KAPITEL 2

HERMINE POV

Mir ist sowas von langweilig. Außer Poppy hat heut noch niemand nach mir gesehen und Madam Pomfrey ist die wohl schlechteste Sängerin, die ich jemals kennengelernt habe. Witzig, wie die Leute sich gehen lassen, wenn sie denken, man kann sie nicht hören. Und schon wieder wandern meine Gedanken zu Malfoy, der heute Nacht zweifelsohne an meinem Bett gesessen hat.

Als ich aufgewacht bin, dachte ich erst, ich hätte es geträumt, doch irgendwie weiß ich einfach, dass es kein Traum war. Mittlerweile kann ich das auch ganz gut unterscheiden, denn immerhin sehe ich beim Träumen etwas – zumindest mal wirre Bilder. Im wachen Zustand bin ich immer noch in der vollkommenen Schwärze gefangen, doch dafür höre ich jetzt umso mehr. Heute zum Beispiel, neben Poppys schiefen Gesang, höre ich schon die ganze Zeit Regentropfen gegen das Fenster über mir prasseln.

Dieses konstante Geräusch lullt mich schon den kompletten Tag ein und ich befinde mich dadurch ständig zwischen schlafen und wachen. Mein Körper ist offensichtlich erschöpft, aber mein Geist arbeitet unermüdlich an allem Möglichen. Aktuell gehen mir die wildesten Theorien durch den Kopf, was wohl passiert, wenn ich nie wieder aus diesem seltsamen Koma aufwache. Ich will eigentlich nicht daran denken, doch ich komme gar nicht umhin, mir die schlimmsten Szenarien auszumalen, immerhin habe ich vorher das Gespräch zwischen der Krankenschwester und einem anderen Heiler mitbekommen, der heute früh hier war. Offensichtlich jemand aus dem St. Mungo.

Dieser Heiler, dessen Namen ich nicht verstanden habe hat gemeint, dass er solch einen Fall in seiner kompletten Laufbahn noch nicht gesehen hätte und er selbst auch überfragt sei. Sie versuchen es nun mit einer Kombination aus irgendeinem bewusstseinserweiterndem Trank und diversen Sprüchen. Er meinte, vielleicht helfe mir das, einen Weg zurück zu finden. Ich bezweifle das ja, denn es fühlt sich kein bisschen so an, als sei mein Bewusstsein erweitert, aber nun gut, ich will keine Spielverderberin sein.

Vielleicht sollte ich einfach noch etwas schlafen.

„…meinst du sie kann uns hören?"

„Hm, keine Ahnung. Ich hoffe nicht, denk mal wie übel das wär, wenn sie alles mitbekommt aber nichts weiter tun kann."

„Ja, da hast du wahrscheinlich recht. Ich glaube ich lese ihr trotzdem was vor. Kann ja nicht schaden."

„Stimmt, ich glaub das ist eine gute Idee. Die Muggel sind auch der festen Überzeugung dass Koma-Patienten zumindest unterbewusst mitbekommen, wenn jemand da ist. Okay, ich bin noch mit Ginny verabredet, wir sehen uns später."

Die stimmen von Harry und Ron reißen mich aus dem Schlaf und ich muss mich kurz orientieren. Ah ja stimmt, ich bin auf dem Krankenflügel. Immer noch.

Ron beginnt, mir die Hausaufgaben vorzubeten und ich wünschte mir, er würde einfach nur etwas aus der Geschichte Hogwarts rezitieren, denn ich kann ihm irgendwie nicht so recht folgen, ich bin anscheinend noch nicht so richtig wach. Trotzdem freue ich mich natürlich, dass Ron hier ist und die Stille vertreibt. Ich versuche mich auf seine Worte zu konzentrieren.

„…also die Zauberstabbewegung zu dem Abwehrzauber kann ich dir ja leider nicht wirklich erklären, Hermine. Aber uhm… ich glaube das war's auch soweit mit dem heutigen Stoff. Viel Neues war nicht dabei. Aber naja, ich wollte es dir trotzdem vorlesen, vielleicht hilft es ja", murmelt Ron vor sich hin und ich bin im Moment einfach nur froh, dass ich nicht alleine bin.

