Carpe Noctem
by CarpeDiem
"Entflieh zu den Sternen
und jage deinen Traum,
denn alles was wir brauchen
ist Glaube."
# 1 #
Ginny saß auf dem breiten Fenstersims in ihrem Schlafsaal und blickte hinauf zu den Sternen. Ihre roten Haare schimmerten im fahlen Mondlicht, das durch das Fenster fiel, und die Wolkenfetzen, die immer wieder an der großen, leuchtenden Scheibe vorbei zogen, malten tanzende Schatten auf ihr Gesicht.
Es war bereits weit nach Mitternacht und im Schloss waren alle schon längst zur Ruhe gekommen. Auch im Schlafsaal war kein Geräusch zu hören, und Ginny genoss die Stille, die sie einhüllte wie ein schützender Mantel.
Diese kleinen, funkelnden Punkte am schwarzen Nachthimmel hatten sie schon immer fasziniert, aber in letzter Zeit wünschte sie sich manchmal dort oben sein zu können und alle Probleme hinter sich zu lassen. Ihre Großmutter hatte ihr, als sie noch klein gewesen war, einmal erzählt, dass die Verstorbenen von dort oben auf die Menschen herab sehen und sie beschützen würden. Ginny wusste, dass das nur eine Erfindung war, die man kleinen Kindern erzählte, aber immer wenn sie zu den Sternen hinauf sah, hatte sie das Gefühl nicht allein zu sein.
Seit Dumbledore gestorben war, war die Welt scheinbar eine andere geworden. Er war das Licht gewesen, das die Finsternis abgehalten und zurückgeschlagen hatte, und nun wo er nicht mehr da war, schien die Dunkelheit drohender und beängstigender zu sein, als je zuvor.
Diese Finsternis hatte sich noch weiter ausgebreitet und sämtliche Hoffnung zu Nichte gemacht, als Harry verschwunden war.
Ginny schloss für einen Moment die Augen, und versuchte sich dazu zu zwingen nicht an Harry zu denken, aber sie schaffte es nicht sein Gesicht aus ihren Gedanken auszuschließen.
Sie erinnerte sich noch daran, wie sie ihn auf dem Bahnhof Kings Cross zum ersten Mal gesehen hatte. Das war jetzt sieben Jahre her. Am Anfang war es nur eine naive Schwärmerei gewesen, aber mit der Zeit hatte sie erkennen müssen, dass die Gefühle, die sie für ihn hatte, tiefer gingen. Die wenigen Wochen in denen sie zusammen gewesen waren, waren wie ein Traum gewesen. Aber natürlich war dieser Traum zu schön gewesen, um tatsächlich wahr sein zu können, und Ginny hatte versucht es Harry nicht noch schwerer zu machen, als es ohnehin schon war. Sie hatte verstanden, dass sie nicht zusammen sein konnten, aber sie liebte ihn immer noch, und daran würde sich nie etwas ändern.
Harry war nach Dumbledores Beerdigung bis zu seinem 17. Geburtstag im Ligusterweg bei den Dursleys gewesen, so wie Dumbledore es gewollt hatte. Er hatte nicht mehr von der magischen Welt gesehen, als die Meldungen auf den Titelblättern des Tagespropheten, und diese berichteten nun beinahe täglich über verschwundene Hexen und Zauberer, über Morde der Todesser und über die Angriffe der Werwölfe immer wenn Vollmond war. Hochrangige Personen des Ministeriums verschwanden in letzter Zeit immer öfter, nur um kurz darauf wieder aufzutauchen, und ihre Meinung grundlegend geändert zu haben. Der Orden vermutete, dass Voldemort versuchte das Ministerium zu unterwandern, und der Imperius Fluch war wieder in die Mode gekommen.
Harry hatte es beinahe verrückt gemacht untätig herum zu sitzen, und als der Schutz, der ihm das Haus im Ligusterweg geboten hatten, erloschen war, und als Lupin schließlich von ihm verlang hatte sich am Grimmauldplatz 12 zu verstecken, war seine Geduld am Ende gewesen. Er hatte kein Verlangen danach gehabt wie Sirius damals in diesem schrecklichen Haus eingesperrt zu sein und langsam den Verstand zu verlieren.
Das alte Haus der Familie Black war immer noch das Hauptquartier des Ordens, obwohl es kurzfristig geräumt worden war. Mit Dumbledore war auch das Geheimnis des Fideliuszaubers gestorben, und damit praktisch eingefroren. Niemand, der das Hauptquartier nicht schon gekannt hatte, konnte es von nun an betreten, weil niemand in der Lage war, das Geheimnis zu verraten. Auch Snape nicht. Er konnte niemandem sagen wo sich das Haus befand, und er konnte auch niemanden dorthin führen, aber er konnte das Haus nach wie vor betreten. Kingsley und Tonks hatten daraufhin eine Barriere um das Haus gelegt, die man nur durchschreiten konnte, wenn man seinen Namen sagte, dabei die Wahrheit sprach, und nicht Severus Snape hieß. Eine einfache, aber sehr effektive Lösung.
