Kapitel 2

Er war froh, dass sie ihn nicht länger beachtete, weil er nicht wegschauen konnte. Er war von ihrem Lachen und ihren hellen, blitzenden Augen fasziniert. Sie ist hinreißend, wenn sie lächelt, dachte er. Und ich habe seit einer Ewigkeit kein so aufrichtiges Lachen gehört. Ich kann nicht fassen, dass ich das Schicksal dafür verfluchte, sie neben mich zu setzen. Ich hätte mich bei meinem Glücksstern bedanken sollen.

„Doch!" sagte sie. „Wir werden hier gerade vom Gate weggezogen und ich muss mein Handy ausschalten – Jay-Jay, ich bin froh, dass ich dich erwischt habe – Ja, ich bin endlich auf dem Heimweg. Gott sei Dank, ich habs geschafft – Ich erzähle es dir später. Küss Jasper für mich. Und küss Charles – Amüsiere dich!"

Sie beendete das Gespräch und bemerkte, dass Mr. Groß-dunkel-und-finster-Dreinschauer sie anstarrte. Ich frage mich, was ich jetzt getan habe, um seine Missbilligung zu verdienen, dachte sie bei sich. Ich nehme an, mein einseitiges Gespräch muss ein wenig seltsam geklungen haben. Laut sagte sie: „Ich denke, ich kann Ihre Gedanken erraten."

„Ich denke mal, nein", sagte er mit einiger Besorgnis. Er fühlte, wie seine Ohrenspitzen rot wurden. Die Frau hatte bisher eine unheimliche Fähigkeit gezeigt, seine Gedanken zu lesen, aber sie konnte unmöglich wissen, dass er daran gedacht hatte, ihr Haar aus ihrer Hochsteckfrisur (*1) zu lösen und sie besinnungslos zu küssen.

„Sie denken vermutlich, ich muss in einer Art Hippie-Kommune mit freier Liebe leben", sagte sie frech.

„Äh, ähm", stammelte er. Denk nach, Will, schalt er sich. Und nicht über freie Liebe! Sie neckt dich, also necke sie zurück. Du weißt schon, Flirt-Geplänkel. Du hast nicht vergessen, wie das geht, oder? „Ich vermute, Sie tragen ein Flower-Power T-Shirt unter dieser Corporate Verkleidung", sagte er schließlich mit erhobener Augenbraue.

Sie lachte wieder und der Ton hob seine Stimmung noch etwas mehr. „Nein, eigentlich habe ich es in mein Handgepäck gestopft."

„Also ist J.J. Ihr Freund?" fragte er.

„Was?" sagte sie. „Oh nein, das ist mein Kosename für meine Schwester Jane. Und bevor Sie fragen, Charles ist ihr Freund und Jasper ist mein Kater. Jane hat sich um ihn gekümmert, während ich weg war – aber sie füttert ihn nur, sie redet nicht wirklich mit ihm. Jane und ich teilen uns ein Haus – zumindest bis sie nächsten Monat bei Charles einzieht. Dann werden nur noch Jasper und ich übrig sein."

„Oh", sagte er.

„Also", erwiderte sie, „wenn Sie nicht an meine skandalösen Wohnverhältnisse gedacht haben, woran dann?"

„Ähm, na ja", stammelte er wieder. „Ich – ich habe ihr Handy betrachtet." Es war nicht die ganze Wahrheit, aber es war auch keine Lüge. Er hatte ihr Handy bemerkt. Es war ein Pemberley GT 1000, eine Kombination aus Handy, PDA und Pager, und das erste Produkt, das von seiner Firma, Pemberley Inc., ausgeliefert worden war. (*2) Auch wenn dieses Modell schon fast drei Jahre auf dem Markt war, war es für ihn immer noch ein kleiner Nervenkitzel zu sehen, wie es echte Menschen benutzten, sozusagen in freier Wildbahn.