„Mensch Hermine, ich fass es einfach nicht. Da haben wir Voldemort überlebt und dann schafft Malfoy es, dich auf die Krankenstation zu bringen. Hoffentlich stirbt er an seinem schlechten Gewissen. Andererseits ist es Malfoy, das wird also nicht passieren. Ich schwöre dir, Hermine, wenn du nicht wieder aufwachst, dann bring ich das Frettchen um."

Ach Ron…

Er hat sich in Rage geredet und lässt noch weitere, unschöne Schimpfwörter für Malfoy fallen und ich verstehe ihn so gut. Wäre ich an seiner Stelle, hätte ich den Slytherin wahrscheinlich schon lang einen Kopf kürzer gemacht, aber nun ja, dass Malfoy letzte Nacht hier gewesen ist, ändert die Lage etwas.

„Also Hermine, ich geh dann wieder, ich muss zum Abendessen. Aber wir kommen morgen wieder, versprochen. Außerdem wollte dann auch Ginny mitkommen. Madam Pomfrey lässt uns aber nicht in zu großen Gruppen rein, weil sie nicht will dass wir hier – wie hat sie gleich gesagt?- Partys feiern. Als ob." Er schnaubt belustigt.

„Ich hab dir ein paar von deinen Büchern mitgebracht, sie liegen hier auf dem Tisch neben deinem Bett. Nur für den Fall…"

Ron verabschiedet sich von mir und ich bin mir sicher, dass er entweder meine Hand genommen hat oder über meinen Kopf gefahren ist. Irgendetwas in die Richtung. Seit unserem ersten Kuss in der Kammer des Schreckens tut er manchmal solche Dinge. Ich bin froh, dass wir so vertraut miteinander umgehen können, trotz, dass wir als Paar die zwei Monate in den Ferien während des Wiederaufbaus auf ganzer Linie versagt haben. Vermutlich waren wir es uns schuldig, zu erkunden, was das zwischen uns ist und nun ja, es war wohl nie mehr als die tiefe Freundschaft, die es schon immer gewesen ist. Zum Glück waren wir da letzten Endes der gleichen Meinung. Trotzdem tut es gut, Ron hier um mich zu haben, denn ich gestehe mir ein, dass ich meine Freunde jetzt wirklich brauche.

Kaum ist Ron zur Türe hinaus, fühle ich mich schrecklich. Ich hätte nie gedacht, dass man sich so hilflos fühlen kann, aber genau das tue ich. Ich kann nicht mal über meine missliche Lage heulen, welch Ironie.

DRACO POV

Ich weiß echt nicht, womit ich das verdient habe. Gerade laufe ich aus der Großen Halle um nach dem Abendessen in die Kerker zurück zu gehen, da müssen mir natürlich Potter und Weasley über den Weg laufen. Potter sieht mich wütend an und das Wiesel spuckt fast schon Feuer. Mir ist das allerdings wirklich zu dumm und ich wende mich schnell ab, denn auf diese Auseinandersetzung habe ich ehrlich gesagt nicht die geringste Lust.

„Malfoy!"

Na toll, Potter anscheinend schon. Genervt bleibe ich stehen und verdrehe die Augen.

„Potter, was gibt's?", kommt es mir gleichgültig über die Lippen und ich bin heilfroh, dass es mir wirklich egal ist, was Potter zu sagen hat.

„Du bist unglaublich! Wie kannst du so vollkommen unbeeindruckt durchs Schloss laufen, wo du genau weißt, was Hermine dank dir passiert ist?", will das Narbengesicht wissen und steht mit verschränkten Armen vor mir.

„Vielleicht, weil ich tatsächlich ziemlich unbeeindruckt davon bin?", rate ich und verziehe meinen Mund zu einem gehässigen Grinsen.

Nur um das klar zu stellen, ich bin kein netter Mensch. Nur weil ich jetzt nach dem Fall vom Dunklen Lord versuche, mein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen und Ärger vermeiden möchte, bin ich noch lange kein dummer, gutmütiger Gryffindor.

