Kapitel 2: Darf ich mich jetzt zeigen?
Am nächsten Morgen hatte ich mich wieder beruhigt und freute mich schon auf den Tag. Gestern Abend hatte Mike noch angerufen. Wir sprachen etwas miteinander, wobei sich manchmal die Hitze in meinen Wangen sammelte. Ich schwieg dann meistens oder stotterte rum. Ihm hingegen machte es sichtlich Spaß mich so in Verlegenheit zu bringen. Das merkte ich daran, weil er immer lachte, wann immer er merkte, dass ich rot wurde. Am Nachmittag musste er wieder in dem Laden seiner Eltern aushelfen, doch abends hatte er Zeit und wir würden zusammen essen gehen.
Wie gewohnt fuhr mich Mike zur Schule und dieses Mal hatte ich einen ruhigeren Schultag. Die Lehrer ignorierten mich heute größtenteils und mir war das nur mehr als recht. Ich mochte es nicht im Mittelpunkt zu stehen, und schon gar nicht in der Klasse und das auch noch, weil ich falsch auf eine Frage geantwortet hatte.
Die ersten Stunden hatte ich leider getrennt von Jessica und Mike, so sah ich die zwei erst in der Pause. Jessica saß schon wie gewohnt an unserem Tisch und aß gelangweilt ein Pizzastück.
„Hey Jess, du hast ja überlebt", sagte ich grinsend und setzte mich zu ihr.
Ihre Wangen wurden leicht rosa, was nicht verwunderlich war. Jessica schämte sich oft für ihre Eltern, weil sie viel zu konservativ und streng waren.
„Hmm", nickte sie. Ich ging nicht weiter drauf ein und schnappte mir den Apfel von ihrem Tablett.
„Darf ich? Ich hab nicht so großen Hunger", fragte ich und biss schon ein Stück ab, bevor sie geantwortet hatte.
„Klar, bedien dich ruhig, Bella", sagte sie gleichgültig, da sie mein Verhalten bereits gewohnt war.
„Du hast jetzt also auch noch PC Verbot", sagte ich, nachdem ich runtergeschluckt hatte.
„Wie? Was meinst du?", fragte sie verwirrt.
„Naja, du hattest Hausarrest und warst nicht online."
„Oh! Ahso, ja! Du kennst doch meine Eltern."
Ich lachte, und wie ich ihre Eltern kannte. „Was hast du denn angestellt? Konntest bestimmt wieder nicht deinen Mund halten und hast wieder etwas total Unabgebrachtes gesagt."
In dem Moment tauchte Mike in der Cafeteria auf, gab mir einen Kuss auf die Wange und setzte sich dann zu uns an den Tisch. Jessica wurde rot, weil ich mit meiner Vermutung richtig lag.
„Wann lernst du endlich deine Klappe zu halten", fragte ich sie.
„Ich lasse mich nicht daran hindern, meine Meinung zu sagen." Entschlossen blickte sie mir in die Augen, worüber ich nur lachen konnte.
„Jess, es geht ja nicht darum, das nicht zu tun. Weißt du, wenn du nachdenken würdest, bevor du sprichst, könntest du deine Meinung sagen oder das bekommen was du willst, ohne gleich wieder bestraft zu werden. Du musst das nur geschickt angehen. Ging es bei dem Hausarrest um die Party in 2 Wochen?"
Mike unterbrach unser Gespräch nicht, er nahm bloß einen Biss von meinem Apfel und spielte dann gedankenverloren mit meinen Haaren.
Jessica nickte schnell und blickte dann mit zusammengezogen Augenbrauen weg. Verwundert über Jessicas Verhalten, betrachtete ich sie mir genauer. Hatte ich etwas Falsches gesagt? War ich zu weit gegangen? Doch dann verstand ich wieso Jessica so wütend drein blickte. Rosalie Hale lief in dem Moment an unserem Tisch vorbei und warf uns dreien ein überhebliches Grinsen zu. Jessica schnaubte verärgert auf.
„Gott, wie ich dieses Mädchen hasse", sagte ich, als Rosalie verschwunden war.
