Jinai: Und da bin ich wieder, zurück aus den Osterferien und aus Salzburg:D

Raffael: Hast deine Leser ja ganz schön lange warten lassen...

Jinai: Deine unqualifizierten Kommentare kannst du dir sparen -hmpf-

Psychomantium: meine treueste Review-Schreiberin! -schnüff- dein Review zum letzten Kapitel ist mir richtig ans Herz gegangen! Aber was mir heute zusätzlich klar geworden ist, ist der eigentliche Grund warum diese FF mich so fasziniert. Es ist die geniale Kombination von -Man und einer eigenen Idee, Fantasy-Genre. An mein Herz, Seelenverwandte!

Raffael: Jetzt wird sie wieder sentimental...

Rated: T

Disclaimer: -Man gehört Katsura Hoshino, meine eigene Idee mir (wär ja schön blöd, wenn dem nicht so wäre)

*~*

Jinai atmete einmal tief ein und aus. Dann drehte sie sich mit einem Lächeln zu ihren Freunden um. „Jetzt, wo das erledigt ist, kann ich euch endlich alles erklären. Setzen wir uns."

Sie wies auf zwei Baumstämme, die jemand an den Rand des zur Tanzfläche auserkorenen Bereichs geschleppt hatte. Dort nahmen sie Platz.

Jinai atmete tief ein. Das zu erklären, würde jetzt viel Zeit beanspruchen. Bis ihre Freunde erst so weit waren, dass sie es akzeptierten, würde es noch länger dauern. „Also. Wir sind hier nicht mehr in eurer Welt. Die haben wir verlassen, als wir in dieses violette Portal gezogen wurden. Jetzt befinden wir uns in meiner Welt, einem anderen Universum als euren. Es gibt keine Akuma, keinen Grafen und… kein Innocence. Eure Waffen sind hier völlig nutzlos." Sie deutete auf Allens linke Hand, die sich weder farblich noch von der Form her von seiner rechten unterschied. „Mugen ist ein einfaches Schwert, Nyoibo ein kleiner Hammer und mit deinem Stiefeln wirst du nicht abheben können, Linali. Hier in dieser Welt gibt es so etwas einfach nicht." Sie schüttelte den Kopf. „Dafür gibt es etwas anderes: Magie. Was ich in eurer Welt hatte, das Innocence ähnelte, das war das, was von meiner Magie übrig geblieben war, als ich meine Welt vor mehr als acht Monaten verlassen habe. Es war kein Innocence, nur so etwas Ähnliches."

„Und wo genau ist hier? Und wer bist du dann?" Lavi drehte seinen Hammer zwischen den Fingern. Es stimmte, was sie sagte. Er konnte gar nichts damit machen, höchstens, sich auf den Daumen hauen.

„Hier ist Leharein, das Reich, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Mein voller Name lautet Jinai Maede Daralea Lehar. Ich bin… die Königin von Leharein."

Das hatten sie sich schon gedacht, aber es aus ihrem Mund zu hören, machte die Sache trotzdem glaubwürdiger. Aber es war irgendwie merkwürdig.

Lavi starrte seine imouto mit offenem Mund an. „Aber du bist siebzehn!"

„Jede erstgeborene Lehar-Tochter kann Königin werden, sobald sie vierzehn ist und eine Krönungszeremonie gefeiert wird. Ich regiere schon seit meinem vierzehnten Geburtstag."

„Seit…" Allen stockte. Seit fast vier Jahren trug sie diese Verantwortung. Nur ein Jahr jünger als er.

„Aber deine Eltern…" Linali hatte bisher niemanden gesehen, der diesem Bild entsprach.

„Meine Eltern sind seit sechzehn Jahren tot. Sie sind gestorben, als ich gerade ein Jahr alt war. Leharein brauchte eine Königin. Keine Lehar, die einmal Königin gewesen ist und den Thron an die nächste Generation weitergegeben hat, darf den Thron ein zweites Mal besteigen. Meine Großmutter hat ihre eigene Tochter überlebt; ich wurde von ihr erzogen. Dreizehn Jahre hat ein Rat an meiner statt regiert. Aber die Leute haben kein Vertrauen zu ihnen. Seit unsere Grenzen von den Göttern gezogen wurden, wurde Leharein von der jeweils erstgeborenen Lehar-Tochter regiert. Das ist immerhin schon über fünftausend Jahre her. Hätte ich nicht den Thron bestiegen, wäre das Reich zerfallen. Die Götter hätten uns bestraft."

„Die Götter?" Lavi klang skeptisch.

„In eurer Welt ist das vielleicht anders, aber unsere Götter greifen immer wieder direkt in unser Leben ein. Jeder kleinste Verstoß gegen ihre Regeln wird unverzüglich bestraft. Und auch unsere Landesgrenzen sind von ihnen festgelegt worden. Sie würden eine Zerfall Lehareins nicht dulden."

Eine Dienerin näherte sich, ein Tablett in der Hand. Jeder von ihnen nahm sich einen Teller mit ein wenig Fleisch und Gemüse. Nach dem spärlichen Essen in Szeged eine Wohltat.

Jinai nahm sich ein klein geschnittenes Stück Hühnchen. Sie steckte es sich in den Mund und wollte gerade weiterreden, da wurde sie von einer Stimme hinter sich unterbrochen. „Regel Nr. Sechsunddreißig."

Jinai schluckte ihr Essen herunter. „Eine Dame spricht nie mit vollem Mund."

Dann riss sie die Augen auf. Sie stellte hastig den Teller hin, stand auf und drehte sich herum. Dann rief sie „Nana!" und rannte auf eine ältere Frau zu… in deren Hand eine Feuerpeitsche erschien. Sie ließ sie knallen. Jinai blieb sofort stehen.

„Gleich vier Verstöße! Nr. elf, Nr. sechzehn, Nr. zweiundvierzig."

„Eine Dame rennt nicht. Eine Dame erhebt nicht ihre Stimme. Eine Dame macht keine hastigen Bewegungen." Während sie das sagte, kam Jinai langsam auf die alte Frau zu, den Kopf demütig gesenkt.

