Kapitel 2
„… es war eine Entscheidung, die er unmöglich treffen konnte. Nicht hier an diesem Ort, und vor allem nicht, wenn sie ihm dabei zusah. Es kam ihm so vor, als würde sich alles auf diesen einen Augenblick beschränken. Es war völlig egal, was vorher passiert war. Und er öffnete den Mund, nur um festzustellen, dass er keinen Ton rausbringen konnte, so trocken war seine Kehle plötzlich." Er machte eine Pause und warf einen knappen Blick in die Runde. Er war zuerst nicht besonders begeistert gewesen, echte Lesungen zu halten.
Lesungen, wo zwanzig Hexen dicht gedrängt zu seinen Füßen saßen und ihm mit offenem Mund zuhörten. Aber mittlerweile musste er zugeben… es war nicht schlecht. Sie hingen an seinen Lippen, erwarteten die nächsten Worte voller Ungeduld und er versuchte hinter den Worten, die er vor über zwei Monaten zu Papier gebracht hatte, noch irgendetwas anderes festzustellen, als ein Übermaß an Fantasie.
„Aber er sprach. Er sprach die folgenden Worte, voller Überzeugung. „Ich werde nicht ohne sie gehen! Ich gehe nicht ohne diese Muggel!" Alec musste in ihr Gesicht blicken, er konnte nicht anders." Die Hexen seufzten auf. Es war eine zentrale Stelle seines Buches, bei der er sich dafür entschieden hatte, dass sein tragischer Held sein Schlammblut mit nahm, damit es nicht gefoltert werden würde. Es war der Wendepunkt der Geschichte, in dem sein Held schließlich auf die andere Seite übertrat und ebenfalls ein Gejagter wurde.
Er horchte in sich. War das etwa das Wunschdenken, von dem Pansy sprach? Hatte er die Seiten wechseln wollen? Wohl eher nicht. Hatte er mit einem Schlammblut fliehen wollen? Hatte er sein Leben für jemanden riskieren wollen, der politisch auf so einer schlechten Seite gestanden hatte? Und hatte er mit nur einer Faser seines Körpers an das Schlammblut Granger gedacht?
Nein.
„Es war ein bitterer Gedanke, dass sie nicht wusste, wer er wirklich war, und was er wirklich für sie fühlte. Er wusste nur, dass sie ihn immer noch hasste. Aber immerhin kannte sie jetzt seinen Namen", beendete er die Lesung und klappte das Buch zu, das er nun schon so oft in der Hand gehalten hatte.
Die Hexen klatschten so laut und enthusiastisch, als hätte er soeben erklärt, dass er ein Mittel gegen die Drachenpocken gefunden hatte. Seltsam, wie Fiktion die Menschen in ihren Bann ziehen konnte, überlegte er.
„Ich danke Ihnen", sagte er und wünschte sich, schnell wieder verschwinden zu können. Aber er hatte nicht nur zugesagt, ein Kapitel zu lesen, er hatte auch bestätigt, Autogramme zu geben und Fragen zu beantworten. Lästige Fragen. Die Autogrammstunde kam ihm vor, wie das Abzeichnen der Strafarbeiten in der Schule früher. Alle Hexen standen in einer Schlange und warteten auf seine Unterschrift.
„Sagen Sie, Mr Malfoy, woher haben Sie alle Ideen genommen? War es wirklich aus ihrer Erinnerung? Sind Sie der heimliche Alec?", fragte eine rothaarige, etwas fülligere, Hexe gespannt und ihre Augen verschlangen ihn förmlich. Er musste sich zwingen, zu lächeln.
„Nein, ich bin nicht Alec", erklärte er und fühlte sich unwohl. Es gefiel ihm, dass Frauen einen weiten Weg unternahmen, nur um ihn lesen zu hören, oder ihn anzusehen, oder sein Autogramm zu holen. Es war beinahe absurd, fand er.
So viel Aufmerksamkeit hatte nämlich nicht mal Potter bekommen. Nicht, dass er besonders viel darüber nachdachte.
„Wissen Sie, dass Sie ein aufstrebender Autor sind? Und so gutaussehend", bemerkte jetzt eine ältere Hexe und streckte ihm eine Ausgabe seines Buchs entgegen, damit er sie unterzeichnen konnte.
„Ich wusste gar nicht, dass du so eine hervorragende Vorstellung von Gut und Böse hast, Draco", sagte eine Person, die er tatsächlich erkannte. Luna Lovegood trug ein allgegenwärtiges und erhabenes Lächeln zur Schau und legte ihr Buch ebenfalls vor ihn. Er unterzeichnete es, nach einer Sekunde des Zögerns und gab es ihr zurück.
„Danke", sagte er, auch wenn er genau wusste, dass es kein Kompliment war. Die Hexen betrachteten Luna, wie ein feindliches Objekt.
„Weißt du, ich lese das Buch nur, weil mir die Vorstellung gefällt, dass du in Hermine Granger verliebt bist." Sie hatte die Stimme nur um ein Weniges gesenkt. Sofort war er alarmbereit. Er lächelte ein freudloses Lächeln, während er sprach.