Die Reaktionen von den beiden Idioten hier vor mir sind nun wirklich zu lustig, denn Weasley ist kurz vor dem Explodieren, das erkennt man ganz gut daran, dass seine Hautfarbe seinen Haaren gleicht und auch Potter würde mir am liebsten eine verpassen, das sehe ich an seinem Kiefer, der wie wild aufeinander mahlt.

„Du widerwärtiges Frettchen!", verliert Weasley als erstes die Fassung und gibt mir einen kräftigen Schubs, der mich einen Meter rückwärts taumeln lässt. Das ist weniger lustig, denn ich gebe zu, dass Weasley mir körperlich tatsächlich überlegen sein könnte, was die Kraft betrifft. Der geistige Vorteil liegt nun ja, auf der Hand. Potter jedoch ist wie immer schon zur Stelle und hält das wildgewordene Wiesel zurück und ich weiß nicht, ob ich ihm dafür dankbar sein soll oder ihm meinerseits eine reinhauen möchte. Eine Prügelei würde mir im Moment ehrlich gesagt ganz gut rein laufen, das würde mich vielleicht ein wenig von allem Anderen ablenken.

„War's das dann?", will ich großspurig wissen? Gut, die beiden haben vielleicht Recht und ich würde mich selbst wahrscheinlich grün und blau schlagen wenn ich an deren Stelle wäre, aber offen und ehrlich zugeben muss ich das ja noch lange nicht. Weasley schnaubt und Potter schüttelt nur ungläubig den Kopf.

„Gut, wenn es sonst nichts weiter gibt…", lasse ich den Satz in der Luft hängen, drehe mich auf dem Absatz um, und setzte meinen Weg fort. Als ich um die nächstbeste Ecke biege, atme ich kurz durch und lehne mich an die Wand. Bei Salazar, diese ganze Geschichte bereitet mir Kopfschmerzen und ich gebe kurz dem Drang nach und massiere meine Schläfen, um den Druck etwas zu mildern. Potter und Weasley stehen anscheinend noch an der gleichen Stelle und ich komme nicht umhin ihre weitere Unterhaltung mit anzuhören.

„Dieses Arschloch von Todesser!", schimpft Weasley und ich grinse. Man hat mich schon schlimmer genannt.

„Ich schwöre dir Harry, wenn Hermine wieder aufwacht und ihn nicht selbst umbringt, dann tu ich's!"

„Das bringt uns nun leider nur auch nicht weiter, Ron. Erst mal muss Hermine wieder aufwachen und ich hoffe bei Gott dass es bald soweit ist. Das macht mich wirklich wahnsinnig."

Nicht nur dich, Potter!

„Am meisten ärgert mich ja, dass es ausgerechnet Hermine erwischt hat, die diesen versnobten Blödmann immer und immer wieder verteidigt hat und ständig unbedingt das Gute in Malfoy sehen wollte."

Potter murmelt noch irgendwas während die beiden scheinbar in die große Halle marschieren aber ich bekomme es kaum noch mit, denn ich bin gerade dabei mich zu selbst erwischen, wie ich einfach tot umfallen möchte. Das kann doch nicht sein verfluchter Ernst sein! Was soll das Schlammblut angeblich tun? Mich verteidigen? Vor wem? Vor diesen zwei Dilettanten?

Meine Fresse, vielen Dank auch, Granger! Es reicht wohl nicht, dass ich so schon ein schlechtes Gewissen habe, nein, sie muss auch noch so ein verfluchter Gutmensch sein. Die Erkenntnis, dass ich im Moment darüber nachdenke, erneut in den Krankenflügel zu gehen, schlägt mir lachend ins Gesicht und mein Kopfschmerz hat sich im Moment vervierfacht.

Ziemlich sauer mache ich mich auf den Weg in die Kerker. Der Abend ist sowas von gelaufen.