„Mir scheint, du hast in den acht Monaten alles vergessen, was ich dich je gelehrt habe. Und die Regel Nr. Achtundfünfzig auch."

„Eine Dame nimmt niemals auf etwas anderem als einem Stuhl oder einer Bank Platz. Der Königin ist außerdem noch der Thron vorbehalten. Aber ich bin entschuldigt. Es gab keine andere Sitzmöglichkeit-"

„Nr. Neunundfünfzig!"

„Ist kein angemessener Sitzplatz vorhanden, so hat eine Dame zu stehen, bis ihr ein Herr einen Stuhl oder einen Platz auf einer Bank anbietet. Aber wir haben den ganzen Tag gekämpft und einer meiner Freunde wurde verwundet! Sollte ich-"

Du wärst stehen geblieben! Und nun stell mich vor!"

„Ja, Großmutter." Die ganze Unterhaltung war auf Deutsch abgelaufen, weshalb keiner von ihnen auch nur ein Wort verstanden hatte.

Jinai wandte sich zu den erstarrten Exorzisten um und kam auf sie zu, gefolgt von der anderen Frau. Schließlich blieb sie stehen und drehte sich halb herum, sodass sie alle fünf ansehen konnte. „Großmutter, darf ich dir Linali Li, Allen Walker, Lavi und Yuu Kanda vorstellen? Ihr habt die Ehre, meine Großmutter kennen zu lernen, Daralea Estazia Amrita Lehar."

Vor ihnen stand eine Frau, schätzungsweise fünfundsiebzig, mit weißen Haaren und wasserblauen Augen. Sie hatte die gleiche gebräunte Haut und ähnliche Gesichtszüge wie Jinai. Als sie in deren Alter war, wäre sie ihrer Enkelin zum Verwechseln ähnlich gewesen.

Linali knickste, Allen und Lavi verbeugten sich höflich, doch Kanda machte keine Anstalten, irgendetwas zu tun. Daralea zog eine Augenbraue hoch.

Gefahr im Verzug. Schnell, lass dir was einfallen.„Großmutter? Ihr habe dir doch erzählt, dass einer meiner Freunde verwundet wurde. Kanda hat eine Schnittwunde auf der rechten Seite. Er kann deswegen nicht aufstehen. Bitte sieh ihm das nach."

Lügnerin. Die ist schon längst verheilt. Du hast ja lange genug erklärt.Kanda sprach zu seinem Glück nicht aus, was er dachte.

Daralea musterte Kanda scharf. Er erwiderte ihren Blick kalt, während Jinai hinter dem Rücken ihrer Großmutter wild gestikulierte und ihm bedeutete, ja die Klappe zu halten. Daralea drehte sich zu ihrer Enkelin um, die sofort die Hände hinter dem Rücken versteckte. „Bei den Göttern, Jinai, du wirst doch Aaron nicht untreu geworden sein?"

Ein paar violett gewandete Priester in ihrer Nähe hätten sich fast an ihrem Essen verschluckt. Sie husteten heftig und warfen Kanda seltsame Blicke zu.

Dieses Mal hatte Daralea weder Deutsch noch Englisch gesprochen, sondern dieselbe uralte Sprache wie Jinai verwendet. Diese wurde flammend rot. „Großmutter! Wie kannst du nur so etwas denken! Natürlich nicht. Er und ich sind nur Freunde."

„Erzähl mir nichts. So hat es bei deiner Mutter auch angefangen. Ich sehe deinen Vater in ihm. Er ist ihm sehr ähnlich. Kalt, einsilbig und unhöflich. Pass bloß auf, Jinai. Du kennst dein Schicksal."

„Jetzt weiß ich, von wem ich meine Menschenkenntnis habe…", murmelte Jinai.

„Was hast du gesagt?" Daralea hatte scharfe Ohren.

„Nichts, nichts."

„Das will ich auch hoffen. Lass dich auf nichts ein, das du bereuen könntest. Ich habe mit den Priestern gesprochen. Es wird ungefähr zwei Wochen dauern, bis wir sie mit deiner Hilfe zurückschicken können. Erzähl ihnen nicht zuviel."

„Ja, Großmutter. Großmutter. Geht es Elaine und Arita gut?"

„Sie warten auf dich im Schloss von Keram Otari." Mechals Vater.

Sie hatten die ganze Zeit in dieser Sprache gesprochen. Nun setzte sich Jinai wieder zu den anderen. Diesmal sagte Daralea nichts, sondern wandte sich ab und ging zu Gelar hinüber. Dieser sprang sofort auf und verbeugte sich vor ihr.

„Ihr müsst sehr vorsichtig sein. Meine Nana ist streng auf die Einhaltung der Regeln bedacht. Sie hat mich die Benimmregeln auswendig lernen lassen. Oft hat sie mich mitten in der Nacht aufgeweckt, um mich die soundsovielte Regel der Etikette abzufragen. Ich musste sie auswendig aufsagen und anwenden können. Deswegen seid immer höflich zu ihr und sagt um der Götter Willen nie ‚Du' zu ihr. Ich habe sie einmal ‚alte Frau' genannt. Sie hat vor Wut fast unsere Hütte abgefackelt."

Sie warfen einen vorsichtigen Blick zu Jinais Großmutter hinüber, die sich mit Gelar unterhielt.

„Sie hat mir erzählt, dass ihr in ungefähr zwei Wochen wieder nach Hause könnt."

„In zwei Wochen?" Es war das erste Mal, dass Kanda etwas sagte seit dem Beginn ihrer Erklärungen.

„Die Priester, die das Portal geöffnet haben, haben sehr viel Energie darauf verwenden müssen. Sie müssen sich ausruhen. Und wir brauchen sie. Sie sind die sieben besten Erschaffungsmagier in unserem Land, seit die anderen sieben gestorben sind. Nur sie können so ein Portal öffnen und stabilisieren. Wenn wir das ohne ihre Hilfe versuchen, dann landet ihr womöglich ganz woanders. Weder in eurer Welt noch in meiner. Und Magier von außerhalb von Leharein können wir nicht nehmen."

