Kapitel 2
„IHR WOLLT HEIRATEN??" schrie Charlie in voller Lautstärke. Obwohl ich mich schon auf einen derartigen Wutausbruch eingestellt hatte, zuckte ich zusammen. „SEID IHR VERRÜCKT GEWORDEN, ODER WAS?" „Charlie…" begann Edward, doch er wurde von meinem wütenden Vater unterbrochen: „DAS KANN DOCH NICHT EUER ERNST SEIN!"
„Doch", sagte ich. Zum Glück hatte ich meine Stimme wiedergefunden, aber dennoch hörte man die Nervosität heraus. Ich schluckte, dann redete ich weiter: „Es ist unser voller Ernst.".
Charlie schaute mich eine Weile lang wutentbrannt an, und als er sprach, sah ich ihm an, dass er sich sehr beherrschen musste, um nicht wieder loszubrüllen. „Ich hoffe, ihr habt euch das gut überlegt."
„Ja, das haben wir."
Wieder schaute er mich einen Moment lang an, bevor er – jetzt schon fast herausfordernd – weitersprach: „Du musst es René sagen."
Ich schluckte. Das hatte ich irgendwie ganz vergessen. Ich war so darauf fixiert, wie Charlie es wohl aufnehmen würde, sodass ich überhaupt nicht mehr an meine Mutter gedacht hatte. Natürlich musste ich es ihr sagen! Aber wie? Am Telefon konnte ich ja schlecht meinen Ring in die Höhe halten, wenn ich meine Stimme, wie vorhin, verlor …
Ich merkte, dass Charlie mich immernoch ansah „Ja, natürlich…"
„Gut" sagte Charlie eisig und ging schnell ins Wohnzimmer, wo er sich zweifellos vor den Fernsetzer setzte. Ich fragte mich, was wohl in ihm vorging. Nachher würde ich Edward danach fragen, nahm ich mir vor.
„Ich glaube, es ist besser, wenn ich jetzt gehe!", sagte Edward.
Ich seufzte traurig. Natürlich wusste ich, dass er, sobald Charlie schlief, wieder durchs Fenster in mein Zimmer kommen würde, doch mir grauste es vor der Zeit, in der ich alleine sein würde. Das Baseballspiel würde noch mindestens eine Stunde lang gehen und Charlie würde definitiv nicht früher ans Schlafengehen denken.
Trotzdem nickte ich, und begleitete Edward zur Haustür. Dort zog er mich sanft an seine Brust. Ich spürte seinen Atem in meinen Haaren und fühlte mich sofort besser.
„Ich liebe dich" sagte ich leise.
Edward schob mich sanft von seiner Brust weg, damit er mir in die Augen schauen konnte. „Ich liebe dich auch." Sagte er, dann küsste er mich leidenschaftlich. Wie immer begann mein Herz zu hyperventilieren. Kurz bevor ich verrückt wurde, löste er seine Lippen von Meinen. Wieder schaute er mir in die Augen und lächelte mein geliebtes schiefes Lächeln.
„Ich bin bald wieder da." Sagte er, dann verschwand er in die Dunkelheit.
Ich schaute ihm noch kurz hinterher – obwohl ich ihn natürlich nicht mehr sehen konnte -, dann ging ich wieder ins Haus.
Ich wusste, was ich jetzt tun musste: Ich musste meine Mutter anrufen und ihr von unserer Verlobung erzählen. Mir wurde schlecht bei dem Gedanken, wie meine Mutter reagieren würde. Meine Hand verweilte einige Sekunden über dem Hörer. Ich könnte sie auch noch morgen anrufen, dachte ich. Doch was würde Charlie dazu sagen? Es war offensichtlich, dass er wollte, dass ich Renée jetzt anrief. Wieder seufzte ich, dann nahm ich den Hörer in die Hand und wählte die Nummer meiner Mutter.
Ich lag auf meinem Bett und wartete darauf, dass Edward endlich kommen würde. Mein Telefongespräch mit meiner Mutter war recht gut verlaufen. Sie hatte keinen Wutanfall wie Charlie bekommen, doch es war offensichtlich, dass sie nicht glücklich über meine Entscheidung war. Aber dennoch akzeptierte sie sie und dafür war ich ihr sehr dankbar!
Als sie so ruhig reagiert hatte, nach dem ich ihr von unseren Hochzeitsplänen erzählt hatte, war ich natürlich sehr erstaunt gewesen. Ich hatte fest damit gerechnet, dass sie die Beherrschung verlieren würde.
Plötzlich zuckte ich zusammen. Etwas Kaltes hatte mich am Arm berührt.
„Endlich
bist du da!" seufzte ich und wollte mich zu meinem Liebsten
umdrehen.
"Ähm ... ich glaub, ich muss dich enttäuschen …".
Das war eindeutig Alice' Stimme! Blitzschnell drehte ich mich zu
ihr um.
„Was machst du hier? Und wo ist Edward?" meine Stimme wurde lauter, dann hielt ich inne, als mir einfiel, dass Charlie ja aufwachen könnte. Doch dann hörte ich ihn leise schnarchen. Ich atmete erleichtert ein.
„Das ist ja mal ne tolle Begrüßung." Alice sah mich schief an.
„Entschuldige. Ich hatte nur fest mit Edward gerechnet. Wo ist er?" fragte ich noch einmal.
„Er musste was mit Carlisle besprechen und hat mich gebeten, solange bei dir zu bleiben." Sagte sie mit zögerlich.
Jetzt wurde ich neugierig. Was war so dringend, dass Edward mit Carlisle darüber reden musste? Waren vielleicht wieder Vampire im Anmarsch? Mir wurde erst heiß, dann kalt bei dem Gedanken an meine letzten Begegnungen mit Vampiren. Aber wenn Edward mit Carlisle sprach, dann musste der Grund ja nicht gleich ein bevorstehender Besuch von Vampiren sein. Es konnte ja auch etwas ganz anderes sein. Aber wenn es doch Vampire waren, was für welche waren es dann? Frei lebende, so wie Victoria, Laurent und James damals? Oder waren es vielleicht … die Volturi, die nachschauen wollten, ob ich schon ein Vampir war?
Ich bemerkte, wie ich leicht panisch wurde. Wieso wurde ich jetzt schon panisch, wenn ich noch nicht einmal sicher war, was der Grund für Edwards Gespräch mit Carlisle war? Ich sollte vielleicht erst einmal etwas Klarheit schaffen …
„Was muss er denn mit Carlisle besprechen?" fragte ich deshalb.
Alice, die wohl bemerkt hatte, dass ich mir Gedanken machte, überlegte einen Moment, dann sagte sie:
„Vielleicht sollte Edward dir das selbst sagen."
Na toll …
„Alice…" Bittend sah ich sie an, doch sie schüttelte nur den Kopf.
„Edward kommt in …" sie kniff kurz die Augen zusammen „… in einer halben Stunde."
Ich stöhnte. Warum musste ich mich nur noch so lange gedulden? Und wieso wollte Alice, dass Edward es mit selbst sagte? Was hatte das zu bedeuten? War etwas Schlimmes passiert, oder würde etwas schlimmes passieren? Hatte Alice etwa wieder etwas gesehen? Und wenn ja, was hatte sie gesehen? Hatte es etwas mit mir zu tun? Vielleicht waren es ja wirklich die Volturi! Mir schossen viele Fragen durch den Kopf.