HERMINE POV

Okay, so langsam wird es echt unheimlich. Es muss schon wieder mitten in der Nacht sein oder zumindest ziemlich spät und ich höre eindeutig Schritte, die auf mich zukommen. Gespannt warte ich ab was passiert, doch außer, dass wieder jemand einen Stuhl heranzieht, passiert nichts. Okay, das ist unheimlich. Da ich allerdings nichts weiter tun kann als einfach still da zu liegen, bleibt mir wohl nichts Anderes übrig, als den Dingen zu harren die da kommen. Ich kann mir ja fast schon denken wer es ist, aber so recht glauben will ich es nicht.

Oh komm schon, sag etwas, irgendwas! Mein Besucher lässt sich noch eine Weile Zeit, aber dann, als er anfängt zu sprechen, entspanne ich mich beinahe schon wieder, denn ich lag tatsächlich richtig mit meiner Vermutung.

„Na, Granger? Immer noch hier? Wie tragisch…"

Wie schön zu hören, dass er seine ätzende Art noch nicht verloren hat.

„Wie ich sehe, haben deine Freunde dir Bücher gebracht! Ich frage mich, was du damit anfangen möchtest, in deiner momentanen Situation. Oder Moment… sag nicht, dass Weasley lesen kann!"

Er lacht über seinen eigenen Witz und ich schwanke dazwischen, mich einfach mit zu amüsieren oder parteiisch für Ron beleidigt zu sein. Ich verstehe beim besten Willen nicht, was Malfoy hier tut und was er mit seinen seltsamen, nächtlichen Besuchen bezwecken möchte.

„Na gut, lass sehen, was haben wir da. Eine Geschichte von Hogwarts? Nein, kenn ich schon. Wie wär's mit Zaubertränke? Hm, wahrscheinlich nicht, in Anbetracht unserer momentanen Situation."

Was zum Geier treibt er da? Malfoy wird doch nicht wirklich vorhaben, mir etwas vorzulesen? Ganz ehrlich, wenn er das tut, dann fall ich vom Glauben ab.

„Was bitte ist Sturmhöhe?"

Oh Gott! Nein bitte nicht! Warum ist das hier?

Leg das zurück, Malfoy!

Verdammt, ich muss aufwachen, sofort!

Malfoy sagt nichts mehr und ich höre, wie er das Buch aufschlägt. Oh bitte, lass das jetzt nicht geschehen!

"Was zur Hölle…", flüstert er und ich möchte im Erdboden versinken aber leider kann ich rein gar nichts tun, außer mich meinem Schicksal, welches es zurzeit überhaupt nicht gut mit mir meint, zu fügen.

"Granger, das ist nicht etwa dein Tagebuch?" Malfoy klingt überrascht und auch ein wenig schockiert über die Tatsache, dass er hier meine geheimen Gedanken in den Händen hält und ich überlege mir kurz, dass ich vielleicht doch nie wieder aufwachen möchte.

Ich habe überhaupt nicht daran gedacht, dass mein als Sturmhöhe getarntes Tagebuch zwischen meinen sonstigen Büchern irgendwie hier her gekommen sein könnte. Ich sollte ein ernstes Wort mit Ginny reden, da bestimmt sie es war, die meine Bücher aus dem Schlafsaal geholt hat. Meine Hoffnung, dass Draco Malfoy rechtschaffen genug ist um es nicht zu lesen, geht in der Sekunde flöten, als er anfängt, mich selbst zu zitieren. Oh bitte lass mich doch aufwachen!

"Heute ist mit Abstand der schlimmste Tag bisher gewesen. Wir sind im Forest of Dean und es ist verflucht kalt geworden, vor allem nachts. Mal wieder bin ich dankbar über die Magie, denn unter normalen Umständen könnte hier kein Mensch zelten.

Aber all das ist eigentlich nicht wichtig, wir sind noch am Leben und nicht geschnappt worden und nur das zählt im Moment. Die Mission im Ministerium ist sowas von schief gegangen! Wir hatten aber keine Wahl, wir mussten jetzt mal langsam handeln. Wir haben zwar das Medaillon bekommen, doch zu welchem Preis? Ich bin so dumm! Wegen mir können wir nicht zum Grimauldplatz zurück weil ich unvorsichtig war. Und jetzt sind wir hier, Ron ist zersplintert und nur dank dem Diptam heilt er langsam wieder. Harry sagt zwar, mich trifft keine Schuld aber ich weiß einfach, dass die zwei mir insgeheim natürlich doch die Schuld geben.

