1. Kapitel

Fassungslos starrte Hermine auf den verschrumpelten, leblosen Körper, blickte in das kalkweiße schlangenähnliche Antlitz und stieß die Luft, die sie unwillkürlich angehalten hatte, mit einem lauten Keuchen aus. Völlig sicher war sie gewesen, dass Voldemorts Fluch Harry förmlich niederschmettern würde, mit solch unbändigem Hass hatte er die Worte geschrien. Harrys 'Expelliarmus' wirkte dagegen beinahe lächerlich.
Doch jetzt lag er an Harrys Stelle tot auf dem kalten Steinboden und sein Körper verfiel mit jeder Sekunde mehr.
Der Elderstab hatte ihm nicht gehorcht, hatte sich gegen ihn gewandt.
Weshalb?
Die Erkenntnis traf sie mit der Gewalt eines Blitzschlags.
Snape!
War es möglich?
Sie hatte ihn sterben sehen. Die grässliche Szene stand ihr plötzlich wieder überdeutlich vor Augen. Nagini, der Angriff, Snapes zerfetzte Kehle, die Blutlache und dann der letzte Blick des sterbenden Mannes in Harrys Augen, bevor er ihm im Angesicht des Todes seine Erinnerungen überließ.
Er war tot, als sie die Heulende Hütte verlassen hatten, davon war sie felsenfest überzeugt gewesen.
Doch jetzt zweifelte sie.
Was, wenn auch dieses vermeintliche Sterben ein weiteres Puzzlestück in Dumbledores genialem und doch so grausamen Plan war.
Hermines Kehle schnürte sich schmerzhaft zusammen, als sie an Harrys Worte zurückdachte. "Er war immer auf unserer Seite, die ganze Zeit. Es war kein Mord. Dumbledore hat es von ihm verlangt. Er musste ihm schwören, ihn zu töten, wenn er ihn darum bat. Er hat nicht um sein Leben gefleht, damals ...", Harrys Stimme hatte versagt, zu erschüttert war er gewesen vom Einblick in Snapes Vergangenheit.
Und dann war er in den Wald gerannt und Hermine war sicher gewesen, ihn nie wieder zu sehen.
Doch er lebte und er hatte die Prophezeiung erfüllt!
Hermine kam wieder zu sich. Sie brauchte Gewissheit.
Im Rennen klärten sich ihre Gedanken. Snape hatte es gewusst, hatte gewusst, welches Schicksal Voldemort ihm zugedacht hatte und ganz sicher hatte er sich geschützt, hatte Vorkehrungen getroffen, um zu Überleben.
Die wenigen Zweige der Peitschenden Weide, die den Ansturm der Riesen überstanden hatten, hielten sie nicht lange auf. Sie kroch durch den engen Gang, stürmte die Treppe hinauf, stieß die Tür auf und blieb wie angewurzelt stehen.
Die Morgendämmerung fiel durch die schmutzigen Fenster und tauchte die gespenstische Szene in trübes Licht.
Sie hatte sich geirrt!
Der grauenvolle Anblick raubte ihr schlagartig alle Kraft. Keinen Millimeter hatte er sich bewegt. Er lag in genau der verkrampften Haltung dort am staubigen Boden, in der er gestorben war.
Die Enttäuschung versetzte ihr einen so heftigen Stich, dass ihr für einen Moment ganz schwindelig wurde. Der Raum verschwamm vor ihren Augen, machte einer Vision Platz.
Professor Snape, der drohend wie eine schwarze Wand vor ihr aufragte. Mit grausam funkelnden Augen blickte er auf sie hinab, die Lippen zu einem spöttischen Grinsen verzogen.
Was hätte sie nicht alles dafür gegeben, ihn noch einmal so zu erleben!
Sie konnte einen erschütterten Schluchzer nicht länger unterdrücken.
Was hatte sie denn erwartet?
Dass er auf dem Diwan saß und ihr kopfschüttelnd entgegensah?
"Natürlich, Miss Granger! Wer sonst hätte wohl so schnell die richtigen Schlüsse gezogen. Gratuliere!"
Langsam kam ihr Verstand zurück. Wie er dalag, so hilflos und verletzlich wirkte er. Er würde es hassen, dass ihn jemand so sah.
Langsam näherte sie sich ihm, sank neben ihm auf die Knie und griff nach dem Aufschlag seines Umhangs. Vorsichtig drapierte sie den weichen seidigen Stoff wie eine Decke über seinen starren Leib und strich ihm dann sanft das wirre Haar aus dem Gesicht.