„Es tut mir leid, dass Sie das Buch unter dieser Vorstellung lesen. Das war niemals meine Absicht. Die Charaktere in diesem Buch stehen in keinem Zusammenhang zu lebenden Personen", klärte er sie kühl auf. Aber erstaunlicherweise lächelte sie immer noch.
„Sicher, das mag sein. Aber du hast dich auf Seite fünfunddreißig doch selber verraten, Malfoy." Seite fünfunddreißig? Sein Verstand raste. Er hatte keine Ahnung, was auf dieser Seite stand, aber Luna Lovegood war ja auch verrückt. Wahrscheinlich betrachtete sie alles als geheime Verschwörung. Er lächelte also immer noch.
„Danke, dass Sie den Weg auf sich genommen haben."
„Es ist ein gutes Buch. Eine schöne Entschuldigung", fügte sie hinzu und er wollte am liebsten schreien und erklären, dass er es veröffentlicht hatte, um sich ein Bett aus Gold zu kaufen. Er konnte sich eine verfluchte Stadt aus Gold kaufen. Es war nur finanzielle Unterstützung, die er nicht nötig hatte. Es interessierte ihn nicht, was irgendjemand in die Geschichte hinein interpretierte, zur Hölle noch mal! Und entschuldigen wollte er sich bei keinem. Bei absolut niemandem.
Aber er schwieg. Luna Lovegood verschwand so lautlos, wie sie gekommen war.
„Hermine Granger? Die Hermine Granger?", fragte eine weitere Hexe und einige begannen zu tuscheln. „So kann man es natürlich auslegen", fügte sie hinzu und warf ihm einen unsicheren Blick zu. Er beschloss, nicht weiter darauf einzugehen und unterschrieb die nächsten zwanzig Exemplare, ohne sich seinen Zorn anmerken zu lassen. Man konnte nichts veröffentlichen, ohne dass irgendwelche Idioten irgendetwas hinein interpretierten.
Sie hatte zwar nicht vor, das Buch zu lesen, aber sie hatte es auch nicht im Regen liegen lassen wollen. Dazu war das Papier nun doch zu schade. Und Hagrid hatte immerhin siebzehn Galleonen und fünfundzwanzig Knuts für diesen Schund ausgegeben. Das jedenfalls entnahm sie dem Text auf der Rückseite des Buches.
Ein winziges Bild prangte neben dem Klappentext, auf dem ihr Draco Malfoy einen überlegenen Blick zuwarf. Seine Haare wirkten wie Gold und der Malfoy auf dem kleinen Bild, schien gerne betrachtet zu werden. Sie zwang sich, den Text durchzulesen.
Sie konnte nicht verhindern, die Augen nach jedem Absatz zu verdrehen.
„Der junge Alec Duvall unterliegt der Bürde, ein Todesser zu sein. Durch Zufall greifen die Todesser eine Gruppe an Muggeln auf. Darunter befindet sich Paige Lemore, eine Verfechterin der Muggelgesetze, die keine Angst hat, sich zu stellen. Sie scheint der Grund zu sein, den Alec braucht, um das Regime der Todesser zu verlassen – nur kann er das seiner Gefangenen nicht verraten. Er muss sie in dem Glauben lassen, dass er genauso zu sein scheint, wie all die anderen, damit nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf sie fällt…"
„Eine beeindruckende Liebesgeschichte aus der Feder eines ehemaligen Todessers Widerwillens", schrieb der Tagesprophet. Grimmig las sie die Rezensionen. Widerwillen, dass sie nicht lachte! Das wäre ja was ganz neues.
„Die Geschichte zweier Menschen, die unterschiedlicher nicht sein können und die durch die Zeiten der Not so eng zusammen gebracht werden, dass der Leser das Kribbeln in den Fingern mit jeder Seite mehr zu spüren bekommt", so die Hexenwoche. Sie spürte, wie ihre Laune weiter sank.
„D.L. Malfoy gelingt das perfekte Zusammenspiel zwischen grenzenlosem Hass und der feinen Linie zur grenzenlosen Liebe, die unabwendbar und völlig ohne Zweifel über der Geschichte zu schweben scheint. Der Leser ist gefangen. Vom ersten Wort bis zum allerletzten." Es war doch unmöglich, dass sogar das Magische Autoren Komitee so löbliche Worte fand!
Die Geschichte war abgedroschen, weit hergeholt und so unrealistisch, dass sie lieber ihr Tagespropheten Abo aufgeben würde, um nur noch den Klitterer zu lesen. Sie konnte nicht begreifen, wie erwachsene, rationale und kluge Menschen wirklich dieses Buch lesen konnten, und am Ende nicht wenigstens zugaben, dass sie es nur gelesen hatten, weil der Autor eine bekannte Persönlichkeit Londons war. Eine Persönlichkeit, die nicht wider besseren Wissen Menschen gefoltert hatte, nein. Das Buch war ein Buch, geschrieben von einem Todesser, der Lügen über eine Zeit erfand, die man nicht mit Worten schöner schreiben konnte.
