Und so kam es, dass Bonnie nach nur einen Tag wieder in ihrem Wohnzimmer stand und mit dem Aszendenten in der Hand den Zauberspruch flüsterte, den Kai am Tag zuvor auch benutzt hatte. Elena war bei Alaric, Jo und, vor allem, Lily geblieben, die nicht wissen durfte, dass sie dabei waren wieder in die Gefängniswelt zu reisen, um Kai wieder zurück zu bringen.
Wenn sie davon wüsste, würde sie ihre komischen Vampirfreunde, die wahrscheinlich grade dabei waren Kai die Kehle herauszureißen, wahrscheinlich zurückbringen wollen.
Nun stand also Damon neben ihr und hielt ihre Hand, während sie den Spruch murmelte: »Sangiema meam et nos mundo carcerema. Sangiema meam et nos mundo carcerema«
Im nächsten Moment fanden sich die beiden mitten im Wald wieder, genau an der gleichen Stelle wo sie am Tag zuvor auch schon gelandet waren.
»Na los, lass uns diesen Idioten suchen und so schnell wie möglich nach Hause gehen. «
Bonnie schlang ihre Arme um ihren Körper und machte sich mit Damon auf den Weg zu seinem Haus. Wenn diese Vampire noch da waren, war es nur wahrscheinlich, dass Kai auch in der Nähe war. Immerhin hatte er fast zwei Tage lang Zeit gehabt, sich einen Unterschlupf zu suchen, und selbst mit der Wunde, die sie ihm verpasst hatte, musste er es bis dahin geschafft haben. Außerdem war es das einzige Haus, in dem er sich einigermaßen auskannte.
Bonnie wusste nicht, was sie erwartet hatte. Vielleicht, dass Kai wie immer irgendwo saß und irgendetwas in sich reinstopfte, wie er es gerne tat. Aber die Küche und auch das Wohnzimmer waren leer. Während Damon sogar unter dem Sofa nachsah, entdeckte Bonnie Blutspuren auf dem Boden im Flur. Sie biss sich auf die Unterlippe. »Damon« Er wandte seinen Kopf zu ihr, und sie deutete ihm an ihr zu folgen.
Das Blut führte in kleinen, regelmäßigen Tropfen zur Treppe. Damon sah Bonnie an, sah die Frage in ihren Augen und nickte. Sie wussten beide nicht was sie oben vorfinden würden, aber es gab wohl keinen anderen Ausweg als es auf die spontane Art herauszufinden. Kai musste sich entweder oben vor Lilys komischen Vampirfreunden verstecken, oder er war bereits tot.
Es war komisch für Bonnie das Haus der Salvatores so zu sehen. Sie war oft hier gewesen, und durch ihre Zeit mit Damon in 1994 kannte sie mittlerweile jeden Winkel der Zimmer, aber man merkte nun deutlich dass auch das Haus sich mit der Zeit stark verändert hatte. Da Damon hier aufgewachsen war musste er das Haus in diesem Zustand noch besser kennen, also folgte sie ihm und der Spur aus Blut auf dem Fußboden, die immer breiter zu werden schienen.
Ein lautes Knarren ließ beide zusammen fahren. Bonnie klammerte sich reflexartig an Damons Jacke fest und legte einen Zauber über sie beide, der sie vor dem Vampir verdeckte, der im gleichen Moment aus dem Zimmer vor ihr kam.
Sie hörte, dass Damon scharf die Luft einzog als er den Vampir aus Lilys imaginärem Puppenhaus wiedererkannte. Er schob Bonnie schnell ein Stückchen hinter sich, um sie aus der Gefahrenzone zu ziehen, aber als der Vampir ohne auch nur ein Blinzeln an ihnen vorbei schlurfte und die Treppe hinunter verstand, sah er sie fragend an.
»Unsichtbarkeitszauber«, flüsterte sie und deutete ihm mit einer Geste an, schnell weiter zu gehen. Damon grinste, tat aber was sie von ihm wollte und betrat das Zimmer. Jedoch hielten sich beide schnell die Hände vor Mund und Nase, da sich ihr der extreme Geruch nach etwas Vermodertem mit Blut vermischte.
