Kapitel 2
Das Wetter hatte seinen herbstlichen Charakter angenommen. In der Luft wirbelten bunte Blätter herum, um am Weg zu Fuß und mit der Metro in die Arbeit, hatte sie das erst Mal beschlossen, dass es doch Zeit wäre, sich eine wärmere Jacke anzuziehen. Es war nicht die Temperatur sondern der Wind, der ihr zu schaffen machte.
An diesem Tag hatte sie bereits in der Früh mit ihrem Vater telefoniert, der überlegte, ob er nicht vielleicht nach Florida ziehen sollte. Es war nicht das erste Mal, dass er diesen Gedanken hegte, aber auf der anderen Seite konnte sie ihn nur allzu gut verstehen. Er wurde nicht jünger, ihre Mutter war mehr als zehn Jahre tot und irgendwann hatte auch er es verdient, einen Neuanfang zu wagen. Immerhin widersagte er dem Alkohol nun sehr mehreren Jahren erfolgreich. Doch war auch der Kontakt zwischen ihnen weniger geworden. Einmal hatte er mit Castle das Gespräch gesucht und während ihrer Genesung war er die ersten Wochen an ihrer Seite gewesen, bis auch er von ihr von ihrem Bett verwiesen wurde. Sie hatte Abstand zu allem benötigt.
Als sie am Revier ankam, lagen zwei Sachen auf ihrem Schreibtisch. Ein Paket und ein Brief. Ihr erster Weg führte sie allerdings zur Kaffeemaschine, da es so zeitig war, dass der Pausenraum noch einsam und verlassen wirkte. An Tagen wie diesem schmerzte ihre Narbe, die sich mitten auf der Brust befand, es war ein Stechen und ein Ziehen, welches sie nicht vergessen ließen.
Mit ihrem doppelten Espresso in der Hand nahm sie an ihrem Arbeitstisch Platz. Zuerst öffnete sie den Umschlag. Es war ein Pate-Zettel. Ohne ihn groß zu lesen, legte sie ihn vorerst zur Seite. Dann riss sie den Karton auf, der ein Buch beinhaltete. Ein neues Buch. Castles neues Buch. „Broken Heat". Wie konnte er nur. Normalerweise war sie dabei, wenn ein Buch entstand, wusste in etwa um was es vielleicht gehen könnte, aber dieses Mal tappte sie komplett im Dunklen und dies gefiel ihr nicht. Gar nicht. Und der Titel, was sollte das nur aussagen? Wahrscheinlich würde er ihren Unfall schildern. Sich ärgernd legte sie das Buch zur Seite, schmiss den Karton weg. Kate hatte dem Blatt, welches im Buch beilag, keinerlei Zeit geschenkt, zu verärgert war sie über sein Verhalten.
Castle hätte sie anrufen können. Ihr ein Email schreiben können. Doch auf der anderen Seite hatte sie ihn wissen lassen, dass sie aktuell keinen Kontakt mit ihm haben wollte. Sie war es gewesen, die alle Brücken abgebrochen hatte. Vielleicht war es an der Zeit, sie wieder aufzubauen? Kontakt zu suchen, zu riskieren, ihn wieder einmal einer seiner neuen Errungenschaften zu erleben. Aber vielleicht hatte sie dies verdient, dieses Verhalten seinerseits, immerhin hatte sie alle seine Avancen stets abgeblockt.
Als Esposito wieder aus dem Büro der Chefin kam, wirkte er etwas angewidert.
„Was ist los?", fragte Ryan vorsichtig. Man konnte an Espitos Gesicht erkennen, dass es ihm nicht recht war, was er ihm mitteilen sollte.
„Wir beide müssen auf ein Parnter-Building-Seminar", sagte er und man konnte am Ton in seiner Stimme erkennen, wie sehr er sich auf dieses Vorhaben freute. „Und all das nur wegen unserer kleinen Auseinandersetzung letzte Woche."