Wie kalt er war!
"Danke!", flüsterte sie. "Danke für alles, Professor Snape!"

Die leise Stimme drang in sein Ohr, wanderte tiefer, traf ihn mitten ins Herz. Wann hatte ihm jemals ein Mensch gedankt?
Er schob den Gedanken beiseite. Also war es vollbracht! Sein Opfer war nicht vergebens gewesen. Tiefe Erleichterung durchflutete ihn und auch ein wenig Stolz. Er hatte "Ihn" überlistet, hatte geschafft, was niemandem sonst gelungen wäre und sie hatte es begriffen.
So klug, so begabt - nie hatte er ihr gezeigt, dass ihr Verstand ihn zutiefst beeindruckte. Jetzt war es zu spät!
Hermine Grangers Hand lag noch immer auf seinem Haar, doch er fühlte, dass sie sich anschickte, aufzustehen. Dieses eine Mal hatte ihr sonst so untrügliches Gespür sie im Stich gelassen. Sie hatte nicht bemerkt, dass noch ein Hauch Leben in ihm war, wenn auch kaum der Rede wert. Er war eben immer noch ein Meister der Verstellung und sein gelähmter Leib ließ keinerlei Zeichen einer Atmung erkennen.
Doch plötzlich zögerte sie. Etwas berührte sein Auge.
Wo zum Teufel kam diese Träne her?
"Sie leben!"
Fest und sicher klang ihre Stimme, da war keinerlei Zweifel.
"Merlin sei Dank!"
So viel Freude und Erleichterung lag in diesen Worten, dass er nicht anders konnte, als die Augen zu öffnen, doch wieder sah er nur sein eigenes Blut. Plötzlich verschwand es, ein Wärmezauber legte sich über ihn und dann schob sich eine Hand unter seine Wange, drehte behutsam seinen Kopf und er hätte vor Schmerz am liebsten geschrien.
Erschrocken keuchte Hermine auf. Sie sah die Qual in seinen Augen und ließ ihre Hand wieder sinken, zog sie jedoch nicht zurück, sodass seine Wange in ihrer Handfläche ruhte. Dann beugte sie sich tief zu ihm hinab. Die Wunde an seinem Hals war kaum noch zu sehen, aber sein Körper schien vollkommen steif, als wäre er gefroren.
"Können Sie sich überhaupt nicht bewegen?", fragte sie bestürzt.
Er schloss einmal kurz die Augen und sie begriff.
"Ich muss Hilfe holen. Irgendwer muss Ihnen doch helfen können?"
So unsicher hatte er ihre Stimme noch nie gehört und doch versetzten ihre Worte ihn in nackte Panik.
"Nein!", wollte er schreien, "nein, nein, nein, bitte nicht!"
Doch alles, was er tun konnte, war blinzeln und ihr flehend in die Augen sehen.
Hermines Kehle wurde eng. Dieser Blick sagte überdeutlich, was in ihm vorging. Nie hätte sie geglaubt, in diesen schwarzen, kalten Augen jemals eine Spur von Gefühl zu erkennen, doch jetzt war es pure Verzweiflung, die aus ihnen sprach. Und sie verstand ihn nur zu gut.
"Also, keine Hilfe?", fragte sie leise und er traute seinen Ohren kaum.
"Sie werden sterben", fuhr sie noch leiser fort und jetzt klang ihre Stimme so erstickt, als gehorche sie ihr kaum und doch zwang sie sich, weiterzusprechen.
"Sie wollen sterben, nicht wahr?"
Weinte sie etwa?
Er sah ihr fest in die braunen Augen und blinzelte einmal.
Sie presste die freie Hand auf den Mund, um ihr Schluchzen zu unterdrücken, doch ihre Tränen konnte sie nicht zurückhalten.
Sie weinte um ihn!
Ein völlig unbekanntes Gefühl durchströmte ihn mit einem Mal, wärmte ihn. Gab es wirklich jemanden, der mit ihm fühlte, ihn verstand?
Er betrachtete ihr junges Gesicht. Ganz ruhig war er plötzlich, alle Angst war verschwunden. Fast schien es Hermine, als lächelten seine Augen sie an, so sanft war sein Blick jetzt, voller Frieden.
"Sie wollten gar nicht überleben", flüsterte sie heiser.
Ganz sicher war sie sich. Das war also sein Plan gewesen.
