Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.
Offenbarungen
Von Thea Potter
Kapitel 2Snape saß am Schreibtisch; vor ihm lag ein aufgeschlagenes Buch und daneben türmten sich weitere Bücher. Schon während des Eintretens wurde Hermines Blick von dem Bücherstapel wie magisch angezogen, und unversehens fiel ein wenig Spannung von ihr ab. So war es schon immer gewesen. Sie liebte Bücher so sehr, dass sie sich automatisch in jedem Raum wohl fühlte, in dem es viele Bücher gab.
Na ja, in fast jedem Raum. Immerhin war das Snapes Büro.
Und dann sah sie ihn an – und die Kinnlade fiel ihr fast hinunter. Ihr Lehrer für Zaubertränke saß leicht nach vorn geneigt, mit übereinander gelegten Armen; Strähnen seines schwarzen Haares fielen ihm auf die Oberarme, und er durchbohrte sie mit seinem Blick.
Und er lächelte.
In diesem Augenblick wurde Hermines Existenz unsanft, wie in einem Zeichentrickfilm, in Snapes Büro und die ganze Situation hineingezogen. Alle Gedanken, sofern sie denn vorher woanders waren, sammelten sich um Snape herum. Sein Lächeln machte ihr Angst. Sie war es gewohnt, dass Snape lächelte, ohne sich zu freuen; aber das hier war etwas Besonderes – es war das Lächeln eines Mannes, der weiß, dass er gewonnen hat.
Er sah, für seine Verhältnisse, fast glücklich aus.
„Miss Granger", hörte sie ihn schließlich in einem beängstigend sanften, dunklen Tonfall sagen, „Sie konnten es offenbar gar nicht erwarten, in mein Büro zu kommen."
Ihr Herz machte einen Sprung; sie spürte es im Hals klopfen.
„Ich ... Sie ... Nein, ich meine ja ..."
Am liebsten hätte sie sich mit der flachen Hand gegen die Stirn geschlagen; sie stotterte herum wie eine Erstklässlerin. Und während ihr das Blut in die Wangen schoss, sah sie es.
Das aufgeschlagene Buch dort vor ihm war ihr Tagebuch.
Sie spürte, wie die Hitze in ihre Wangen schoss. Snape betrachtete sie spöttisch und lehnte sich ein wenig in seinem Stuhl zurück; was sie nicht an Ruhe hatte, schien er doppelt zu haben. Er lächelte noch breiter. Merlin, sie hätte in ihrem Leben nicht erwartet, ihn jemals so übel lächeln zu sehen.
Dann, endlich, kam ihr ein Gedanke, der ihr weiter half. Ein ziemlich schlichter Gedanke, aber immerhin.
Es ist mein Tagebuch. Meins. MEINS! Es gehört mir, er hat nicht das Recht es zu lesen!
Sie öffnete den Mund um ihrer Empörung Ausdruck zu verleihen, aber Snape machte eine Handbewegung und begann im nächsten Moment selbst zu sprechen.
„Kommen wir zur Sache", sagte er immer noch sanft. „Ich denke, ich habe hier etwas, das Sie interessiert. Sie sind offenbar recht unachtsam gewesen, jedenfalls sollten Sie das nächste Mal auf Ihre Habseligkeiten achten, wenn Sie nachts im Schloss umherziehen. Übrigens ist Ihnen sicherlich klar, dass Sie damit als Vertrauensschülerin ein denkbar schlechtes Beispiel abgeben, nicht wahr?"
Sie hörte ihm kaum zu. Wie ein Kaninchen vor der Schlange stand sie da und starrte abwechselnd ihn und das Tagebuch an, auf dem eine besitzergreifende Hand von ihm ruhte. Es war ein irgendwie vertrautes Bild, so als sei es nicht ihr Tagebuch, sondern irgendein wichtiges Buch aus seiner privaten Sammlung, das ihm viel bedeutete. Aber dadurch bekam das Bild Risse, denn es war nicht sein Buch, verdammt. Sondern ihres.
Hat er es gelesen?, fragte sie sich die ganze Zeit. Und die Antwort war offensichtlich;er musste es gelesen haben, das Tagebuch lag ja offen vor ihm.
„Sie erhoffen sich wahrscheinlich, dass ich Ihnen Ihr Eigentum zurückgebe. Aber ich denke, Sie sehen ein, dass ich damit meinen Vorteil verlieren würde."
Zeit und Raum froren ein. Hermine hätte sich nicht gewundert, wenn sie Eiszapfen geatmet hätte. Sie starrte ihn einfach nur an. Sie brachte keinen Ton mehr heraus.
Snape seufzte und wischte mit seinen langen Fingern ein imaginäres Staubkorn vom Tisch. „Ich sehe, dass es sinnlos ist, über so etwas mit einer Gryffindor zu reden. Wissen Sie, ich denke manchmal wirklich, dass Slytherins und Gryffindors mit grundsätzlich verschiedenen Gehirnwindungen auf die Welt gekommen sind."