Jessica biss ein weiteres Stück von ihrer Pizza ab und nickte lediglich, mir zustimmend.
„Eigentlich ist Rose ziemlich heiß", sagte Mike lachend, worauf er von mir sofort einen Schlag in die Seite bekam.
„Mike", knurrte ich wütend auf.
„Ach, komm schon, Süße! Du weißt, dass das nur Spaß war".
„Das hoffe ich für dich", gab ich bissig zurück. Jessica schaute Mike ebenso wütend an, sie schien das auch nicht witzig zu finden. Immerhin war Rosalie uns schon immer ein Dorn im Auge gewesen. Wie sie uns immer ansah, als wäre sie etwas viel besseres. Nur weil sie reich war und einigermaßen gut aussah.
„Tut mir Leid, Bells", sagte er betreten und blickte mich mit seinem blödesten Dackelblick an.
„Ja, ja. Ist ok, dir sei verziehen." Ich gab ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen.
Dann klingelte es zum Ende der Pause und ich machte mich mit Mike auf den Weg in den Biologieraum. Auf dem Flur zog Mike mich unerwartet zur Seite und drückte mich an die Wand.
„Mehr", sagte er und blickte mir gierig in die Augen.
„Mehr was", fragte ich verständnislos.
Er drückte seinen Körper an meinen und flüsterte: „Ich will einen richtigen Kuss."
„Mike, was soll das? Wir sind in der Schule." Ich versuchte mich aus seinem Griff zu befreien, doch keine Chance. Mit weiterem Druck presste er mich an die Wand, seine Augen blitzen gefährlich auf.
„Komm schon, Bella! Nur ein Kuss." Genüsslich biss er sich auf die Unterlippe und verzog dann seine Lippen zu einem Grinsen.
„Du bist unmöglich", gab ich etwas atemlos von mir.
„Ich weiß", sagte er. „Und jetzt küss mich!"
Langsam näherte ich mich seinen Lippen, und schon trafen sie aufeinander. Leidenschaftlich küsste Mike mich, drückte sich an mich, bis ich wieder alles andere um mich vergaß.
Wir standen mitten im Flur und jeder konnte uns sehen. Egal.
Wir würden zu spät in Biologie erscheinen und Mr. Banner war sowieso schon schlecht auf mich zu sprechen. Egal.
Alles war mir egal. Alles, bis auf Mike.
Seine Hände strichen an meiner Seite entlang, als er mit seinen Lippen zu meinem Hals wanderte. Er biss leicht zu und stöhnte dann leise auf.
„Wann?", hörte ich ihn fragte, seine Stimme bebte vor Verlangen.
„Mike, du weiß –„ begann ich, wurde jedoch mit einem weiteren Kuss von ihm unterbrochen. Dann legte er seine Stirn an meine und schaute mir tief in die Augen.
„Wovor hast du Angst? Ich tu dir schon nichts", grinste er.
„Ich hab überhaupt keine Angst. Ich fühl mich nur noch –„ und schon wieder wurde ich von ihm unterbrochen.
„Ich weiß, du fühlst dich nicht bereit diesen Schritt zu wagen."
„Genau, wieso fragst du dann?", wollte ich von ihm wissen. Diese Art der Unterhaltung hatten wir in den 4 Monaten die wir schon zusammen waren öfters geführt.
„Ich dachte vielleicht hast du deine Meinung geändert?" Es klang wie eine Frage.
„Mike, wieso –„
„Ich respektiere das, Schatz. Es ist nur… So ein wunderschönes Mädchen als Freundin zu haben und dann diese Küsse wie eben." Er schloss seine Augen und atmete tief ein, während ich jedes einzelne Wort in mich aufsaugte. Dann öffnete er langsam seine Augen und in seinem Blick lag so viel Verlangen und Leidenschaft, dass sich gleich mein ganzes Blut in meinen Wangen sammelte.
„Bella, ich will dich. Ich will dir zeigen, wie sehr ich dich liebe, auf jede Art und Weise."
„Ich, ich", stotterte ich peinlich berührt. So hatte noch kein Junge mit mir gesprochen. Und er hatte die berühmten Worte gesagt. Er liebte mich.
