Kapitel 2
Erschrocken blickte Zexion dem Jungen hinterher, der eben an ihm vorbeigelaufen und ihn beinahe umgerannt hatte. Er kannte ihn kaum, und dennoch wusste er viel über ihn. Er wusste, dass der Junge Demyx hieß und sich Dinge einbildete. Vermutlich litt er unter Verfolgungswahn, oder etwas ähnlichem. Zexion hatte sich nie genauer damit beschäftigt, denn er mochte keine Menschen. Genau genommen mochte er sie nicht nur nicht, sondern fürchtete sie.
Dies war der Grund, warum Zexion in dieser Klinik war. Er wollte sein Haus nicht mehr verlassen, nicht mehr zur Arbeit gehen und hielt sich auch von seiner Familie fern. Diese hatte sich mit der Zeit Sorgen gemacht und ihn zu einem Therapeuten geschickt. Doch als er auch vor diesem Angst hatte, hatten seine Eltern ihn in die Klinik einweisen lassen. Und seitdem war er dort. Genau genommen hatte sich seitdem nicht viel verändert. Er fürchtete Menschen immer noch. Er fürchtete die anderen Insassen, und auch das Personal.
Seufzend kam er kurz darauf an der Tür des Therapeuten an. Er verstand nicht, wieso er überhaupt immer wieder zu diesem musste. Er war nicht krank. Er wollte nur keinen Kontakt mit Menschen. Was war so schlimm daran? Zexion klopfte an die Tür, nicht kräftig aber auch nicht zu leicht und öffnete dann die Tür, um hereinzutreten. Hinter dem Schreibtisch, der in dem großzügig eingerichtetem Zimmer stand, saß Xigbar. Sein Therapeut. Und der einzige Mensch, der ihm keine Angst machte.
Vermutlich war es paradox, dass ausgerechnet ein Mann mit einem blinden Auge und einem vernarbten Gesicht ihm keine Angst machte. Aber.. seit dem ersten Moment, als er ihn gesehen hatte, war dort keine Panik in ihm gewesen. Und so hatte er begonnen, zumindest mit dem Älteren zu reden. „Hallo", begrüßte Zexion den Mann knapp. Es schlich sich daraufhin ein leichtes Lächeln auf das Gesicht von Xigbar: „Hallo Zexion. Setz dich doch~" Er machte eine einladende Handbewegung zu dem Stuhl vor seinem Tisch, welcher der Jüngere auch folgte. Mit schnellen, aber kleinen Schritten ging er hinüber und nahm gegenüber des Mannes Platz.
„Wie geht es dir?", horchte der Therapeut nach. Es verlangte ihm immer wieder einiges ab, mit dem jungen Mann ins Gespräch zu kommen. Er wusste auch nicht, wie er ihn genau behandeln sollte. Zexion zeigte ihm gegenüber keine Angst. Anscheinend trat seine Panik vor Menschen nur bei anderen auf. Wie also sollte er seine Krankheit beurteilen und behandeln? Wenn er sie niemals in ihren Sitzungen zu sehen bekam, erwies es sich als äußerst schwer. Und auch beim Essen war Zexions Verhalten nicht zwingend auffällig. Er saß zwar immer etwas abseits von den anderen, aber solange ihm niemand zu nahe kam, war er normal. Aß normal und wirkte einfach wie jemand, der nicht gern mit anderen zu tun hatte. Von Panik keine Spur.
„Abgesehen davon, dass ich in dieser Klinik eingesperrt bin, gut. Und ihnen?", kam Zexions ehrlich Antwort. Er hasste es hier drin. Umgeben von Verrückten, mit welchen er absolut nichts gemeinsam hatte. Immerhin war er nicht verrückt. Etwas, dass er sich selbst immer wieder sagte. Er musste sich immer wieder daran erinnern, denn der Arzt, Dr. Vexen, und auch die Krankenschwester, versuchten ihm immer wieder einzureden, dass er krank war. Dass er Hilfe und Tabletten benötigte, um stabil oder normal zu sein. Aber er war normal. Er beobachtete genau, wie sein Gegenüber nickte und erneut etwas lächelte. Warum er so ehrlich zu ihm war? Weil er wusste, dass Xigbar es nicht gegen ihn verwenden würde. Er glaubte ihm, dass er nicht krank war, und gab ihm auch nie das Gefühl, krank zu sein.
