Und dann sagte er das Einzige, was ihn davon abhalten würde Dumbledore, den er jetzt wieder ansah nachdem er sich von Potters Anblick hatte losreißen können, mit seinen eigenen Händen und einigem Kraftaufwand umzubringen.
„Fahr zur Hölle, alter Mann!"
1. Kapitel: Alles auf Anfang, oder „Ich wollte nur eine Chance!"
Er hatte weder besonders laut gesprochen noch sich in irgendeiner Art bewegt, und trotzdem war Potter wie unter einem heftigen Schlag zusammengezuckt.
Auch er selbst hatte bemerkt, dass seine Stimme irgendwo zwischen kalter Wut und giftgetränktem Samt geschwankt hatte und der Einzige, der sich daraus nichts zu machen schien war dieser verdammte senile alte Mann. Sein Grinsen zumindest sprach für sich.
Erneut spürte er diese unbändigen Aggressionen in sich hochkochen und entschied, dass es besser wäre zu gehen, bevor noch ein Unglück in diesem Büro geschah.
Ohne ein weiteres Wort oder einen letzten Blick verließ er, so schnell es ihm sein Stolz erlaubte, Dumbledores Büro, nicht aber ohne die Tür heftiger hinter sich zu zuziehen, als es eigentlich notwendig gewesen wäre ( Diesem Ausbruch an Infantilität konnte er einfach nicht widerstehen…) .
Draußen vor der Tür hielt er einen Moment inne, um seine Gedanken wieder in geregeltere Bahnen zu lenken, was selbstverständlich völlig aussichtslos war…
„Ich hasse dich, alter Mann", war das Einzige, was ihm zu dieser Situation und in diesem Augenblick einfiel. Leise murmelte er die Worte immer wieder vor sich hin, wie ein Mantra, das ihn davon abhalten würde zurück in Dumbledores Büro zu stürmen und dem alten Mann doch noch körperliche Gewalt anzutun.
Und dann hörte er sie. Durch die schwere Eichentür zwar nur gedämpft, aber klar verständlich.
Potters Stimme.
„Er hasst mich!" Seine Stimme hatte diesen furchtbaren kindlich, weinerlichen Ton, den man in seinem Alter nur noch dann hatte, wenn man nie wirklich hatte Kind sein dürfen…
„Ach was, mein Junge! Das ist nur seine Art andere willkommen zu heißen. Er braucht ein bisschen Zeit, bis er mit den Leuten warm wird."
Den Inhalt dessen, was der Schulleiter gesagt hatte, nahm er kaum wahr ( Das verdankte er seinem patentierten „Durchzugssystem", dass er immer dann benutzte, wenn Dumbledore auf etwas Persönliches zu sprechen kam…), stellte aber mit Entsetzten fest, dass Dumbledore Potter, genauso wie ihn, mit „mein Junge" angesprochen hatte.
Das an sich war natürlich keine große Sache, wenn man nicht wusste, dass Albus Dumbledore nur ihm wirklich wichtige Menschen mit dieser Art der Vertrautheit ansprach( Er verstand bis heute nicht warum auch ausgerechnet er zu diesem elitären Kreis gehörte…),was für ihn im Endeffekt soviel bedeutete, dass Dumbledore von ihm verlangen würde sich mit Potter irgendwie zu arrangieren, da der Direktor unter den Seinen keine blutigen Streitigkeiten duldete.
Mehr als gequält schloss er die Augen, als ihm die Tragweite dieser ganzen Farce bewusst wurde.
Potter würde nicht nur hier auf Hogwarts unterrichten, sondern auch wohnen und leben.
Das hieß, dass sie sich ständig sehen würden. Bei jeder Mahlzeit, zwischen den Unterrichtsstunden, bei den Lehrerkonferenzen und unter Umständen auch nachts bei der Aufsicht.
Was er jetzt brauchte, war der stärkste und schwärzeste Kaffe, der sich in diesem Schloss auftreiben ließ…
Eine halbe Stunde später und eine Tasse Kaffe reicher ( Er hatte den Hauselfen gesagt sie sollten einen Kaffe für ihn machen, der Tote wieder zum Leben erwecken könne. Inzwischen fragte er sich allerdings ob sie ihn nicht doch zu wörtlich genommen und irgendetwas in den Kaffe gemischt hatten…) ließ er sich ein weiteres Mal in seinen Lieblingsledersessel fallen.
Natürlich hätte er auch noch eine Weile vor Dumbledores Bürotür stehen bleiben und lauschen können, aber er sah keinen Sinn darin sich das Gespräch der beiden anzuhören.
Wahrscheinlich hatte Potter dem Direktor noch ein paar Minuten sein Leid geklagt um sich dann doch in sein Schicksal zu ergeben.
Oder sie hatten weiter über ihn geredet, was er erst recht nicht hätte hören wollen.
Was auch immer…
Er hatte sich schon so oft vorgenommen mit diesen unerträglichen Grübeleien aufzuhören, jedoch waren diese Versuche bis jetzt von wenig Erfolg gekrönt gewesen.
Fahrig strich er sich mit dem Ärmel seines Umhangs über die Augen und hielt sofort inne.
Noch etwas, womit er nie hatte aufhören können.
Diese unkontrollierbaren Gesten, die er sich in seiner Kindheit angewöhnt hatte, wenn er einmal mehr das Gefühl gehabt hatte seine Welt breche in großen Wogen über ihm zusammen.
Genauso wie er ständig seine Finger knetete, wenn er nervös war, oder ihm ein besonders schwerwiegendes Problem keine Ruhe ließ ( Das einzig sichtbare Zeichen für andere, dass er nicht immer so ruhig war, wie es den Anschein hatte ).
