Der Antrag
Ihr Vater und Jane sassen bereits am Tisch als Lizzy das Esszimmer betrat. Ihre ältere Schwester suchte ihren Blick und das Mitgefühl das daraus sprach war beinahe zuviel für Elizabeth. Es machte das ganze nur noch viel schwerer, da war es für Lizzy fast einfacher in die Richtung ihres Vaters zu blicken. Mr. Bennet hat ihr nicht mehr richtig in die Augen gesehen, seit er sie vor zwei Tagen in sein Arbeitszimmer bestellt und ihr alles erklärt hatte…
Elizabeth klopfte an die Tür und trat dann ein: „Du wolltest mit mir sprechen?", fragte sie ihren Vater und schloss die Türe hinter sich. Sie sah ihn an und blieb dann mitten im Raum stehen, als sie den Ausdruck auf seinem Gesicht bemerkte. „Bitte setzt dich Elizabeth", sagte ihr Vater und blickte dann aus dem Fenster während Lizzy sich im Stuhl vor seinem Schreibtisch niederliess.
Sie spielte nervös mit ihren Händen, während ihr Vater sie immer noch nicht ansah. Nach ein paar Minuten hielt sie es nicht mehr aus: „Papa, bitte, erzähl mir was los ist." Mr. Bennet fuhr sich seufend mit der Hand übers Gesicht: „Lizzy, es tut mir so Leid, ich wünschte ich könnte dir das ersparen." Und obwohl er seine Tochter eben noch dazu aufgefordert hatte sich zu setzen, ertrug er es nicht mehr ihr so gegenüber zu sein und stand auf. „Ich habe ein langes Gespräch mit Mr. Collins geführt, als er bei uns zu Besuch war und…", er brach ab und stütze sich mit den Händen auf dem Tisch ab: „Mein Vater hat sich einmal von Mr. Collins Senior Geld geliehen und dieses Darlehen niemals zurück gezahlt. Ich hatte keine Ahnung davon und dein Cousin Mr. Collins ebenfalls nicht. Als sein Vater vor kurzem verstarb, tauchten diese Unterlagen wieder auf und dein Vetter besteht nun auf der Rückzahlung dieser Schulden. Ich hatte keine Ahnung davon, die Summe von der wir hier sprechen…", er sah sie an und sein Blick liess Lizzy erzittern, er wirkte so verzweifelt. „Ich kann es ihm unmöglich zurück zahlen. Es übersteigt unsere Ersparnisse bei weitem. Selbst wenn ich das Haus und die Ländereien vermieten würde, es vergingen Jahre bis wir das Geld zusammen hätten, von etwas müssen wir ja auch noch leben."
Lizzy schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen, sie hatte mit allem gerechnet aber nicht damit. „Das Haus vermieten?", ihre Stimme zitterte als sie seine Worte wiederholte.
„Deine Mutter und deine Schwestern, wir können das Haus nicht einfach verlassen…aber", er suchte ihren Blick, „Wie soll ich es dir nur sagen, ich ertrage den Gedanken daran ja selbst kaum…Lizzy, es gibt einen Weg das ganze zu verhindern. Mr. Collins, er wäre einverstanden auf eine vollständige Rückzahlung zu verzichten wenn….wenn du einwilligst seine Frau zu werden."
Lizzy hatte für einen Moment das Gefühl, als ob die ganze Welt über ihr zusammenstürzte, als sie die ganze Tragweite seiner Worte erfasste. Mr. Collins heiraten. Sie allein konnte die Zukunft ihrer Familie also retten, aber nur wenn sie dafür ihre eigene zerstörte.
Es musste doch noch einen anderen Ausweg geben, sie blickte ihren Vater an und wartete darauf, dass er noch etwas sagen würde. Dass er einen Weg kannte ihr dieses Schicksal zu ersparen, dass er sie davor bewahrte, wie er sie als Kind immer vor allem Übel bewahrt hatte. Doch ein einziger Blick in seine von Tränen benetzten Augen machte ihr klar, dass es keinen anderen Weg gab.
Sie hielt die Tränen zurück und versuchte ruhig zu klingen, auch wenn sie das Zittern nicht ganz aus ihrer Stimme verbannen konnte: „Die anderen, wissen sie davon, hast du es ihnen erzählt?" Mr. Bennet schüttelte den Kopf: „Ich werde mit deiner Mutter sprechen wenn ich deine Antwort habe." Elizabeth schwieg und starrte auf ihre zitternden Händen, ihr blieb keine anderen Wahl und auch wenn bei diesem Worten in ihrem Inneren etwas zu zerbrechen schien, hob sie den Blick und sagte: „Ich willige ein."
