine andere Persönlichkeitsstörung richtet einen verheerenderen Schaden an, als die Psychopathie. Psychopathen bringen Zerstörung und reißen die Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung ins Unglück."

Tenma durchfuhr ein Schauer. „Komm lebend zurück, dann höre ich auch mit dem Rauchen auf." Er umschloss fest seinen Kaffeebecher und versuchte die Bilder in seinem Kopf zu verscheuchen. Herr Mauler… Der Teppich war blutdurchtränkt. Drei Leblose Gestalten lagen auf dem Boden. Der gescheiterte Versuch einer Reanimierung.

Klick der Projektor wurde eingeschaltet. Ein Mann Mitte 40 nahm die Wand des Vorlesungssaals ein. Sanfte Augen, ein charmantes Lächeln.

„Heinrich Lehmann. 42 Jahre alt, in Bergisch Gladbach geboren. Pfarrer der evangelischen Auferstehungskirche in Refrath."

Klick nächstes Bild. Die Aufnahme eines Tatorts. Eine kleines Mädchen, blutüberströmt, tot.

Betretenes Schweigen. Nach einem kurzen Moment durchbrach Professor Reichenbach die Stille.

„Von 1980 bis 1993 ereigneten sich im Rheinland 13 ungeklärte Morde an kleinen Mädchen im Alter von 4 bis 8 Jahren. Der Mörder Heinrich Lehmann."

Eine junge Studentin hob die Hand. Sie war Mitte 20, hatte blondes langes Haar und strahlte die Art jugendlichen Eifers aus, die Tenma einst selbst als junger Student an der Nankai Universität in Tokyo besaß. Er war damals im 1. Semester, voller hoher Erwartungen. Sein ganzes Leben noch vor sich. Die Vergangenheit schien wie ein ferner Traum, irreal und kaum zu fassen. Der Kontrast hätte heute nicht größer sein können. 17 Jahre sind seither vergangen. Tenma war 37, er fühlte sich alt und unendlich müde.

Die junge Frau sprach: „Herr Professor Reichenbach, ist Psychopathie heilbar?"

Der Saal war ruhig. Alle warteten auf die Antwort des Professors. Dieser richtete seine Brille und blickte mit einem Male Tenma direkt in die Augen. Ein flüchtiger Moment, von dem niemand Notiz genommen hatte.

„Nein. Psychopathen können nicht geheilt werden.

oooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooooo

Tenma keuchte auf. Er riss die Augen auf. Sein Puls auf 180. Johan! Er versuchte sich aufzurichten. Er konnte nicht. Seine Hände waren fixiert. Er fühlte sich schwach, sein Kopf schmerzte. Wo bin ich?

„Dr. Tenma." Eine Gestalt, die aus dem Dunkeln hervortrat, ein charmantes Lächeln.