„Wie ist dein Name, Junge?", wurde Salazar nun schon zum dritten Mal von dem Mann mit der sanften Stimme gefragt.
Salazar sah mit rotgeweinten Augen zu ihm auf und schwieg trotz seiner Angst beharrlich.

Sein Blick huschte durch den getäfelten Raum.
Er wurde von zwei jungen Burschen, die penetrant nach Mist und Schweiß stanken, flankiert und festgehalten.
An einem opulenten Tisch, direkt vor ihm, saßen drei Männer.
Die Beiden an der linken und rechten Seite des Tisches trugen beige, geflickte Mäntel und starrten ihn feindselig an. Nur der junge Mann in robenähnlicher, brauner Tracht in der Mitte der Drei, musterte ihn neugierig und versuchte ihn zum Sprechen zu ermuntern.
Salazar warf einen Blick auf das große, silberne Kreuz an einer Kette, welche der Mann trug. Das Kreuz lag fast schützend auf seiner Brust und war so blank poliert, dass es im spärlichen Sonnenlicht zu leuchten schien.

Hinter sich hörte er wie die Dorfbewohner miteinander tuschelten, immer wieder fielen die Worte „Hexe", „verbrennen" und „Teufel!".
Salazar wusste nichts mit diesen Worten anzufangen. Bisher hatte sich sein Kontakt zu Muggeln auf die monatlichen Einkäufe im Dorf, zusammen mit seinen Eltern, beschränkt.
Eigentlich hatten immer die Hauselfen und angestellte Squibs Nahrung und andere Dinge im Dorf beschafft. Doch Salazars Eltern bestanden darauf, einmal im Monat mit ihm den Dorfmarkt zu besuchen.
Tränen traten ihm in die Augen, als er daran dachte, dass seine Mutter und sein Vater noch am Leben wären, hätten sie auf diese dummen Spaziergänge einfach verzichtet.

Der junge Mann seufzte und sah zu der Alten, die Salazar am vergangenen Tag von den Leichen seiner Eltern weg geführt hatte: „Hat er mit dir gesprochen, Gladys?"
Gladys schüttelte traurig den Kopf. „Kein Wort, Pater Timothy."
Schweigend betrachtete der Pastor den zitternden Jungen vor sich. „Er ist etwa sechs Jahre alt", murmelte er mehr zu sich selbst. „Ich werde ihn mit mir nehmen. Er soll in der Abtei aufwachsen."

Empörtes Raunen ging durch die Reihen der Muggel.
„Pater Timothy", eine alte Frau erhob sich, reckte warnend den Finger und sah den Pastor eindringlich an, „der Junge ist Hexenbrut! Sie holen sich das Böse ins Haus!"
„Jeder ist im Hause Gottes willkommen, Elane.", antwortete Timothy ruhig und erhob sich.

Timothy umrundete den Tisch und sah zu Salazar hinunter, dessen Tränen nicht versiegen wollten und immer noch über die bleichen Wangen rannen. Er ging vor Salazar auf die Knie, nahm sein Kinn und zwang ihn zu ihm auf zusehen.
Der Junge hatte hellblaue, von Tränen verschleierte Augen und Timothy brach die tiefe Trauer, die er in diesen Augen sah, das Herz.

Er hatte den Dorfbewohnern immer wieder gesagt, dass sie die Familie Slytherin in Ruhe lassen sollten, dass keine Gefahr von ihnen ausging. Doch die entsetzliche Dürre, eine knappe Ernte und ein plötzliches Viehsterben hatten die Dörfler in schiere Raserei auf der Suche nach dem Schuldigen versetzt.
Nach irgendwelchen Schuldigen, seien es auch die Falschen.

Alle im Dorf wussten, dass die Familie Slytherin ´anders´ war. Doch sie hatten keinem Menschen je geschadet, im Gegenteil: Vivien hatte als Kräuterfrau vielen Dorfbewohner, allen voran Kinder, oft geholfen und so manche Wunde geheilt. Ophiuchus hatte sich im Hintergrund gehalten, doch niemals war Timothy zu Ohren gekommen, dass er je einen Fluch gegen einen Dorfbewohner ausgesprochen hätte.
Timothy wusste, dass Vivien und Ophiuchus Zauberer waren. Er hatte Seinesgleichen auf Anhieb erkannt.