Er hatte es nie unter Kontrolle bringen können und befürchtete, dass es jetzt zu spät war um damit anzufangen.
Doch im Moment war ihm das Alles herzlich egal.
Er musste eine Beschäftigung finden, die ihn vom Nachdenken über Potter und sein eigenes verkorkstes Leben ablenken würde.
Das Labor war schon immer der Ort gewesen an den er sich ungestört hatte zurückziehen können, wenn er seine eigenen Gedanken nicht mehr ertragen konnte.
Für das Brauen eines Trankes war hauptsächlich nur exaktes und akkurates Handeln erforderlich, nicht aber große Denkarbeit. Zumindest nicht die Art des Denkens, die seine überspannten Nerven noch mehr foltern würde.
Es hatte für ihn etwas geradezu entspannendes sich nur auf eine Sache konzentrieren zu müssen, ohne dabei in seinen Gedanken die leidliche Diskussion über ein Für und Wider auszufechten.
Er war gerade dabei ein paar Mondkäferaugen für einen speziellen Heiltrank, um den Madame Pomfrey vor einigen Tagen gebeten hatte, in ihre, vom Rezept vorgeschriebenen, hauchdünnen Scheiben zu schneiden, als er das Geräusch einer sich öffnenden und wieder schließenden Tür aus seinen Räumen wahrnahm ( Er hatte Dumbledore vor einigen Jahren darum gebeten ihm auch in seinen privaten Räumen ein kleines Labor für seine Forschungen einzurichten, was dieser bereitwillig getan hatte ).
Vorsichtig löschte er die Flammen unter dem brodelnden Kessel, zog selbigen hinunter um ihn schließlich mit einem Zauber zu belegen, der verhindern würde, dass der Trank verdarb.
In aller Ruhe wusch er sich zuerst die Hände, bevor er sich langsam auf den Weg in sein Wohnzimmer machte aus dem er die Geräusche vermutete.
Er wusste, dass er keinen Grund zur Eile hatte.
Darauf bedacht keinen großen Lärm zu machen öffnete er die Tür zu seinem Wohnraum und blieb, mit der Schulter an einen Türpfosten gelehnt, ruhig stehen.
Dort, vor seinem ausladenden Kamin, stand er, Albus Dumbledore, und betrachtet das einzige Bild, das er in seiner Wohnung hier auf Hogwarts aufgestellt hatte.
Es war ein schon etwas verblasstes Muggelphoto in einem über die Jahre angelaufenen, feinen Silberrahmen.
Es zeigte seine Mutter kurz nach ihrem Abschluss.
Das einzige Bild, das er besaß, das sie vor ihrer Hochzeit zeigte.
Das letzte Bild, auf dem sie lächeln würde…
„Ich dachte eigentlich ich hätte die Tür so verhext, dass keine mir unwillkommenen Gäste sie passieren können."
Er hatte ruhig und ohne jede Feindseligkeit gesprochen, doch als Antwort bekam er nur ein vielsagendes Heben der Schultern.
Dumbledore sah noch immer auf das alte Bild, so als hätte er ihn gar nicht bemerkt, und er dachte schon der Direktor hätte vergessen warum er eigentlich hier war ( bei so alten Menschen, wie Dumbledore einer war konnte das ja durchaus vorkommen…), als dieser ohne jede Hektik, so als würde er jedes Wort abwägen müssen, und mit für ihn ungewöhnlich ernstem Gesicht zu sprechen begann.
„Sie hätte ihn sicher gemocht."
„Wen?"
Er hatte ohne wirklich nachzudenken diese Frage gestellt, wusste aber im selben Moment auf wen Dumbledore anspielte.
„Oh, ich denke das weißt du ziemlich genau."
Da war es wieder, dieses schelmische Aufblitzen in den hellen blauen Augen, die ihn jetzt unverhohlen musterten.
Potter, natürlich.
„Woher willst du das wissen?"
Er bekam nur ein weiteres Schulterzucken als Antwort.
„Sag, mein Junge, hättest du wohl für einen alten Mann eine schöne Tasse heißen Tee?"
Dumbledore hatte sich ihm jetzt ganz zugewandt und seine Augen sagten mehr als alle Worte, dass er keine Widerrede dulden würde.
Es hätte nicht offensichtlicher sein können. Er wollte reden.
Noch bevor er irgendetwas sagen konnte, hatte Dumbledore es sich schon auf dem großen Sofa, das direkt gegenüber des Kamins stand, bequem gemacht und sah ihn erwartungsvoll an.
Mit einem lautlosen Seufzen trat er hinüber in die kleine Küche um das heiße Wasser in zwei große Tassen mit schwarzem Tee zu gießen ( Er hatte sowohl das Wasser, als auch die beiden Tassen mit dem Tee vorbereitet, da er gewusst hatte, dass Dumbledore ihn für heute nicht in Ruhe lassen würde…).
Als er zurück zu Dumbledore in das Zimmer trat, bemerkte er beiläufig, dass es draußen schon fast völlig dunkel war ( Dumbledore musste es gewesen sein, der beim betreten des Raumes die Kerzen entzündet hatte, die überall verteilt herumstanden ) und ein Blick auf die kleine Uhr sagte ihm, dass es bereits halb neun war.
Er hatte also den halben Tag in seinem Labor verbracht und es war ihm nicht einmal aufgefallen, dass er sowohl das Mittag-, als auch das Abendessen verpasst hatte.
Es überraschte ihn allerdings, dass Dumbledore ihm soviel Zeit für sich selbst gegeben hatte.
Wahrscheinlich hatte der alte Mann gewusst, dass er mehr als ein paar Stunden brauchen würde um die Offenbarung vom Vormittag auf seine eigene Art zu verdauen.
„Nun, mein Junge, setz dich doch." Ein warmes Lächeln umspielte den schmalen Mund des Direktors.