Kate musste schmunzeln. Kleine Auseinandersetzung war eine Untertreibung. Sie waren sich an die Gurgel gegangen, hatten einander unschöne Namen an den Kopf geworfen und über die Mütter des anderen geschimpft und all das nur wegen einer Tatverdächtigen. Kate hatte ihren Fall nicht näher beachtet gehabt, da sie offiziell noch an den Tisch gefesselt war und nur Papierarbeit erledigen durfte. Aber was auch immer vorgefallen war, hatte die Gemüter mehr als erhitzen lassen. Und nun hatten sie den Bonus dafür kassiert. Auf ihre eigene Art und Weise amüsierte Kate diese Bestrafung.
Dann wanderte ihr Auge wieder auf den Pate-Brief der gekommen war und sie faltete das Blatt auf, welches einen schwarzen Rand trug.
„Vollkommen unerwartet wurde Sie aus dem Leben gerissen", waren die ersten Zeilen die sie las, bevor ihre Augen über den Namen flogen „Micaela Wayne". Zweimal musste sie die Zeile lesen, um es zu begreifen. Zweimal traute sie ihren Augen nicht. Micaela war eine Freundin aus Jugendzeiten gewesen, mit der sie lange Zeit im Kontakt geblieben war. Irgendwann in den letzten Jahren hatten sie sich aus den Augen verloren.
Weiters trug die Pate das Datum des Begräbnisses in sich. Außerdem befand sich eine Karte bei dem Schreiben, die Karte eines Notars, der sie zur Testamentseröffnung einlud. Was sollte sie bei Micaelas Testamentseröffnung?
Doch bevor sie noch weiterdenken konnte, läutete das Telefon. Sie hatten einen Fall. Ein Mord. Und sie sollte diesen größtenteils alleine bearbeiten müssen, immerhin mussten ihre beiden Teammitglieder die nächsten drei Tage auf ein sicherlich spannendes Seminar.
Nach einem kurzen Gespräch mit dem neuen Boss und der Bitte sich für das Begräbnis und den Tag danach freinehmen zu dürfen, da sie in die Hamptons fahren würde müssen und dort übernachten müsse, da die Testamentseröffnung erst für den darauffolgenden Morgen geplant war. Auf der einen Seite schien Gates Mitleid zu empfinden, auf der anderen Seite wollte sie den aktuellen Fall gelöst sehen.
Es handelte sich um den Mord an einem großen Tageszeitungsverlegers – Anthony Bravers. Er war über 80 Jahre alt und war in den frühen Morgenstunden von seiner Haushälterin tot im Bett gefunden worden. Nackt. Lippenstift an seinem Körper.
Der junge Mann, der nun an der Bar stand und von zahlreichen reichen Gästen umgarnt wurde, schien sich für diese nicht besonders zu interessieren. Kate, die sich stets im Hintergrund versuchte zu halten, beobachtete die Situation gespannt. Mit wem würde er wohl in eines der Zimmer verschwinden?
Nach dem einen oder anderen Drink und einer netten Unterhaltung mit einem älteren Mann, der sie fragte, ob sei Interesse hätte, ihn an diesem Abend zu dominieren, was sie dankend ablehnte, stand der junge Mann plötzlich vor ihr.
Durch seine intelligent gewählte Maske konnte sie nicht erkennen, wer sich hinter dieser verbarg. Er war größer als sie, nicht viel, da sie 10cm Heels trug. Sein Haar war kurz geschnitten, sehr gepflegt und er roch mehr als nur stimulierend. Es war kein aufdringliches Parfum, welche er gewählt hatte, sondern etwas leicht maskulines, weder orientalisch noch zu blumig. Kate musste sich eingestehen, dass sie sich mit Männerdüften nicht auskannte.
„Kann ich sie auf einen Drink einladen", fragte er sie und der Barkeeper hatte sich schon zu ihnen gesellt. Kate wollte ihn nicht darauf aufmerksam machen, dass alle Getränke der weiblichen Gesellschaft an diesem Abend aufs Haus gingen.
„Gerne", antwortete sie ihm. „Einen Screwdriver bitte, Martin", sagte sie zum Barkeeper.
„Sie scheinen öfters diese Lokalität aufzusuchen?"
„Ab und an." Er starrte ihr in ihre dunklen Augen. Seine waren magisch. Blau mit einem leichten Grauanteil.
„Derek", stellte er sich vor.
„Julia", antwortete sie.
Das Gespräch dauerte nicht lange, bis man beschloss, einen anderen Ort aufzusuchen, einen Ort, an dem man die gemeinsamen Interessen ausleben konnte.