„Schon gut, Schatz. Ich wollte nur, dass du weißt wie ich denke", sagte er und gab mir einen kurzen Kuss auf die Lippen. „Komme, wir gehen lieber, sonst rastet Banner komplett aus."
Der restliche Tag verging ereignislos, wenn man Mr. Banners kleinen Wutanfall nicht mitzählte. Er war so in Rage, dass er mit den Händen auf den Lehrerpult schlug und dann durch zusammengebissene Zähne meine Strafarbeit nannte. Ich sollte einen Vortrag über die Zellmembran halten. Er gab mir eine Gnadenfrist bis Freitag, blieben mir also nur noch zwei Tage. Doch selbst das konnte meine gute Laune nicht vertreiben. Mike hatte die drei wunderbaren Worte gesagt und ich schwebte auf Wolke sieben. Ich konnte es kaum abwarten bis heute Abend, so viele Stunden lagen noch zwischen uns.
Um wenigstens etwas Sinnvolles zu machen, setzte ich mich an meinen PC und wollte schon mit meiner Strafarbeit anfangen. Doch zuvor checkte ich noch meine Nachrichten auf Facebook. Als ich sah, dass ich eine weitere Nachricht von Anthony bekommen hatte, musste ich schmunzeln. Der arme Kerl hatte gestern meine ganze Wut abbekommen, obwohl er doch nichts dafür konnte. Ich erinnerte mich noch gut an meine Worte und machte mich schon auf eine fiese Antwort gefasst.
Anthony:
Sag mal, bist du immer so „temperamentvoll" oder habe ich dich auf den falschen Fuß erwischt?
Was deinen Vorschlag angeht… WoW ist nicht so mein Ding. Habe es mal ausprobiert, nach dem ganzen Hype um das Spiel, aber ich ziehe dem lieber das klassische Streetfighter vor. ^^
Dein Wunsch hat sich übrigens erfüllt. Ich hatte nach deiner schon sehr „unterhaltsamen" Nachricht noch einen lustigen Abend. Ich hoffe doch du auch.
LG, Anthony
Ich musste lachen als ich seine Antwort las, da ich mit einer komplett anderen gerechnet hatte. Doch statt bockig zu antworten, blieb er ganz gelassen und schrieb locker weiter. Was muss der Kerl für eine geduld haben. Wenn ich eine Nachricht wie meine bekommen hätte, wäre ich komplett ausgerastet und die Person direkt in meine Ignoreliste gepackt. Es wurde Zeit für eine Entschuldigung.
RingingBells:
Hey Anthony!
Ich komme bestimmt rüber wie ein ‚Freak'… Sorry, dass ich dich so genannt habe.
Du hast gestern bloß komplett den falschen Zeitpunkt gewählt um mich anzuschreiben.
Es war nicht richtig meine Wut an dir rauszulassen. Es tut mir sehr Leid.
Um etwas Positives zu sagen =) dein Spielgeschmack gefällt mir.
Streetfighter ist tausendmal besser, als das neue Zeugs. Ich kann mich damit stundenlang beschäftigen, obwohl ich das Spiel keine Ahnung wie oft Mal durchgespielt habe. xD
Was meinen Abend angeht… er war ‚interessant' (meine armen Kissen haben neben dir auch einiges von meiner Wut abbekommen *lol*)
Was ist denn gestern noch so lustiges passiert?
LG, RingingBells
Gerade als ich mich meinen Strafthema zuwenden wollte, bemerkte ich, dass ich eine weitere Nachricht erhalten hatte. War Anthony etwa auch gerade online und hatte mir schon geantwortet?
Gespannt darauf, was er geschrieben hatte, öffnete ich mein Postfach und blickte dann den Namen des Absenders erstaunt an. Mit dieser Person hätte ich nie im Leben gerechnet.
Rosalie Hale schrieb mir? Ich konnte es nicht fassen. Noch nie hatte ich mit ihr geredet, unser Kontakt bestand ausschließlich draus uns gegenseitig tödliche Blicke zuzuwerfen. Was will die denn von mir? Schnell klickte ich auf ‚Nachricht öffnen' und las und las wieder und wieder bis ich heftig auflachte.