»Widerlich«, hustete Bonnie und sah sich mit zugepresster Nase nach Kai um.
Damon rief leise seinen Namen. »Kai? Komm schon raus, du kleiner Bastard. «
Sie hörten ein röchelndes Geräusch aus einer Ecke des Zimmers, in der im nächsten Moment Kai auftauchte. Seine schwarze Jacke war über ihm ausgebreitet wie eine Decke, sodass man die Pfütze aus Blut nicht sehen konnte, in der er lag.
Er startete einen zweiten Anlauf, und diesmal war sein Lachen klarer, auch wenn man noch immer das Blut in seinen Lungen rascheln hörte. »Ich bin eigentlich davon ausgegangen, dass ich hier alleine klar kommen müsste«
Damon ging schnell zu ihm und biss sich selbst in sein Handgelenk, um Kai sein Blut zu trinken zu geben. Dieser spürte fast augenblicklich, wie sich die Wunden an seinem Körper langsam zu schließen begannen. »Wenn du nicht die Klappe hältst und aufstehst, wirst du das auch müssen«, erwiderte Damon trocken und zog ihn grob auf die Beine. Kai strauchelte etwas, rutschte in seinem eigenen Blut aus und musste sich an Damon klammern, der ihn mit einem angewiderten Blick ansah.
»Lasst uns hier verschwinden«, murmelte Bonnie von der Seite, die das ganze Szenario beobachtet hatte. Sie wollte den Blick nicht auf Kai richten und die ganzen Wunden sehen, die ihm wegen ihr zugefügt worden waren. Die neue Bonnie wollte keine Schuldgefühle wegen ihm haben. Aber die alte Bonnie verzog sich in eine dunkle Ecke in ihrem Herzen und begann zu schluchzen, weil ihr ganzer Plan, ihn für immer los zu werden, schief gelaufen war.
Damon setzte sich in Bewegung und zog Kai mit sich, der bei jedem Schritt vor Schmerzen ächzte, aber trotzdem vorankam. Bonnie konzentrierte sich währenddessen darauf, erneut einen Zauber über sie zu legen, damit ihnen nicht irgendeiner dieser Vampire über den Weg lief, bevor sie ihr Ziel erreicht hatten.
Sie hielt Damon und Kai die Haustür offen und schloss sie auch wieder fest hinter sich.
»Geht schneller«, drängte sie leise, weil sie einerseits Angst hatte dass ihnen die Zeit davon lief, und andererseits weil sie es nicht riskieren wollte allzu bald wieder diesem Vampir über den Weg zu laufen, der wahrscheinlich bald schon ihre Fußspuren entdecken würde.
»Ist ja nicht so dass ich mir schon Mühe gebe«, erwiderte Kai sarkastisch, verstummte jedoch sofort als Bonnie ihm einen Todesblick zuwarf. Stattdessen griff er in seine Jackentasche und zog den Aszendenten heraus, um ihn ihr zu geben. Bonnie nahm ihn peinlich berührt entgegen und senkte den Blick. Damon und sie hatten in ihrer Eile gar nicht daran gedacht, nach dem Aszendenten zu fragen.
»Danke«, sagte sie widerwillig und Kai grinste.
»Nicht dafür«
Sie ließ den Unsichtbarkeitszauber über ihnen fallen, um sich auf den Zauberspruch konzentrieren zu können. »Gebt mir eure Hände«, befahl sie und sah, dass sowohl Damon als auch Kai ihre Augen schlossen, als sie ihre Hände berührte. Bonnie begann den Zauber zu sprechen, während aus der Wunde auf ihrer Handfläche noch immer ein wenig Blut sickerte.
Sie konnte das helle Licht durch ihre geschlossenen Augenlider sehen, als sie auf einmal einen heftigen Schmerz im Rücken fühlte, als irgendetwas Spitzes in ihren Körper eindrang. Sie keuchte und riss die Augen auf.
Sie brach japsend auf dem Teppich im Wohnzimmer der Salvatores zusammen.
