Kapitel 1: Ein neues Jahr beginnt

Die Landschaft flog nur so an dem davon sausenden Zug vorbei. Regen prasselte hart gegen das Zugfenster, doch der schwarzhaarige Teenager ließ sich davon nicht beirren und las weiter in seinem Buch. Er war der einzige Insasse dieses Zugabteils. Die vier roten Sitze waren an einigen Stellen bereits von mutwilligen Schülern aufgeschlitzt worden und hier und da mit dunklen Flecken beschmutzt. Ein großer, schwarzer, alter Koffer thronte auf den gegenüberliegenden Sitzen. Dieser Koffer wies, wie die Sitze, bereits Gebrauchsspuren auf. In einer Plakette waren die Initialen E.P. eingraviert worden. Außer dem Koffer befanden sich keine weiteren Gegenstände in diesem Abteil.

Die Deckenlampe, die einzige Lichtquelle, begann zu flackern. „Diffindo", ohne von seinem Buch aufzusehen, schwenkte der junge Zauberer seinen Zauberstab Richtung Lampe. Auch von dem darauffolgenden Glasregen ließ sich der Junge nicht stören. Funken flogen durch das Abteil, dann war es wieder Mucksmäuschen still. Nur das Rattern des Zuges und die gedämpften Stimmen aus den anliegenden Abteilen waren zu hören. Das Abteil wurde in gänzliche Dunkelheit getaucht. Nur durch das kleine Fenster an der Tür fiel noch ein schmaler Streifen Licht vom Mittelgang hinein.

Gereizt stöhnte der Schüler und sah schließlich doch von seinem Buch auf. Das schwarze, kinnlange Haar fiel ihm wie Vorhänge ins Gesicht und hob seine markante Hakennase besonders hervor. Auch bildeten seine schwarzen Haare einen starken Kontrast zu seiner fahlen Gesichtsfarbe. Seine schwarzen Augen blitzen durch die Dunkelheit, als er eine schnelle Bewegung mit seinem Zauberstab machte. Augenblicklich wurde das Zugabteil von schwachem Licht ausgefüllt. Die Quelle dieser Energie war jedoch nirgends zu erkennen. Zufrieden mit seiner Arbeit, nahm er das Buch wieder zur Hand. Es handelte sich um ein einfaches, schwarzes Buch auf dessen Umschlag der Titel „Magie im Wandel der Zeit" kaum noch zu lesen war. Die goldenen Lettern waren bereits verblichen.

Die Stille wurde erst wieder durchbrochen, als die Abteiltür geräuschvoll von außen geöffnet wurde. Der Insasse blinzelte gegen das grell einfließende Licht. Schwer ließen sich zwei Umrisse erkennen.

„Snape! Sind die Gerüchte also doch wahr? Bist du am Ende wirklich eine Fledermaus, die das Licht meidet? Oder warum sitzt du hier praktisch im Dunklen?"

Der angesprochene biss die Zähne fest aufeinander, während er seinen Zauberstab wortlos auf sein Gegenüber richtete.

„Siehst du das, Snape?", der Junge zeigte auf eine Plakette auf seinem Umhang, „Wir sind Vertrauensschüler..."

„Lass gut sein, Davey. Wir sollten nur nach dem Rechten sehen und Snape kommt scheinbar gut zurecht."

Mit einem letzten hasserfüllten Blick auf Snape drehte sich Davey um, und verließ hinter seinem Freund das Abteil, nicht ohne die Tür mit einem lauten Krachen zuzuschieben.

Oh, wie er diese Wichtigtuer hasste. Nur weil sie eine kleine Plakette an ihrem Umhang trugen, meinten sie gleich, sie könnten ältere Mitschüler herumkommandieren. Dankbar über die erneute Ruhe, vergrub der Junge sein Gesicht erneut hinter dem Buch.

Die restliche Zugfahrt verlief ohne weitere Zwischenfälle. Erst als der Hogwartsexpress den Bahnhof von Hogsmeade erreicht hatte, klappte der Junge sein Buch zu und verschloss es in seinem Koffer. Mürrisch folgte er der letzten Traube von Schülern aus dem Zug und zu den Kutschen. Er drängte einen Zweitklässler zur Seite, der schließlich auf dem matschigen Boden hinfiel, und bestieg die Kutsche ganz alleine. Gerade als sich die Kutsche in Bewegung setzen wollte, wurde die Tür aufgerissen und ein Mädchen ließ sich leicht keuchend ihm gegenüber nieder.