Außerdem können wir das Medaillon nicht zerstören. Wir treten auf der Stelle. Voldemort gewinnt weiter an Macht und wir treten verdammt nochmal auf der Stelle!

Und ich glaube auch, dass uns der Horkrux nicht gut tut. Wir tragen ihn im Wechsel und ehe derjenige der an der Reihe ist komplett verzweifelt, geben wir ihn weiter. Ich weiß aber ehrlich gesagt nicht, ob meine Verzweiflung nur allein vom Medaillon herrührt. Wie können wir diesen Krieg nur jemals gewinnen? Wir sind drei Teenager, verdammt noch mal! Meine Zweifel bringen mich beinahe um aber ich muss stark sein für Ron und Harry. Trotzdem bin ich mir fast sicher, dass die ganze Sache nicht gut ausgehen kann wenn man es mal realistisch betrachtet. Ich hasse es, realistisch zu sein…"

Malfoy endet an dieser Stelle und eine bedrückende Stille legt sich über den Raum. Er weiß wohl nicht was er mir dazu sagen will und ehrlich gesagt möchte ich auch nichts darüber hören. Schlimm genug, dass er nun einen vollen Einblick in meine Gedanken erhalten hat und ich fühle mich auf seltsame Weise vollkommen nackt.

"Also Granger, mir scheint, als tun sich da ungeahnte Abgründe auf!" Er versucht offensichtlich belustigt zu klingen aber seine Stimme ist eindeutig belegt. Ich möchte einfach nur schreien. Wie kann das nur so unglaublich schief laufen?

"Ich meine, würdest du dir diese Chance entgehen lassen? Hm wahrscheinlich schon, du bist wohl zu ehrlich um anderer Leute Tagebuch zu lesen. Vielleicht sollte ich es einfach wieder hier auf den Stapel legen…", sinniert er, doch ich bin mir sicher, dass er das nicht tun wird.

"...allerdings glaube ich nicht, dass du möchtest, dass Weasley oder Potter darüber stolpern, oder?"

Gedanklich stöhne ich gequält auf. Niemand soll über mein Tagebuch stolpern, wenn's Recht ist.

"Pass auf Granger, wir machen einen Deal, okay? Ich lese dein Tagebuch und du wachst wieder auf um mir dafür in den Arsch zu treten. Wie klingt das?"

Oh darauf kannst du Gift nehmen, Malfoy!

Es raschelt leise und ich hasse mich selbst dafür, dass ich traurig darüber bin, dass er geht, trotz dass es Malfoy ist. Mit meinem Tagebuch, wohlgemerkt! Egal wie scheußlich er ist, seine Gegenwart ist doch seltsamerweise erfrischend anders.

Seine Schritte entfernen sich immer weiter, doch dieses Mal hält er nochmal inne.

"Granger, ich an deiner Stelle würde mir weniger Vorwürfe machen. Ohne dich hätten die zwei Trottel wohl keine Woche überlebt, das ist dir hoffentlich klar?"

Seine letzten Worte hallen noch lange Zeit später in meinem Kopf nach und ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll.

DRACO POV

Ich fasse es einfach nicht, dass ich gestern Grangers Tagebuch gefunden habe. Gut, ich fasse es ebenso wenig, dass ich erneut bei Granger auf der Krankenstation war, aber das ist eine andere Geschichte. Zum Glück ist heute Samstag, denn diese nächtlichen Ausflüge auf die Krankenstation sind nicht unbedingt förderlich für meine Nachtruhe. Ich will das Schlammblut nicht besuchen, aber ich kann mich ebenso wenig gegen das stetig nagende, schlechte Gewissen wehren. Verdammt, ich sollte vielleicht einfach mal dringend meine Prioritäten überdenken. Oder nach Hufflepuff wechseln.