Harry war schließlich im Fuchsbau, der vom Ministerium wieder einmal mit einer der höchsten Sicherheitsstufen in England belegt worden war, untergekommen. Von da an hatte Ginny Harry jeden Tag um sich gehabt, aber er hatte versucht es ihr leicht zu machen und kaum ein Wort mit ihr geredet. Das hatte alles aber nur noch schlimmer gemacht.
Vor drei Wochen war Harry dann eines nachts spurlos verschwunden. Er hatte geplant sich zusammen mit Ron und Hermine der Aufgabe zu stellen, die Dumbledore ihm hinterlassen hatte, doch schließlich war er allein gegangen. Ron und Hermine hatten sich jedoch nach wie vor geweigert zu verraten, worum es sich bei dieser Aufgabe handelte, und Ginny erinnerte sich daran, dass ihre Mutter unglaublich wütend auf die beiden gewesen war. Der Orden und das Ministerium stellten seitdem unter dem Deckmantel der Verschwiegenheit ganz England auf den Kopf, aber bis jetzt hatten sie noch keine Spur von Harry gefunden.
Ginny konnte in gewisser Weise sogar verstehen, warum Harry allein gegangen war. Nachdem er nun scheinbar endlich wusste, was er tun musste, um Voldemort zu vernichten, war er auf sich allein gestellt. Es war für ihn bereits unglaublich schwer gewesen Sirius zu verlieren, aber jetzt hatte auch Dumbledore ihn verlassen. Alle, die versucht hatten ihm zu helfen, hatten dafür mit ihrem Leben bezahlt, und damit so etwas nicht noch einmal passieren würde, hatte er beschlossen alle von sich zu stoßen, und den Rest seines Weges allein zu gehen.
Ron und Hermine waren zusammen mit ihr selbst und einigen anderen Schülern vor einer Woche nach Hogwarts zurückgekehrt. Es hatte sich bereits während der Ferien herausgestellt, dass die Schule trotz aller Vermutungen wieder geöffnet werden würde. McGonagall hatte Dumbledore versprochen, dass Hogwarts immer ein Ort der Zuflucht sein würde, und sie war bereit gewesen für dieses Versprechen zu kämpfen. Das war jedoch gar nicht nötig gewesen, denn Scrimgeour hatte niemals die Absicht gehabt Hogwarts zu schließen. Das Schloss war schon immer ein Zeichen der Hoffnung in dunklen Zeiten gewesen, und solange die Tore von Hogwarts geöffnet waren, würden die Hexen und Zauberer in diesem Land die Hoffnung nicht verlieren. Scrimgeour bemühte sich sehr darum den Anschein zu erwecken, dass es nicht so schlimm um England stand, wie es tatsächlich der Fall war. Hogwarts hatte dabei eine zentrale Rolle gespielt, denn es wahrte diesen Schein.
Trotzdem hatten viele Eltern ihre Kinder nicht wieder in die Schule geschickt, und so befanden sich in Hogwarts zurzeit nicht mehr als etwa 50 Schüler. Die erste Klasse hatte gerade einmal sieben Schüler. Der Unterricht war weitgehend der Selbe geblieben, aber das wichtigste war, dass sie lernten sich zu verteidigen, und so waren die Stunden für Verteidigung gegen die Dunklen Künste verdoppelt worden.
Auch das vollzählige Lehrerkollegium - Scrimgeour hatte einen Auroren als Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste abgestellt, und Slughorn setzte aus Angst vor den Todessern keinen Fuß mehr vor die Tore des Schlosses - erweckte den Anschein, dass alles in Ordnung sei. Natürlich war es das nicht. Wie sollte es auch.
Es waren Vorsichtsmaßnahmen getroffen worden um zu verhindern, dass ein erneuter Angriff der Todesser Erfolg haben würde. Man hatte weitere Banne über dem Schloss ausgesprochen, alle Eingänge verschloss und den Raum der Wünsche blockiert, nachdem die Todesser ihn benutzt hatten, um ins Schloss zu gelangen. Außerdem wurde das große Westtor Tag und Nacht von zwei zusätzlichen Auroren bewacht.
Alle hatten gehofft, dass Harry zu Beginn des Schuljahres zurück nach Hogwarts kommen würde, nachdem alle Zeitungen verkündet hatten, dass die Schule wieder geöffnet wurde, aber er war nicht gekommen. Es galt jedoch als so gut wie sicher, dass er noch lebte, denn sonst hätte Voldemort zweifellos bereits seinen Triumpf gefeiert. Wo auch immer er war, er hatte ein Versteck gefunden, an dem ihn die Auroren und der Orden nicht fanden.
Die nächste Hoffnung, die nun alle hegten war, dass Harry zur Hochzeit von Bill und Fleur nächste Woche im Fuchsbau erscheinen würde. Vor allem Scrimgeour hoffte das, denn er kam langsam in Erklärungsnot, weil seine Gallionsfigur Harry Potter nicht in Hogwarts war.