„Ich hoffe es ist dir bewusst, dass du mich gerade in meinem eigenen Wohnzimmer dazu aufforderst mich zu setzen."
Dumbledores vorher warmes Lächeln wandelte sich nun in ein schelmisches.
Letztendlich setzte er sich doch in seinen Sessel, nachdem er Dumbledore die Tasse Tee gereicht hatte, die dieser dankend annahm.
„Nun, ich nehme an du weißt warum ich hier bin?"
Ein genervtes, abfälliges Schnauben war alles, was er als Antwort hervor brachte und schien auch das zu sein, was Dumbledore erwartet hatte, denn sein Lächeln wurde noch eine Spur schelmischer.
„Du scheinst dich ja köstlich zu amüsieren, alter Mann."
„Oh, es ist nicht so, dass ich mich über deine, durchaus berechenbare, Stimmung amüsiere, mein Junge."
Er wusste, dass es darauf keine passende Erwiderung gab ( sie hatten diese Art der Unterhaltung schon hundertfach geführt… ) und so gab er sich mit nachgiebigem Schweigen zufrieden.
Eine ganze Weile saßen sie so schweigend beieinander, während der Dumbledore seine Tasse ausgiebig von allen Seiten betrachtete und sich schließlich noch ein wenig tiefer in das große Sofa sinken ließ.
„Er bedeutet mir sehr viel, weißt du?" Der Direktor hatte nur sehr leise gesprochen, doch in der entstandenen Stille waren seine Worte wie ein laut widerhallendes Echo.
„Offensichtlich, sonst würdest du jetzt nicht hier sitzen und mir gleich sagen, dass du es wünschenswert fändest, wenn ich ihn nicht direkt an seinem ersten Tag aus dem Schloss ekeln würde."
Dumbledore schien nicht überrascht, dass er so genau wusste worauf dieses Gespräch hinauslaufen würde.
„Er ist für mich, wie…"
„…der Enkel, den du nie hattest, ich weiß!"
Einen kurzen Moment hatte er den Eindruck so etwas wie tiefe Traurigkeit oder Bedauern auf Dumbledores Gesicht zu erkennen, jedoch verschwand dieses vage Mimikspiel genauso schnell, wie es gekommen war.
Er konnte den leisen Verdacht nicht verdrängen, dass Dumbledore wirklich so viel an dem Jungen lag, wie er behauptete.
„Es hat ihn sehr gefreut wieder hier zu sein, in seinem `richtigen Zuhause´, wie er es immer nennt."
`Und dich freut es genauso, alter Mann.´ Er wusste es. Er musste Dumbledore nur ansehen um zu erkennen wie glücklich ihn der Umstand machte, dass Potter wieder hier war.
Dumbledore war in den letzten Monaten des Öfteren bei ihm gewesen, meist Abends, genauso wie jetzt, und das zittrig, fahle Licht der Kerzen hatte ihm mehr als deutlich gezeigt, dass er nicht der Einzige war, der in den letzten Jahren um einiges gealtert zu sein schien.
Jetzt, in diesem Moment hingegen, als er von Potter sprach, sah er wieder aus wie der Mann, der einst Grindewald besiegt und letztlich auch ( mit ein weinig Hilfe ) Voldemort die Stirn geboten hatte.
Dumbledores Augen hatten ihr altes Feuer zurückgewonnen.
„Er wird uns in den Wahnsinn treiben." Ein tiefes Seufzen entrang sich mit diesen Worten seiner Kehle. Er hatte aufgegeben. In dem Augenblick, als er in Dumbledores Augen das alte Feuer wiedererkannt hatte…
Das spitzbübische Grinsen kehrte auf das Gesicht des Direktors zurück. Dumbledore wusste es auch…
„Voraussichtlich."
„Er wird nichts außer Chaos und Unruhe stiften."
„Das ist anzunehmen."
„Und er wird jedweden Ärger magisch anziehen."
„Nun ja, ich denke, das hat wenig mit Magie zu tun…"
Sie sahen sich über ihre Teetassen hinweg in stiller Übereinkunft an. So war es schon immer gewesen und so würde es auch immer bleiben…
Sorgsam stellte Dumbledore, ohne ein Geräusch zu verursachen, seine inzwischen leere Tasse auf den kleinen Beistelltisch und erhob sich ein wenig schwerfällig aus seiner tiefliegenden Sitzposition.
„Ich glaube es ist Zeit für einen alten Mann sich zur Nachtruhe zu begeben, nicht wahr?"
„Wenn du es sagst."
Doch anstatt sich auf den Weg zu seinen eigenen Räumen zu machen, blieb Dumbledore noch einige Sekunden mitten im Raum stehen. Sein Blick hing an dem zuckenden Licht einer fast gänzlich heruntergebrannten Kerze. Das letzte verzweifelte Aufbegehren gegen das endgültige Erlöschen…
„Du hast ein gutes Herz, mein Junge."
Ein weiteres Schnauben seinerseits und ein erneutes Lächeln von Dumbledore.
„Und genau das ist der Grund, warum ich dich wie meinen eigenen Sohn liebe."
Betreten sah er in seine halb leere Tasse Tee. Er hasste es, wenn Dumbledore ihm diese Sache so direkt sagte.
„Ich weiß, alter Mann."
Der Direktor war während dieser kurzen Pause, die er gebraucht hatte um zu antworten, zur Tür hinübergetreten und hatte schon eine Hand auf dem Türgriff, als er sich ein letztes Mal zu ihm umwandte.
Dumbledore sah ihn noch einmal mit seinem warmen, gutmütigen Lächeln an.
„Gute Nacht, mein Junge."