„Ich dachte schon, ich hätte die letzten Kutschen verpasst.", mit den Händen strich sich die junge Hexe ihr Haar hinter die Ohren. Als sie schließlich aufsah, konnte der Junge eine Veränderung in ihr bemerken. Ihre Augen blickten kurz in seine schwarzen, bevor sie fast ängstlich den Blick senkte. Ein eisernes Schweigen herrschte während der übrigen Fahrt.

Als die Kutsche endlich zum Stillstand kam, konnte der Junge nicht schnell genug ins Freie kommen. Mit hastigen Schritten bahnte er sich seinen Weg zwischen den letzten Schülern hindurch auf die große, steinerne Treppe zu, die in das Schloss führte.

„Snape!", bei dem Ertönen seines Namens wirbelte der Junge herum. Eine kleine Gruppe von drei Jungs trat ihm entgegen. Ein innerliches Stöhnen überkam den schwarzhaarigen Jungen. Er hatte gehofft diese Begegnung ließe sich auf einen anderen Tag verschieben. Ein Junge mit schwarzen Haaren trat aus der kleinen Gruppe hervor.

„Und? Bist du schon in die schuhleckenden Bande um Voldemort eingetreten?"

„Ich wüsste nicht was es dich angeht, Black. Gegenfrage, wo hast du deine zweite Hälfte gelassen? Oder hast du in den Sommerferien so viel Mut gesammelt, dass du dich traust mir alleine gegenüberzutreten, so ganz ohne Potter?"

Ein Zittern durchlief Black. Und Severus war sich sicher, dass es nicht die Kälte war, sondern der blanke Hass, der sein Gegenüber so beben ließ.

„Du wagst es mich einen Feigling zu nennen?" Ohne auf eine Antwort zu warten, hatte Black seinen Zauberstab hervor geholt. Auch der Slytherin hielt nun seinen Zauberstab in der Hand. Die Spitzen hatten sie auf den jeweils anderen gerichtet.

Der Kreis der Schaulustigen, der sich um die beiden Streithähne gebildet hatte, wich augenblicklich ein paar Schritte zurück. Schließlich wusste man nie, ob die Zaubersprüche ihr Ziel nicht doch mal verfehlten.

Die beiden Duellanten durchbohrten sich mit ihren Blicken, während sie auf ein Zeichen des jeweils anderen warteten, dass er das Duell eröffnete. Wie auf Absprache feuerten beide zur selben Zeit einen Fluch auf den anderen.

„Sectum..."

„Impedi..."

„EXPELLIARMUS!"

Bevor sie ihre Zaubersprüche beenden konnten, wurde ihnen von einer unsichtbaren Macht die Zauberstäbe aus den Händen gerissen, während eine dritte Person den Kreis betrat und die Zauberstäbe geschickt auffing.

„Potter!", der Slytherin sprach den Namen so aus, als spräche er von einer Seuche. Das und sein Gesichtsausdruck ließen keinen Zweifel aufkommen, dass er den Jungen abgrundtief hasste. Mühsam kämpfte er sich wieder auf die Beine.

„Danke, James. Wobei ich es lieber gesehen hätte, wenn du nur Schnieferlus entwaffnet hättest.", der andere Junge rieb sich schmerzhaft den Rücken, da es ihn ebenfalls von den Beinen gerissen hatte, „Und nun gib mir meinen Zauberstab zurück, dass ich das hier mit Snape regeln kann."

„Nein, Sirius. Ich bin Schulsprecher. Ich kann solch ein Verhalten nicht länger durchgehen lassen. Das gilt auch für dich, Snape. Wenn ich dich noch einmal beim Verhexen anderer Schüler erwische, heißt es Nachsitzen für dich."

Der Gryffindor warf Severus seinen Zauberstab vor die Füße, bevor er mit seinen Freunden zusammen im Schloss verschwand. Der Schwarzhaarige konnte Black noch immer quengeln hören, als sich die Türen schließlich hinter ihnen schlossen.