Während ich mit Blaise zum Frühstück gehe, sind meine Gedanken konstant bei dem als Muggelliteratur getarnten Tagebuch, dass ich in meinem Nachttisch verstaut habe. Natürlich weiß ich, dass man nicht in anderer Leute Tagebuch liest und wenn Granger das wüsste, würde sie mich sicherlich kastrieren, aber was sie nicht weiß macht sie nicht heiß und bei Salazar, ich bin einfach neugierig. Wer wäre das nicht? Natürlich hat man die wildesten Geschichten über Potter, Weasley und Granger gehört, während sie diese Horkruxe gesucht haben und wie sie die unfassbarsten Dinge erlebt haben, doch das alles aus der Sicht von Granger, dem Hirn dieser Truppe…

Das könnte womöglich fast schon ein Bestseller werden.

„Draco, ich hab mir was überlegt…", fängt Blaise auf einmal vollkommen unvermittelt an, als wir gerade am Frühstückstisch Platz genommen haben und ich kenne diesen Blick. Den hat er immer dann, wenn er mich zu irgendwas überreden möchte, doch ich schätze, dass es dieses Mal nicht darum geht, die Waschräume der Mädchen auszukundschaften.

„Verschone mich…", seufze ich gespielt theatralisch und fülle mir Kaffee in meine Tasse. Blaise sieht mich vorwurfsvoll an und fast muss ich über seinen Gesichtsausdruck lachen.

„Ach komm schon, du weißt doch überhaupt nicht, was ich sagen will!"

„Blaise, egal was du sagen willst, es kann nichts Gutes sein, wenn du SO schaust." Ich gieße ihm ebenfalls etwas von dem Wachmacher in seine Tasse und widme mich nun dem Rührei, das auf meinem Teller erschienen ist. Hunger hab ich jedoch nicht wirklich.

Mein bester Freund grummelt kurz vor sich hin, lässt sich aber nicht davon abbringen, mich mit seinen tollen Ideen am frühen Morgen zu belästigen.

„Also ich habe mir überlegt, dass wir vielleicht Granger besuchen sollten.", rückt er dann mit der Sprache raus und mir fällt mit einem lauten Klirren die Gabel aus der Hand.

„Was?" Ich meine… ja, so abwegig ist das eigentlich in Anbetracht der Tatsachen nicht, aber ich werde einen Teufel tun und einfach so, mitten am Tag in die Krankenstation spazieren. Da könnte ich mir ja gleich Idiot auf die Stirn schreiben. „Warum sollten wir das tun?", will ich nun von ihm wissen und er sieht mich nur vorwurfsvoll an.

„Na, vielleicht weil sie wegen dir dort liegt und ich denke du könntest schon mal ein wenig zeigen, dass du es eigentlich nicht wolltest!", echauffiert sich mein bester Freund nun.

„Blaise, ich werde mir Sicherheit nichts dergleichen tun! Soweit kommt's noch."

Er schnaubt verächtlich, sagt aber nichts weiter, doch ich vermute stark, dass das Thema noch nicht endgültig vom Tisch ist.

Wieder zurück in den Kerkern gehe ich auf direktem Weg zurück auf unser Zimmer und krame Grangers Tagebuch hervor. Ein seltsames Gefühl beschleicht mich und ich kann es nicht wirklich zuordnen. Vorfreude? Panik? Irgendwas dazwischen vielleicht.

Ohne wirklich darüber nachzudenken mache ich es mir auf meinem Bett bequem und schlage willkürlich irgendeine Seite auf.

Ich kann immer noch nicht realisieren, was da eigentlich passiert ist und erst langsam habe ich mich so weit unter Kontrolle, dass ich nicht mehr bei jeder Kleinigkeit losheulen muss. Das ist wirklich nervig aber wahrscheinlich sind meine Nerven einfach mittlerweile etwas überstrapaziert.

Ron ist immer noch weg und ich vermisse ihn von Tag zu Tag mehr. Ich möchte Harry nicht die Schuld für Rons Weggang in die Schuhe schieben, aber nun ja, hätte Harry nicht diese Sachen gesagt… Ich weiß auch nicht.