Er konnte sich nicht dagegen wehren, dass sich auch auf seine Lippen ein schmales Lächeln stahl.
„Gute Nacht, Albus."
**********
Der nächste Morgen kam viel zu früh.
Er hatte noch bis spät in die Nacht, lange nachdem Dumbledore schon gegangen war, an dem Heiltrank für Madame Pomfrey gebraut, da er nicht den Wunsch danach verspürt hatte ihn heute in all der Hektik, die der Beginn eines neuen Schuljahres mit sich brachte, fertig zu stellen.
Diese Entscheidung rächte sich jetzt bitter.
Minerva hatte ihn in aller Hergottsfrühe aus seiner Wohnung getrieben, damit sie gemeinsam die abendliche Auswahlzeremonie vorbereiten und das anschließende Festmahl mit den Hauselfen besprechen konnten ( Nicht, dass er sich in irgendeiner Weise dafür interessiert hätte, aber danach fragte die alte McGonagall natürlich nicht…). Er sah im Moment wahrscheinlich genauso schrecklich müde aus, wie er sich fühlte.
Zu seiner großen Freude hingegen war er Potter heute noch kein einziges Mal begegnet, was entweder daran lag, das dieser ihm aus dem Weg ging ( Selbstverständlich würde er selbst niemals jemandem aus dem Weg gehen…), oder aber Potter hatte heute noch nicht seine neuen Räume verlassen, was er zugegebener Maßen für zutreffender hielt.
Wahrscheinlich hatte Potter es um diese Uhrzeit noch nicht einmal aus dem Bett geschafft, und in diesem Augenblick, das musste er zugeben, beneidete er ihn darum.
Er hätte jetzt alles für sein warmes Bett gegeben…
„Severus Snape, hörst du mir überhaupt zu, wenn ich mit dir rede?!"
Ups…
Minerva sah aus wie eine rasend wütende Löwin ( Die Ironie in dem Satz hätte ihn fast lachen lassen…), die kurz davor war ihr Opfer, in diesem Fall ihn, zur Strecke zu bringen.
Er hob nur elegant eine seiner Augenbrauen ( Viele hatten ihn schon danach gefragt, wie er das machte und die ehrliche Antwort wäre gewesen, dass er keine Ahnung hatte. Es war wie ein Reflex, den er nicht bremsen konnte…).
„Minerva, wie viele Jahre bereitest du dieses nervige Schauspiel jetzt schon vor? Ich glaube kaum, dass meine Meinung auch nur in irgendeiner Weise für deine Entscheidungen relevant ist…"
„Das ist nicht wahr!"
Sie hatte empört nach Luft geschnappt und ihr Einwand war nicht mehr als ein wütendes Grollen gewesen.
Skeptisch sah er sie an und sie hatte wenigsten den Anstand ein wenig rot zu werden. Sie log und das wussten sie beide.
„Wenn es dir also nichts ausmacht würde ich jetzt gerne zurück in meine Wohnung gehen und mich meinen Forschungen widmen." `Und vielleicht den versäumten Schlaf von letzter Nacht nachholen´ fügte er in Gedanken still hinzu.
Schwäche war schon immer etwas gewesen, was er nie gut hatte zugeben können.
Sie sah ihn noch ein paar Sekunden beschämt an und seufzte schließlich ergeben.
„Ja, gut meinetwegen."
„Ich danke euch vielmals, meine Gnädigste."
Er deutete eine leichte Verbeugung an und in Minervas Augen blitzte wütender Schalk auf.
„Oh, gern mein Verehrtester! ...Verschwinde lieber bevor ich es mir anders überlege!"
Diese bissigen Neckereien waren schon so sehr zu ihrer Art der Verständigung geworden, dass sie kaum noch andere Worte brauchten um zu verstehen was der Andere sagen wollte.
`So definiert sich wahrscheinlich unsere Freundschaft´ überlegte er, während er Minerva allein in der großen Halle zurückließ.
Verstehen ohne Worte…
Als er endlich (ENDLICH!) auf seinem großen Sofa lag auf dem am Abend zuvor noch Dumbledore gesessen hatte, kam er sich nochmal ein Stück älter vor als am gestrigen Morgen.
`Alte Menschen brauchen ihren Mittagsschlaf, nicht wahr?´ dachte er noch grimmig, bevor ihm endgültig die Augen zufielen und er in einen ruhigen Schlaf hinüberglitt.
Mit langen Schritten durchquerte er die noch völlig ausgestorben Gänge in Richtung der großen Halle.
Er hatte verschlafen. Einfach so.
Es ärgerte ihn maßlos, dass er vergessen hatte einen Weckzauber zu sprechen, bevor er es sich auf dem Sofa bequem gemacht hatte.
Er beschleunigte noch einmal seine Schritte.
Er würde zu spät kommen, wenn er nicht dieses Tempo beibehielt.
Die Schüler würden schon an ihren Haustischen sitzen und Minerva würde bald die neuen Erstklässler zur Auswahlzeremonie in die Halle bringen.
Gerade noch rechtzeitig erreichte er die Tür zur großen Halle, die normalerweise nur von den Lehrer benutzt wurde, da sie auf direktem Weg zum Lehrertisch führte ohne den ausladenden Umweg durch die Schülerreihen zu machen.
Nicht ganz so schwungvoll, wie es sonst seine Art war öffnete er die hohe Tür ( Es war ja nicht unbedingt nötig, dass er mit auffälligen Gesten auf sein verspätetes Erscheinen aufmerksam machte…) und ging mit zielstrebigen Schritten auf seinen Platz zur Linken des Schulleiters zu ( Er war es ganz sicher nicht gewesen, der sich diesen Platz ausgesucht hatte, aber Dumbledore hatte darauf bestanden ihn in seiner Nähe zu wissen, auch während der Mahlzeiten ).