Als Kate am Tatort ankam, erkannte sie schnell, dass Anthony Bravers wahrscheinlich nicht alleine gestorben war. Am Couchtisch standen zwei Weingläser, in der offenen Schublade neben dem Bett konnte man die kleine Dose mit den blauen Pillen erkennen. Viagra. Natürlich musste die offizielle Todesursache noch festgestellt werden, aber für Kate schien der Fall eindeutig. Es war kein Mord.
Am selben Nachmittag noch teilte ihr Lanie mit, dass sie sich geirrt hatte. Er hatte eine hohe Dosis an Kokain im Blut und es fanden sich keinerlei Spuren dieser Droge in seinem Apartment. Außerdem hatte Lanie eine Einstichspur gefunden, an seiner Halsschlagader.
Esposito und Ryan hatten währenddessen den Hintergrund etwas gesichtet. Anthony Bravers hatte zu den reichsten Männern in der Medienwelt New Yorks gezählt. Er war ein Self-Made-Millionär, hatte sich vom Zeitungsausträger zum Verleger hochgearbeitet und Millionen gemacht mit dem Verkauf von zweideutigen Anzeigen.
„Und hast du schon mit Castle gesprochen, seitdem du …", fragte Lanie nach, die sich um ihre Freundin Sorgen zu machen schien.
„Lanie ….", antwortete Kate und versuchte genervt zu wirken. „Nein. Wahrscheinlich ist er noch in den Hamptons."
„Nein, er ist wieder in New York."
„Woher …?"
„Ich habe ihn gestern mit Alexis gesehen. Er war in einem Musical."
„Okay", sagte sie nur leise und ging, die Akte in der Hand, aus der Autopsie. Er war also wieder in New York. Vielleicht war er gar nicht in den Hamptons gewesen oder nur wenige Wochen? Es war sie gewesen, die ihn von sich weggewiesen hat. Weit weg. Was auch immer sie dazu getrieben hatte.
Kurzum es quälte sie.
Das Whiteboard hatten sie vollgeschrieben. Anthony Bravers Name stand in der Mitte, rund herum die wenigen Mitglieder seiner Familie – sein Stiefsohn Andrew und dessen Frau Rosemary – weiters die Dienstboten – Marika, die Haushälterin, Fernando, der Chauffeur und drei weitere Namen, die ihnen an dem Tag untergekommen waren. Abgesehen davon hatten sie den Terminkalender mitgenommen, in dem sich einige Unklarheiten auftaten. Zweimal in der Woche war ein „V" vermerkt. Was auch immer das bedeuten mochte, es fand immer um 21 Uhr statt, am Mittwoch und am Freitag. Heute war Donnerstag.
Als Kate aus dem Fenster blickte, erkannte sie, das Laub, welches vom Wind durch die Luft gewirbelt wurde. Und dies erinnerte sie daran, dass sie in ihrer neuen Wohnung immer noch keine Vorhänge im Wohnzimmer hatte. Eine Anschaffung, die sie seit Wochen hinausschob.
„Kate?", fragte Esposito und hob das Buch hoch, welches Castle ihr geschickt hatte. Hatte sie es nicht in eine Lade gelegt gehabt?
Sie blickte auf.
„Etwas von ihm gehört?", fragte Ryan. Sie schüttelte nur den Kopf und richtete ihren Blick wieder auf das Whiteboard.
„Vielleicht sollten wir ihn anrufen?", fragte Esposito seinen Partner und beobachtete Kate dabei genau, die sich bemühte, keinerlei Reaktion zu zeigen. Wer auch immer ihn anrufen würde, würde von ihm wahrscheinlich erfahren, dass es sie gewesen war, die um eine Auszeit gebeten hatte. Vielleicht war es die Angst vor seiner Reaktion, die sie dazu trieb, nicht anzurufen, ihm nicht zu bitten zurückzukommen. Sie war unsicher. Sie wusste nicht, was sie damals dazu bewegt hatte, auf diese Art und Weise zu reagieren.
„Escort-Service ….", hörte sie Ryan sagen, der auf seinen Bildschirm starrte.