"Nur lange genug, um Harry Zeit zu verschaffen."
Sie schluckte mühsam, wischte sich über die Wangen und fuhr dann mit festerer Stimme fort.
"Es ist vollbracht! Voldemort ist tot und alle Horkruxe sind vernichtet." Deutlich erkannte sie seine Erleichterung.
"Wir werden dafür sorgen, dass die ganze Welt erfährt, wessen Verdienst das in Wirklichkeit ist."
Für einen Moment verschwand der Kummer aus ihren Zügen, machte Genugtuung Platz, als sie weitersprach.
"Auch der Teufel musste es am Ende noch erfahren. Sein Zorn, seine schiere unbeherrschte Wut hat ihn das Leben gekostet. Er verlor die Beherrschung als es ihm Harry ins Gesicht sagte. Ich werde diese Worte nie mehr vergessen: Severus Snape war immer nur Dumbledores Mann, niemals deiner."
Ungläubig sah er sie an. Sie lächelte leicht und nickte.
"Und dann hat er den 'Avada Kedavra' auf Harry geschleudert, mit einer so unglaublichen Wucht, dass ich dachte, er müsse Harry zerfetzen. Aber Harrys 'Expelliarmus' hat ihm den Elderstab aus der Hand gerissen und dann hat er sich in der Luft gedreht und der Fluch ist auf Voldemort zurückgeprallt."
Sein Herz hämmerte mit einem Mal mit neu erwachter Kraft in seiner Brust. Ohne es zu wissen, hatte Potter ihm seinen größten Wunsch erfüllt. Wie sehr hatte er gehofft, der Dunkle Lord würde erfahren, dass er es gewesen war, der ihn all die Jahre hinters Licht geführt hatte, betrogen, verraten!
Alles hätte er dafür gegeben, in diesem Moment die verhasste Fratze zu sehen. Doch allein die Vorstellung war berauschend, machte alles Leid, alle Qual der letzten schrecklichen Jahre vergessen.
Für einen kurzen Augenblick kehrte das Strahlen in die schwarzen Augen zurück und Hermine hielt unwillkürlich den Atem an. Es durfte einfach nicht sein!
"Gibt es denn gar keine Möglichkeit, diese Lähmung zu heilen?"
Sie hatte die Frage nicht stellen wollen, nicht jetzt, in diesem für ihn so bedeutenden Moment, aber die Vorstellung an sein nahendes Ende machte jede Sekunde kostbar. Nur zu gut erinnerte sie sich an die qualvollen Tage, in denen Arthur Weasley um sein Leben kämpfte. Die Heiler hatten ihn nur retten können, weil man ihn durch Harrys Vision sofort nach Naginis Angriff gefunden hatte.
Snape dagegen lag schon seit Stunden hier. Hermine mochte gar nicht daran denken, welche Zerstörungen das Gift mittlerweile in seinem Nervensystem verursacht hatte.
Er blinzelte, zweimal diesmal und sah ihr fest in die Augen.
Plötzlich war er wieder da, dieser schreckliche Kloß in ihrem Hals. Erneut spürte sie die Tränen aufsteigen.
"Es ist nicht fair!"
Er sah sie nur an, doch auch seine Augen schimmerten feucht, liefen ganz langsam über.
"Wir haben Ihnen alle schrecklich unrecht getan. Es tut mir so leid!"
Sie schluchzte jetzt hemmungslos, doch es war ihr gleichgültig. Ihn weinen zu sehen, tat so unglaublich weh. Er konnte sich nicht wehren, nicht abwenden. War ihrem Blick hilflos ausgeliefert und trotzdem konnte sie nicht wegsehen. Noch näher rückte sie an ihn heran, legte auch die zweite Hand auf sein Gesicht und streichelte ihn so, dass er deutlich sehen konnte, was sie tat. Auch wenn er es vielleicht nicht fühlte.
Er zuckte nicht zurück, natürlich nicht, aber sie erkannte auch keine Abwehr in seinen Augen. Ein unergründlicher Ausdruck lag darin, den sie nicht zu deuten vermochte und doch ermutigte er sie zu ihren nächsten Worten.
"Ich möchte bei Ihnen bleiben, bis ...", sie biss sich auf die Lippen. "Darf ich?"
Er sollte nicht alleine sein, nicht alleine sterben.
Zögernd blinzelte er und plötzlich wusste sie, was sein Blick zu bedeuten hatte. Es war Dankbarkeit.
