Kapitel Solitaire
Am nächsten Morgen fühlte sich Hermine wie erschlagen. Zum Glück wartete diesmal keine Eule auf dem Fensterbrett; sie war einfach zu müde für alles.
Ein Blick auf den Wecker verriet ihr, dass es schon neun Uhr war – es gab nur noch eine Stunde Frühstück.
Ächzend und stöhnend quälte Hermine sich aus dem Bett und tapste unter die Dusche. Das Wasser war erst mal eiskalt und Hermine quietschte erschrocken auf – wenigstens bin ich jetzt wach, dachte sie mit Zwangsoptimismus.
Nach ihrer Tour durchs Bad schlüpfte sie zu guter Letzt in ihren Umgang und hörte das leise Knistern von Pergament.
Richtig, da waren ja noch die neuen Lehrpläne des Ministeriums... Hermine legte den Umschlag auf ihren Schreibtisch und machte sich dann auf den Weg zum Frühstück, wo sie gerade noch rechtzeitig ankam, um die letzte Tasse Kaffee zu ergattern.
Mit einem letzten herzhaften Gähnen hob sie den Blick und schaute zum ersten Mal aus den großen Fenstern. Draußen verzog sich gerade der Morgennebel und enthüllte einen strahlend blauen Himmel.
Spontan entschloss sie sich zu einem ausgedehnten Spaziergang um den See. Mit einem Accio holte sie sich eines der Bücher, das sie gestern gekauft hatte und machte sich auf den Weg.
Morgens eigentlich nicht sonderlich gesprächig machte sie einen Bogen um Hagrids Hütte und kam direkt zum See, um ihr Lieblingsplätzchen gegenüber dem Schloss anzusteuern. Hier war sie ungestört und konnte hin und wieder den grandiosen Anblick des altehrwürdigen Schlosses, das über dem Wasser thronte, bewundern, wenn ihr das Lesen zu viel würde.
Nach den ersten fünfzig Seiten legte sie entnervt das Buch zur Seite. Ein unwissenschaftliches Vorwort, das länger als 20 Seiten war, entsprang ihrer Meinung einfach purer Eitelkeit des Autors. Und ständige besserwisserische Unterbrechungen zwischendurch waren auch nicht nach ihrem Geschmack.
Missmutig musterte sie das Cover des Buches. Ihr war es nur wegen des schreienden Pinks in die Augen gefallen und die Beschreibung über wahre Liebe hatte sich viel versprechend gelesen. Wahrscheinlich war sie einfach auf eine Lebens- und Liebesanleitung aus.
Hermine schnaubte und ließ den Blick zum Schloss hinüberwandern.
Hogwarts sah richtig friedlich aus. Im strahlenden Sonnenschein wirkte das alte Gemäuer nicht so düster und abweisend und die vielen Fensterscheiben leuchteten im Licht. Hermine fühlte sich hier einfach zu Hause.
Gerade wollte sie sich mit Schwung rückwärts umfallen lassen, als sie eine wohlbekannte Stimme hörte:
„Keine gute Idee"
Erschrocken sah Hermine auf und stellte fest, dass Snape an einem Baum in der Nähe lehnte.
„Warum nicht?"
„Ziemlich harte Wurzeln. Habe mir da auch schon eine Beule geholt..."
Hermine grinste ein wenig schadenfroh und schwieg.
Snape kam näher und griff sich das Buch, das sie achtlos im Gras liegen lassen hatte. Als er den Titel gelesen hatte, schnaubte er ebenso abfällig wie sie nach den ersten 50 Seiten.
„Es ist furchtbar. Das Brauchbarste ist noch das Vorwort. Alle Charaktere haben den einen oder anderen Knall und es ist nicht im mindestens logisch. Reine Zeitverschwendung, wenn du mich fragst."
Hermine starrte ihn an; schließlich fand sie ihre Sprache wieder: „Du... du hast es gelesen?!"
„Kein Grund, zu stottern. Ja, habe ich. Ich dachte, ich könnte etwas lernen – über das Leben und die Liebe." Die Ironie in seiner Stimme hätte ganze Eimer gefüllt.
„Und?!"
„Absoluter Blödsinn. Vertrödele nicht deine Zeit damit."
Damit schritt er zum Schloss zurück und ließ eine verwirrte Hermine zurück.
Snape las Die Brautprinzessin, was nun wirklich ein Kinderbuch war und teilte ihr ganz ernsthaft seine ehrliche Meinung mit, ohne sie auszulachen oder zumindest über das schreiend pinke Cover zu spotten. Hatte ihm gestern jemand eine Gehirnwäsche verpasst? Das war das zweite Mal innerhalb von 24 Stunden, dass er sie mit seiner Reaktion überraschte...
Und dann seine Bemerkung über das Leben und die Liebe. Hatte er gesagt, dass das an sich Zeitverschwendung wäre oder nur die Lehre aus dem Buch darüber?
Je genauer Hermine darüber nachdachte, desto mehr wurde ihr klar, dass sie es so genau gar nicht wissen wollte. Snape war nie einfach gewesen und man konnte zu recht den alten Spruch anwenden, dass das Leben ihm übel mitgespielt hatte.
Vor einiger Zeit hatte Harry ihr Snapes Geschichte erzählt und sie beneidete ihn ganz sicher nicht um sein Leben.
Nachdenklich machte Hermine sich auf den Weg zurück zum Schloss, änderte dann aber kurzentschlossen ihre Richtung und lief zum Apparier-Punkt. Kurze Zeit später tauchte sie in London auf und schlug den vertrauten Weg zu einem großen Musikgeschäft ein.
Das Lied von gestern Abend ging ihr nicht mehr aus dem Kopf und nach und nach kamen andere Lieder dazu, die sie mit ihrer Kindheit verbanden.