Xigbar hatte wirklich nicht das Gefühl, dass Zexion krank war. Doch er war sich auch nicht sicher, ob der Jüngere nicht einfach gut darin war, seine Krankheit zu verstecken. Vielleicht musste die Angst erst in ihm hervorgerufen werden. Und es war seine Pflicht als Therapeut und Psychiater, seine Krankheit zu erkennen und zu behandeln.
„Gut, bis jetzt~", erwiderte der Mann aufgrund der Frage und stand dann von seinem Stuhl auf. „Wir sollten mit der Sitzung beginnen."
Zexion fragte sich immer wieder, wieso er dies sagte. Es war wohl so etwas wie Xigbars Angewohnheit. Wann immer er zu ihm kam, sagte er diese Worte, und jedes Mal änderte sich daraufhin nichts. Sie redeten weiter, und sprachen über alles Mögliche. Unterhielten sich über Bücher, und manchmal über das, was Zexion tat, wenn er in seinem 'Zimmer' eingesperrt wurde. Etwas, dass üblich war, sobald die Sperrstunde begann. Doch an diesem Tag schien etwas anders zu sein, denn Xigbar blieb nicht wie üblich auf seinem Stuhl sitzen, sondern stand auf und kam zu ihm herüber. Warum kam er plötzlich näher? Zexion war es nicht gewohnt, dass Xigbar sich ihm irgendwie näherte. Er respektierte immer den Abstand, den er brauchte. Blieb hinter seinem Schreibtisch und ließ ihn vor selbigem bleiben.
Xigbar hatte nicht vor, es dieses Mal so ablaufen zu lassen, wie er es das letzte Mal getan hatte. Er wollte Zexion herausfordern, und endlich einmal so etwas wie Panik bei ihm erkennen. Nicht, weil er wollte, dass sich dieser fürchtete. Nein, er wollte nur das Beste für den Jungen. Er mochte ihn, und fand ihn interessant. Fand ihn spannend und mochte es, mit ihm zu reden, wenn sie mal wieder etwas Zeit in der Sitzung damit verbrachten, sich zu unterhalten. Und vielleicht war dies auch der Grund, warum er zuvor nie wirklich versucht hatte, das Problem des Jungen zu erkennen oder zu behandeln. Er wollte ihn hier behalten. Er wollte ihn nicht gehen lassen oder heilen. Er wollte, dass Zexion bei ihm blieb. Und dass er nun aufstand und auf den Jungen zuging, lag möglicherweise doch nicht nur daran, dass er seine Panik sehen wollte. Er wollte ihm nahe sein.
Als Xigbar auf ihn zukam, stand Zexion langsam aus seinem Stuhl auf und ging einige Schritte zurück. Doch mit jedem Schritt, den er zurück ging, ging Xigbar einen vor, bis er sich irgendwann mit dem Rücken an der Wand wiederfand. Was wollte Xigbar nur von ihm? Warum kam er ihm plötzlich so nahe? Zexion schloss für einige Sekunden die Augen.. und als er sie wieder öffnete, waren die Augen des Therapeuten nur noch wenige Zentimeter von seinen entfernt. Beinahe so, als würden sich ihre Nasen berühren. Zexion erschauderte. Eine Gänsehaut legte sich über seinen Körper, und mit einem Mal stieg doch so etwas wie Panik in ihm auf. Was wollte der Mann auf einmal von ihm? Vorsichtig hob er die Hände und legte sie an den Oberkörper des Größeren, und wollte ihn ein wenig weg schieben. Er wollte ihn von sich drücken und am liebsten fliehen. Aber.. er schob nicht. Er ließ seine Hände schlaff auf dem Körper liegen, und stellte fest, dass seine Panik langsam wieder verschwand. Dass es ihm keine Angst machte, ihn zu berühren. Und mit dieser Feststellung kam auch jene, dass er die ganze Zeit auf seine Hände gestarrt hatte.
Mit einem Mal schien es dem Kleineren peinlich zu sein, dass er weg geschaut hatte, und er blickte auf in das strahlend gelbe und das trübe Auge. Er wurde zurück angeblickt, und für einige Sekunden blickten sie sich nur an, bis etwas aus Zexion herauszubrechen schien. Bis sich all das, was er über Monate in sich eingeschlossen hatte, seinen Weg an die Oberfläche kämpfte und ihn dazu brachte, sich gegen Xigbar fallen zu lassen. Sich gegen ihn zu lehnen, und nicht aufzuschrecken, als dieser seine Arme um ihn legte. Beinahe war der Ältere einen Schritt zurückgetreten, weil er nicht damit gerechnet hatte, doch dann umschlang er einfach den schlanken Körper vor sich und drückte ihn an sich.