In seiner Jugend musste auch Timothy erkennen, dass er Kräfte hatte, die nur wenigen Menschen gegeben waren.
Seine Eltern hatten ihm erklärt, dass er nicht der Einzige mit diesen Kräften war. Auch sie und seine Schwester hatten diese besondere Gabe.
Doch Timothy hatte Angst vor den aussergewöhnlichen Kräften, vor den – wie er glaubte – Kräften des Teufels.
Der Herr über die Ländereien war es, der Timothy klar machen konnte, dass er diese Gabe einen bestimmten Zweck erhalten hatte. Dass sie sein Schicksal wäre und ihn zu seinem Ziel leiten würde.

´Timothy, du bist deshalb nicht schlechter als die Menschen ohne diese Gabe. Die Magie wird ihren Weg finden und dich zu deinem Weg führen´, hatte er zu ihm gesagt.

Timothy glaubte ihm. Seine Worte hatten eindringlich und wahr geklungen.

Die Angst verschwand und dort, wo die Furcht einst tief in seinem Herzen verankert war, saß nun der Glaube, dass Gott ihm diese Gabe geschenkt hatte.
Deshalb hatte er sich in schon in jungen Jahren, entgegen dem Willen seiner Eltern, entschlossen Gottes ergebenster Diener zu werden.
Nicht einmal sein Mentor, 'der goldene Greif', wie er ehrfürchtig von den Menschen genannt wurde, konnte etwas an seiner Entscheidung ändern.
Timothy war überzeugt, dass sein Schicksal in Gottes Händen lag.

Nie hatte Timothy seine Kräfte seinen Kollegen oder den Dorfbewohnern vorgeführt.
Die Angst entdeckt zu werden, war allgegenwärtig. Und das Schicksal der Familie Slytherin war das beste Beispiel, dass diese Angst gut begründet war.
Er verließ sich drauf, dass Gott die Magie handeln lassen würde, wenn es an der Zeit wäre.

Timothy hatte gehofft, dass die Magie Vivien und Ophiuchus beschützen würde.

Wie Blei drückte die bittere Enttäuschung auf Timothys Herz.

Als Alana, die jüngste Tochter der alten Gladys, die Abtei erreicht hatte, war es bereits zu spät für Vivien und Ophiuchus. Doch Salazar konnte er noch retten.
Natürlich kannte Timothy seinen Namen. Er wusste ebenso, dass er vor zwei Wochen sieben Jahre alt geworden war, doch den Dorfbewohnern wollte er nicht mehr verraten, als unbedingt nötig. Vor allem nichts über seine Verbindung zu den Slytherins.
Salazar schien ihn nicht erkannt zu haben. Kein Wunder, der Junge stand unter Schock. Ausserdem hatte sich Timothy stets nur nach Anbruch der Dunkelheit in die Nähe des slytherin'schen Familiensitzes gewagt.

Oft hatten er und Ophiuchus sich bis ins Morgengrauen unterhalten. Sie hatten miteinander gelacht, hitzig diskutiert und immer wieder betonte Timothy, dass die Magie ihnen direkt von Gott gegeben wurde.
Ophiuchus hatte jedes Mal gelacht, den Kopf geschüttelt und ihm verschwörerisch zugemurmelt: „Die Magie ist etwas, wie du sagst, göttliches! Doch die Magie ist auch etwas völlig Eigenes. Etwas lebendiges. Aber du, Timothy, lässt deine Gabe ungenutzt!" Darauf hin errötete Pater Timothy jedes Mal und nuschelte, dass er, der geringste Diener Gottes, auf ein Zeichen wartete um seine Gabe zu nutzen.

Dieses Zeichen saß nun vor ihm, in Gestalt eines verängstigten, einsamen Waisen.

Timothy strich Salazar durch die rabenschwarzen Haare und redete beruhigend auf den Jungen ein, als dieser zitternd vor ihm zurück wich.

Pater Timothy hatte beschlossen Salazar mit sich zu nehmen und sich erst auf dem Weg zum Kloster darüber Gedanken zu machen, wie er Abt Wilcox seine Entscheidung mitteilen sollte.

Anm.. d. Autors
Ophiuchus
lat. "Schlangenträger". Der Schlangenträger ist ein Sternbild auf dem Himmelsäquator.
Vivien: Vivien ist ein anderer Name bzw. Pseudonym für/von Nimue bzw. "die Herrin vom See" aus der Artussage. Nimue oder Viviane gilt als Mutter von Lancelot.