Im Banne der Vergangenheit
Kapitel 1
Peru, einige Jahre zuvor
„Amanda!", konnte sie Laras atemlose Stimme vom Eingang des Raumes hören, in den sie geflüchtet war, nachdem ihre Expedition im schönen Paraíso eine relativ unschöne Wendung genommen hatte. Sie hatten das Grab der letzten Königin von Tiwanaku gesucht – und das Grauen gefunden.
Ebenso atemlos drehte sie sich um. Die Angst in den Augen ihrer Freundin half ihr nicht gerade dabei, sich zu beruhigen. Sie war selbst zu sehr verängstigt von dem, was sie gesehen hatte, dass sie nicht einmal über die Tatsache schmunzeln konnte, dass die normalerweise angstfreie Lara Croft Angst hatte. Würden sie jemals hier raus kommen, das wäre eine schöne Anekdote für Weihnachtsabende gewesen.
Allerdings sah es im Moment nicht danach aus, als würden sie jemals diesen Raum verlassen. Blind waren sie durch die Tunnel ihrer eigenen Ausgrabungsstätte gelaufen, blind vor Angst vor dem, was sie verfolgte. Amanda konnte noch immer nicht glauben, was geschehen war. Als sie sich zu Lara umwandte, brach es wieder über ihr zusammen.
Ihre Freunde, diejenigen, mit denen sie diese Expedition geplant hatten, waren tot.
Ermordet von einem –
Was war es?
Aber sich darüber Gedanken zu machen, würde zu viel Zeit in Anspruch nehmen.
Amanda und Lara waren die letzten Überlebenden ihrer Expedition. Und nun hatte das Wesen, die seltsame Kreatur, die ihre Freunde getötet hatte, sie in diesen Raum gelotst – aus dem es anscheinend kein Entrinnen gab. Es war ein riesiger runder Raum mit mehreren Nischen, von denen jedoch keine in die sichere Freiheit führte. Schwere Gitter versperrten den Weg.
Amanda drehte sich wieder zu der Wand um, die sie untersuchte hatte, als Lara in den Raum gerannt gekommen war. Sie schimmerte in einem unnatürlichen Violett, einem kalten Licht, das von dem Stein auszugehen schien, der in die Wand eingelassen worden war. Sie strich vorsichtig mit einem Finger über den glatten, dunklen Stein, als etwas durch ihren Körper zuckte wie ein elektrischer Schlag. Sie zuckte zurück und drehte sich zu Lara um.
„Ich glaube, dieser Stein öffnet die Tür!", sagte sie und deutete auf eine der Nischen, die gegenüber dem Eingang des Raumes lag.
Lara sah sich skeptisch im Raum um.
„Das gefällt mir nicht", sagte sie und schritt vorsichtig weiter in den Raum, sich immer wieder umsehend. „Hast du es wirklich richtig gelesen?"
Amanda konnte es sich nicht verkneifen, Lara einen genervten Blick zuzuwerfen.
„Das Ding kommt! Hast du eine bessere Idee?", entgegnete sie schnippisch und blickte vom Stein zu Lara und zum Eingang des Raumes.
„Die Tür könnte eine Falle sein!", rief Lara Amanda zu und wies mit einer Hand auf die Nische.
„Wir sitzen fest!", versuchte Amanda ihrer Freundin nochmals zu erklären, als sie plötzlich etwas hinter Lara entdeckte.
Im Durchgang, durch den Lara wenige Minuten zuvor geeilt gekommen war, schwebte so etwas wie schwarzer Rauch; er bewegte sich wie Tentakeln eines Tintenfisches. Ein Fauchen drang durch den Raum.
„Oh Gott!", schrie Amanda nur noch und drehte sich zu der Wand um, während sich ihre Finger bereits um den Stein schlossen. Sie zerrte an dem Stein, verzweifelt versucht, ihn aus seiner Verankerung zu lösen, die Tür zu öffnen und rechtzeitig vor dem Wesen zu fliehen.
Es kam, wie immer, alles anders.
Gerade als sich der Stein aus der Wand löste, spürte Amanda einen Ruck in ihrer Magengegend. Im nächsten Moment schloss sich schwarzer Rauch um sie. Sie taumelte zurück, der Stein lose in ihrer Hand, den Oberkörper schützend vorgebeugt. Laras erstickter Schrei hallte noch in ihren Ohren und dann war alles vorbei. Ihr Herz raste in ihrer Brust, der Stein lag schwer zwischen ihren Fingern. Ihr Kopf fühlte sich paradoxerweise leicht an.
