Sein
Körper lag ausgestreckt auf dem Boden – die Arme weit von
sich, als wären sie auf einer unsichtbaren Folterbank fixiert.
Erst langsam spürte er seinen Körper wieder und bewegte
sich vorsichtig.
Der
irre Schmerz war vergangen, doch noch immer stieß in kurzen
Intervallen ein kleines Zucken durch seine Muskeln – wie ein heißes
nicht enden wollendes Nachbeben. Ihm wurde gewahr, dass seine Lungen
brannten. Der blonde Mann realisierte, dass er im Schmerzeswahn
vergessen hatte zu atmen. Vorsichtig zog Lucius die Luft ein, in der
noch immer das Echo des Wortes „Crucio" zu schweben schien.
„Öffne
die Augen…" Eine sanfte Stimme drang in sein Ohr, so lieblich und
zärtlich, als spräche ihr Besitzer mit einem Kind. Lucius
hob die Lider. Voldemort stand über ihm. Seine von schwarzer
Erde verschmutzten Füße wie eine Zange rechts und links
von Lucius' Beinen sah er auf ihn herab, mit einem Lächeln, dass
dunkler und kälter nicht hätte sein können. Lucius
durchfuhr ein Zittern. Voldemort beobachtete schweigend, wie sein
Todesser schon wieder den Atem angehalten hatte.
„Lucius…"
Die Stimme des Dunklen Lords klang säuselnd. Lucius unterdrückte
den Drang seine Finger vor Angst in die nasse Erde zu graben.
„Lucius…",
hauchte es erneut und Voldemort kniete sich nieder. Der Angesprochene
verkrampfte sich sichtlich und spürbar unter ihm.
„Oh,
oh, oh, mein kleiner Todesser", sprach er wie zu einem weinenden
3Jährigen und streckte seine Hand aus.
Unfähig
die Angst noch länger aus seiner Mimik zu verbannen, kniff
Lucius die Augen zu und sein Mund bebte.
Er
erwartete einen Schlag, einen Fluch …sein Todesurteil…. aber
alles was er spürte war, wie Voldemort ihm eine schweißnasse
Strähne seines Haars aus dem Gesicht strich.
„Die
Augen, Lucius…die Augen…". Der 26Jährige öffnete
unter starker Körperbeherrschung seine Augen.
Voldemort
verlagerte sein Gewicht von den Knien weg, verharrte einen Moment und
setzte sich dann nach hinten. Lucius zog bei dem plötzlichen
Druck auf seinen Unterleib die Luft scharf ein. Voldemort lachte kurz
auf.
„Ich
will, dass du mir jetzt antwortest: wirst du wieder vernünftig
sein?"
Lucius
schluckte und bemerkte zum ersten Mal, dass er Blut schmeckte. Sein
Mund war trocken, seine Zunge fühlte sich an, als sei sie ein
Fremdkörper, als er antwortete:
„Ja, mein Lord."
Der
dessen Name nicht genannt werden durfte lächelte sanft und
strich ihm mit einem langen Finger spielerisch von der Wange zum Kinn
hinab.
„Gut",
hauchte er.
Ein
Moment des Schweigens trat ein. Lucius wagte es nicht, seine Augen
wieder zu schließen, obwohl er seltsame dunkelgraue Schlieren
in seinem Gesichtsfeld wahrnahm. Sein Körper war völlig
dumpf, nur sein Magen wagte es noch, seinem Hirn das unbestimmte
Gefühl zu signalisieren, er müsse sich übergeben.
Er
war offensichtlich kurz davor ohnmächtig zu werden, doch die
kalten Augen seines Herrn brannten sich in seine und schienen ihn
gewaltsam bei Bewusstsein zu halten.
„Narcissa
hat um Gnade für Dich gebeten."
Lucius
brauchte einige Sekunden das Gesagte zu realisieren.
„…Mein
Lord…ich…."
„SCHWEIG!",
zischte Voldemort plötzlich schlangengleich und seine Finger
hatten sich keine Sekunde später um Lucius' Kehle gelegt.
Reflexartig hatte dessen vegetatives Nervensystem veranlasst, dass er
seinen Mund aufriss, um den schlagartigen Sauerstoffmangel zu
entgehen – nutzlos natürlich. Des Lords Griff war eisern und
gnadenlos.
Seine
Fingernägel hatten sich tief in die von schwarzem Samt bedeckte
Haut gegraben und Lucius konnte nicht verhindern, dass sein Körper
unter Voldemort begann zu zucken, wie ein gefangenes Tier.
„Ich
glaube, Du bist nicht in der Position unaufgefordert zu reden!
Verstanden?!"
Unfähig
seine Stimmbänder zu benutzen, versuchte der zu Bodengedrückte
den Kopf soweit zu bewegen, dass er ein Nicken zustande brachte. Die
Bewegung bewirkte, dass die harten Fingernägel sich nur noch
tiefer in seine aufgerissene Haut gruben.
Voldemort
war schlagartig wieder beherrscht, löste den Griff um seinen
Hals, jedoch nahm er die Hand nicht endgültig weg. Wie eine
unausgesprochene Warnung lag sie nun auf Lucius' hochgeschlossenem
Revers.
An
5 kleinen Stellen wurde der Stoff von etwas Warmen durchnässt.
Lucius'
Sinne schärften sich nach einigen Atemzügen wieder und er
spürte noch leicht benommen, wie das heiße Blut in kleinen
Strömen seinen Hals hinab floss und sich unangenehm in den
kleinen Kuhlen zwischen Hals und Schlüsselbeinen sammelte.
Voldemort
legte den Kopf schief und sah unverwandt auf den unter ihm Liegenden.
„Sie
kniete nieder", setzte er fort als hätte es keinen
Zwischenfall gegeben, „und bettelte."