Niemals zuvor in ihrem Leben hatte sie sich so elend gefühlt, wie in diesem Moment. Sie wollte nicht, dass er starb.

Severus Snape las in ihren Augen wie in einem Buch und hätte sich am liebsten abgewandt. So blieb ihm nur, seine eigenen zu schließen und jeden Gedanken an die kleine Phiole in seinem Umhang beiseite zu schieben. Niemals durfte sie erfahren, wie leicht es gewesen wäre, sein Leben zumindest noch um einige Stunden zu verlängern. Aber er wollte es nicht, er wollte ein einziges Mal nur an sich selbst denken.
Naginis Biss hatte ihm die Möglichkeit geboten, auf die er schon so lange Zeit wartete. Sterben zu können, ohne selbst Hand an sich zu legen. Denn davor schreckte er zurück. Selbstmord war etwas, was er niemals in Erwägung gezogen hatte. Zu sehr ängstigte ihn der Gedanke, dadurch für immer verflucht zu sein und sein Ziel niemals zu erreichen.
Hermines sanfte Berührung drang wieder in sein Bewusstsein, lenkte ihn ab. Ganz deutlich fühlte er sie. Wie weich ihre Hände waren.
Er wollte ihr Gesicht wieder sehen, die Traurigkeit in ihren Augen, die ihm selbst und seinem Schicksal galt. Natürlich war es Mitleid, aber was war denn so schlimm daran?
Langsam hob er die Lider.
Sie zuckte zusammen, als habe diese winzige Bewegung sie aus tiefen Grübeleien gerissen. Woran hatte sie wohl gedacht, während ihre Finger so zärtlich über seine Wange strichen? An wen?
Da war sie wieder, seine alte Gehässigkeit. Was war er nur für ein Ekel, selbst in diesem jämmerlichen Zustand. Mit aller Macht drängte er den Zorn zurück. Scham trat an seine Stelle.
Hatte dieses Mädchen sich wirklich erboten, an seiner Seite auszuharren und sein Sterben zu begleiten?
Und wollte er das überhaupt? Er war sich über seine eigenen Gefühle nicht mehr im Klaren. Die Einsamkeit war all die Jahre sein Begleiter gewesen, kein geliebter aber ein zutiefst vertrauter. Und jetzt plötzlich war da ein Mensch an seiner Seite, der ihn berührte, nicht vor ihm zurückschreckte, ganz im Gegenteil. Wie gut das tat! Er hatte vollkommen vergessen, wie menschliche Nähe sich anfühlte.
Wie sie ihn ansah! So viel Anteilnahme und Verständnis, der tiefe, ehrliche Wunsch ihm beizustehen, egal, was sie selbst dabei empfand. Was für eine tapfere junge Frau sie war!
Aber durfte er dieses Geschenk annehmen, durfte er so egoistisch sein?
Er wollte sie wegschicken. Tief im Herzen konnte Hermine es fühlen.
Sie schüttelte fast unmerklich den Kopf. "Es bedeutet mir viel, Professor Snape. Bitte lassen Sie mich bleiben."
Sie sah, wie er mühsam schluckte, zu sprechen versuchte. Es gelang ihm nicht, aber seine Augen verengten sich vor Schmerz.
"Scht!", vorsichtig verstärkte sie den Druck ihrer Hände, hielt seinen Kopf fest. "Nicht sprechen."
Die Flammen erloschen. Er konnte ihr Gesicht wieder deutlich sehen. Ihr Griff, sanft und kräftig zugleich, hatte das Feuer vertrieben.
Wenn er ihr nur danken könnte! Nichts schien ihm in diesem Moment wichtiger, als dieses kleine Wort, das er seit unzähligen Jahren nicht mehr ausgesprochen hatte. Warum nur gehorchte ihm seine Stimme nicht.
Hermine erkannte seinen inneren Kampf genau und kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. Er wollte ihr etwas sagen.
Plötzlich stand ihr die Lösung vor Augen. So einfach, dass es sie selbst verblüffte. "A", sagte sie, "B", "C", "D".
Ein Blinzeln.
"D?", wiederholte sie fragend.
Er blinzelte wieder und Hermine nickte.
"A", begann sie erneut.
Blinzeln.
"Da", ein Knoten bildete sich in Hermines Brust.
"N?", fragte sie leise. "K?" und "E?"
Snape ließ sie nicht aus den Augen, blinzelte nur bei jedem der drei restlichen Buchstaben kurz. Ihr Mienenspiel verriet ganz deutlich wie erschüttert sie war.
