Vier Wochen sind vergangen, seit ich meine letzte Dosis Prozium genommen habe. Ein dummer Zufall war alles, was es gebraucht hat. Eine Ampulle auf dem Badezimmertisch, eine Unachtsamkeit beim Zähneputzen. Die Ampulle fiel vom Tisch und zerbrach am Boden. Ich stand vor dem Spiegel im Bad und als die Wirkung des Proziums nachließ, entdeckte ich plötzlich mein Gesicht im Spiegel. Seit zwei Jahren nahm ich mich wieder wahr. Das Gesicht im Spiegel kam mir vage bekannt vor. Aber es war nicht mehr das Gesicht des Mädchens, an das ich mich erinnerte. Und es war auch nicht das Gesicht einer Frau. Ich berührte mein dunkles Haar, das normalerweise zu einem strengen Knoten gebunden war, und meine helle Haut, so weich unter meinen Fingern. Ich staunte über dunkle Sommersprossen, die meine Nase, meine Wangen und meine Stirn übersäten. Erschrocken stellte ich fest, daß ich mich nicht mehr erinnern konnte, ob ich sie schon immer gehabt habe. Ich spürte mein Herz in meiner Brust schlagen und fühlte die Kälte des Wassers in meinem Gesicht. Mein Blick glitt an mir hinunter, über meinen Körper in dem einfachen grauen Kleid. Dank Prozium gab es keine Eitelkeit mehr. Wir trugen alle die gleiche Kleidungsstücke und Frisuren. Meine Haut war noch immer glatt und rosig, obwohl sie schon lange kein Sonnenlicht mehr gesehen hatte. Erinnerungen brachen über mich herein wie die Wellen über den Strand hereinbrachen. Erinnerungen an eine Zeit vor Prozium. An längst vergessene Gefühle. Kalte Regentropfen auf der Haut nach einem heißen Sommertag. Tränen im Augenwinkel vor Lachen. Warme, weiche Lippen, die nach Limonade und Schokoladeneis schmecken. Ich konnte kaum atmen, während ich mich im Spiegel anstarrte und mich schlagartig an alles erinnerte, was mir vor zwei Jahren genommen worden war. Eine einzige Injektion hatte alles betäubt.

Mein Mann John betrat das Badezimmer. John, der mir von Grammaton ausgewählt worden war und von dem ich nichts wußte. Er war nicht mehr als ein Gesicht in der Menge ohne Persönlichkeit. Ich starrte ihn an und konnte nicht glauben, wie ich die letzten zwei Jahre mit ihm zusammen hatte leben können. Er war nicht besonders groß, dünn, mit viel zu langen Armen. Sein helles Haar war genauso fahl wie seine Gesichtsfarbe, und ich konnte nicht sagen, wie alt er wohl sein mochte. Wir alle sahen älter aus als wir tatsächlich waren. Ich empfand nichts, wenn ich ihn ansah. Es gab nur einen einzigen Mann in meinem Leben, den ich je geliebt hatte. Und das Prozium hatte ihn mir genommen. Auch daran erinnerte ich mich wieder.

Sein Blick fiel auf die zerbrochene Ampulle. „Was machst du hier?" fragte er, während er mich misstrauisch musterte. Jeder Bürger war angehalten, die Personen in seinem Umkreis zu überwachen. Sollte der Verdacht bestehen, daß jemand zum Sinnestäter wurde oder EC-10 versteckte, hatte er unverzüglich Meldung zu machen, sonst wurde er als Mittäter angeklagt und verurteilt.

Ich wollte ihm antworten, doch kein Ton kam über meine Lippen. Das Badezimmer war plötzlich zu eng, zu bedrückend. Ich bekam kaum noch Luft. Es war wie ein Gefängnis. Ich wollte nur noch raus. Weg von diesem Leben, das nicht mir gehörte.

„Ich fragte, was machst du hier?" Er sah mich mit unbewegter Miene an und ich wußte trotzdem, daß er Verdacht schöpfte. Ich mußte mich zusammenreißen, wenn ich am Leben bleiben wollte.

Ich schüttelte den Kopf. „Gar nichts. Nur ein Mißgeschick. Mir ist beim Zähneputzen die Ampulle heruntergefallen. Ich hatte sie mir zurecht gelegt. Eine Dummheit."

„Du mußt dich in die Liste eintragen und dir einen Ersatz besorgen," sagt er nü Regierung schrieb vor, sich innerhalb einer Stunde bei Grammaton zu melden. Die Gesellschaft konnte es sich nicht leisten, daß ihre Bürger aus der Reihe tanzten. Wir waren alle Roboter. Ohne Gefühl und Verstand. Innerhalb der Diktatur durfte niemand lange genug ohne Prozium sein, um zu merken, was mit ihm und den anderen geschah.

Ich nickte. „Natürlich."

„Ich kann dich mitnehmen und am Labor absetzen." Pragmatisch. Kontrolliert. Ich möchte schreien.

„Das ist nicht nötig. Das Labor liegt auf meinem Weg zur Arbeit. Ich kann gleich vorbeifahren." Plötzlich war es so einfach, ihn anzulügen.

Ich kam nie am Labor an.