Sekunden, die aber auch Minuten hätten sein können, verstrichen, bevor beide wirklich realisierten, was sie taten. Bis Zexion realisierte, dass er wirklich keine Angst vor Xigbar hatte, und bis Xigbar realisierte, dass er seinen Patienten an sich drückte. Der Ältere wusste, dass dies gegen die Regeln verstieß. Dass es verboten war, irgendeine Art von Bindung zu den Patienten aufzubauen. Wobei sich Xigbar sicher war, dass es bereits zu spät war, sich darüber Sorgen zu machen. Er hatte bereits eine Bindung zu Zexion aufgebaut.
Jener lehnte seinen Kopf vorsichtig an die Schulter des Größeren und seufzte leise. Er sog den Duft ein, den Xigbar immer an sich hatte. Er roch ein wenig nach Kaffee, aber auch nach Qualm. Es war offensichtlich, dass er Raucher war. Zexion konnte sich auch nicht vorstellen, wie man diesen Beruf ohne die eine oder andere Zigarette bewältigen sollte. Er erlebte die anderen Verrückten immerhin auch jeden Tag.
Als Xigbar sich langsam von ihm löste, ging Zexion rasch einen Schritt zurück. War er nun seinerseits zu weit gegangen? Doch als sich ihre Blicke trafen, war ihnen beiden bewusst, dass sie sich nicht falsch verhalten hatten. Dass es dem anderen Recht gewesen war. Dass es Zexion nicht gestört hatte, obwohl er zuerst zurückgewichen war. Dass er wirklich Vertrauen zu dem Mann gefasst hatte, und dass diesen wohl auch etwas mit ihm verband. Es war etwas zwischen ihnen, beinahe wie ein unsichtbarer Faden.
„Wir sind fertig für heute", durchbrach Xigbar die Stille, die nicht einmal unangenehm gewesen war. Zexion nickte daraufhin und wollte sich abwenden, hielt jedoch inne, als der Ältere noch einmal näher kam. Kurz streiften die Lippen des Therapeuten die des Patienten, worauf hin dieser leicht errötete, kurz den Kopf schüttelte und dann aus dem Raum ging. Mit ruhigen Schritten, die keiner Flucht glichen, obwohl es eigentlich eine war. Eine Flucht vor den herein prasselnden Gefühlen und der Erkenntnis, dass man seinen Therapeuten mochte.
„Bis in 3 Tagen", vernahm der Jüngere noch die Stimme des Mannes, und doch lief er weiter. Flüchtete. Vor sich selbst und seinen Gefühlen.
Xigbar blickte seufzend dem jungen Mann hinterher. Vermutlich war er doch zu weit gegangen. Natürlich war er das, ermahnte er sich selbst. Er konnte doch keinen Mann mit Soziophobie einfach so küssen. Er hatte vermutlich alles nur noch schlimmer gemacht. Und sich seine Chance, die er sowieso niemals gehabt hätte, verspielt. Wunderbar.
Unzufrieden mit sich selbst ging Zexion mit ruhigen Schritten über den Gang. Was musste das denn nun für einen Eindruck hinterlassen haben? Er hatte sich an ihn gelehnt, okay. Hatte er damit möglicherweise den Eindruck erweckt, dass er mehr von ihm wollte? Denn dann hatte er eindeutig das Falsche getan. Er wollte ihm nicht näher kommen. Er wollte Xigbar auch nicht mögen. Denn für diesen war er definitiv nur ein Patient wie jeder andere. Nichts Besonderes. Er würde niemals für jemanden etwas Besonderes sein. Höchstens etwas Abnormales. Aber.. warum hatte der Mann ihn dann geküsst? Es verwirrte ihn. Und Zexion mochte es nicht, verwirrt zu sein. Noch ein Grund, warum er nicht in die Nähe anderer Menschen gehen sollte. Da war er sich sicher.
So trugen ihn seine Füße immer weiter weg von seinen Gefühlen und dem einzigen Menschen, den er vielleicht doch mochte. So etwas wie mochte, höchstens, korrigierte er sich selbst in Gedanken. Erst ein lautes Geräusch ließ ihn aus seinen Gedanken hochschrecken. Zexion war ein wenig zusammen gezuckt, bevor er bemerkte, dass eine der Türen, die auf dem Weg zwischen dem Therapiezimmer und seinem Zimmer lagen, offen stand. Diese Türen standen sonst nie offen. Langsam und doch ein wenig neugierig ging er auf die Tür zu, obwohl die Angst ihn anschrie, es nicht zu tun. Und als sein Blick in das Zimmer fiel, wurde ihm bewusst, dass er auf die Angst und nicht auf die Neugierde hätte hören sollen. Die Übelkeit stieg in ihm hoch, was ihn dazu brachte, sich gleich wieder abzuwenden und von der Tür zurückzutreten.
