Chapter 2 - Schadensbegrenzung
Callisto Weir, stellvertretende Leiterin des Aurorendepartments, war gerade in die Vorhalle des Zaubereiministeriums appariert, als augenblicklich zahlreiche Fotografen und Reporter sie umringten.
„Mrs. Weir, können sie uns ein Statement zum tragischen Tod des Ministers geben?" meinte der Berichtererstatter – der etwas goblinhaftes an sich hatte - für den Tagespropheten unsensibel. Sie warf den Reportern einen verdutzen Blick zu. „Was?"
„Sie wissen es nicht?" Rita Kimmkorns Feder kritzelte schnell etwas auf ein Blatt Pergament.
„Rufus Scrimgeour ist tot aufgefunden worden. Wir warten noch auf Bestätigung durch Ihre Abteilung." Ihre Stimme zitterte, ob aus Schock oder Aufregung
Schnell gewann die erfahrene Politikerin und Aurorin Weir ihre Fassung wieder, zumindest genug, um etwas zu sagen.
„Wenn das stimmt, ist es ein harter Schlag für das Ministerium und die Zauberwelt im Allgemeinen. Jetzt entschuldigen Sie mich bitte." Sie bahnte sich ihren Weg durch die aufgewühlte Masse. Jordan Fielding, ihre Sekretärin, eilte ihr durch den Korridor entgegen. Atemlos.
„Oh, große Güte, Ms Weir! Sie hätten es nicht auf diese Weise erfahren müssen..."
„Dann stimmt es also? Warum wurde ich nicht rechtzeitig informiert? Sogar die Presse ist bereits da! Sie können sich vorstellen wie dumm ich mir vorkam!"
„Tut mir Leid, Madam, ich hätte sie von Ihnen fernhalten sollen. Wir haben die Bestätigung vom Tod des Ministers gerade erst erhalten. Vor fünf Minuten, genauer gesagt. Um keine Panik durch Verbreitung einer falschen, voreiligen Nachricht auszulösen, hat Marcia Blythe erst einmal weitere Auroreneinheiten losgeschickt. Sie können sich vorstellen, dass im Moment alles drunter und drüber geht. Die Presse ist schon auf das Gerücht hin angerückt. Man hatte nämlich das Dunkle Mal über dem Wohnort des Ministers gesichtet."
Die Sekretärin hatte das alles in unglaublich kurzer Zeit mit zitternder Stimme gesagt, sodass Callisto kaum etwas verstanden hatte. Doch in einer Situation wie dieser waren ohnehin nicht viele Erklärungen nötig. Ms Weirs Blick fiel auf ein magisches Plakat an der gegenüberliegenden Wand, eine Art überdimensionale Todesanzeige, die konzipiert wurde, um eventuelle Verluste schnell publik zu machen. Natürlich konnte dieses System auch zu Problemen – besonders mit hysterischen Angehörigen - führen. In dicken schwarzen Lettern stand Scrimgeours Name an der Spitze der Liste.
„Verdammt."
Miss Fielding, die diesen Sommer erst die Schule abgeschlossen hatte und dementsprechend unerfahren war, brach in Tränen aus. Es war also nicht nur ein Gerücht, dass Scrimgeour das Zeitliche gesegnet hatte. Die junge Frau war mit den Nerven am Ende. Die letzten Wochen waren unglaublich fordernd und besonders verlustreich gewesen – und nun das. Nach einem anfänglichen Versuch ihre Sekretärin zu beruhigen, der erfolglos verlief, sprintete Callisto zum Büro ihrer direkten Vorgesetzten, Marcia Blythe. Die großmütterliche Frau besaß zweifellos ein Talent für reibungsfreie Organisation, doch häufig fehlte ihr Durchsetzungskraft und Autorität. Im Gegensatz zu Weir, die jeden größeren Einsatz persönlich geleitet hatte, beschränkte sich die leitende Tätigkeit Blythes auf den Innendienst.
„Ich hatte gehofft, sie würden bald auftauchen. Anscheinend kann man sich nicht mal mehr zwölf Stunden frei nehmen."
„Wenn es mit Todesfällen so weiter geht, schlafe sowieso ich im Ministerium."
Weir versuchte die angespannte Atmosphäre etwas zu lösen, was ihr nicht gelang.
„Ich glaube, Ihre Kinder würden sich beschweren, Callisto."
Sie senkte den Kopf.
„Scrimgeour – ist es definitiv?"
„Leider ja. Ich habe gerade die bestätigende Rückmeldung erhalten."
„Die Menschen werden nicht Ruhe bewahren, sobald die Angelegenheit publik wird."
„Ein Grund mehr, warum wir ruhig bleiben müssen."
Plötzlich traf ein Gedanke Callisto mit voller Wucht. Sie beugte sich zu der Vorgesetzten vor, ihre Worte waren mit Besorgnis gefüllt. „Die fünf Auroren, die vor Scrimgeours Haus Wache hielten, sind sie noch am Leben?"