„Wieso denn nicht?" Lavi sah sie verwundert an.

„Es ist verboten, solche Portale zu öffnen. Vor Jahrhunderten haben die Magier so damit herumgepfuscht, dass es verboten wurde. Dass ich weggeschickt wurde und mit euch zurückgekommen bin, war eine Ausnahme. Eigentlich dürftet ihr gar nicht hier sein. Ein Portal zu öffnen, ist schon schlimm, aber drei…"

„Also sitzen wir hier fest." Kanda starrte stur ins Feuer.

„Fürs erste, ja."

„Dann erklär uns wenigstens, was es mit dieser Erschaffungsmagiersache auf sich hat. Was heißt das?" Lavi wollte unbedingt mehr erfahren. Vor allem, wie diese Feuerschlange entstanden war. Er war sich ziemlich sicher, dass das Jinais Werk gewesen war.

Jinai beugte sich leicht vor.

„Es gibt zwei Arten von Magie in unserer Welt. Manipulationsmagie und Erschaffungsmagie. Magie entsteht, wenn wir Energie freisetzen und umformen. Der Ursprung aller Magie ist die Energie; Manipulationsmagie, auch Elementmagie genannt, und Erschaffungsmagie sind zwei unterschiedliche Arten der Energieumwandlung. Elementmagier verwenden ihre Energie, um die Elemente Wasser, Erde, Feuer oder Luft zu manipulieren. Erschaffen können sie nichts. Erschaffungsmagier können ihre Energie dazu verwenden, daraus tote Gegenstände zu formen und wieder zu vernichten, Stühle, Puppen, Gebrauchsgegenstände eben. Gegenstände, die mithilfe von Erschaffungsmagie entstanden sind, können auch nur so wieder vernichtet werden. Aber lebendige Dinge können sie nicht formen, wie Tiere, Pflanzen oder Menschen. Versuchen sie das, dann bekommen sie Kadaver oder vertrocknetes Gestrüpp. Aber sie können ihre Energie gemeinsam darauf konzentrieren, die Grenze zwischen verschiedenen Welten mithilfe ihrer Energie wie mit einem Messer zu teilen. Für kurze Zeit können sie ein Portal erschaffen. Aber das gelingt eben nur den mächtigsten."

„Und du kannst auch Magie anwenden?"

„Jini ist die berühmte siebente Hexe! Sie hat mehr Elementmagie im kleinen Finger als andere im ganzen Körper." Aaron war von hinten an Jinai herangetreten und hatte einen Arm um ihre Schulter gelegt. Der Achtzehnjährige war so groß wie Kanda, höchstens einen oder zwei Zentimeter kleiner. Er hatte Augen wie Bernstein und sein dunkelblondes Haar hatte einen rötlichen Schimmer. Seine Haut war nur ein wenig dunkler als Jinais. Er setzte sich neben das Mädchen, den Arm immer noch um ihre Schultern.

Jinai lächelte. „Du sollst nicht immer den Schluss verraten!"

„Wieso, schlägst du mich sonst?"

„Nein, aber ich könnte ein Loch in deinen Hosenboden brennen, so wie ich es damals gemacht habe, als du gesagt hast, ich hätte einen Luftkopf."

„Das hat wehgetan. Ich hatte die Hose noch an."

Jinai lächelte die ganze Zeit. Sie lächelte überhaupt viel mehr, seit sie hier war. War sie vorher wortkarg und abweisend gewesen, so sprühte sie jetzt förmlich vor Fröhlichkeit und Lebendigkeit.

Jetzt wandte sie sich wieder an die Exorzisten. „Ich bin die siebente und letzte Hexe in meiner Linie und in unserer Welt, die alle vier Elemente beherrscht. Eine Laune der Götter."

„Kannst du uns was zeigen?" Lavi war Feuer und Flamme für diese ganze Magiesache. Er wollte möglichst viel erfahren über Jinais Welt. Man machte ja nicht jeden Tag einen Dimensionswechsel.

Aaron grinste. „Ja, Jini, zeig ihnen was. Ich kann das nicht, ich bin nur ein armer kleiner Erschaffungsmagier."

„Du kannst auch Magie anwenden?" Linali lächelte freundlich.

„Es gibt kaum jemanden in unserer Welt, der nicht mindestens ein kleines Stück Magie anwenden kann. Also, wenn ihr was sehen wollt, dann aber nur was Kleines." Jinai beugte sich wieder vor. Unwillkürlich beugten sich die anderen auch vor. Sie hob ihre Hand und drehte die Handfläche nach oben.

„Wasser." Sie ließ praktisch aus dem Nichts eine kleine Menge Wasser erscheinen. Es formte eine Schlange, die die Umrandungen eines Tropfens darstellte. Dann verschwand sie wieder. „Erde." Ein Loch hob sich von selbst aus dem Boden, die schwebende Erde bildete einen Kreis, dann flog sie wieder in das Loch zurück. „Feuer." Sie ließ wieder aus dem Nichts eine Flamme erscheinen, die die Umrandungen eines Dreiecks darstellten. Dann verpuffte die Flamme. „Luft." Über ihrer Hand entstand ein kleiner Wirbelsturm, nicht höher als fünf Zentimeter. Dann verschwand er wieder, so plötzlich wie er gekommen war.

„Und das ist der ganze Zauber." Sie lehnte sich wieder zurück.

„Aber wie hast du das jetzt gemacht?" Allen starrte immer noch auf die Stelle, wo sie alle vier Elemente in Taschenformat herbeigezaubert hatte.

„Ich verwende meine eigene, körperliche Energie, geistige Energie oder Umgebungsenergie. Ich konzentriere sie auf einen Punkt, sagen wir auf meine Handfläche und dann wandle ich diese Energie um. Ich lasse sie in eines der Elemente fließen und zwinge ihm meinen Willen auf."

„Aber du hast Feuer und Wasser erzeugt. Ich dachte, so was können Elementmagier nicht." Lavi sah sie skeptisch an. Aus seiner Sicht standen ihre Worte klar im Widerspruch zu ihren Taten.

