Blank polierter Parkettboden, Kerzenleuchter statt Fackeln und frische, angenehm warme Luft, das war das Erste, das ihm in dieser Etage auffiel. Mit gemischten Gefühlen schritt Pyrites zwischen den Aufsehern den Korridor entlang, den Blick auf die Tür aus hellem Lerchenholz am Ende des Ganges gerichtet. Als die Wachleute die Tür aufstiessen und ihn eintreten liessen, war Mister Pyrites sicher, dass er träumte oder an ganz schweren Halluzinationen litt. Erschlagen von dem Anblick des grossen geschmückten Weichnachtsbaumes inmitten des Saales und den köstlichen Düften, die in der Luft hingen, geriet der Mann etwas ins Taumeln. „Hoppla, vorwärts, nicht rückwärts", meinte der Begleiter, welcher ihn stützte. Zu zweit schoben sie den Mann weiter zur nächsten freien Zelle. Der Arrestraum war an drei Seiten vergittert, so dass man freie Sicht durch den runden Saal und auch zu den anderen Insassen dieser Abteilung hatte. Nur die Rückwand der Zellen war aus Stein, da es sich um die Wände des runden Saales handelte. Etwa zwei Dutzend der Arresträume waren so im Kreis um den leuchtenden Tannenbaum angeordnet. Im Vergleich zu den Strohpolstern der Pritsche im Verlies befand Alec Pyrites sein neues Bett als weich und bequem. Hinter einem Vorhang bei der Rückwand entdeckte der Häftling eine eigene Toilette, was ihm geradezu luxuriös vorkam.
„Ich träume", murmelte der Mann, welcher fast zehn Schritte benötigte, um die Zelle zu durchschreiten und sich vorne auf den Stuhl beim Tisch zu setzen. „Ganz gewiss träume ich und wache gleich auf", tat er laut seine Verblüffung kund.
Die Zellennachbarn und das Wachpersonal in der Nähe lachten zurückhaltend.
"Na dann, willkommen in dem Traum aller Häftlinge mit guter Führung. Die Gefängnisleitung und die ganze Belegschaft wünschen euch schöne Weihnachten. Geniesst die zwei Tage hier als Geschenk."
Ein Tablett mit Tee und zwei Schnitten Christusstollen wurde in die Zelle getragen und vor seiner Nase auf den Tisch gestellt. Im Hintergrund begann jetzt ein besinnliches Weihnachtslied zu spielen.
Wie alle Häftlinge in dem Saal staunte Pyrites den Weihnachtsbaum an. Irgendetwas war bei dieser ganzen Aktion falsch. Das Drahtseil, mit dem er an das Frontgitter gefesselt war, konnte man auf dem grauen Boden kaum sehen. Aber nicht nur das die Fesseln geschickt getarnt waren. Es wirkte alles wie ein Zirkus, doch sie waren hier gewiss nicht die Zuschauer. Wenn er genauer hinsah, wirkten die Wachen gar nicht fröhlich und locker, sonder eher gezwungen höflich. Kaum ging Alec Pyrites nahe zum Gitter, um sich mit seinem Zellennachbarn zu unterhalten, stand sofort ein Aufseher bei seiner Tür und funkelte beide Häftlinge drohend an. Eigentlich hatte Pyrites nur fragen wollen, ob sein Nachbar mehr über das Gefängnis wusste als er. Doch die Hand des Wächters auf seinem Schlagstock und der unheilvolle Blick war Warnung genug. Die Gefangenen wagten ausser ein paar höflichen Floskeln keinen Kontakt zueinander und zogen sich von dem Trenngitter wieder zurück.
Ähnliches passierte auch bei den anderen Gefangenen, welche ihre Zellentüren zu genau untersuchten oder eben mit ihren neuen Nachbarn zu viel redeten. Die Stimmung kippte rasch in eine angespannte Ruhe, die gar nichts mehr mit weihnachtlicher Erwartung zu tun hatte.
Beim nächsten Mal, als die hölzerne Tür des Saales aufging, betrat der Zaubereiminister höchstpersönlich die Arena. Im Schlepptau hatte er nicht nur den erwürdigen Premierminister der Muggelwelt, sondern gleich auch noch etliche Vertreter von internationalen Menschenrechtsorganisationen. Ob nun Amnestie International auch mit dabei war, konnte Pyrites nicht erkennen. Die Armbinden mit dem jeweiligen Signet und auch die anderen Abzeichen der Besucher sahen auf jeden Fall beeindruckend aus.
„Hier meine Herrschaften, findet die Weihnachtsfeier unserer Haftanstalt statt", erklärte Fudge der Delegation. „Sie sehen, den Bedürfnissen der Insassen wird ausreichend Rechnung getragen."
Die Insassen, von denen hier die Rede war, sahen sich perplex an. Mit so etwas hatten sie nun gar nicht gerechnet, doch es passte alles zusammen. Die nette Umgebung, die ungewöhnliche Betreuung, auch die zurückhaltenden disziplinierenden Wachleute und der Hinweis, dass nur Häftlinge mit guter Führung dieses Privileg geniessen durften.
Minister Fudge brauchte ein paar fügsame Gefangene, die bei der Besichtigung seiner Haftanstalt einen guten Eindruck bei den politisch wichtigen Leuten hinterliessen.
Egal was für Verbrechen sie auch begangen hatten. Es war nur wichtig, dass die ausgewählten Gefangenen kooperierten und den Wachen auch ohne offene Drohungen gehorchten. Es waren alle, die Wachen wie auch die Insassen, sichtlich erleichtert, als die Delegation mit den beiden Ministern den Saal wieder verliess. Pyrites, den nach monatelangem Aufenthalt im Dämmerlicht die hellen Lichter blendeten, war froh, als diese endlich gelöscht wurden und er ins Bett gehen durfte.