Doch bevor er auch nur annähernd in Reichweite seines Platzes war blieb er wie angewurzelt auf halbem Weg stehen.
Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf und brachte sogar einen Blick zu Stande, von dem er hoffte, dass er Potter auf der Stelle in seine mikroskopisch kleinen Einzelteile zerlegen würde.
Aber nichts dergleichen geschah, im Gegenteil, Potter sah ihn mit trotzigen Augen an, schob sein Kinn ein wenig vor und verschränkte entschlossen die Arme vor der Brust.
Es war zwar schon immer so gewesen, aber er hatte in den letzten Stunden verdrängt, dass er Potter bei den Mahlzeiten nicht nur sehen, sondern, dass dieser als Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste auch seinen Platz direkt neben dem Seinen haben würde.
Sein Kopf ruckte zu Dumbledore und was er sah ließ ihn seine guten Vorsätze fast vergessen.
Blitzende blaue Augen schienen ihn nach allen Regeln der Kunst auszulachen ( Zumindest hatte er diesen Eindruck…) und er wusste, was der Direktor in diesem Moment denken musste:' Wenn du geglaubt hast, ich würde es dir besonders leicht machen bist du naiver als ich gedacht habe!´
In der Tat hatte er gehofft, dass Dumbledore Gnade vor Recht walten lassen und Potter weit weg von ihm unterbringen würde. Am besten am anderen Ende des langen Tisches (Die vielen Lehrer zwischen ihnen wären ein idealer Dämpfer für ihre Aggressionen gewesen…), aber offensichtlich machte sich der alte Mann einen Spaß daraus ihn mutwillig leiden zu lassen.
Ein leichtes Nicken Dumbledores in Richtung seines noch immer leeren Stuhls machte ihn darauf aufmerksam, dass er nach wie vor wie angewurzelt an ein und derselben Stelle stand.
Nach einem letzten tödlichen Blick zu Potter und dem Schulleiter setzte er sich schließlich auf seinen Platz und fühlte sich auf beunruhigende Art und Weise eingekreist, wie ein Tier, dass in die Enge getrieben wurde.
„Willst du mir sagen, was dich dazu veranlasst hat beinahe zu spät zu kommen, wo du doch sonst immer fast überpünktlich bist?"
Dumbledore hatte sich ein Stück zu ihm herüber gelehnt und seine Augen blitzten ihn immer noch belustigt an.
„Nein!" war seine vielleicht ein wenig zu forsche Antwort, als Minerva auch schon die neuen Erstklässler durch das riesige Hauptportal in die Halle brachte.
Er hasste diesen ganzen Aufstand und war für gewöhnlich noch vor dem Dessert aus der Halle verschwunden, jedoch hatte er das Gefühl, dass der alte Mann ihn dazu nötigen würde heute die ganze Zeit zu bleiben um ihn noch ein wenig länger zu quälen.
Nachdem der Hut eines seiner lächerlichen Lieder zum Besten gegeben hatte (Welche bei weitem nicht mehr so düster waren wie noch vor sieben Jahren) und alle neuen Schüler auf die jeweiligen Häuser verteilt worden waren, erhob sich Dumbledore viel zu geschmeidig für einen Mann seines Alters um seine jährliche Rede zu halten.
„An alle neuen Schüler: Willkommen! An die alten Hasen unter euch: Willkommen zurück!
Heute beginnt also ein neues Jahr, in dem eure, über die Ferien sicher leergefegten Köpfe
(Ein verschwörerisches Zwinkern an die Schüler gewandt) mit neuem Wissen gefüllt werden…"
Er machte sich gar nicht erst die Mühe weiter zu zuhöre, da er Dumbledores Rede nach all den Jahren bereits auswendig konnte ( Nach den nervenaufreibenden Jahren des Krieges war alles irgendwie ein wenig monoton geworden…) und starrte stattdessen verbissen auf seinen noch leeren Teller, der sich zweifelsohne sofort füllen würde, wenn der Schulleiter seine Rede beendet hatte.
Aus dem Augenwinkel konnte er sehen, wie sehr Potter von diesem Augenblick gefesselt schien. Seine Augen waren fest auf die Schülerreihen fixiert und er hätte schwören können, dass Potter in diesem Moment an seine eigene Schulzeit zurückdachte, in der er selbst dort unten gesessen und mit seinen nervigen Freunden gespannt das neue Schuljahr erwartet hatte (Was, wie ihm jetzt einfiel, noch nicht allzu lange her war ).
Wie er Potter so ansah fiel ihm, genau wie gestern Vormittag, wieder auf, wie furchtbar kindlich er auch trotz seiner bereits 24 Jahre immer noch aussah…
„…und ich möchte euch voller Freude unseren neuen Professor in Verteidigung gegen die dunklen Künste vorstellen, den die Meisten von euch sicher bereits erkannt haben.
Begrüßt also mit mir ganz herzlich Professor Harry Potter!"
Er hatte nicht einmal bemerkt, dass er so sehr auf Potter fokussiert gewesen war, bis ihn die ohrenbetäubende Welle des Applauses unsanft zurück in die Realität riss.
Es kam einer Explosion gleich, die durch die große Halle fegte und es war nicht zu übersehen, dass es Potter äußerst unangenehm war auf solch aufbrausende Art begrüßt zu werden.
Er rutschte beschämt und unruhig auf seinem Stuhl herum und warf ein scheues Lächeln in die Runde, was den Applaus um das gefühlte Zehnfache verstärkte.
Er spürte es mehr, als das er es bewusst wahrnahm, dass sich seine Augenbrauen missbilligend zusammenzogen.
