Kapitel 2
„Wissen Sie, warum Sie hier sind?", begann Esposito und die Frau, die ihm gegenübersaß, nickte mit niedergeschlagenen Augen.
„Jemima hat mich heute Morgen angerufen. Sie hat gesagt, dass Johnson letzte Nacht gestorben ist?"
„Er ist nicht einfach gestorben, Emma", sagte Ryan, öffnete die Mappe vor ihm und wählte eines der Tatortfotos aus. „Er wurde getötet. Vielmehr erschossen."
„Heilige-" Emmas Mund klappte auf. „Er wurde ermordet?"
„Jemima hat das nicht erwähnt?", fragte Esposito.
„Nein. Na ja, vielleicht." Sie griff in ihre Tasche, legte ihr Handy auf den Tisch, wählte ihre Mailbox an und stellte das Gerät auf Lautsprecher.
„Sie haben eine gespeicherte Nachricht", verkündete eine Stimme, gefolgt von einem Piepston und einer verstümmelten Nachricht, die von Schluchzen und Seufzern unterbrochen wurde. Die angespannte Stimme war als Jemimas erkennbar. Sie versuchte gewissermaßen die schlechten Nachrichten mit ihrer Kollegin zu teilen.
Emma beendete den Anruf und blickte mit großen Augen zu Ryan und Esposito auf. „Es ist irgendwie schwierig, die Details der Nachricht herauszuhören, oder?"
„Richtig", stimmte Ryan zu.
„Sie muss so traurig sein", flüsterte Emma. „Sie waren noch nicht lange miteinander ausgegangen und es war ein Geheimnis, das nicht viele Leute kannten. Ich und vielleicht ein oder zwei andere Leute? Ich denke, dass sie sich wirklich mochten. Ich meine, von dem Moment an, als er in der Bibliothek angefangen hatte, war es ziemlich offensichtlich, dass da etwas zwischen ihnen war. Gott." Sie vergrub ihr Gesicht in ihren Händen, sodass ihre nächsten Worte gedämpft waren. „Arme Jemima."
„Ich habe dir gesagt, dass es nicht Emma war!" Aus dem Zuschauerraum kommend, streckte Castle eine Siegesfaust in die Luft.
„Immer mit der Ruhe, Kumpel", erinnerte Beckett ihn und stieß ihn mit ihrer Hüfte an. „Nur weil sie uns als Erste über Jemimas Beziehung zu dem Opfer informiert, bedeutet das nicht, dass sie unschuldig ist." Sie zog ihr Handy aus ihrer Tasche und schickte eine kurze Anweisung an LT, um ihn zu bitten, Jemima wieder hereinzubringen. „Und es könnte Jemima ein Motiv geben. Vielleicht hat sie es getan."
„Ich denke nicht", sagte Castle. „Sie war wirklich bestürzt, als wir heute Morgen mit ihr gesprochen haben, aber ehrlich gesagt, sie schien einfach schockiert zu sein."
„Schockiert genug, um nicht zu sagen, dass sie mit unserem Opfer zusammen war?"
Castle zuckte mit den Schultern und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Verhörraum zu.
„Aber Sie haben sich gestern mit Mr. James gestritten", sagte Esposito und Emmas Gesicht verzog sich vor Verwirrung.
„Irgendwie, ja. Aber, wissen Sie, es war eine intellektuelle Diskussion, die nur ein wenig hitzig wurde. Es war nicht so, oh, hey, ich werde dich töten, weil du seltsamerweise für das Klassifikationssystem der Kongressbibliothek bist."
„Erzählen Sie mal", sagte Ryan, ein Lächeln umspielte seine Lippen. „Wie wird ein solcher Streit hitzig?"
Emma lachte leise auf. „Er prahlte immer damit, dass er nach DC ziehen und in der Kongressbibliothek arbeiten würde. Es war alles nur Geschwätz, denke ich, aber ich war es leid, dass er sich über öffentliche Bibliotheken beschwerte. Ich meine, ich weiß, dass es nicht immer Spaß macht in den Öffentlichen, besonders in einer Filiale, die so gut besucht ist wie die Mid-Manhattan. Aber es ist schon ziemlich erstaunlich, was wir hier tun."