Er und sein Vater hatten das Unternehmen gegründet, nachdem er seinen MBA abgeschlossen hatte. Sein Vater, der seine berufliche Karriere bei AT & T verbrachte hatte, wollte sich an einem Start-up versuchen. Sie hatten lange Tage gearbeitet, aber es war spannend gewesen und hatte Spaß gemacht. Zum ersten Mal seit dem Tod seiner Mutter schien sein Vater wieder zu seinem alten, energischen Selbst gefunden zu haben. Er war froh, dass sein Vater den Start des GT 1000 erlebt hatte, und traurig, dass er beim Börsengang nicht mehr dabei gewesen war.

Dieser Meilenstein war in der Tat gerade in der vergangenen Woche erreicht worden. Er erinnerte sich, wie er und sein Vater die ersten Schriftstücke bei der Börsenaufsichtsbehörde SEC eingereicht hatten. Sein Vater hatte eine Flasche Champagner geöffnet und sogar Georgie einen kleinen Schluck trinken lassen. Aber das Timing war nicht gut gewesen. Bevor sie das Unternehmen an die Börse bringen konnten, nahm der Markt eine Wende zum Schlechteren und Technologie- und Telefon-Aktien waren besonders hart getroffen. Dann starb sein Vater und ließ ihn mit einem angeschlagenen Unternehmen und einer Schwester im Highschool Alter zurück, um die er sich kümmern musste.

Es waren ein paar harte Jahre gewesen. Er hatte pausenlos gearbeitet, vor allem in den letzten paar Monaten. Aber die Dinge hatten sich gebessert. Georgie hatte die Highschool abgeschlossen und war jetzt in Europa bei ihrer Cousine Anne. Er hatte den Börsengang erfolgreich durchgeführt. Und er wollte heiraten. Dieser letzte Gedanke brachte ihn wieder auf die Erde zurück.

„Oh", sagte sie glücklich, ohne sich der ernsten Wendung seiner Gedanken bewusst zu sein. „Sie haben mein Pembie bemerkt."

„Ihr Pembie? So nennen Sie es?"

„Ja, gut, die volle Bezeichnung ist Pemberley GT 1000", sagte sie und hielt es ihm zur Begutachtung hin.

„Ja, ich weiß", sagte er. „Ich habe ein GT 3000."

„Ein 3000! Wirklich? Einige meiner Arbeitskollegen haben ein 2000. Ich war ein ‚Early Adopter', daher habe ich auf das 3000 gewartet, bevor ich ein Upgrade mache. Ich habe darüber gelesen, aber ich wusste gar nicht, dass es schon auf dem Markt ist. Kann ich es sehen?"

Er lächelte über ihre Begeisterung. Er nahm sein Handy aus der Innentasche seines Jacketts und gab es ihr. „Dies ist eine Beta-Version. Sie liefern es offiziell noch nicht vor nächsten Monat aus."

„Oooh! Es ist so klein!" rief sie. Sie untersuchte es sorgfältig wie ein Kind, das ein Weihnachtsgeschenk anschaut. Dann begann sie ihn mit Fragen über seine Funktionen zu löchern. Es gab nichts, was er lieber tat, als über das neueste Produkt seiner Firma zu reden, und er ging bereitwillig auf alles ein und noch mehr. Bald waren sie tief in einer Diskussion, die Köpfe gemeinsam über das Gerät gebeugt.

„Nun, Mr. Wie-auch-immer-Ihr-Name-ist", sagte sie schließlich. „Ich gestehe ihnen etwas zu. Sie wissen bestimmt über Ihre Pembies Bescheid."

Dazu schmunzelte er. „Will Darcy."

Wow, dachte sie. Er sollte öfters so lächeln. Er sieht gut aus, wenn er gerade am Grübeln ist, so Heathcliff artig, aber wenn er lächelt, ist er unschlagbar. (*3)

„Lizzie Bennet", antwortete sie und schüttelte die Hand, die er anbot.

„Freut mich, dich kennenzulernen", sagte er.


(*1) Im Original: French twist, Anleitungen dafür gibt es bei YouTube.

(*2) Die Beschreibung klingt heute nicht mehr so aufregend. Die Geschichte wurde aber im Jahr 2003 geschrieben. Das iPhone gibt es erst seit 2007.

(*3) Heathcliff: Hauptperson im Roman ‚Wuthering Heights' der englischen Schriftstellerin Emily Brontë