Schwer atmend richtete sie sich auf und blickte zu Lara, die ihren Blick genauso überrascht erwiderte. Das Wesen war verschwunden. Ein Blick zur Seite sagte ihr, dass sich die Tür wie erwartet geöffnet hatte. Sie wollte Lara gerade einen ‚Ich hab's dir ja gesagt'-Blick zuwerfen, als plötzlich ein Beben durch den Raum fuhr. Der Boden rumorte, Staub und Gesteinsbrocken rieselten von der Decke.
Der Raum würde einstürzen, wurde es Amanda jäh bewusst. Ehe sie sich in Bewegung setzen konnte, rief ihr Lara schon zu, dass sie laufen solle. Sie folgte ihrer Freundin immer noch ein wenig perplex. Diese hatte bereits das hochgefahrene Gitter erreicht, das zuvor den Ausgang versperrt hatte. Amanda stolperte vorwärts; das ständige Poltern herunterfallender Steine und das Rumoren des Bodens vereinfachte das Laufen nicht sonderlich.
Sie sprang gerade über einen kleinen Stein am Boden, als ein weiterer Stoß Gestein von der Decke fiel und ihr unweigerlich den Weg abschnitt. Das Beben wurde stärker und mehr und mehr Steine landeten zwischen Amanda und ihrem Weg nach draußen. Sie blickte auf und sah, dass Lara mit letzter Kraft das Gitter, das durch das Beben wieder heruntergeglitten war, auf halber Höhe festhielt.
Amanda stolperte weiter, verbissen darauf, den Ausgang noch rechtzeitig zu erreichen. Doch da spürte sie, wie ihr Fuß zwischen einigen Gesteinsbrocken feststeckte. Sie versuchte, die Steine beiseite zu schieben, doch nichts rührte sich. Das Beben wurde kräftiger und plötzlich spürte sie Wasser durch ihren Schuh sickern. Panisch sah sie sich um. Der Raum wurde geflutet! Das Beben musste dem oberhalb liegenden Fluss Eingang zum Höhlensystem geschaffen haben.
Wieder zerrte sie an ihrem Fuß, doch die Kraft des Wasser drückte die Steine zu Boden, sodass es unmöglich schien, sich befreien zu können. Das Wasser umhüllte nun schon ihren Körper; es stieg schneller und schneller, den riesigen Raum einnehmend. Als das Wasser ihr Kinn berührte, streckte sich Amanda und holte tief Luft, um hinab zu tauchen und abermals an ihrem Fuß zu ziehen. Doch die Steine rührten sich nicht.
Sie warf einen verzweifelten Blick zu Lara, die noch immer das Gitter hielt, es jedoch bald fallen lassen würde. Amanda schrie sie unter Wasser an, ihr zu helfen. Doch als sich eine weitere Lawine aus Gesteinsbrocken zwischen das Gitter und Amanda herabließ, ließ Lara das Gitter los, welches rasch zu Boden fiel und abermals den Ausgang versperrte. Amandas Augen weiteten sich, als sie an den Steinen vorbei sah, wie Lara sie bereits aufgegeben hatte. Ein letztes Mal zerrte sie am Gitter, ehe sie Amanda einen entschuldigenden Blick zuwarf und sich vom Gitter abstieß. Weitere Steine brachen von den Wänden und begruben Amanda teilweise. Durch einen Spalt zwischen zwei Steinen sah sie, wie Lara dem Gang hinter dem Gitter ins Freie folgte.
Während sie Amanda ihrem Schicksal überließ.
Diese starrte ihrer Freundin, der Verräterin, hinterher, vom Wasser eingeschlossen, am Boden festgehalten. Dem Ende so nahe. Sie schloss die Augen, als das letzte Luftbläschen verbraucht war und sie spürte, wie Wasser durch ihre Nase in ihren Körper eindrang.
So fühlte sich der Tod an, dachte sie und erinnerte sich an all die Erzählungen, mit denen sie sich während ihres Lebens beschäftigt hatte. Erzählungen über das Leben und den Tod. Über die spirituelle Welt, über das Danach. Als sie spürte wie ihr Körper sich gegen das einströmende Wasser zu wehren begann, fragte sie sich, wie dieses Danach wohl aussehen würde.
Als es dunkel um sie herum wurde, spürte sie noch den Stein in ihrer Hand, ehe sie gar nichts mehr spürte.
A/N: Die nächsten Kapitel spielen, wenn nicht anders erwähnt, in der Vergangenheit.
Disclaimer: Siehe Prolog