Er beobachtete sie fasziniert. Die Hand an seiner Wange zitterte leicht. Ob sie die andere überhaupt noch spürte? So lange schon lag sein Kopf darauf. Ihre Lippen bebten verdächtig.
"Sie dummer Mann", flüsterte sie erstickt, "haben Sie nichts Wichtigeres zu sagen?"
Er blinzelte, zweimal diesmal. Deutlicher konnte er ihr nicht zu verstehen geben, was er empfand.
Ihr Gesicht kam näher. Was hatte sie vor?
Er fühlte ihre Lippen auf seiner Stirn und dann ihre Wange an seiner. Ihre heißen Tränen benetzten sein Haut.
"Ich will nicht, dass Sie sterben, Severus Snape", hauchte sie ganz nah an seinem Ohr und plötzlich wollte auch er nur noch leben.
Doch noch im selben Moment schalt er sich selbst einen Narren für diesen törichten Gedanken. Es war zu spät! Viel zu lange schon, pulsierte das Gift in seinen Adern. Die Lähmung würde nicht mehr verschwinden und ein Leben als Krüppel war das Letzte, wonach er sich sehnte.
Zögernd setzte sich Hermine wieder auf.
"Es tut mir leid, Professor." Sie sah beschämt zu Boden, eine leichte Röte überzog ihre Wangen.
"Es war nicht richtig von mir, das zu sagen. Es muss grauenvoll sein, sich nicht bewegen zu können. Ich hätt' nur so gern", jetzt blickte sie auf und sah ihm fest in die Augen, "den Menschen hinter der Maske kennengelernt."
Sie lächelte ihn an, versuchte es zumindest und sah dabei so traurig aus, dass der Anblick ihm einen schmerzhaften Stich in der Brust versetzte.
Oder - war es das Gift?
Waren tatsächlich schon sechs Stunden vergangen oder hatte er sich auch bei der Dosierung des Gegengiftes geirrt?
Er horchte in sich hinein. Versuchte verzweifelt, die grässliche Angst zu unterdrücken, die ihn plötzlich erfasste, innerlich schlottern ließ.
Würde er sterben? Jetzt und hier, ohne einen letzten Blick auf das geliebte Gesicht?
Die Sehnsucht flammte so heftig in ihm auf, dass er sie kaum ertrug. Er wollte fort von diesem grässlichen Ort.
Plötzlich waren die streichelnden Hände wieder da und eine Stimme, sanft und beruhigend, vertrieb die schreckliche Furcht.
Nein, noch war es nicht so weit, noch lebte er und vielleicht würde sie ihm helfen, dorthin zu kommen, wohin es ihn mit jeder Faser seines Herzens zog.
Er blickte sie an, so intensiv wie niemals zuvor.
Sie nickte leicht und begann wieder, das Alphabet aufzusagen und ihm schossen vor Erleichterung einmal mehr die Tränen in die Augen. Natürlich bemerkte sie es und sprach doch fest und beherrscht weiter.
"P" Endlich, er blinzelte.
Sofort begann sie von Neuem, erreichte das "O" und ihr Verstand erkannte schon jetzt die Lösung.
"Portschlüssel", stieß sie aufgeregt hervor. "Was ist es? A".
Ein Blinzeln.
Der zweite, ein "M" und wieder drehten sich die Rädchen in Hermines Kopf, formten ein Wort und sie sprach es aus.
"Amulett?"
Wenn er sie nur hätte umarmen können, er hätte es ohne zu zögern getan. Dieses Mädchen hatte ihm wahrlich der Himmel geschickt.
Sie griff nach der Hand, die seiner Brust am nächsten lag, löste sacht einen Finger und sah ihn besorgt an.
Ja, es schmerzte, aber das war gleichgültig. So stark war die Hoffnung jetzt, dass er alle Qualen der Welt ohne mit der Wimper zu zucken ertragen hätte.
In diesem Moment polterte es vor der Tür und nur einen Augenblick später stand ein Mann im Raum.
Potter!
Hermine zögerte keine Sekunde. Sie schlug seinen Umhang beiseite. Er trug die Kette über seiner Weste, griffbereit und sie packte seine Hand und schloss sie darum.
Ihre eigene lag fest darüber.
Und die Welt um sie herum verschwand im Nebel.
Harrys panischer Aufschrei: "Hermine, nein!", hallte ihnen noch in den Ohren, als sie längst weit, weit fort waren.