„Können sie auch nicht. Nicht so wie wir." Aaron ließ ein kleines Holzscheibchen zwischen den Fingern seiner freien Hand auftauchen und wieder verschwinden.

Jinai musste also noch weiter erklären. „Für Elementmagier gibt es drei bzw. vier Lernstufen. Die erste Stufe ist das Kontrollieren des Elements in unmittelbarer Nähe, die Erde unter deinen Füßen, das Glas Wasser in deiner Hand. Luftmagier brauchen nur diese eine Stufe und die vierte, denn sie sind überall von Luft umgeben. Die zweite Stufe ist das Kontrollieren auf größere Distanz. Für Erdmagier gilt eine Maximaldistanz von vier, für Feuer- und Wassermagier eine Maximaldistanz von vierundvierzig Meter. Darüber gehorcht ihnen das Element nicht mehr. Die dritte Stufe ist nur für Feuer- und Wassermagier. Erde und Luft, davon sind wir umgeben, aber Feuer und Wasser finden wir nicht überall. Deswegen müssen diese Leute lernen, das Wasser aus der Luftfeuchtigkeit und dem Erdboden zu ziehen und die Gase in der Luft so stark zu erhitzen, dass sie sich entzünden. Damit ‚schaffen' sie praktisch diese Elemente. Die vierte Stufe gilt dann wieder für alle."

„Und was wäre das?" Linali hatte sich ebenfalls anstecken lassen.

„Das Kontrollieren nur mit dem Geist. Ohne Bewegungen, nur durch Gedanken."

„So hast du auch die Feuerschlange entstehen lassen!"

„Genau, Lavi. Das ist die schwierigste Stufe für die meisten Magier. Viele schaffen sie nicht. Sie begnügen sich mit den ersten drei Stufen."

„Also, wenn du in unserer Welt Innocence-ähnliche Kräfte hattest, weil du Magie beherrscht in deiner Welt…", überlegte Lavi laut, „dann könnte das doch auch bedeuten, dass wir auch irgendeine Art von Magie beherrschen könnten."

Kanda konnte sich gerade noch davon abhalten, mit den Augen zu rollen. Lavi verhielt sich wie ein kleines Kind. Aber es wäre gelogen, zu sagen, dass es ihn nicht ebenfalls interessierte.

„Möglich wäre es."

„Und wie findet man das heraus?" Von moyashi hätte Kanda auch nichts anderes erwartet. Anscheinend war er der einzige, der sich zurückhielt und Jinai nicht mit Fragen bestürmte.

Diese lächelte allerdings nur. „Zuerst sollten wir herausfinden, ob ihr Elementmagier oder Erschaffungsmagier seid. Versucht mal, eure Energie auf einen Punkt in eurer Handfläche zu bündeln. Stellt euch vor, wie dieser Punkt immer wärmer wird. Dann versucht, euch vorzustellen, dass die Energie, die Wärme aus diesem Punkt herausfließt und Form annimmt. Stellt euch eine einfache Holzscheibe vor, nicht größer als zwei Zentimeter." Allen, Linali und Lavi starrten angestrengt auf ihre Handflächen.

„Schließt eure Augen. Dann geht es leichter."

Auf einmal hatte jeder von ihnen eine identische Holzscheibe in der Hand. Sie sahen Jinai verblüfft an.

Sehr witzig, Aaron."

„Was denn? Ich hab doch gar nichts gemacht."

„Du hast alle drei Scheiben absolut gleich aussehen lassen. Wie sollen sie das bitte hinbekommen haben? Telepathie?"

„Okay, okay. Es sollte lustig sein." Aaron machte eine kleine Handbewegung und alle drei Scheiben verschwanden wieder.

„Also, Erschaffungsmagier seid ihr keine, so viel steht fest. Dann probieren wir was anderes. Linali, du zuerst." Jinai sah das Mädchen an.

„Ich?" Die Chinesin starrte verblüfft zurück.

„Stell dir wieder das gleiche vor wie gerade eben, nur diesmal an deinen Fußsohlen. Du kannst den dünnen Luftpolster förmlich spüren, der unter deinen Schuhen in dem hauchdünnen Abstand zwischen Schuhen und Erdboden ist. Lass deine Energie dorthin fließen. Stell dir vor, wie der Polster immer größer wird und dich hochhebt. Beweg deine Hände dazu. Gut… und jetzt öffne die Augen."

Linali machte die Augen auf und sah an sich hinab. Sie schwebte! Zwar nur ein paar Zentimeter über dem Boden, aber sie schwebte. Sie ließ sich vorsichtig wieder herab sinken, indem sie den Luftpolster in Gedanken wieder minimierte und die Handflächen nach unten drückte.

„Bravo! Nicht schlecht fürs erste Mal!"

Linali wurde rot.

Jinai hob ihr Glas und trank einen Schluck. Sie sah, dass Kanda seines schon leer getrunken hatte. Sie hielt ihm den Wasserkrug hin. „Möchtest du noch etwas, Yuu-chan?"

Er warf ihr einen vernichtenden Blick zu und im selben Moment schoss das Wasser aus dem Krug und verteilte sich auf alles, was sich innerhalb eines halben Meters befand. Also auch Jinai.

Das war das erste Mal seit Baden, dass sie Kanda erstaunt dreinblicken sah. Wie…?

„Nicht schlecht." Sie stellte den leeren Krug wieder hin, während ihr Kleid zu zischen begann und das Wasser verdampfte. Sie machte das ganze ohne eine einzige Handbewegung.

„Wie bist du denn darauf gekommen?" Lavi sah sie verwundert an.

Eis. Nicht wahr, Yuu?"

Kanda starrte sie wieder vernichtend an. Gleich zwei Beleidigungen. In vier Wörtern. So was bekam nur Jinai hin.

„Klär mich bitte auf." Aaron sah verwirrt von dem wütenden Japaner zu dem grinsenden Mädchen. „Wer ist dieser ‚Yuu'? Und was meinst du mit ‚Eis'?"

„Kanda, der Exorzist aus Eis. Bekannt dafür, keinerlei Gefühle zu haben, aber wehe, man geht ihm auf die Nerven. Wenn man ihn zum Beispiel bei seinem Vornamen nennt; dann explodiert er." Lavi grinste noch breiter als Jinai.

