Kapitel 2 – Der Artikel

Ein paar Wochen später klopfte jemand unaufhörlich und laut an seine Bürotür.

Wer zur Hölle wagt es, mich so zu stören?!

„Herein!", rief er unfreundlich.

Im nächsten Moment stürmte Hermine in sein Büro und stellte sich breit grinsend vor seinen Schreibtisch. „Sie glauben gar nicht, was passiert ist!", verkündete sie aufgeregt.

Er schüttelte nur mit dem Kopf – er war so verdattert über diesen Ausbruch, dass es ihm die Sprache verschlagen hatte.

„Der Tagesprophet wird meine Bilder drucken!", rief sie fröhlich. „Wie Sie es mir geraten haben, habe ich ein paar meiner Zeichnungen an den Tagespropheten geschickt und die waren ganz begeistert und wollen jetzt mit mir ein Interview machen und dann werden meine Bilder in der Zeitung gedruckt und alle können sie sehen – ist das nicht einfach wunderbar!?"

Nach diesem Wortschwall brauchte Severus einen Augenblick, um zu verarbeiten, was sie gerade erzählt hatte, doch als es ihm schließlich dämmerte, stand er auf, ging um seinen Schreibtisch herum, schüttelte ihre Hand und sagte ehrlich: „Das ist wirklich wunderbar. Ich bin stolz auf Sie."

Er konnte an ihrem Gesichtsausdruck erkennen, wie sehr sie dieses Lob irritierte, aber schließlich strahlte sie vor Freude und meinte: „Das bedeutet mir sehr viel."

Er lächelte zaghaft.

„Oh, da fällt mir noch was ein", rief Hermine auf einmal und suchte in ihrer Umhängetasche nach etwas. „Ich hab doch noch was für Sie."

Severus zog die Augenbrauen hoch. Ein Geschenk… von einer Schülerin?! So etwas war ihm ja noch nie passiert!

„Hier!", rief sie plötzlich und hielt ihm ein Blatt Pergament entgegen.

Automatisch ergriff er es und sah darauf – aber es war leer. Verwirrt sah er sie an, doch sie lachte nur und meinte: „Andersherum."

Er drehte das Pergament herum und wollte seinen Augen nicht trauen. Hermine hatte ihm eine Zeichnung geschenkt, ein Portrait… von ihm. Doch es war so anders als das andere, das er gesehen hatte, denn auf diesem hier lächelte er. Er überlegte, ob er sich selbst jemals hatte ehrlich lächeln sehen, sei es im Spiegel oder auf einem Foto, doch ihm fiel nichts ein. Als er sich so auf dieser Zeichnung, die so gut war wie jedes Foto, außer dass der Inhalt sich nicht bewegte, lächeln sah, veränderte das seine Selbstwahrnehmung schlagartig. Er sah sich selbst als verbitterten, hässlichen, verstoßenen Außenseiter, doch auf diesem Bild erschien er als ein freundlicher, entspannter und normal aussehender Mensch, mit dem man gut befreundet sein könnte. Völlig gebannt starrte er auf das Bild.

„Vor ein paar Wochen, als Sie mein Zeichenbuch gefunden haben… Es war das erste Mal, dass ich Sie habe warmherzig lächeln sehen", flüsterte Hermine nun.

Warmherzig? Er? Nie und nimmer! Zumindest nicht in den Augen anderer…

Er blickte vorsichtig hoch und sah in die braunen Augen seiner Schülerin, die ihn halb verlegen, halb besorgt musterten.

„Danke", sagte sie schließlich, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen winzigen, vorsichtigen Kuss auf die Wange. „Für alles."

Dann drehte sie sich blitzschnell um und verließ sein Büro.

Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich aus seiner Schockstarre lösen konnte, denn in dem Moment, als ihre Lippen seine Haut berührt hatten, waren ihm zwei Dinge aufgefallen, die alles veränderten:

Erstens, Hermine schien ihn wirklich zu mögen (Als sie dies das letzte Mal behauptet hatte, hatte er es nicht wirklich glauben wollen).

Und zweitens, er mochte sie ebenfalls. Sehr sogar… Denn sie war die Einzige, die ihn anders sah als alle anderen, die Einzige, die ihn als warmherzigen Menschen sah…