Bill war wieder vollkommen gesund geworden, und er hatte sich nicht annähernd so viel wölfische Verhaltensmuster behalten wie alle erwartet hatten. Fleur war während der ganzen Zeit nicht von seinem Krankenbett gewichen, und sie liebte Bill immer noch genauso sehr wie vor dem Angriff.
Ginny hatte bis jetzt nur hinauf in den Sternenhimmel gesehen, während sie die Geschehnisse der vergangenen Wochen noch einmal Revue passieren ließ, aber nun erregte eine Bewegung auf der Kiesstraße, die von Hogsmeade hinauf zum Schloss führte, ihre Aufmerksamkeit. Eine der Kutschen von Hogwarts ratterte über die geschwungene Straße, und Ginny hatte sie erst bemerkt, als die Fackeln neben dem Kutschbock in Sichtweite gekommen waren. Schließlich stoppte die Kutsche vor den Schlosstoren.
Für die meisten Schüler hatte es den Anschein, als würden sich die Kutschen von selbst bewegen, da sie die drachenartigen Pferde nicht sehen konnten. Ginny hatte lediglich Bilder von den Thestralen gesehen, und obwohl sie bereits auf einem von ihnen geritten war, war auch sie nicht in der Lage diese Geschöpfe zu sehen. Das einzige, das sie glaubte von ihrem Fenster aus erahnen zu können, waren die kleinen Nebelwölkchen, die der Atem, der beiden Wesen in die kalte Nacht stob.
Es war ungewöhnlich kalt für Anfang September und daran waren die Dementoren schuld. Seit sie frei herum streiften, versank das ganze Land jede Nacht in einer Art kaltem, undurchdringlichem Nebel, der sich meist bis Mittag auf den Schlossgründen hielt.
Die Tür der Kutsche öffnete sich, und Ginnys Herz setzte für einen Schlag aus. Sie hoffte, dass es Harry sein könnte, der aus der Kutsche steigen würde, und ihr Blick blieb wie gebannt auf die Straße gerichtet.
Einen Moment darauf stieg eine Person in einem langen, schwarzen Umhang die kleine Treppe an der Seite der Kutsche hinunter. Die Person bewegte sich mit unglaublich geschmeidigen Bewegungen, und sie stieg mit einer Leichtigkeit die Stufen hinunter, als würde die Schwerkraft für sie eine Ausnahme machen. Ginny wusste nicht, wer so spät noch nach Hogwarts kam, doch es war nicht Harry, denn die Statur und der Gang der Person ließen auf einen Frau schließen.
Ginny beobachtete gespannt ob die Auroren, die vor den Toren standen, wohl den Befehl erhalten hatten diesen späten Besucher passieren zu lassen. Es war bis jetzt noch nie vorgekommen, dass zu so später Stunde noch Besucher ins Schloss gekommen waren, das wusste Ginny, denn sie schlief in letzter Zeit nur sehr selten.
Die Frau ging um die Kutsche herum, und blieb dann noch einmal stehen, um anscheinend einen der Thestrale zu streicheln, bevor sie aus Ginnys Blickfeld verschwand.
In dem Moment hörte Ginny ein Geräusch hinter sich, und drehte sich um. Hermine hatte sich in ihrem Bett aufgesetzt und sah sie schlaftrunken an. Sie rieb sich die Augen und Ginny erkannte bereits den besorgten Ausdruck in ihnen.
„Ginny? Wie lange sitzt du denn da schon? Du solltest wirklich versuchen mehr zu schlafen. Ich weiß, es ist schwer, wir alle schlafen nicht besonders gut, aber bitte versuch es."
Ginny nickte beschwichtigend. Es war nicht das erste Mal, dass Hermine sie mitten in der Nacht sah, wie sie aus dem Fenster blickte, und es war auch nicht das erst Mal, dass sie ihr sagte, sie solle versuchen mehr zu schlafen. Ginny wusste, dass Hermine Recht hatte, aber das war nicht so einfach. Seit Harry verschwunden war, plagten sie immer häufiger Albträume, denen sie nur entrinnen konnte, wenn sie sich zwang nicht einzuschlafen. Da nur noch wenige Schüler in Hogwarts waren, hatte man kurzerhand einige Schlafsäle zusammengelegt, um zu verhindern, dass einzelne Schüler alleine waren, und obwohl Ginny dankbar dafür war, wäre sie manchmal doch gerne allein gewesen.
„Ich weiß. Ich komm gleich wieder ins Bett", versprach Ginny artig, und drehte sich dann wieder zum Fenster, um noch einen Blick hinaus zu werfen, aber draußen auf der Kiesstraße war alles so ruhig wie immer, bis auf die Kutschr, die immer noch bewegungslos vor den Toren stand.
„Mhh", murmelte Hermine einsilbig, und als Ginny sich kurze Zeit später wieder umdrehte, war Hermine schon wieder eingeschlafen.
tbc.