Jinai hatte sich inzwischen abgetrocknet. Sie sah Kanda an. „Wie man das macht, bring ich dir auch noch bei."

Dann strich sie sich die Haare aus der Stirn. „Weiter im Text. Linali und Kanda haben wir zugeordnet, aber Lavi und Allen, ihr fehlt noch. Versucht mal das gleiche wie Linali." Kein Ergebnis. „Wasser." Das gleiche. Nichts. „Okay, das können wir schon mal ausschließen. Jeder von euch legt eine Hand auf den Boden. So", sie zeigte es vor, „und dann zieht ihr die Erde mit." Sie formte einen kleinen Hügel.

Lavi schaffte auch das nicht. Allen hingegen zog einen Hügel Erde aus dem Boden.

„Gut, Allen. Dann bleibt für dich nur noch Feuer, Lavi." Sie drehte sich zu dem Feuer in der Mitte der Lichtung und machte eine drehende Handbewegung. Eine Feuerschlange wand sich aus der Masse und glitt auf sie zu.

„Aber er kann doch Feuer, das du mit deiner Energie angereichert hast, nicht manipulieren. Die Energien würde negativ miteinander interferieren." Aaron sah zu dem Rotschopf.

Jinai wandte nicht einmal den Blick von dem Feuer. „Ich kontrolliere ja auch nicht das Feuer, sondern die Luft darum herum. Deswegen muss es ja auch mit dem Hauptfeuer verbunden bleiben. Es ist immer noch ein natürliches Feuer, das nicht durch Magie brennt. Trenne ich die Verbindung, erstirbt die Flamme."

Sie bewegte die Flamme, bis sie vor Lavi Halt machte. „Das Feuer ist das am schwersten zu kontrollierende Element. Feuer ist pures Leben. Es kann leicht außer Kontrolle geraten. Sei also vorsichtig."

Lavi nickte. Er musste schlucken.

„Versuche, eine kleine Flamme heraus zu ziehen und in deiner Hand zu halten. Konzentriere dich gut, sonst verbrennst du dich."

Lavi hielt die Handfläche hin und konzentrierte sich auf das Ende der Flamme. Langsam bildete sich eine zweite, kleinere Schlange am Kopf der ersten. Sie wanderte auf Lavi zu und sammelte sich in seiner Handfläche.

„Gut. Und jetzt stelle dir vor, wie du die Verbindung zur Hauptflamme kappst. Gleichzeitig musst du Energie aus deiner Handfläche in die Flamme fließen lassen, sonst erlischt sie."

In dem Moment, in dem Lavi die Verbindung getrennt hatte, ließ Jinai die Flamme los. Sie verpuffte. Die Flamme in Lavis Hand flackerte kurz, blieb aber am Leben.

„Gut. Und jetzt denke nicht mehr an die Flamme. Stoppe den Energiezufluss."

Die Flamme erlosch.

„Das ist doch genial! Ich hätte nie gedacht, dass ich so was kann!"

„Wenn du trainierst, kannst du auch schon bald eigene Flammen erzeugen." Jinai setzte ihre Hand in Brand. Erschrocken wichen die Exorzisten zurück. Nur Aaron blieb ungerührt. Nicht einmal den Arm um ihre Schultern nahm er weg. Als sie die Flamme, die ihre ganze Handfläche und die Finger umschlossen hatte, erlöschen ließ, war nicht mal ein Kratzer zu sehen.

„Wie…" Lavi blinzelte.

„Feuer, das ich mit meiner eigenen Energie zum Erflammen bringe, kann mich nicht verletzen. Es geht von mir aus, wird von meiner Energie genährt. Es ist praktisch ein Teil von mir."

„Apropos Feuer…" Aaron sah jetzt zu dem großen Feuer in der Mitte der Lichtung. Die Musiker begannen gerade eine etwas wildere Musik, die stark an lateinamerikanische Musik erinnerte.

Jinais Miene erhellte sich. Begeisterung war in ihren Zügen zu lesen. „Genau wie damals…" Er hielt ihr seine Hand hin und sie ließ sich von ihm auf die Beine ziehen. Gemeinsam gingen sie zu den anderen Tänzern hinüber.

Dann fingen sie an zu tanzen, als hätten sie es einstudiert. Es war ein schneller Tanz, aber die beiden ergänzten sich perfekt. Jede Bewegung, jeder Schritt saß genau.

In Gedanken waren beide bei Jinais Krönungsball. Das Orchester hatte langsame Musik gespielt, die zum Einschlafen war. Dann hatte Aaron neue Notenblätter in die vorhandenen gemischt und auf einmal war die Musik schneller als die Tänzer. Aaron hatte Jinai aufgefordert und die beiden hatten getanzt, dass den alten Damen und Herren schon vom Zuschauen schwindlig wurde. Das war das Beste an dem ganzen Ball gewesen.

„Erinnerst du dich noch, was wir am Ende gemacht haben?" Aaron hatte nur geflüstert, aber Jinai wusste, was er meinte. Sie lächelte bei der Erinnerung.

„Noch mal?", fragte er.

„Noch mal."

Am Ende des Liedes kam ein besonders schnelles Stück. Aaron drehte Jinai immer schneller, dann ließ er sie los und sie wirbelte allein weiter. Auf einmal stiegen rund um sie vier Feuersäulen aus dem verschneiten Boden, die sich in die gleiche Richtung wie sie drehten und einen Wirbel aus lodernden Flammen um sie bildeten. Immer schneller wurden die Flammen, immer höher, und dann endete das Lied mit einem Knall. Sprichwörtlich, denn Jinai hatte die Flammen in den Himmel geschossen und meterhoch über dem Boden in einem Feuerwerk explodieren lassen.

Die umstehenden Tänzer applaudierten laut. Jinai und Aaron verbeugten sich lachend, dann gingen sie zurück zu ihren Plätzen. Mit glühenden Wangen ließen sie sich auf den Baumstamm fallen.

„Das war Wahnsinn, imouto!"