Nach einigen Minuten (Die ihm unendlich lang vorkamen), legte sich die Begeisterung der Schüler wieder ein wenig ohne jedoch völlig nachzulassen. Es wurden weiterhin überall an den Haustischen die Köpfe zusammengesteckt, und er befürchtete, dass schon am nächsten Tag die wildesten Spekulationen über Potter im Umlauf sein würden.
Dumbledore hatte sich nach seiner inzwischen beendeten Rede wieder zurück auf seinen Stuhl sinken lassen und sah Potter über ihn hinweg mit vor Begeisterung zwinkernden blauen Augen an.
Keine Sekunde später erschien das reichhaltige Essen, unter dessen Gewicht selbst die stabilen alten Tische ein qualvolles Ächzen von sich gaben.
Ihm war eindeutig der Appetit vergangen…
Eineinhalb nervenzehrende Stunden und drei Gänge später saß er immer noch zwischen Dumbledore und Potter gefangen und betete im Stillen zu allen Göttern und Gottheiten, die ihm einfielen, dass dieser Abend endlich ein Ende nehmen würde.
Er wusste nicht mehr genau, was schließlich dazu geführt hatte, dass die Situation am Ende in diesem wütenden Wortwechsel zwischen Potter und ihm gemündet hatte, aber er wusste zweifelfrei, dass der alte Mann seinen Teil dazu beigetragen hatte.
Potter hatte sich die ganze Zeit während des Essens erstaunlich ruhig verhalten, bis er, kurz bevor das Dessert auf den Tischen erschien (in diesem Moment sollte er eigentlich schon auf dem Weg zu seinen Räumen sein…), noch unruhiger als vorhin, während Dumbledore ihn angekündigt hatte, auf seinem Stuhl herum zu rutschen begann.
Konnte der verdammte Junge nicht wenigsten still sitzen, wenn er nervös war?
Potter steckte ihn mit seiner Nervosität auf unangenehme Weise an und er bezweifelte stark, dass seine plötzliche Hibbeligkeit von ungefähr kam.
Er wünschte sich in diesem Moment nichts sehnlicher, als endlich unten in den Kerkern zu sein und sich einen ruhigen Abend zu machen, als Potter verhalten den Mund öffnete um etwas zu sagen, ihn aber sofort wieder schloss und stattdessen einen hektischen Blick durch die Halle warf und so aussah, als wollten ihm nicht die richtigen Worte für sein, zweifelfrei todesmutiges Unterfangen, einfallen (Er glaubte zumindest, dass Potter das Wort an ihn richten wollte, was seine schon fast körperlich schmerzhafte Anspannung erklären würde…).
Selbstverständlich war auch Dumbledore Potters plötzliche Nervosität nicht entgangen und er lehnte sich mit besorgter Miene ein Stück zu ihnen hinüber.
„Harry, mein Junge, ist alles in Ordnung? Stimmt etwas nicht?"
Potter schreckte aus seinen Überlegungen auf und sah ein wenig verlegen zum Schulleiter, während sich seine Ohren scharlachrot färbten (der Gedanke war zwar völlig abwegig, aber er musste daran denken, dass Potter wohl durch und durch ein Gryffindor sein musste, wenn sich selbst seine Ohren gryffindorrot färben konnten…).
„Nein!...Ich meine…ähm…ich weiß auch nicht.. ich…" noch mehr verlegen durch seine eigenen unzusammenhängenden Wortfetzen schloss Potter wieder den Mund und er konnte beobachten wie die Röte auch langsam in seine Wangen hinaufstieg.
Er musste zugeben, dass es ein faszinierendes Schauspiel war, dem er ohne weiteres noch eine Weile hätte zusehen können.
Allerdings schien Potter in diesem Augenblick neuen Mut zu fassen, sein Ausdruck wurde wieder ernst und er setzte erneut zum sprechen an, diesmal sogar in zusammenhängenden Sätzen…
„Ich wollte Professor Snape eigentlich nur fragen…"
…bis Dumbledore ihn aus heiterem Himmel unterbrach.
„Aber Harry, mein Junge, habe ich dir das denn nicht gesagt? Wir sprechen uns innerhalb des Kollegiums alle mit Vornamen an. Eine meiner brillanteren Ideen, wie du sehen wirst. Es stärkt den Zusammenhalt unter den Lehrern und ist sowieso viel praktischer als diese ständigen Förmlichkeiten und um Einiges persönlicher!"
Der Schulleiter sah sie an als wäre Weihnachten um vier Monate vorverlegt worden, wohingegen er selbst vor einem Wutausbruch katastrophalen Ausmaßes stand und Potters Wangen nun endgültig von einem satten Rot bedeckt wurden.
„Oh! Nun…ich wusste nicht…Sie haben nicht gesagt, dass…"
Potter müsste eigentlich schon längst kollabiert sein, wenn tatsächlich so viele Emotionen auf einmal in ihm wüteten, wie sich auf seinem Gesicht zeigten.
„Nur nicht so schüchtern Harry! Probier es ruhig aus. Ich bin mir sicher dir ist Professor Snapes Name geläufig."
Dumbledore sah mit einem Blick zu ihm hinüber, der deutlich zeigte, dass er sich vor unterdrücktem Lachen kaum noch auf seinem Stuhl halten konnte.
Er hätte diesen verdammten senilen, schwachsinnigen alten Mann einfach umbringen sollen, als er noch die Gelegenheit dazu gehabt hatte!
Er würde Dumbledore bei der nächsten sich ihm bietenden Möglichkeit so unschön verfluchen, dass der alte Narr nie wieder auf die Idee kommen würde ihn…
„Severus…"
Nicht mehr als ein heiserer Laut und doch eindeutig sein Name.
So fremd und ungewohnt, dass es sich überhaupt nicht richtig anfühlte…
Sein Magen krampfte sich zusammen und alle unschönen Gedanken die etwas mit Dumbledore und ausgiebiger Folter zu tun hatten verschwanden aus seinem Kopf.