Blythe schüttelte den Kopf. Ihre Stimme bebte. „Sie sind alle tot."
„Ich will an den Tatort." Hass und Wut stieg in der jungen Aurorin auf.
„Was würde das bringen? Wir haben genügend Mitarbeiter vor Ort. Ich kann ihnen die Aufnahmen von den Opfern und der Umgebung zeigen." Sie holte einen Stapel magischer Fotos aus einer Mappe hervor.
„Kein schöner Anblick. Ich habe noch nie etwas derartig Abscheuliches und Grausames gesehen. Vielleicht sollten Sie besser nicht..."
Callista ergriff hastig die Bilder.
„Im Gegensatz zu Ihnen habe ich schon genügend Leichen gesehen."
Tatsächlich hatte Ms Weir sofort nach ihrem Schulabschluss eine Ausbildung zur Aurorin begonnen. In den über siebzehn Jahren seither hatte sie so manchen grausam zugerichteten Körper gesehen, besonders oft jedoch, seit Voldemort wieder aufgetaucht war.
Als sie jedoch die Fotos betrachtete, stockte ihr der Atem.
Das erste Bild zeigte eine ältere Frau, deren schmerzverzerrtes Gesicht mit tiefen Schnittwunden übersäht war.
Auf dem zweiten Bild konnte sie zuerst keine Umrisse ausmachen. Nach einigen Momenten erkannte sie die blutige Masse auf dem Kiesweg als ... einen Menschen.
Die darauf folgenden Bilder zeigten die drei weiteren ermordeten Auroren, die anscheinend einen schnelleren, weniger schmerzvollen Tod erlitten hatten. Einer davon war ihr ehemaliger Kollege William Shelley. Sie erinnerte sich an einige Abende, die William, sie und einige andere lachend im Tropfenden Kessel bei Holunderlikör und Butterbier verbracht hatten.
Jordan Fielding schien sich wieder gefangen zu haben, als sie den Raum mit einem Memo in der Hand betrat, die Augen noch stark gerötet. Als ihr Blick auf die auf dem Tisch liegenden Fotografien fiel und sie begriff was sie zeigten, entfuhr ihr ein leiser, heiserer Schrei und sie hockte sich sogleich in eine Ecke des Büros, den Kopf zwischen den Armen verborgen. Blythe sah sie besorgt an, blieb aber sitzen.
„Der Stress nimmt sie ganz schön mit, hm?"
Die Fotos, die Scrimgeour zeigten, ließen Callisto das Blut in den Adern gefrieren.
Er lag auf dem Bauch, in einer Lache seines eigenen getrockneten Blutes. Er schien kein Gesicht zu haben. Dort, wo sich normalerweise das Gesicht befand, war nur eine einzige verbrannte Fläche zu sehen. Eine Nahaufnahme des Rückens zeigte, dass sich am Torso so gut wie gar keine Haut mehr befand. Callisto legte den Stapel beiseite.
„Das...das ist das Werk eines Wahnsinnigen."
Blythe nickte traurig. „Ich habe mich übergeben müssen, als ich die Bilder angesehen hatte. Sie scheinen das viel besser wegzustecken."
„Die Bevölkerung wird nicht einmal ansatzweise Ruhe bewahren, wenn sie von Scrimgeours Schicksal erfährt."
„Was sollen wir aber dagegen ausrichten? Das Ministerium ist wie gelähmt. Wir müssen so schnell wie möglich einen neuen Zaubereiminister wählen. Doch wer würde diesen Posten noch übernehmen?" Mrs. Blythe stand auf. „Das ist jedoch nicht unser Problem. Die Aurorenabteilung ist nicht für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig."
„Sollen etwa wir die Medien Panik verbreiten lassen? Mr. Canton ist bestimmt noch nicht informiert worden. Ich kümmere mich um die Presse. Und - ignorieren Sie Jordan einfach."
Kaum hatte sie den Besprechungsraum verlassen stürzten die Reporter auf Callisto zu, ohne sich darum zu kümmern, dass sie den Gang verstopften.
„Mrs Weir, was können sie uns zu der Art des Todes sagen?"
„Gibt es noch mehr Opfer?"
„Ist es sicher, dass Sie-wissen-schon-wer persönlich den Mord ausgeführt hat?"
Weir setzte ein neutrales Politikergesicht auf und gab den Presseleuten einige Information über den Mord, in der Hoffung, durch geschickte Formulierungen Panikmache zu verhindern.
A/N: Erklärung zu den verschiedenen Anredeformen – Ms ist die neutrale Form. Die Reporter nehmen an, dass Weir verheiratet ist - was nicht der Fall ist - daher bezeichnen sie sie mit Mrs. Miss entspricht etwa dem deutschen ‚Fräulein'.