Ohne Vorwarnung schlug er mit der flachen Hand leicht auf den Tisch und stand abrupt auf. Hermine erschrak; sie riss sich stark zusammen um ruhig zu bleiben und Snape nicht zu zeigen, wie sehr er sie einschüchterte.
„Lassen wir das", sagte er mit einem Hauch von Ungeduld in der Stimme. „Ich habe etwas, das Ihnen gehört. Sie möchten es wieder haben, und ich sage Ihnen hiermit, dass Sie etwas dafür tun müssen. Dann bekommen Sie es zurück."
Sein Lächeln war zurückgekehrt.
Hermines Augen weiteten sich. War Snape jetzt übergeschnappt? Versuchte er wirklich gerade sie zu erpressen?
„Sie ... Sie dürfen das nicht", presste sie mühsam hervor. „Das geht nicht. Das ist Machtmissbrauch. Wenn Professor Dumbledore –"
„Falls Sie zum Schulleiter gehen", fiel Snape ihr scharf ins Wort, „riskieren Sie mehr als notwendig. Sie möchten Ihr Tagebuch doch zurück erhalten, ohne dass sein Inhalt der ganzen Schule bekannt wird? Kurz gesagt, das werden Sie nicht tun", schloss er mit sanfterem Tonfall.
Das konnte nur ein Scherz sein. Aber seit wann machte Snape Scherze?
„Bislang", hörte sie Snape wie durch Watte weiter sprechen, „habe ich Ihr Tagebuch nicht gelesen. Oder fast nicht. Nun ja, ich habe ein wenig darin geblättert um herauszufinden, ob dieses Gespräch sich überhaupt lohnt." Er grinste so widerwärtig, dass Hermines Herz in ihre Fußgegend sank. „Und um festzustellen", fuhr er fort, „wie weit die Eintragungen zurück reichen. Ich muss schon sagen, Sie haben in den vergangenen sechs Jahren ziemlich viel geschrieben."
Hermine atmete ein paar Mal flach ein und aus, bevor sie antworten konnte.
„Ich schreibe seit mehr als sechseinhalb Jahren darin", brachte sie schließlich zwischen zusammen gebissenen Zähnen hervor. „Es ist mein Tagebuch für Hogwarts, und ich werde es in einem halben Jahr beenden. Vorausgesetzt, ich bekomme es wieder und kann meine Eintragungen fortsetzen."
Snape hob eine Augenbraue. „Das dürfte kein Problem sein. Sie haben dieses Buch ohnehin mit einem Zauber versehen, damit alle Eintragungen hinein passen. Sie können problemlos Ihre weiteren Lebenserfahrungen einem anderen Buch anvertrauen und später die Seiten Ihrem Tagebuch hinzufügen."
Das Wort „Lebenserfahrungen" hatte Snape gedehnt und in einem so höhnischen Tonfall ausgesprochen, dass in Hermine unversehens Wut hochwallte. Wie konnte der Mann es wagen sich über sie lustig zu machen? Wie konnte er es überhaupt wagen sie in diese unglaubliche Situation zu bringen?
„Professor, ich will auf der Stelle mein Tagebuch zurück."
Hermine versuchte diese Forderung ruhig und bestimmt auszusprechen, aber ihre Stimme klang rissig und gehetzt.
„Sie bekommen es zurück", sagte Snape in gelangweiltem Tonfall. „Wenn sie artig sind", fügte er hinzu und weidete sich an ihrem erschütterten Gesichtsausdruck.
Hermine spürte, wie eine bleierne Schwere sie ergriff; von einem Moment zum anderen war sie so erschöpft, dass ihre Knie weich wurden. Unwillkürlich wandte sie den Kopf, um sich nach einem Stuhl für den Fall der Fälle umzusehen.
Snapes schwarze Augen blitzten merkwürdig. Sie war zu durcheinander um seinen Gesichtsausdruck richtig zu deuten, aber sie nahm an, dass es ihm wirklich gefiel, sie so zu sehen. Ihr fehlte der Abstand, um die Absurdität der ganzen Situation zu sehen. So irreal und albern die Situation auch sein mochte – was wollte er schon mit ihrem Tagebuch ausrichten? – all das hier war ihr ganz persönlicher Alptraum. Snape, der ihre Privatsphäre verletzte; Snape, der sie erpresste. Alles in ihr schrie, dass das nicht sein konnte – dass er das nicht tun konnte. Nicht er! Und doch stand er vor ihr, betrachtete sie mit starrem Gesichtsausdruck und schien nicht geneigt ihr zu eröffnen, dass das Ganze nur ein schlechter Scherz war.
„Was wollen Sie von mir?", flüsterte sie.
Im Grunde wollte seine Antwort gar nicht hören; sie wollte nur dieser Situation entkommen.
Ich will hier raus –
Und dann sah sie aus dem Augenwinkel, wie er den Schreibtisch umrundete, und er blieb dicht vor ihr stehen. Sie hielt den Atem an und hoffte inständig, dass er sie nicht berühren würde.
t.b.c.