Schweigen.
„Verdienst
Du, wie sie sagt, das Leben…", eine elektrisierende, kurze Pause,
„…Lucius?"
Der
Blonde spürte, wie alle Todesser zu ihm herabsahen. Er hatte
ihre Anwesenheit vollkommen vergessen –
ausgeblendet.
Voldemort
hatte ihm eine direkte Frage gestellt. Endloch konnte er seinen
Standpunkt darlegen! Sein alter Stolz kehrte in seine Augen zurück.
Er spannte die Muskeln seines Brustkorbes an und zwang sich laut und
deutlich zu sprechen: „Nein, mein Lord. Ich verdiene den Tod durch
Eure Hand."
Er
war seinem Lord treu ergeben. Er würde es auch mit dem Tod
beweisen. Und er hätte sowieso nie, NIE gebettelt. Ein Lucius
Malfoy bettelte nicht.
Voldemort
musterte ihn und ein Funken von Beachtung glühte in seinen
Augen.
„Ja",
flötete er sinnlich-gefährlich, „ja, das verdienst Du."
Nachdenklich hob er die Hand von der von Samt umschmeichelten Kehle
seines Todessers und strich ihm durch das weißblonde Haar, das
selbst wüst ausgebreitet auf dem dreckigen Boden noch immer
anmutig wirkte.
„Und
doch… Du warst stets der Treuste unter den Treuen", sprach er,
wie zu sich selbst, den Blick noch immer in Lucius' Haar vergraben.
„Bis
in den Tod, mein Lord", antwortete der stolze Todesser, auch wenn
er erwartete, dass sein dunkler Herr ihn für das unaufgeforderte
Reden sofort bestrafen würde.
Doch
nichts dergleichen geschah – im Gegenteil. Voldemort sah ihn wieder
in die graublauen Augen und entgegnete flüsternd: „Und dennoch
hast Du mich verlassen wollen? Jetzt, kurz vor unserem großen
Tag? Du wolltest mich verraten?"
„Nein..!
…Nein, mein Lord. Ich wollte…", Lucius verstummte. Er sah zur
Seite auf die statuenartige Gruppe von Todessern, wohl wissend, dass seine
Frau in dieser Gruppe sein musste. Er überlegte krampfhaft, wer
von denen sie war.
„Du
wolltest?", trieb ihn die sanfte Stimme zur Antwort.
Lucius
blickte wieder zu ihm auf.
„Ich
wollte Draco beschützen."
Voldemorts
Blick durchdrang ihn wie ein kalter Feuerdolch.
„Deinen neugeborenen Sohn?"
„Ja",
antwortete Lucius mit beherrschter, starker Stimme. Nichts weiter.
Keine weiteren Rechtfertigungen, keine pathetischen Ausflüchte –
nur die Wahrheit.
„Beachtlich",
erwiderte der Dunkle Lord nach einem Moment und sah zu den Todessern,
die noch immer in einer geschlossenen Gruppe scheinbar völlig
regungslos auf das Szenario zu ihren Füßen starrten.
„Eine
Frau, die für ihren Mann niederkniet und ein Vater, der im
Beschützerinstinkt riskiert, durch meinen
Zorn zu sterben."
Er
schüttelte plötzlich den Kopf, als müsse er einen
wehmütigen Gedanken verscheuchen.
Zu
dem Blonden unter ihm gewand sprach er: „Du wirst gerecht bestraft
werden."
Die
Muskeln um Lucius' Kiefer spannten sich, als er die Zähne hart
zusammenbiss, aber ansonsten lag er unbewegt und schwieg. Der dessen
Name nicht genannt werden durfte beugte sich vor, stützte seine
Handflächen rechts und links von Lucius' Kopf auf den kargen
Erdboden. Er musterte den jungen Mann unter sich noch einen Moment,
doch der ließ sich keine weitere Gefühlsregung anmerken.
Mit einem dünnen Lächeln senkte Voldemort seinen Körper
auf Lucius', seine Brust strich über die seines Todessers und
er flüsterte ihm einen Fluch ins Ohr, den keiner der Umstehenden
verstand.
Lucius'
Augen weiteten sich, als im nächsten Moment eine unerträgliche
Hitze in seinen Rippen explodierte und gleichzeitig seine Eingeweide
an ihren Muskelsträngen rissen, als wollten sie ihm aus dem
Leibe springen.
Lucius
Malfoy stöhnte für alle deutlich hörbar auf. Auch
nicht der noch so größte Stolz, der dem aristokratischen,
reinblütigen Zauberer sonst beherrschte und ihm kalte Würde
verlieh, war jetzt groß genug, um dies zu unterdrücken.
Sein Körper bäumte sich auf, was seine Brust nur noch
stärker gegen die seines Lords presste und den Schmerz steigerte – die Grenze des Erträglichen war
überschritten. Vorbei. Aus. Er schrie – schrie losgelöst
von allen Hemmungen. Agonie wischte das letzte bisschen Beherrschung
hinweg.
In
der Masse der Todesser zuckte eine Gestalt deutlich zusammen,
ansonsten waren Lucius' Schreie das Einzige, was durch das tödlich
schweigende Szenario schnitt, was die Grausamkeit ihrer Wirkung nur
vervielfachte.
Eine
Minute – Ewigkeiten – dann war das Schauspiel vorbei. Lucius'
Kopf zuckte noch ein letztes Mal heftig nach oben, seine Stirn schlug
hart gegen Voldemorts linke Schulter, dann sackte sein Hinterkopf mit
einem hässlichdeutlichen Laut zurück zur Erde und lag
still, der Kopf rollte leicht zur Seite, die graublauen Augen
schlossen sich.
Stille.