„Was hast du gesagt?", fragte sie nach und dann erklärten sie ihren Fund. Bei seinen Telefonnummern, war eine immer wieder vorgekommen und diese hatten sie zurückverfolgen lassen. Es war eine New Yorker Nummer, die eines exklusiven Begleitservices und diese waren ja auch dafür bekannt, ihre Dienstleistungen über das Begleiten hinaus auszuweiten, wenn genügend Geld im Spiel war.
Vielleicht war es das Seminar, welches sie besuchen mussten, auf einmal funktionierte ihre Partnerschaft wieder einwandfrei, das konnte Kate an ihrer Interaktion erkennen. So mochte sie die beiden.
Das Schöne war, dass der Fall rasch gelöst wurde. Eine der Damen des Escort-Services hatte Mr. Bravers auf Wunsch – das Telefonat war aufgezeichnet worden – mit Drogen versorgt. Sie hatte ihm diese – Kokain und Heroin – verabreicht, eine davon in die Aorta, wie gewünscht. Das Unternehmen hatte genaue interne Aufzeichnungen über die Vorlieben der einzelnen Konsumenten. Auf der einen Seite verurteilte Kate dieses Vorhaben etwas, da es sich teilweise um recht intime Details handelte, auf der anderen Seite hatte es ihnen geholfen den Fall am Freitag vor dem Wochenende noch zu lösen. Ob die Staatsanwaltschaft wegen des Todes noch Anklage erheben würde, war unklar, auf alle Fälle war das Mädchen inhaftiert worden.
Das erste was Kate am Samstag unternahm, nachdem sie ihre Anzüge in die Reinigung gebracht hatte, war sich mit einem großen Kaffee auf die Suche nach passenden Vorhängen zu machen. So schlenderte sie durch die großen Kaufhäuser der Stadt, unmotiviert und doch auf der Suche.
Und dann erblickte sie Martha, die dabei war, Bettwäsche auszusuchen. Noch vor einem Jahr wäre sie zu ihr hinüber gegangen und hätte sie freundlich begrüßt, sie hätten vielleicht sogar einen Kaffee mitsammen getrunken. Doch seit einem Jahr war viel passiert. So ging sie rasch aus dem Blickfeld der rothaarigen Frau, verließ das Kaufhaus und machte sich auf den Heimweg.
Der Tod Micaelas beschäftigte sie immer noch. So begann sie zu Hause am PC etwas zu recherchieren. Viele Einträge gab es zu ihr nicht. Sie schien nicht verheiratet gewesen zu sein und ihr Tod war offensichtlich ein Unfall. Ein Motorradunfall. Mike hatte schon während der Schulzeit ein Motorrad besessen, eine Harley Davidson. Und da sah sie ein Bild vor sich, welches früher in ihrem Jugendzimmer bei ihrem Vater an der Wand gehängt hatte – Kates blonde Mähne war unter dem Helm verborgen. Sie trug schwarze Lederhosen und ein Ledergilet, welches ihre üppigen, weiblichen Rundungen kaum zu verbergen schien. Auf ihrem Oberarm befand sich ein Tattoo, ein Rosenkranz. Sie lachte in die Kamera. An diesem Tag hatte sie das neue Motorrad abgeholt und gemeinsam hatten sie einige Runden gedreht, bevor es zu regnen begonnen hatte.
Sie schien studiert zu haben – Jura. Ihr Examen hatte sie bestanden und arbeitete offenbar in einer kleinen Anwaltskanzlei in den Hamptons. Dort schien sie auch gewohnt zu haben, glaubte man dem Internet.
Viele Erinnerungen kamen an diesem Abend wieder hoch. Erinnerungen an ihre Jugend und Kindheit, Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit Micaela aber auch an Castle, der ihr in den letzten Jahren in Situationen wie diesen stets zur Seite gestanden hatte, durch seine schiere Anwesenheit, ohne viele Worte zu verlieren. Oder er nahm sie zu einer Buchpräsentation oder etwas Ähnlichem mit um sie auf andere Gedanken zu bringen.
Auf ihrer Couch war sie an diesem Abend, eingehüllt in eine warme Decke, eingeschlafen. Die Flasche Rotwein auf ihrem Couchtisch war halbleer, der Fernseher zeigte einen alten schwarz-weiß Film.
Ende Kapitel 2