Ihr Vater hatte anschliessend ihrer Mutter und Jane alles erzählt, nur die jüngeren Schwester liess man ihm glauben, dass Lizzy sich aus freien Stücken für Mr. Collins entscheiden würde. Mrs. Bennet war der Meinung, dass man ihre Gemüter mit solchen Geldsorgen und ähnlichem nicht belasten sollte. Elizabeth war das alles herzlich egal, was spielte es noch für eine Rolle was die anderen darüber dachten.
Sie durchlebte die nächsten zwei Tage wie in Trance, alles schien ihr so unwirklich und wenn die Gesichter von Jane und ihrem Vater sie nicht ständig daran erinnert hätten, dass alles nicht nur ein böser Traum war, so hätte sie wohl nicht daran glauben können.
Sie hatte sich die ganze Zeit über beherrscht und ihre Gefühle so gut sie konnte verborgen. Nur als sie mit Jane allein gewesen war, hatte sie nicht verhindern können, dass Tränen über ihre Wangen flossen und ihr Leiden in vollem Ausmass sichtbar wurde.
Jetzt sass sie also neben Jane am Esstisch und wartete darauf, dass der Rest der Familie zum Frühstück erscheinen würde. Ihr Vater erwartete Mr. Collins noch im Laufe des Morgen und Elizabeth klammerte sich an diese letzten Stunden in Freiheit und wünschte sie mögen nie zu Ende gehen. Noch war sie war frei, noch gab es kein Verlöbnis dass sie an Mr. Collins band, doch es war nur noch eine Frage der Zeit.
Das Essen war eine schweigsame Angelegenheit, sogar Lydia sagte weniger als sonst, wie wenn die Stimmung der anderen auf sie abgefärbt hätte. Elizabeth bezweifelte stark, dass ihre drei jüngeren Schwestern so ahnungslos waren ihre Eltern das vermuteten. Es war auch beinahe unmöglich nicht zu realisieren, dass etwas alles andere als in Ordnung war.
Elizabeth stellte ihre Tasse Tee ab und stand auf, alle blickten sie an, als erwarteten sie dass gleich etwas geschehen würde. „Ich mache einen Spaziergang", sagte Lizzy und eilte förmlich aus dem Haus, sie spielte eine Sekunde lang sogar mit dem Gedanken einfach wegzulaufen und nicht mehr zurück zu kehren. Doch natürlich hätte sie so etwas nie getan, nicht nur weil sie nirgendwo hin konnte, sondern auch weil sie ihre Familie nie im Stich lassen würde.
Die Stunden zogen dahin und Lizzy sass immer noch im Garten, als sich Schritte näherten. Schon vor einer ganzen Weile hatte die junge Bennet die Ankunft einer Kutsche gehört, doch sie hatte es nicht über sich gebracht zum Haus zurück zu kehren. Es war anscheinend auch nicht notwendig gewesen, denn nun hatte Mr. Collins sie gefunden.
„Miss Elizabeth, endlich treffe ich sie. Ich wandere schon seit geraumer Zeit umher in der Hoffnung ihnen zu begegnen." – „Mr. Collins", Elizabeth deutete eine schwache Verbeugung an, zu mehr war sie nicht fähig.
Er begann dann sogleich von Liebe zu Reden und noch von einigen anderen Dingen, doch Elizabeth hörte ihm gar nicht zu. „Lady Catherine wird begeistert sein….euer Vermögen wird nie zur Sprache kommen….", es waren nur Wortfetzen die an ihr Ohr drangen, doch schliesslich kniete er sich vor ihr nieder und Lizzy musste sich darauf konzentrieren ihn anzusehen und seine Worte aufzunehmen. „Miss Elizabeth, würden sie mir die Ehre erweisen meinen Antrag anzunehmen?". Sie blickte ihn an und alles in ihr schrie danach wegzurennen, doch stattdessen nickte sie und sagte, wenn auch nicht ohne kurz zu stocken: „Ja, ich nehme ihren Antrag an." Mr. Collins stand auf und küsste ihre Hand, bevor er mit ihr zurück ins Haus ging. Elizabeth beachtete ihren Verlobten kaum, sie fragte sich was wohl die Leute darüber denken würden. Was würde Charlotte sagen, oder ihre Tante Mrs. Gardiner…oder Mr. Darcy. Lizzy wusste nicht warum ihr in diesem Moment genau sein Name einfiel, doch es war so und während sie die Glückwünsche ihrer Schwester entgegennahm sah sie in Wirklichkeit nur sein Gesicht vor sich.
