Wandel allzeit im Schatten (Breath again)
Mit einem Male war es Beleg, als sei ein Gebirge von seiner Brust genommen worden. Mit unendlicher Erleichterung füllten sich seine Lungen mit Luft, lebensspendend und ein Zeichen seines Neuanfangs. So einfach war es gewesen, nur eines Kusses hatte es bedurft. Und hier war er, wie neu geboren und erfüllt von ungeahnten Kräften. Denn dass er solche besaß, spürte er.
Macht strömte durch seine Adern, wie er sie nie zuvor gekannt hatte. Ungeahnte Möglichkeiten eröffneten sich ihm, neue Kräfte und Grenzen, die ihm mit einem Male zur Verfügung standen. Welch wundersame Farben die Nacht doch besaß, welch feine Geräusche er nun wahrnahm!
»Dein neues Leben sei dir geschenkt«, wisperte die Fremde ihm ins Ohr. »Nutze es gut und weise. Jage, lebe, sei dein eigener Herr.«
»Jage …« Das erste Wort seit langem, das er sprach. Seine Stimme klang rau, überanstrengt von dem, was er durchgemacht hatte. Noch immer schmeckte er sein eigenes Blut auf den Lippen und im Mund, doch nun schmeckte es süß und willkommen. Genüsslich leckte er es auf.
»Du bist nun anders, als die anderen«, sagte sie. »Meide sie, misstraue ihnen und sei der Wolf im Schafspelz auf der Weide. Habe keine Freunde, denn sie werden dich verachten für das, was du nun bist, wenn sie es erfahren. Und sie werden es erfahren. Wandel allzeit im Schatten, liebster Bruder. Denn wir sind nun vom selben Blut, du und ich. Befolge meinen Rat und du wirst ein Fürst der Nacht werden, der Schrecken dunkler Stunden, beseelt von berauschender Macht.«
»Wer bist du?«, fragte er leise. Ein kalter Schauer rann ihm den Rücken hinab. Jetzt, wo er sich sicher war, tatsächlich wieder zu leben, fragte er sich, ob es so klug gewesen war, sich mit dieser Frau einzulassen. Aber wer konnte es ihm verübeln? Er hatte im Sterben gelegen, jeder in seiner Situation hätte wohl ebenso gehandelt wie er. Wer würde nicht nach der Hand greifen, die einen unter dem Eis hervorziehen wollte?
»Wer ich bin?« Sie lachte leise. »Eine, die sehr an deinem Fortleben interessiert ist. Eine, die dein Ende für eine Verschwendung von Talenten hält.«
Allmählich wurde Beleg nun doch misstrauisch. Selten verteilte man solch große Geschenke ohne einen Gegenwert. Und der Gegenwert eines neuen Lebens, der Möglichkeit eines völligen Neuanfangs, war wahrlich gewaltig.
»Was verlangst du von mir?«, wollte er wissen, während er vorsichtig nach Belthronding, seinem großen und namhaften Bogen, tastete und sie dabei nicht aus den Augen ließ.
»Nicht viel«, eröffnete sie. »Nur dass du nutzt, was ich dir gaben, und du meinen Rat befolgst; er wird dir vieles erleichtern. Du bist nun anders, und sollte die Welt jemals erfahren, wer du bist, was du bist, wird man versuchen, dich zur Strecke zu bringen. Vergiss dein einstiges Leben, jenes ist wahrlich gestorben. Gib dir einen anderen Namen, ein anderes Leben, reise fort von hier, weit in den Osten, wo man dich noch nie zuvor sah. Und dort erprobe dich. Doch meide das Licht! Es wird zeigen, was du nun bist.«
Tiefe Furcht saß auf einmal in seinem Magen und er zweifelte nun wirklich daran, dass er gut daran getan hatte ihr Angebot anzunehmen. »Was bin ich?«, hauchte er atemlos.
»Ein Jäger der Nacht.« Sie lächelte und weiße Reißzähne blitzen in der Dunkelheit auf. Saft strich sie ihm über das Gesicht. »Du besitzt die Macht der Götter, die nun durch deine Adern rinnt. Die Kraft der Lebenden wird auch deine Kraft sein, du wirst sehen. Nähre dich und du wirst stärker. Und nun geh und nutzte mein Geschenk.«
Ein letzter Hauch, eine sanfte Berührung, ein leises Rascheln von feinen Kleidern und dann war sie verschwunden und Beleg war allein mit sich und seinen Gedanken.
Er wusste, dass sie Recht hatte, dass er befolgen sollte, was sie gesagt hatte. Und sollte er Fragen haben, so würde er sie finden, dessen war er sich sicher. Irgendwo und eines Tages würden sie sich wiedersehen. Sein Schicksal hatte eine unverhoffte und überraschende Wendung genommen.
Langsam erhob er sich. Beleg war hiermit wahrlich gestorben und Herdúath geboren.