In seinen Fingerspitzen breitete sich zunehmend ein unangenehmes Kribbeln aus, das langsam seine Arme hinaufkroch.
Er wollte das nicht.
Er wollte nicht, dass Potter ihn so ansprach.
Er wollte dieses bisschen Distanz, das noch zwischen ihnen herrschte nicht so einfach aufgeben...
Ein Blick in Potters Augen genügte ihm um zu wissen, dass es ihn wohl große Überwindung gekostet hatte dieses simple Wort auszusprechen. Potters Gesichtsausdruck war verkniffen und er machte den Eindruck, als wäre er Gast auf seiner eigenen Beerdigung. Seine Wangen glühten immer noch in einem ungesunden Rot.
Für einen kurzen Moment trafen sich ihre Blicke und er hatte das Gefühl zu verbrennen.
Potters grüne Augen verbrannten ihn bei lebendigem Leib.
Selbst, wenn er gewollt hätte, er hätte es nicht verhindern können. Er musste weg. Weg von Dumbledore, weg von Potter und seinen brennenden Augen, aber vor allem weg von sich selbst und seinen unsteten Gedanken.
Sein hastiger Aufbruch war nur noch als Flucht zu bezeichnen und er hätte in seiner Eile beinahe seinen Stuhl umgestoßen, wenn er ihn nicht im letzten Moment noch hätte festhalten können.
Er spürte förmlich, wie sich der stechende Blick des Schulleiters in seinen Rücken brannte und er wusste, dass es nicht mehr das belustigte Funkeln sein würde mit dem er ihn ansah, sondern, dass in seinen Augen Sorge und Reue stehen würden.
Dumbledore war zu weit gegangen und das wusste er.
Nur einen Augenblick später war er schon durch die hohe Tür aus der Halle getreten und stieß die angehaltene Luft aus (er hatte nicht einmal bemerkt, dass er die Luft überhaupt angehalten hatte ), nur um im nächsten Moment wieder neue kühle Luft in seine Lungen einzuatmen.
Einatmen.
Ausatmen.
Es war so einfach und doch erschien es ihm gerade wie das Schwierigste auf der Welt.
Für einige Sekunden schloss er die Augen und genoss die angenehme Schwärze die sich in ihm ausbreitete, doch dann sah er wieder Potters Blick, der sich wie blutige rote Linien in seine Netzhaut eingebrannt hatte.
Er öffnete die Augen.
Die Schwärze verschwand, Potters Blick blieb.
Es war, als hätte man für einen Moment in die pralle Sonne gesehen und egal wie oft man die Augen öffnete und schloss, der schattenhafte gelbe Fleck blieb wie ein Nachhall im Sichtfeld.
In seinem Kopf drehten sich schon wieder die Gedanken.
Unaufhörlich.
Immer weiter.
Er würde sich eines Tages selbst in den Wahnsinn treiben, wenn er diese schlechte Angewohnheit nicht endlich los wurde…
Seine Schritte, die laut von den rauen und wettergegerbten Steinwänden widerhallten hörten sich in seinen Ohren seltsam fremd an, so als würden sie nicht wirklich zu ihm gehören.
Er hatte erst ein paar Meter zwischen sich und die Halle gebracht, als sich die schwere Tür erneut öffnete.
Die Befürchtung , dass Dumbledore ihm folgen würde um sich überschwänglich zu entschuldigen verblasste, als er bemerkte, dass die Schritte hinter ihm nicht die ein wenig schwerfällig wirkenden des Schulleiters waren.
Es waren Schritte von solcher Leichtigkeit, die in so starkem Widerspruch zu seinen eigenen standen, dass sie nur einer Person gehören konnten.
„Professor Snape!"
Potter…
Was ging bloß im Schädel dieses Jungen vor, dass er nicht einmal bemerkte, wenn man ihn auf jede erdenkliche Art loswerden wollte?
„Snape!"
Potter verlor eindeutig die Geduld.
Aber das war nebensächlich.
Gebannt lauschte er dem Hall seiner und Potters Schritte.
So unterschiedlich wie sie selbst.
Seine Schritte kraftvoll und energisch, Potters hingegen dynamisch, leicht und jung.
Ein ungleicher Rhythmus.
Es würde nie zusammenpassen.
Sie beide würden nie etwas gemeinsam haben…
„Severus!"
Er blieb stehen.
So abrupt, dass Potter fast in ihn hineingelaufen wäre.
Er konnte ihn hinter sich stolpern hören…
„Was?" Ein drohendes Grollen. Vielleicht nicht der beste Beginn für ein Gespräch, aber ihm sollte es egal sein.
Zu mehr war er im Moment nicht im Stande.
Potter hatte nur seinen Namen genannt und doch fühlte es sich an wie ein schmerzhafter Schlag genau zwischen die Rippen.
Alles in ihm sträubte sich dagegen.
Dadurch, dass er Potter nach wie vor den Rücken zugewandt hatte konnte er sein Gesicht nicht sehen, doch er vermutete, dass es immer noch rot sein würde.
„Sir, ich wollte nur…also ich…"
Schon wieder verhaspelte Potter sich in seinen Worten.
Er ging weiter.
Er konnte Potters Gegenwart einfach nicht länger ertragen.
„Es tut mir Leid!"
Erneut blieb er stehen, als heiße Wut in ihm hochkochte und sich mit aller Gewalt einen Weg nach draußen suchte.
„Was genau tut Ihnen leid, Potter?"
Nicht mehr als ein Zischen.
Jeder Muskel in seinem Körper spannte sich vor unterdrückter Wut.