Die Menge der Schaulustigen hatte sich bereits aufgelöst. Als einer der letzten Schüler betrat der Slytherin die Schule. Ohne der prächtig geschmückten Großen Halle einen Blick zu schenken, setzte er sich ans Ende einer der vier Haustische abseits seiner Mitschüler.

Den neuen Slytherinschülern schenkte er nur halbherzig seinen Beifall, ob diese wirklich in der Lage waren, einem so noblen Haus anzugehören, würde sich noch früh genug zeigen. Seine Augen schweiften in der Großen Halle umher. Die meisten Schüler, die seinen Blick bemerkten, ignorierten ihn und unterhielten sich mit ihren Mitschülern. Erst an dem letzten Tisch, dem Gryffindor Haustisch, begegneten ihm die drei Jungen von vorhin mit einem eisigen Blick, der, könnten Blicke töten, ihn rücklings von der Bank fallen gelassen hätte. Und hätten Schüler in der Nähe des schwarzhaarigen Jungen gesessen, so hätten sie das feindselige Knurren gehört, das des eines Hundes nahe kam, dem man seinen Knochen geklaut hatte.

Oh, diese Blutsverräter und muggelliebende Dummköpfe! Bald würden sie schon merken, was sie davon hatten sich gegen den Dunklen Lord zu stellen. Ein boshaftes Grinsen zierte seine dürren Lippen bei diesem Gedanken.

Das Gemurmel unter den Schülern verstummte jäh. Dumbledore hatte sich zu seiner jährlichen Rede erhoben.

„Alle neue Schüler, sowie auch alle alten Hasen unter euch, sind in den Mauern von Hogwarts Herzlich Willkommen", die Augen des Schulleiters glitzerten freudig in die große Runde und schienen Severus Blick einen Moment länger zu halten, als den der anderen Schüler.

„Mr. Filch, der Hausmeister, bat mich erneut, euch auf die Liste der verbotenen Gegenstände in dieser Schule aufmerksam zu machen. Scheinbar gibt es immer noch genug Schüler unter euch, die diese Liste gekonnt missachten können. Deshalb rate ich euch diese Liste in Mr. Filchs Büro einzusehen.

Der Verbotene Wald ist weiterhin, wie der Name vermuten lässt, verboten. Ich bitte unsere neuen Schüler dies zu befolgen.

Und auch möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass die Peitschende Weide besser gemieden wird. Letztes Jahr verlor ein Viertklässler beinahe ein Auge, bei dem Versuch, sich dem Baum zu nähern.

Wie den älteren Schülern sicherlich bekannt ist, ist unser Professor für Verteidigung gegen die Dunklen Künste, Professor Rockeby, im Juni von uns gegangen. Dem zu folge wird Professor Darcy seinen Posten übernehmen. Leider kann er heute nicht bei uns sein, da eine heimtückische Krankheit ihn heimgesucht hat. Wir rechnen frühestens in drei Wochen mit seiner Rückkehr und somit der Aufnahme seines Unterrichts.", hier unterbrach lautes Gemurmel den Schulleiter. So manch ein Schüler freute sich über die zusätzlichen Freistunden, während andere über den neuen Professor und dessen Krankheit spekulierten.

Dumbledore ließ sich von der Unterbrechung nicht beirren und fuhr in seiner Rede fort:

„Das neue Schulsprecherpaar kommt dieses Jahr aus dem Haus Gryffindor. Ich möchte euch bitten, James Potter und Lily Evans den Respekt, der ihnen bei Ausführung dieses Amtes zu kommt, zu zollen.

Und nun habe ich euch lang genug aufgehalten. Auf ins Bett mit euch.", mit einer Handgeste Richtung Tür ließ sich der alte Zauberer wieder auf seinem Platz nieder.

Darcy, wo hatte er diesen Namen schon einmal gehört. Der schwarzhaarige Junge war sich sicher, dass er irgendwo bereits von seinem zukünftigen Professor für Verteidigung gehört hatte. Grübelnd folgte er den Schülern seines Hauses durch die kalten Kerker bis in den Gemeinschaftsraum. Ohne seiner Umgebung große Beachtung zu schenken, machte er sich geradewegs auf in seinen Schlafsaal. Selbst als sein Kopf Kontakt mit seinem Kissen machte, ließ der Name Darcy dem jungen Zauberer keine Ruhe.