„Das gleiche haben wir bei meinem Krönungsball auch gemacht."

„Deine Großmutter war vielleicht sauer", fügte Aaron hinzu.

„So hatte sie sich meine Krönung sicher nicht vorgestellt. Sie wollte sie… würdevoller."

Aaron wandte sich an den Rotschopf. „Lavi, oder? Was heißt denn ‚imouto'?"

„Kleine Schwester." Lavi grinste.

„A…ha?" Aaron verstand gar nichts.

„Lavi hat mich quasi als seine kleine Schwester adoptiert", erklärte Jinai gut gelaunt

„Obwohl du Einzelkind bist?"

„Gerade deswegen. Sie hatte ja nie einen großen Bruder." Lavi legte beschützend einen Arm um ihre Schulter. Mit Aaron auf ihrer einen und Lavi auf ihrer anderen Seite kam sie sich ein wenig eingeengt vor. Ihre beiden Freunde stritten anscheinend um das Vorrecht des besten Freundes.

„Ähhm, Leute… ich will euch ja nicht unterbrechen, aber wo ist Kanda?" Jinai blickte sich um, konnte ihn aber nirgends entdecken.

Der Japaner war verschwunden.

Lavi zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, er hat wohl einfach ein wenig Ruhe gebraucht."

„Aha… die brauche ich jetzt auch. Ich muss ein wenig frische Luft schnappen. Bin gleich wieder da." Jinai stand auf und entfernte sich rasch, bevor sie irgendjemand aufhalten konnte.

Sie brauchte wirklich frische Luft. Und ein wenig Zeit zum Nachdenken. In den letzten paar Stunden war so schrecklich viel passiert, dass sie nicht wusste, wie es jetzt weitergehen würde. Sicher, sie würde zu ihrem Winterpalast reisen, und vorher noch Elaine und Arita besuchen, denn der Otari-Palast lag direkt auf dem Weg. Aber sie hatte eigentlich nicht mit eingeplant, ihre Freunde mit zu bringen. Sie sollten ja gar nicht hier sein.

Besonders Kanda… Nachdem sie so verzweifelt versucht hatte, ihn nicht zu beachten, hatten erst seine Verletzung und dann ihre gemeinsame Reise durch die Welten diesen Versuch kläglich zum Scheitern gebracht. Und jetzt wusste sie nicht, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte. Also hatte sie sich in ihr altes Muster geflüchtet, in dem sie ihn einfach ärgern konnte, ohne daran denken zu müssen, wie sehr er ihr fehlen würde… Sie brauchte jetzt einen Ort, an dem sie in Ruhe nachdenken konnte. Ihr fiel ihr Lieblingsplatz auf dieser Lichtung ein. Direkt am Rand des Abhangs hatte sie oft gesessen und über die Landschaft geblickt. Das war genau der richtige Ort.

Leider war ihr nicht als einziger dieser Gedanke gekommen. Wie kommt es, dass er immer wieder an meinen Lieblingsorten auftaucht? Niemand anderes als Kanda stand auf dem Vorsprung, den die Natur in den Fels gehauen hatte. „Das wird langsam zu einer schlechten Angewohnheit."

„Das wird langsam zu deinem Lieblingssatz." Er drehte sich nicht mal um.

„Wie bist du auf diesen Platz gekommen?" Sie stellte sich neben ihn und sah ihn an. Zum ersten Mal seit sie diesen Platz gesehen hatte, genoss sie nicht die Aussicht. Na ja, nicht die Art von Aussicht.

„Ich habe mir überlegt, wo ich meine Ruhe haben könnte. Aber dann bist du ja aufgetaucht."

„Es tut mir unendlich leid, aber ich habe die älteren Rechte auf diesen Platz. Du wirst dich nach was Neuem umsehen müssen." Sie blickte über das Tal vor ihr. Was sie sah, ließ ihr den Atem stocken.

„Jinai? Da bist du. Ich suche dich schon die ganze Zeit." Aaron näherte sich hinter ihr.

„Aaron. Was ist das?" Sie deutete auf das Tal vor sich. Besser gesagt, auf das, was sich dort befand.

Vor ihr lag ein großes Feld, auf dem sich hunderte von Zelten tummelten. „Das ist deine Armee."

„Meine WAS?"

„Deine Armee. Damit schlagen wir Ceathan in die Flucht."

Ceathan? Kanda sagte lieber nichts, sondern verfolgte das Gespräch der beiden. Der Name war vorher schon gefallen, als Gelar Jinai der Menge präsentiert hatte.

„Mit einer Handvoll Bauern ohne kriegerische Ausbildung? Kanonenfutter nennt man so etwas." Jinai konnte den Blick nicht von der ‚Armee' losreißen.

„Ich nenne es ein wirkungsvolles Ablenkungsmanöver."

„Das ist grausam, Aaron."

„In einem Krieg müssen nun mal Opfer gebracht werden."

„Dann darfst du dich gleich dazu zählen."

Was?"

„Es ist deine Armee, Aaron. Du hast sie zusammengestellt. Führe sie."

„Wie meinst du das?" Er kam näher, blieb aber stehen, als sie sich umdrehte.

„So wie ich es gesagt habe. Entweder du reitest ihnen voran oder diese Vorbereitung auf ein Blutbad verschwindet. Es ist deine Entscheidung. Löse diese Armee auf oder führe sie an. Eine andere Lösung gibt es nicht."

Kanda kannte diesen Ton. Es war derselbe Ton, den sie gehabt hatte, als sie ihn in der Kathedrale zurückgehalten hatte. Sie wollte diese Bauern schützen. Anscheinend war diese Ceathan auch ein Magier. Dagegen konnte ein bunt zusammengewürfelter Haufen Bauern nichts ausrichten. Er konnte die Rädchen in Aarons Kopf förmlich arbeiten sehen, wie er sie dazu bringen könnte, dass er diesen Haufen, denn Armee konnte man das ja nicht nennen, behalten konnte, ohne sie anführen zu müssen. Koshinuke. Erst andere vorschicken und wenn er dafür gerade stehen soll, will er sich herauswinden.

„Also?"