„Und das wäre?"
„Wir sind für die Gemeinschaft da!" Emmas Lächeln war jetzt echt. „Wir weisen niemanden zurück. Wir veranstalten Märchenstunden für Kinder, wir haben sichere Räume für Teenager, um nach der Schule rumzuhängen. Wissen Sie, wie viele Leute im Winter kommen und nur in der Bibliothek sitzen, weil wir eine anständige Heizung haben?"
„Und Johnson hat das nicht verstanden?"
Emma schüttelte den Kopf. „Nein. Er redete immer davon, dass er einen Master in Bibliothekswissenschaften hatte und er wollte es für etwas mehr als nur Wohltätigkeitsfälle verwenden. Als hätten wir nicht alle denselben Abschluss."
„Glaubst du, dass sie zusammen waren? Und wenn, warum sollte es geheim bleiben?", fragte Castle.
„Warum es geheim bleiben sollte?" Beckett blickte vom Mordfallbrett zu Castle auf. „Wir haben unsere Beziehung geheim gehalten."
Castle musste an diesem Tag zum ersten Mal lächeln. „Ja, haben wir. Das war ziemlich gut."
„Außer dem Teil, als du mich dazu gebracht hast, mich in deinem Schrank zu verstecken", neckte Beckett.
„Abgesehen davon", räumte Castle ein. „Aber ich glaube mich daran zu erinnern, dass der Teil davor ziemlich bemerkenswert war." Er machte einen Schritt auf seine Frau zu, seine Hand legte sich auf ihre Taille und rutschte dann zu ihrem Bauch. „Und danach..."
Kate nickte zustimmend. „Danach..."
Sie trat abrupt von Castle zurück, als Esposito und Ryan streitend in das Großraumbüro liefen.
„Ich sage nur, ich denke nicht, dass wir sie noch ausschließen können", sagte Espo, während Ryan den Kopf schüttelte.
„Emma?", fragte Beckett.
„Nein, Jemima", sagte Ryan. „Aber ich denke, sie ist todunglücklich."
„Nur weil sie todunglücklich ist, heißt das nicht, dass sie es nicht getan hat", wandte Espo ein, was Ryan mit einem Achselzucken zugab.
„Könnte sein."
Beckett seufzte und streckte die Arme in die Luft, während sie sich bewegte, um es sich bequem zu machen. Die Jungs stritten, Castle schmollte... wann hatte das aufgehört Spaß zu machen? Nicht, dass Mord jemals Spaß machen sollte, erinnerte sie sich selbst, aber wann war das Geplänkel, das sie dazu brachte, den Mörder zu finden, so nervtötend geworden? Sie rollte wieder ihre Schultern. Die Auswirkungen, so lange vor dem Mordfallbrett zu stehen, machten sich in jedem Muskel ihres Körpers bemerkbar.
Vielleicht war das der Grund? Sie züchtete eine brandneue Person heran und die Tatsache, dass sie ständig schlapp war und Schmerzen hatte...
Das erklärte aber nicht alles. Ein Fall sollte eine willkommene Ablenkung sein. In der Vergangenheit war sie durchgehend angetrieben gewesen und verbrachte schlaflose Nächte im Revier, wo sie nur von Kaffee und Essen zum Mitnehmen existiert hatte.
Sie zog eine Grimasse. Das erklärte zumindest einiges. Der Koffeinmangel in ihren Venen bedeutete, dass sie eher von Kaffeedämpfen als von echten Kaffees lebte.
„Lass uns Jemima noch mal herbringen." Castles Stimme durchbrach ihren Gedankenschleier. Sie nickte, hob eine Hand und fuhr sich durch ihr Haar.
„Sicher. Gute Idee." Sie drehte sich abrupt um, ging zu ihrem Büro und rief über ihre Schulter. „Lass mich wissen, wie es läuft."
Wir haben Jemima jetzt wieder im Verhörraum.
Beckett nickte, als sie Ryans Textnachricht las. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, schloss ihre Augen und presste kurz ihre Fingerspitzen gegen ihre Augenlider, bevor sie sich wieder aufrichtete und ihre Augen öffnete, aufgrund des Geräuschs ihrer Bürotür, das sie zurück in die Gegenwart brachte.