Rosalie Hale:
Hey Bella!
Wir haben nicht wirklich viel miteinander zu tun, aber da ich dachte, dass du das bestimmt wissen möchtest, schreibe ich dir von meiner Entdeckung.
Ich hoffe du siehst nach dieser Mail ein, was deine zwei Freunde hinter deinem Rücken rumtreiben. Vermutlich weiß du nichts davon. Als ich gestern deine Nachricht gelesen habe, die du deiner Freundin Jessica geschrieben hast, juckte es mir schon in den Fingern dir bescheid zu sagen.
Um endlich auf den Punkt zu kommen. Jessica hatte gestern kein Hausarrest und die Ausrede von deinem Freund Mike war eine Lüge, egal was er gesagt hat.
Ich war gestern mit meinem Bruder im Kino, drüber in Port Angeles. Deine beste Freundin und dein Freund haben in der hintersten Ecke des Saals wild rumgeknutsch. So wie die zwei zusammen aussahen, war das wohl nicht das erste Treffen. Deine Freunde belügen dich, Bella.
Ich hoffe du nimmst diese Mail ernst.
Rosalie
Für wen hielt mich diese blöde Tussi? Das sah doch jeder, dass sie Mike und mich auseinander bringen wollte. Als ob Jessica mir so was antun würde. Ich griff nach meinem Handy und wählte die Nummer von Mikes Laden, um ihn von seiner ‚heißen' bescheuerten Rosalie zu erzählen. Dann würde er endlich einsehen, was für ein Mensch sie wirklich war.
Es tutete zwei Mal, bis sich Mikes Dad am Telefon meldete.
„Hallo Mr. Newton", grüßte ich zurück. „Wie geht's ihnen?"
„Hallo Bella", sagte er heiter. „Wie oft soll ich dir noch sagen, dass du mich John nennen sollst."
Ich fühlte mich unwohl dabei, doch ich ging seiner Bitte nach.
„Na gut, John. Also wie geht's dir?", fragte ich noch mal.
„Bestens Bella, alles ist soweit in Ordnung. Und bei dir?"
„Ich kann mich nicht beklagen. Bis auf die Schule, die wie gewohnt nervt, aber das ist ja nichts Neues", lachte ich und Mr. Newton, äh… ich meinte John stimmte mit ein.
„Ja, ja, Kleines. Glaub mir, sobald du raus aus der Schule bist und arbeiten musst, wünscht du dir noch mal auf die High School zu gehen."
„Das glaub ich nicht", sagte ich verächtlich und er lachte schon wieder.
„Also, was gibt's?", fragte er, nachdem er sich beruhigt hatte.
„Äh, ich wollte Mike sprechen."
„Mike arbeitet heute nicht. Wenn du willst kann ich dich nach oben in die andere Leitung verbinden", bot er mir an.
„Mike arbeitet heute nicht?", fragte ich noch mal nach.
„Nein." Er zog das Wort gut gelaunt extra lang.
Hatte ich mich geirrt oder verhört? Aber Mike hatte doch eindeutig gesagt, dass die Aushilfe ausgefallen war und er stattdessen arbeiten musste. Ohne weiter darüber nachzudenken sprach ich weiter.
„Und gestern? Hat er gestern gearbeitet?", fragte ich hektisch. Mein Herzschlag verdoppelte sich und ich atmete stockend ein und aus.
„Nein, Kleines. Seit wir die Aushilfe haben, muss Mike nicht mehr so oft arbeiten. Soll ich dich verbinden?"
„Mike ist also zu Hause?"
„Ja, in seinem Zimmer", sagte er.
„Ok, dann komm ich vorbei. Bis gleich", sagte ich und legte nachdem er sich verabschiedet hatte auf.
Meine anfängliche Belustigung über Rosalies Nachricht wich heftigen Zweifeln und panischer Angst. Konnte das wirklich möglich sein? Wieso sollte Mike mich denn anlügen? Hatte er tatsächlich eine andere? War es Jessica? Ungläubig schüttelte ich den Kopf, das Bild ging mir einfach nicht in den Kopf rein.