„Gut, du hast gewonnen. Die Armee wird morgen verschwunden sein."

„Nicht verschwunden, Aaron, aufgelöst."

„Ja, das auch." Er drehte sich um und ging.

Und den Kerl mag sie?Sie schwiegen eine Weile, während jeder von ihnen seine eigenen Gedanken erinnerte sich an den Abend auf dem Dach des Hauptquartiers. „Du hast gesagt, dass jemand sehr wichtiges gestorben ist, als du vierzehn warst. Wer war das?"Bisher hatte er gedacht, das sei dieser Aaron gewesen. Er war fast enttäuscht, dass der noch am Leben war.

Holla, was heißt hier fast?

Schnauze.

„Ich."

„Was?"

„Das Mädchen, das ich war, bevor ich erfahren habe, wer ich bin. Bis zu meinem vierzehnten Geburtstag habe ich nicht gewusst, dass ich die rechtmäßige Herrscherin dieses Landes bin."

„Wieso?"

Das war ein heikles Thema. Verriet sie zu viel, würde er weitere Fragen stellen, sagte sie zu wenig, würde er misstrauisch. „Meine Eltern kamen bei einem Attentat ums Leben. Man fürchtete um mein Leben, also wurde ich versteckt. Bis ich vierzehn war, hatte ich gedacht, ich wäre nur einfaches Mädchen. Nana hat mich unterrichtet und ausgebildet. Mit vierzehn hatte ich nicht nur das Alter erreicht, in dem ich den Thron besteigen konnte, sondern ich war auch in der Lage, auf mich selbst aufzupassen." Das stimmte ja auch alles. Nur der Grund dafür, dass sie versteckt wurde, war ein anderer.

Es gab noch mindestens eine Frage, auf die er eine Antwort brauchte. „Wer ist Ceathan?"

„Ein mächtiger Zauberer, der mich tot sehen möchte. Er war auch für meine Flucht diesen Sommer verantwortlich."

„Was ist damals passiert?"

Sie seufzte. Das gehörte zu ihren unangenehmsten Erinnerungen. Auf dem Weg zum Lager hatten ihr die Priester erzählt, was seitdem passiert war: Ceathan hatte die sieben Priester umgebracht. Die Hälfte des Sommerpalastes hatte er dabei auch noch in Schutt und Asche gelegt. Zum Glück waren die Bediensteten rechtzeitig geflohen. Die Männer und Frauen, die versucht hatten, sich ihm in den Weg zu stellen und sie zu beschützen, hatten nicht so viel Glück gehabt. Insgesamt zählten sie sechsunddreißig Tote.

„Er hat versucht, mich umzubringen. Er ist in den Sommerpalast eingedrungen und hat auf dem Weg zu dem Raum, in dem ich mich befand, noch neunundzwanzig Männer und Frauen, die mich zu beschützen versuchten, umgebracht." Jinai ballte die Hände zu Fäusten. „Die sieben Hohepriester wollten mich in Sicherheit bringen. Also haben sie mich in eine Welt geschickt, in der es alten Überlieferungen nach keine Magie geben sollte. Würde Ceathan mir folgen, wäre er machtlos. Sie haben das Portal geöffnet und mich hindurchgeschickt. Ich war schon zu weit weg, ich konnte nichts tun, außer tatenlos mit anzusehen, wie er die Hohepriester abschlachtete." Ihre Stimme hatte sich mit Wut und Hass gefüllt. Aber es war nicht nur Wut auf ihren Feind. Sie gab auch sich selbst die Schuld, weil sie nicht stark genug gewesen war, um ihm Einhalt zu gebieten.

„Du glaubst, du bist schuld?"

„Ich weiß es. Ceathan hat diese Menschen umgebracht, nur weil ich nicht stark genug war, mich ihm zu stellen."

„So wie du ihn beschreibst, klingt das eher, als hätte er seine Wut über seine eigene Unfähigkeit an ihnen ausgelassen. Du hast dir nichts vorzuwerfen. Es war seine Schuld. Ihr Blut klebt an seinen Händen, nicht an deinen." Das war das netteste, das er sagen konnte, ohne nett zu klingen. Kanda hatte jedes Wort ernst gemeint. Jinai machte sich selbst mit ihren Vorwürfen das Leben zur Hölle, obwohl sie doch gar nichts dafür konnte. Am liebsten hätte er sie umarmt. Aber ihre Gefühle… darüber konnte er nicht einfach hinwegsehen. Er konnte sich nicht einfach nehmen, was er wollte. So sehr er sie auch wollte.

Jinai rollte seine Worte in ihrem Kopf hin und her. War sie tatsächlich nicht schuld? Die Priester hatten es doch gesagt. Der Zeitpunkt war noch nicht gekommen. Ceathan war gescheitert, weil er voreilig gehandelt hatte. Und dann war er wütend geworden. Und weil er die Fehler nicht bei sich selbst suchen wollte, suchte er sie bei den anderen. Ceathan war zu ungeduldig. Sie hatte noch gute zwei Wochen. Ebenso lange würde es dauern, bis sie ihre Freunde wieder in Sicherheit bringen konnte. Was war, wenn er wieder zu früh angriff? Die vier hatten zwar Kräfte, aber konnten sie nicht einsetzen. Sie wären Ceathan hilflos ausgeliefert. Jinai hatte sie in diesen Schlamassel hineingezogen, dann musste sie sie auch beschützen. Sie konnte aber nicht gleichzeitig Ceathan abwehren und ihre Freunde in Sicherheit bringen. „Kanda? Tu mir einen Gefallen."

„Was willst du jetzt schon wieder?"

„Versuche, deine Fähigkeiten als Wassermagier zu trainieren. Wenn er wieder angreift, bevor ihr weg seid… ich will nicht, dass er noch mehr Menschen umbringt. Besonders keinen meiner Freunde."

„Che. Das hatte ich sowieso vor. Glaubst du, ich renne schutzlos durch die Gegend?"

Mehr kann ich mir nicht erhoffen. „Danke."

„Bild dir bloß nichts darauf ein. Ich mach das nicht, weil du mich gebeten hast."