Gestern haben Harry und ich beschlossen, das Grab seiner Eltern zu besuchen. Ich wusste, dass das keine gute Idee sein kann, aber wie könnte ich Harry daran hindern, zu dem Ort zurück zu kehren, der das einzige, fehlende Bindeglied zwischen ihm und seiner Vergangenheit sein könnte?

Das Dorf war wie ausgestorben und eigentlich hätten wir uns gar nicht tarnen müssen. Wir haben das Grab von Harrys Eltern dann bald gefunden und ich wünschte, ich könnte Harry einen Teil von seinem Schmerz nehmen. Es ist so ungerecht. Warum muss auf seinen Schultern die Hoffnung der gesamten Zauberwelt liegen? Ist er nicht schon genug gestraft damit, wie er bei seinen Verwandten aufwachsen musste? Was hat er nicht alles durchmachen müssen. Und er ist nun 17 Jahre alt und sieht zum ersten Mal das Grab seiner Eltern, die er nie gekannt hat. Wenn ich daran denke, kommen mir schon wieder die Tränen. Ich kann gar nicht beschreiben, wie es mir in diesem Moment ging, vor dem Grab von James und Lily.

Wir haben auch noch das Grab von einem der Peverell Brüder gefunden und dort war das seltsame Zeichen schon wieder. Ich bin mir mittlerweile sicher, dass Dumbledore mir damit etwas sagen wollte, aber was? Warum konnte dieser alte Kauz nicht mal Tacheles mit Harry reden? Ich meine, ja, Dumbledore war genial, keine Frage, aber ein wenig mehr Informationen wären schon nett gewesen. So langsam glaube ich wirklich, dass er am Ende nicht mehr ganz auf der Höhe war und ich hoffe einfach nur für Harry, dass er in diesem mehr gesehen hat, als eine Schachfigur im Kampf gegen Voldemort. Ich glaube nicht, dass Harry einen Verrat von seinem Mentor auch noch verkraften könnte. Aber dennoch, meine Zweifel an Dumbledore werden immer größer. Ich muss mich dringend noch weiter mit dem Buch befassen, dass die verfluchte Kimmkorn geschrieben hat. Auch wenn wahrscheinlich zum Großteil nur Mist drin steht.

Auf dem Friedhof ist dann diese Gestalt aufgetaucht, Harry war sich sicher, dass es Bathilda Bagshot sein muss. Sie hat nicht geredet und ich hätte es einfach schon von vorne herein wissen müssen. Verdammt, ich hätte meinem Instinkt vertrauen sollen, denn sie hat uns in ihr Haus geführt und Harry war so überzeugt davon, dass sie ihm das Schwert geben wollte… Warum hab ich ihn nur alleine mit ihr die Treppen nach oben gehen lassen? Der Gestank in dem Haus war widerlich und in dem Moment als mir klar wurde, dass es eine Falle ist, war es schon zu spät, denn da habe ich auch schon die Schreie gehört.

Sie war die Schlange. Bathilda war Nagini und bei Merlin, ich habe nie von einem vergleichbaren Zauber gehört oder gelesen! Wie hat Voldemort das geschafft, die Schlange in den toten Körper von Bathilda zu pflanzen? Mir wird übel wenn ich nur wieder daran denke und ich bin zu tiefst erschüttert, wenn ich mir vorstelle, welchen Methoden sich Voldemort bedient. Was muss diesem Zauberer wiederfahren sein, dass er so abgrundtief böse wurde? Wie können andere Zauberer nur seinen Idealen folgen? Morden, Vergewaltigen, Schlammblüter unterdrücken… Warum? Ich frage mich jeden verdammten Tag, wie es passieren kann, dass man solch ein Abschaum wird, aber mir fällt keine andere Antwort ein, als aus Angst. Siehe Malfoy. Ich denke nicht, dass Draco wirklich und wahrhaftig diesem Club beitreten wollte, aber er hat es getan. Wieso?