In dem Zimmer befand sich Xaldin, der Koch der Klinik. Und er hatte augenscheinlich das Essen vorbereitet, dass ihnen am Abend vorgesetzt werden sollte. Und Zexion war plötzlich klar, dass er nie wieder Fleisch in dieser Klinik essen würde. Denn das, was der Koch dort zerhackt hatte, war offensichtlich ein menschliches Bein gewesen. Ein Bein, dass nicht einmal größer war als seines, und somit darauf schließen ließ, dass die Person entweder klein oder noch ein Kind gewesen sein musste. Mit der Übelkeit kämpfend machte Zexion auf den Versen kehrt. Was zum Teufel war hier los? Warum zerhackte ihr Koch eine Leiche? Und warum stieg ihm mit einem Mal der beißende Geruch von brennendem Fleisch in die Nase?
Von den Gerüchen und Eindrücken so angewidert, bemerkte Zexion nicht, wie der Koch sich auf ihn zubewegt hatte. Er hatte mitbekommen, dass jemand an der Tür stand und würgte, denn Xaldin achtete immer auf das, was um ihn herum passierte. So war dieser vom Herd, auf welchen er gerade etwas von dem Beinfleisch in eine Pfanne gelegt hatte, weggetreten, um demjenigen eine Abreibung zu verpassen. Umso verwunderte war er, ausgerechnet den Jungen zu sehen, der Menschen sonst so scheute.
„Was suchst du hier, Bursche?", ließ er seine tiefe Stimme erklingen und legte seine Hand um den schlanken Arm von Zexion, so dass dieser nicht weglaufen konnte.
Als Zexion von der Hand gepackt wurde, wurde er gleichzeitig auch von der Panik gepackt. Er wurde erwischt, und er wurde angefasst. Wie ein geschundener Hund begann er sich zu wehren, versuchte seinen Arm aus dem Griff zu befreien und gab Geräusche von sich, die man beinahe als fiepen bezeichnen konnte. Er wollte weg, er musste weg. Er musste ihn weg stoßen und rennen, ganz schnell, ganz weit weg. Sein gesamtes Denken schaltete sich für einige Sekunden aus, und er stieß Xaldin von sich. Etwas, dass der Größere nicht erwartete hatte, und dem Jüngeren somit etwas Zeit gab, wegzulaufen. Und er rannte, noch schneller, als es Demyx zuvor getan hatte.
Mehr als ein genervtes Schnauben hatte Xaldin daraufhin auch nicht mehr für die Situation übrig. Dem Jungen würde sowieso keiner glauben. So ging er zurück in seine Küche und schloss dieses Mal wieder die Tür hinter sich, nur um festzustellen, dass das Fleisch auf dem Herd angebrannt war. Welch ein Verlust.
Zexion rannte den Gang zurück, ohne wirklich darauf zu achten, wem er begegnete. Rannte vorbei an dem Hausmeister, der es hasste, ignoriert zu werden. Dem er schon immer ein Dorn im Auge gewesen war, auch wenn er es nie ausgesprochen hatte. Dieser, auch unter dem Namen Lexaeus bekannt, sprach nie viel. Musste er auch nicht, denn seine Erscheinung war angst-einflößend genug. Hätte Zexion es nicht besser gewusst, hätte er gesagt, er wäre ein Riese. Er war mindestens 4 Köpfe größer als er selbst, und lachte nie. Oder lächelte. Oder tat sonst irgendetwas, das ihn auch nur im Entferntesten freundlich wirken ließ.
Doch in diesem Moment war es dem Jungen egal. Er musste zurück zu Xigbar. Er musste ihm erzählen, was er gesehen hatte. Der Mann durfte doch keine Menschen kochen! So erreichte er die Tür in der Hälfte der Zeit, die er vorher gebraucht hatte, und machte sich auch nicht die Mühe anzuklopfen. Er riss einfach die Tür auf und stürzte herein. Er achtete darauf, dass sie hinter ihm ins Schloss fiel und musste dann erst mal einige Momente wieder zu Atem kommen. Xigbar selbst war aufgeschreckt, als die Tür so plötzlich aufgeflogen war. Er fühlte sich ein wenig so, als wäre der Tag ein Tag der offenen Tür.. zumindest was sein Büro anging. Doch war ihm der erneute Besuch von Zexion eindeutig lieber als der von Demyx.