„Ich weiß. Trotzdem." Sie drehte sich um und ging zurück zum Lager. Aus ihrem Nachdenken war nichts geworden. Aber irgendwie hatte Kanda es geschafft, ihr eine große Last von den Schultern zu nehmen. Er hatte ihr eine andere Perspektive gezeigt. Und dass, obwohl sämtliche Finder im Orden vor ihm zittern. Sie zuckte mit den Schultern. Wenn sie Angst vor ihm hatten, dann waren sie eben allesamt Waschlappen.

„Oi, baka neko."

„Was heißt denn ‚neko' schon wieder?"

„Katze." Er holte sie ein, denn sie war stehen geblieben. „Passt irgendwie." Er blieb ebenfalls stehen. „Wenn du irgendwem erzählst, was ich gesagt hab-"

„Ich weiß, ich weiß, dann gibt es ein Katzenbegräbnis. Schon verstanden, Yuu-chan."

„Che"

Sie gingen wieder zum Lagerfeuer.

Wenn Ticky mich so genannt hat, hatte ich nie das Gefühl, dass der Name zu mir passt. Aber so…

Kanda traf irgendwie genau die richtigen Punkte, um ihr ihre Ängste zu nehmen und ihr das Gefühl von Sicherheit zu geben. Das nahm sie jetzt, wo sie wusste, wie sie für ihn fühlte, erst bewusst wahr. Dieses Gefühl war zwar schon vorher da gewesen, aber jetzt fiel es ihr er so richtig auf.

Kein Wunder, dass sie sich in ihn verliebt hatte.

Kein Wunder, dass Aaron für sie nur ein Freund war. Aaron war… nett. Aber damit hatte es sich auch schon.

Kein Wunder, dass sie Ticky nicht mochte. Ticky war Gefahr, ein Noah. Jede Begegnung mit ihm war ein Tanz auf dem Vulkan gewesen. Auch wenn sie es den anderen gegenüber heruntergespielt hatte. Jedes Mal darauf Acht geben, dass er nicht bemerkte, dass sie nichts trank. Ihm vorsichtig die Informationen entlocken, die sie brauchte. Ihn loswerden, ohne dass er misstrauisch wird.

Sie hatte längst gewusst, dass auch der Millennium-Graf sie nicht zurückbringen konnte. Eigentlich hätte sie das gar nicht mehr tun müssen. Aber einfach mit ansehen, wie die Welt der Exorzisten zugrunde geht…

Also hatte sie ihn weiterhin ausgehorcht. Und die Informationen an Komui weitergegeben und dabei immer jedes Gespräch über ihre Identität vermieden. Anfangs wegen ihrer Schuldgefühle. Dann wegen dem guten Gefühl, das es ihr gab, das Richtige zu tun.

Kanda warf einen Blick auf das schweigende Mädchen neben ihm. Jinai schien in Gedanken versunken. Neko… Das passte wirklich zu ihr. Sie war in seiner Welt gelandet, ohne Magie, ohne irgendetwas über sie zu wissen. Trotzdem hatte sie sich durchgeschlagen. Wehrhaft und verspielt. Im einen Moment faucht sie, im nächsten schnurrt sie.

Auch wenn Ticky sie ‚Kätzchen' genannt hatte. Und dann dieser Kuss. Er hätte den Bastard am liebsten umgebracht. Wenn er nur daran dachte, wurde er wütend. Hätte er gekonnt, er hätte es schon getan, als er es gesehen hatte. Aber mit einer Wunde unter seinem Schwertarm kam er nicht weit im Kampf gegen einen Noah, egal wie schnell er heilte.

Auch jetzt noch verfolgte dieses Bild Kanda. Wie Ticky sie an sich gepresst hatte, seine Hand um ihr Herz, seine Zunge… Versteckt lockerte er schnell seine zur Faust geballte Hand, damit sie es nicht sah. Aber das Bild wurde er nicht los.

Jinai hatte es über sich ergehen lassen. Erst nachdem Ticky verschwunden war, hatte sie sich anmerken lassen, wie es ihr wirklich ging. Genauso wie die anderen. Sie hatten sich bemüht, möglichst ruhig auszusehen, obwohl Kanda gemerkt hatte, wie Lavi zitterte. Ihm war es nicht besser gegangen als dem Verwundeten, den er gestützt hatte. Kanda hätte fast geglaubt, seine Gedanken lesen zu können. Nimm deine dreckigen Finger von meiner imouto, oder so was in der Art.

Das einzige, was Lavi davon abgehalten hatte, zu ihr zu stürzen, als Ticky gegangen war, war sein verletzter Freund gewesen.

Das einzige, was Kanda davon abgehalten hatte, war die verdammte verfluchte Wunde gewesen.

Moyashi war viel zu besorgt um Linali gewesen. Das Mädchen hatte zum Glück nicht allzu viel abbekommen. Der Junge hatte trotzdem darauf bestanden, dass sie sich untersuchen ließ. In ihre Diskussion vertieft, hatten beide nicht mitbekommen, wie Jinai sich übergab.

Kanda wusste, dass Lavi es kaum an seiner Seite ausgehalten hatte. Am liebsten wäre er sofort zu ihr gerannt, als sie auf die Knie gefallen war. Da war er auch nicht der einzige gewesen. Verflixte Wunde. Am Nachmittag kann ich nicht mal alleine stehen und jetzt, nur wenige Stunden später, könnte ich schon wieder Akuma bekämpfen. Immer dann, wenn man's nicht braucht.

Er wurde in seinen Gedanken unterbrochen, als sie die anderen wieder erreichten.

Lavi sah, entgegen seiner Natur, nicht besonders fröhlich aus.

*~*

Raffael: Na, da bin ich jetzt aber gespannt, wie den Lesern deine Erklärung gefällt...

Jinai: Verschrei's nicht -zitter- ich hab das Gefühl, ich will es irgendwie gar nicht wissen... Trotzdem, bald gibt es auch das nächste Kapitel: 'Cuigadem', auch wieder so ein von mir erfundenes Wort. Wir sehen uns dann -hoffentlich? Bitte?