Die Hände, von den langen Robenärmeln fast verborgen, ballten sich zu Fäusten und er spürte, wie sich seine Nägel in seine Handflächen bohrten.
„Vielleicht, dass sie schon wieder nichts als Ärger in mein Leben bringen?"
Er drehte sich ein Stück herum.
Aus diesem Winkel konnte er Potter nicht genau sehen, aber es reichte um zu erkennen, dass seine Wangen nicht mehr rot sondern blass geworden waren als er zu sprechen begonnen hatte.
„Oder, dass Sie mir jahrelang misstraut haben und immer der Überzeugung waren ich würde Ihnen nichts als den Tod wünschen?"
Potters Blick war fest auf ihn gerichtet, doch er konnte das unstete Flackern in seinen Augen genau erkennen.
„Oder vielleicht, dass Sie uns damals beinahe beide umgebracht hätten?"
Er stand ihm jetzt genau gegenüber und er konnte alle Farbe aus Potters Gesicht weichen sehen…
„Was genau tut Ihnen also Leid, wo sie doch für so Vieles Grund hätten sich zu entschuldigen?"
Obwohl er Potter offensichtlich mit seinen Worten getroffen hatte empfand er keine Genugtuung.
Alles in ihm war ausgebrannt und leer, wie fast immer, wenn sie aneinander geraten waren.
Er hatte dem Jungen einfach nichts mehr entgegen zusetzen…
Potter hatte nicht eine Sekunde den Blick von ihm genommen und in seinen Augen flackerte jetzt Wut auf.
Aufbrausend, verbrennend und so unglaublich lebendig, dass es ihm beinahe die Luft zum Atmen nahm.
„Warum sind sie so?!"
Unbeherrschte Leidenschaft schlug ihm in großen Wogen entgegen.
Potter war noch mehr als wütend, er war außer sich.
„Sieben Jahre ist das jetzt her und nach Allem, was passiert ist, sind sie immer noch das gleiche unausstehliche Ekel!"
„Beruhigend, nicht?"
Wahrscheinlich hätte schon der sarkastische Tonfall ausgereicht, aber die Beiläufigkeit, mit der er diesen Satz gesagt hatte ließ Potter endgültig die Kontrolle verlieren.
Mit einem langen Schritt war Potter direkt vor ihm und packte ihn grob am Kragen seines Umhangs.
„Sie sind ein gottverdammter Mistkerl, Snape!"
„Und Sie sind wie immer zu unbeherrscht, Potter."
Es war vollkommen egal, dass er ihn beleidigt hatte.
Es zählte nur diese Lebendigkeit.
Potter war so voller Lebendigkeit, so voller Leben, dass er gar nicht genug davon bekommen konnte.
Er nahm all das in sich auf, und zum ersten Mal seit Jahren fühlte er sich selbst wieder lebendig.
Das war wohl das Einzige, was sie verband.
Leben.
Aber das würde nie ausreichen…
Potter löste seine Finger aus dem festen Griff, mit dem er ihn festhielt und ließ ihn schließlich ganz los.
„Als ich die Stelle als Lehrer annahm hatte ich gehofft, dass sie…dass wir…"
Eine ausladende, hilflos wirkende Geste begleitete Potters Worte und es war ihm deutlich anzusehen, dass er nicht die richtigen Worte fand um seine Situation zu beschreiben.
„Was erwarten sie von mir, Potter? Das wir nach all den Jahren plötzlich die besten Freunde sind?"
Selbst für ihn war dieser Gedanke so grotesk, dass er sich nicht einmal vorstellen konnte, dass Potter an irgendetwas in dieser Art gedacht hatte.
Doch Potters Augen erzählten von etwas Anderem…
„Nein, natürlich nicht…"
Ein Flackern in den grünen Augen, ein unruhiger Blick durch den schmalen Korridor in dem sie standen.
Und dann, Hoffnungslosigkeit…
„Ich… ich wollte nur eine Chance!"
Er musste nicht fragen, wofür Potter eine Chance wollte.
Er wusste es.
Wusste es seit diesem einen Moment vor sieben Jahren…
„Hören sie zu Potter!"
Seine Worte würden wie immer zu harsch sein, das ahnte er.
Aber es war die einzige Möglichkeit um Potter klar zu machen, dass sich zwischen ihnen nie etwas ändern würde…
„Ich habe Dumbledore lediglich mein Wort gegeben mich mit ihnen zu arrangieren und sie nicht gleich auseinanderzunehmen, wenn sie mir, was sie zweifelsfrei früher oder später tun werden, auf die Nerven gehen."
„Aber ich hatte gehofft, dass wir…"
Eine energische Handbewegung brachte Potter wieder zum Schweigen.
„Sie verstehen es einfach nicht, Potter. Da gibt es nichts zwischen uns, was auch nur annähernd für einen beiderseitigen Kompromiss reichen würde.
Aus einem ´Ich´ und einem ´Du´ wird nicht zwangsläufig ein `Wir´, Potter.
Erst recht nicht bei uns."
Einen Moment verharrte er noch um diese Situation in ihrer ganzen Komplexität in sich aufzunehmen.
Potters Mimik, seine Augen, die ihn jetzt nicht mehr ansahen, ihn nicht mehr ansehen konnten, seine erstarrte Körperhaltung und seine Hände, die trotz allem noch immer nervös miteinander rangen.
Er blieb so lange, bis er es nicht mehr ertragen konnte, genau wie vorhin, und drehte sich schließlich mit langsamen Schritten herum um Potter allein in dem ansonsten verlassenen Korridor zurückzulassen.
Und er wusste, dass er nicht seinen neuen Kollegen sondern einen wieder siebzehnjährigen enttäuschten Jungen zurückließ.
Genau wie damals…
Es war alles wieder auf Anfang.