Nachdem sie sich durch diverse Regale gewühlt hatte, kam sehr vorsichtig ein Verkäufer auf sie zu und sprach sie ausgesprochen höflich an. Verwundert schaute sie den jungen Mann an und dann an sich herunter.
Verdammt! Sie trug noch immer ihre Zaubererroben. Kein Wunder, dass der arme Kerl so vorsichtig war – er musste glauben, dass er es mit einer Irren zu tun hatte.
Beiläufig erklärte sie, dass sie auf dem Weg zu einer Motto-Party wäre und für das Geburtstagskind eine spezielle CD suchen würde. Ausreden waren schon immer Hermines Stärke gewesen...
Mehrmals wiederholte sie den Namen der Gruppe, buchstabierte ihn zuletzt, damit der Verkäufer ihn in den PC eingeben konnte und hielt eine geschlagene halbe Stunde später wirklich ein Best-Of-Album der Carpenters in Händen.
Zufrieden machte sie sich auf den Heimweg.
Als sie wieder in ihren Gemächern war, legte sie den Umhang ab und schlüpfte in ein bequemes T-Shirt, zauberte sich eine Tasse Tee und bereitete sich seelisch auf den Unsinn vor, den das Ministerium wohl mit den Lehrplänen angestellt haben würde.
Hermine öffnete das Kuvert und las das übliche Vorgeplänkel bis sie zu der Stelle kam, die die Verpflichtung zu interdisziplinärem Arbeiten beinhaltete. An sich bestimmt eine gute Idee, dachte Hermine, und las weiter.
"...und unsere Experten haben festgestellt, dass sich das Fach Verwandlungen sehr gut mit Zaubertränken ergänzt, da die beiden Disziplinen so gegensätzlich sind..."
Hermine prustete durch ihren Tee und mühte sich, nicht die Feder mit der roten Tinte zu zücken, „gegensätzlich" durchzustreichen und an den Rand zu schreiben „haben nichts miteinander zu tun".
Wie bei Merlins Haaren sollte man Zaubertränke und Verwandlungen miteinander verknüpfen?!
Hermine erinnerte sich noch recht lebhaft an Snapes Antrittsrede in ihrem ersten Jahr, als er den Neuen klar machte, dass man in Zaubertränke kein „albernes Zauberstabgefuchtel" brauche – insgeheim hatte ihm Hermine schon immer Recht gegeben, den Zutaten in einen Kessel rühren war einfach etwas ganz anderes als ein Pult in ein Schwein verwandeln...
Nach zwei Stunden mehr oder minder erfolgloser Arbeit gab Hermine wutschnaubend auf. Wer auch immer sich diese Lehrpläne ausgedacht hatte, hatte einfach gar keine Ahnung – die Inhalte waren abstrus, die Vorschläge zur Realisierung nicht durchführbar und Ende Oktober sollte eine Kommission kommen, um die Anwendung zu überprüfen – einfach fantastische Aussichten.
Hermine packte die Rollen Pergament, die sie vollgeschrieben hatte, zusammen mit dem Schreiben vom Ministerium und machte sich auf den Weg zu Snape, der ihr „interdisziplinärer Partner" war, um mit ihm einen Schlachtplan auszuarbeiten.
Nachtvogel, der sie nun einmal war, hatte sie keinen Blick an die Uhr verschwendet, und so war ihr auch nicht aufgefallen, dass es schon kurz vor Mitternacht war.
Fröstelnd zog sie ihren Umhang enger, als sie die steile Treppe hinabstieg. Draußen konnte es so warm sein wie es wollte, hier unten war die Luft immer kalt und feucht.
Als sie den Gang betrat, der zu Snapes Räumlichkeiten führte, hörte sie sehr bald gedämpfte Musik. Interessiert spitze Hermine die Ohren und schlich unwillkürlich näher.
Über der alten, dunklen Eichentür, die den Eingang zu Snapes Reich bildete, lag kein Schallschutzzauber und so konnte Hermine jedes Wort des Liedes hören
There was a man And solitaire's the only game in town And keeping to himself While life goes on around him everywhere There was a man
A lonely man
Who lost his love
Through his indifference
A heart that cared
That went unshared
Until it died
Within his silence
And every road that takes him
Takes him down
And by himself it's easy to pretend
He'll never love again
He plays the game
Without her love
It always ends the same
He's playing solitaire
A little hope
Goes up in smoke
Just how it kills
Goes without saying
A lonely man
Who would command
The hand he's playing
Hermine erstarrte zum Eiszapfen vor Snapes Tür – sie kannte das Lied, es war auf ihrem Best-of-Album. Und der Text könnte für Snape nicht passender sein.
Auch wenn Hermine manchmal nervtötend sein konnte, fehlte es ihr doch nicht an Taktgefühl; lautlos legte sie einen Schallschutzzauber über Snapes Tür und verschwand wieder.
Als sie wieder in ihren eigenen vier Wänden war, ging sie sehr bald zu Bett, Die Brautprinzessin unter dem Arm; auch wenn das Buch noch so grauenhaft war, brachte sie es doch nicht über sich, es nicht fertig zu lesen.
Kurz vor dem Einschlafen dachte Hermine an das Lied – sie wollte ganz sicher nicht wie Snape enden: Die große Liebe verloren und allein und voller Schuldgefühlte.
Sie schüttelte den Kopf über ihre eigenen Gedanken – sie verglich sich schon mit Snape! Ron war zwar kein Thema mehr für sie, aber schließlich war sie nicht dabei, ihn umzubringen.
Trotzdem, alleine wollte sie nicht bleiben... Vielleicht wurde es mal wieder Zeit, Viktor zu schreiben...