„Mehr Tatortfotos", verkündete Castle, Zorn strahlte von ihm aus, als er vor ihr mit einem Papierbündel wedelte, bevor er die Fotos auf ihrem Schreibtisch ausbreitete. „Schau dir das an."
„Uh-huh." Beckett nickte und blinzelte, um herauszufinden, was Castle so angeekelt hatte. Alles sah so aus wie letzte Nacht. Johnson James lag auf dem Boden, Blut war aus der Schusswunde in seinem Kopf gespritzt, das Bücherregal stand schief und Castles Bücher lagen über seiner Leiche verteilt.
„Denkst du, dass das eine Nachricht ist?", fragte ihr Ehemann und sie stöhnte verständnisvoll.
Nicht das schon wieder.
„Nein, nein, tu ich nicht", versicherte sie ihm. „Babe. Er stand zufällig in der Krimiabteilung. Das war es. Was sagt die Spurensicherung?"
Er schob ein weiteres Blatt Papier in ihre Richtung und sie überflog es.
„Richtig. Sie sagen also, als er fiel, schlug sein Arm gegen das Bücherregal. Die Bücher am Ende des Regals stürzten um. Es waren vor allem deine Bücher, aber Castle, ich halte das ehrlich gesagt für einen Zufall." Sie hob eine Augenbraue. „Du warst nicht so verärgert, als der Fanfiktion Schreiber gefunden wurde mit..." Sie grinste und benutzte einen Namen, von dem sie hoffte, dass er ihn aufheitern würde, „… Nooki Geschichten vor ein paar Wochen."
„Stimmt." Castle seufzte, sein Gesichtsausdruck verdunkelte sich. „Aber seitdem ist viel passiert. Und alle Bücher von Patterson blieben im Regal."
„Pattersons Bücher waren in einem anderen Regal. Sie benutzen das Alphabet, um die Bücher zu sortieren", erinnerte sie ihn. „Es ist nur Zufall."
„Nun, M ist für Mord bestimmt, nicht C", meinte er und runzelte die Stirn. Sie atmete tief ein und beschloss, sich dieser Auseinandersetzung zu stellen.
„Du denkst an Megan Bailey", vermutete sie.
„Es ist schwer, es nicht zu tun", gab er zu.
„Nicht alles dreht sich um uns", erinnerte Beckett ihn.
„Nein", stimmte er zu, „aber Kate?" Er runzelte die Stirn, als er ihr in die Augen sah. „Du bist so still seit letzter Nacht. Bist du in Ordnung?"
„Ich?" Sie versuchte zu lachen, aber es klang ein wenig erstickter, als sie es beabsichtigt hatte. „Mir geht es gut, Castle."
„Gut?", stocherte er weiter und sie zog ihre Augenbrauen zusammen, als sie darüber nachdachte, wie sie antworten sollte.
Wir haben etwas.
Der Text, der auf ihrem Bildschirm aufblitzte, wurde durch das entsprechende Klingeln begleitet und sie stand auf, schob ihren Stuhl zurück und deutete auf das Großraumbüro. „Lass uns sehen, was die Jungs haben."
„Aber Kate, diese Unterhaltung ist noch nicht vorbei", versprach Castle ihr, während sie sich beeilte - sofern man sich watschelnd beeilen konnte -, die Jungs am Mordfallbrett zu treffen.
„Jemima hat gestanden?", fragte sie, wissend aufgrund ihrer Mienen, dass es nicht so einfach war.
„Nein", sagte Espo. „Sie gab zu, in einer Beziehung mit dem Opfer zu sein. Aber, haltet euch fest, sie war auch in einer Beziehung mit jemand anderem. Sein Name ist Carl Aston."
„Aha, Fremdgehen? Definitiv ein Motiv", stimmte Beckett zu. „Weißt du noch etwas über diesen mysteriösen Mann?"
„Nur dass er der Bibliotheksleiter der Grand Central Filiale der New York Public Library ist."
„Motiv und Zugang?", frohlockte Castle. „Bringt ihn her!"