Vielleicht plante Mike eine Überraschung für heute Abend. Wer weiß, möglicherweise stand er gerade in diesem Moment vor dem Herd und kochte mir etwas für das Essen später am Abend. Ein leichtes Lächeln stahl sich über meine Lippen.
Doch die Zweifel wollten nicht verschwinden, sie klammerten sich an mir fest und gaben mir keine Möglichkeit zur Ruhe zu kommen. Ich musste mit eigenen Augen sehen, was bei Mike vor sich ging.
Ohne auch nur den PC oder die Musik auszuschalten, rannte ich aus dem Haus raus und sprang ungeduldig in meinen roten Transporter. Es war schon eine Weile her, dass ich ihn das letzte Mal gefahren hatte. Das tosende Motorgeräusch ließ mich erschrocken aufschrecken, obwohl ich vorbeireitet war. Ich führte meine Schreckhaftigkeit meiner Angst zu. Doch wovor genau hatte ich Angst? Ich wollte nicht genauer darüber nachdenken, nicht jetzt, noch nicht. Sie könnten sich als unsinnige Gedanken herausstellen, voreilige dumme Gedanken. Ich wollte mir das im Voraus nicht antun.
Kaum fünf Minuten später kam ich vor dem Laden an. Angespannt stieg ich aus dem Transporter und stolperte beinah über meine eigenen Füße. Schnell knallte ich die Tür zu und schloss ab. Ich war ziemlich neben der Spur, als ich den Laden betrat und ging sogleich hinter die Theke. Mikes Dad lächelte mich freundlich an, doch als er mein vermutlich sehr blasses Gesicht sah, wurde auch ihm klar, dass etwas nicht stimmte. Er öffnete mir die Tür, die zum zweiten Stockwerk führte. Vorsichtig stieg ich eine Stufe nach der anderen hoch, darauf bedacht nicht zu stolpern. Von oben dran leise ein langsames RnB Lied. Diese Art von Musik hörte Mike normalerweise nicht, dachte ich und das mulmige Gefühl machte sich wieder in mir breit. Die Angst tauchte wieder auf. ‚Darf ich mich jetzt zeigen?' schrie sie auf.
Ohne jeden Zweifel war Angst jetzt angebracht. Je näher ich Mikes Zimmer kam, desto lauter wurde die romantische Musik und desto heftiger zitterten meine Hände. Bella, mach dich nicht verrückt, dafür gibt es bestimmt eine logische Erklärung, sprach ich auf mich an, doch es nützte nichts.
Ich war an seiner angelehnten Tür angekommen und kämpfte um meinen nächsten Schritt. Ich könnte mich jetzt ganz einfach umdrehen und wie gewohnt mein Leben weiterführen. Es würde sich nichts ändern. Aber würde ich dann nicht in einer Scheinwelt leben? Eine Welt, die ich mir wünschte und mir einredete, obwohl sie nicht wirklich existierte?
Nein, das wollte ich nicht. Die Wahrheit war manchmal zwar hart, aber immer noch besser als in einer Lüge zu leben. Ich atmete nochmals tief ein und schob dann langsam die Tür auf.
Vor mir sah ich Mike, meinen Mike, wie er Jessicas halbnackten Körper in das Bett drückte und sie dabei küsste. Sie waren viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als das sie mich gesehen hätten. Mit zitternden Händen schob ich die Tür wieder zu. Ich hatte genug gesehen. Die Wahrheit war hart und sehr schmerzvoll. Sie zerriss mich förmlich innerlich und zerteilte mich in tausend kaputte Stücke auf, die nur noch von einer Hülle zusammengehalten wurde. Einer Hülle, die für jeden sichtbar war, genauso wie die Tränen die meine Augen verließen und langsam meine Wangen runter strömten. Unaufhörlich, als sei ein riesiger Damm gebrochen und meine Augen waren die gebrochene Stelle, der einzige Weg, den das Wasser nehmen konnte. Die Tränen und die Schmerzen verbanden sich und gemeinsam verließen sie meinen Körper.