„Was ist passiert?", fragte er gleich und stand von seinem Stuhl auf. Zexion zitterte leicht, atmete nur abgehackt und schien eindeutig Panik zu haben. Das erste Mal überhaupt.
„X-Xaldin!", begann der Jüngere, und Xigbar traf die Erkenntnis bereits bevor Zexion aussprach, was er gesehen hatte. Xigbar wusste davon, was Xaldin tat. Er wusste, dass dieser Menschen kochte. Dass er diejenigen, die ihre Therapien nicht überlebten oder sich umbrachten zerkleinerte und den noch vorhandenen Patienten zum Essen vorsetzte, da der Klinikleiter das Geld für das Essen gekürzt hatte.
„Er kocht Menschen!", beendete der Patient seinen Satz und entlockte dem Therapeuten dadurch ein Nicken. Ein eindeutig wissendes Nicken, das den Kleineren die Augen aufreißen und einen Schritt zurücktaumeln ließ. Diesen traf nämlich in genau dem Augenblick die Erkenntnis, dass Xigbar davon wusste. Zexion schimpfte sich in dem Augenblick innerlich selbst einen Idioten. Wie sollte Xigbar auch nicht davon wissen? Immerhin war er ebenso Angestellter in dieser Klinik und wusste sicher über all diese Dinge Bescheid.
„Xaldin war einst mein bester Freund. Ich weiß davon. Es tut mir leid", erklärte sich der Ältere, doch Zexion schüttelte nur entsetzt den Kopf und begann lauter zu werden:
„Du hast mich das essen lassen, obwohl du davon wusstest!" All das, was er noch kurz zuvor gedacht hatte.. dass er ihn mochte, und dass er möglicherweise sogar Gefühle für ihn hatte, rückte mit einem Mal in unerreichbare Ferne. Er fragte sich, was in dieser Klinik noch für kranke Spiele gespielt wurden, und erinnerte sich daran, wie blutverschmiert Demyx ihm noch einige Zeit zuvor beinahe in die Arme gerannt war.
„Was treibt ihr hier noch? Warum laufen mir blutende Menschen entgegen? Was für ein krankes Spiel spielt ihr hier?" Seine Stimme triefte nur so vor Abneigung. Und etwas Angst schwang auch darin mit.
Doch auf die Fragen konnte Xigbar keine Antwort geben. Denn von blutenden Menschen hatte er keine Ahnung. Er hatte nie einen gesehen, abgesehen von Demyx, der sich selbst verletzte. Der sich Fleisch aus dem Körper riss.
„Wir spielen hier keine Spiele, Zexion. Ich weiß nicht worauf du anspielst, oder was du damit meinst, aber du kannst dir sicher sein, dass die Sache mit Xaldin die einzige ist, die hier nicht richtig läuft", versuchte Xigbar die Missverständnisse zu klären. Seine Stimme war ehrlich, denn wenn er etwas definitiv nicht wollte, dann lügen. Nicht in Gegenwart von Zexion. Doch dieser glaubte ihm kein Wort.
Der Patient ging nur noch einen Schritt zurück und schüttelte erneut den Kopf. Das durfte doch alles nicht wahr sein. Es konnte ihm zwar eigentlich egal sein, was mit den anderen Patienten passierte, aber er wollte selbst nicht so enden. Er wollte nicht so stark bluten, dass er tropfte, und er wollte auch nicht in einem Kochtopf landen. Er wollte lebend wieder aus dieser Klinik herauskommen.
„Egal was es auch ist, ich werde auf dich aufpassen", holte ihn die Stimme des Älteren wieder in die Realität zurück. Doch das Vertrauen in den Älteren war durch diesen Vorfall zu stark erschüttert.
Wenn man einen Menschen dazu brachte, einem zu vertrauen, sollte einem auch bewusst sein, dass dieses Vertrauen viel zu leicht wieder erschüttert werden konnte. Dass man jemanden dadurch viel mehr verletzen konnte, als wenn man ihm niemals näher gekommen wäre. Dass man damit alles nur noch schlimmer, vielleicht für immer kaputt machen konnte. Das wurde auch Xigbar bewusst, als Zexion nicht mehr als einen enttäuschten Blick für ihn übrig hatte, bevor er das Zimmer verließ. Er wollte allein sein, und sonst nichts.