Harry hat uns klipp und klar gesagt, dass er sich sicher sei, dass Malfoy Dumbledore nicht hätte töten können. Ich denke das auch. Malfoy ist kein Mörder. Sein Vater vielleicht aber er… Er ist nicht mehr als ein verzogener Bengel der nichts anderes gelernt hat, als Schlammblüter zu hassen. Er kennt es ja nicht anders, bei den Eltern und der Welt in die er hineingeboren wurde. Und nun ist er zum Todesser aufgestiegen. Ich glaube nicht, dass er mit dieser Entscheidung glücklich ist. Im Grunde genommen kann er einem nur leidtun.

Ich habe versucht Harry zu helfen, nachdem die Schlange aus Bathilda heraus gebrochen ist aber es ging alles so schnell und ich weiß nicht mehr, wie wir es überhaupt geschafft haben, zu entkommen. Es war haarscharf und Harry war ohnmächtig. Ich glaube das liegt an der Verbindung zu Voldemort über die Narbe. Ich habe eine Vermutung was das betrifft aber ich weigere, mich das auch nur zu denken, denn wenn das wirklich der Fall ist, dann… dann weiß ich nicht was ich tun soll. Aber für den Moment sind wir entkommen und am Leben.

Harry hasst mich, denn ich habe aus Versehen seinen Zauberstab zerbrochen. Er sagt zwar, es sei okay und dass er einen neuen findet oder leihweise meinen nimmt, aber ich weiß, wie viel ihm sein Stab bedeutet hat. Ich hasse mich dafür, dass das passiert ist, doch wir sind am Leben.

Das muss ich mir immer wieder vor Augen halten, es hätte viel schlimmer kommen können! Und ich fürchte, das war nur der Anfang."

Fuck!

Ich schlage das Buch zu und werfe es zurück in die Schublade meines Nachttischs, wo ich es hervorgeholt hatte. Ist das ihr verfluchter Ernst? Ich muss erst mal meine Gedanken sortieren, denn darauf war ich nun ganz und gar nicht gefasst.

Was fällt Granger ein, solche Dinge über mich in ihr Tagebuch zu schreiben? Ich komm da nicht ganz mit. Was hat sie geschrieben, ich könne eigentlich nichts dafür, dass ich ein Todesser bin? Hineingeboren? Ja vielleicht, doch wenn sie glaubt dass ich es nicht wollte, dann ist sie dümmer als ich dachte. Natürlich wollte ich es!

Okay nein, ich wollte es nicht, doch allein weil sie das wie selbstverständlich zu wissen scheint, will ich ihr den Hals umdrehen. Für wen hält Granger sich? Ich hasse sie. Dafür, dass sie so eine unsägliche Besserwisserin ist und dafür, dass sie es doch tatsächlich schafft, dass mein schlechtes Gewissen nun noch schlimmer wird. Diese verdammten Gryffindors mit ihrem Gutmenschsein. Da mache ich ihr sieben Jahre lang das Leben zur Hölle und demütige sie, wo ich nur kann und sie hat nichts Besseres zu tun, als sowas über mich in ihrem Tagebuch zu schreiben.

Aber nicht nur der Absatz über meine Person hat mich schockiert, sondern auch alles Weitere bei diesem Eintrag. Ich habe natürlich davon gehört, dass die beiden Nagini entkommen sind, der dunkle Lord war damals außer sich vor Wut, aber es aus der anderen Sicht zu lesen ist schon heftig. Ich meine - meine Güte, wie kann man nur so dumm sein? Das hat schon hundert Meilen gegen den Wind nach einer Falle gerochen! Und da sagt man, Granger sei intelligent.

Von welchem Schwert sie da wohl geschrieben hat? Etwa das Schwert von Gryffindor? Ich weiß dass meine Tante außer sich war, als sie dachte es sei aus ihrem Verlies verschwunden. Ich will eigentlich weiter lesen aber ich denke nicht, dass ich heute noch mehr Exkursionen in Grangers Hirn verkrafte. Alleine ihre ständigen Selbstvorwürfe nerven gewaltig. Na und, dann ist Potters Stab halt kaputt gegangen. Was soll's? Er hat ja schließlich dann meinen gehabt, denke ich bitter. Dieser blöde Sack.

Nein, für heute lasse ich das Tagebuch dort wo es ist und verbanne mein Gewissen in die hinterste Ecke meines Gehirns.