Es war unmöglich. Eine Liebesgeschichte in dieser düsteren Zeit war… es war nicht möglich. Und sie war sich sicher, alle Todesser, die noch übrig waren – versteckt und verkrochen – würden sich eher die Finger abhacken, als auch nur eine Seite von diesem Schwachsinn zu lesen.
Sie klappte das Buch auf. Mit angespannter Miene las sie die erste Seite.
Malfoy begann die Geschichte aus der Perspektive der Muggel. Wie hieß sie? Paige?
„… sie verweilten nicht lange an einem Ort, denn kein Ort auf der Welt war noch sicher. Das Gefühl der Geborgenheit und der Ruhe stellte sich nicht mehr ein. Hätte sie jemand gefragt, wann sie das letzte Mal ohne Angst und dem Druck der nagenden Zeit im Nacken aufgewacht war, dann wüsste sie darauf keine Antwort-"
Sie zwang sich, das Buch wieder zuzuklappen. Sie würde niemals – so gern sie auch las – ihren Geist mit diesem Schund füttern. Sie würde niemals so weit sinken und ein Buch lesen, was aus der Feder eines Todessers stammte. Konnte man ihm auch nichts mehr nachweisen. Sie kam sich vor, als würde sie sich selber verraten, würde sie sich auch nur gestatten, die erste Seite zu Ende zu lesen.
Es war ihr zuwider.
„Hermine, hier bist du. Ist Ginny schon weg?", erkundigte sich Harry, und schien gerade von der Arbeit gekommen zu sein. Sein Umhang stand nur vor Dreck und winzige Kratzer zierten sein Gesicht. Er wirkte müde, aber durchaus zufrieden. Sein Bick fiel auf das Buch in ihrer Hand und er verdrehte die Augen, genauso wie sie es tat. „Du wirst mir doch nicht auch Passagen aus diesem Frauenroman vorlesen, oder?", drohte er spöttisch und sie seufzte auf.
„Nein, ganz bestimmt nicht."
„Liest du das etwa? Hat Ginny dich wirklich überzeugt? Sie hat mir gestern noch gesagt, dass du so stur seist", bemerkte er. Sie warf das Buch achtlos in ihre Tasche und schüttelte den Kopf.
„Hagrid hat es hier gelassen. Ich werde es bestimmt nicht lesen und bin beruhigt, dass du es auch nicht gelesen hast." Harrys Lächeln verblasste etwas und wich einem schuldbewussten Ausdruck.
„Ginny behauptet, ich würde auf große Literatur verzichten, weil zwischen mir und Malfoy eine lächerliche Fehde sei." Er war wohl beleidigt über Ginnys Wortwahl, fiel Hermine auf.
„Na und? Ich denke nicht, dass es uns schaden wird, ein dämliches Bestseller Buch nicht gelesen zu haben. Heutzutage wird immer mehr Quatsch als gute Literatur bezeichnet, findest du nicht?" Er zuckte die Achseln.
„Ich würde nicht mit Ron anfangen zu diskutieren, wenn ich du wäre. Er hat eine Hassliebe zu diesem Buch entwickelt." Sie hatte schon einige Zeit nicht mehr mit Ron gesprochen, weil er und George so beschäftigt waren, die Bestellungen des Ministeriums zur rechten Zeit zu liefern und im Moment sehr gefragt waren.
Kleine Verbrechen häuften sich zurzeit. Es ging nur darum, Muggel zu ärgern, nahm sie an, dennoch brauchte das Ministerium sehr schnell Mittel und Wege, die Muggel von der Zaubererwelt fernzuhalten und Weasleys zauberhafte Zauberscherze vertrieb zurzeit eine Menge an Verschleierungszaubern in alternativer Form.
„Hassliebe? Das halte ich für unmöglich." Harry lachte auf.
„Doch, Hermine. Er schleppt es mit sich rum wie eine Bibel. Ich sage dir, er hält auf einmal die große Liebe für möglich und versteht die tragische Rolle eines Todessers. Dann erinnert er sich wieder daran, wer das Buch geschrieben hat und rührt es für zwei Tage nicht an. Nur um wieder damit anzufangen. Er und Ginny machen mich mit ihrem Malfoy Duett noch wahnsinnig." Sie musste grinsen. Es war ziemlich bezeichnend, dass Ron sich in einem Zwiespalt befand.
Sie wusste, das Buch war es nicht wert, gelesen zu werden. Aber wenn sogar Ron hin und her gerissen war, vielleicht sollte sie dann einmal drüber lesen. Wahrscheinlich würde sie das nicht tun, weil sie bestimmt wahnsinnig werden würde, aber… alleine, um Ron haarklein zu erklären, weshalb dieses Buch so großer Unsinn war, würde es sich lohnen hinter die feindlichen Linien zu gehen und das Buch zu kennen.
„Ich bin froh, dass du noch normal bist. Aber ich bin sicher, nächsten Monat gibt es ein neues, blödes Buch über das die magische Welt philosophieren kann", sagte sie schließlich. Er nickte.
„Gehst du noch zu Cormac, oder sprecht ihr immer noch nicht?" Harry klang nicht allzu traurig darüber. Hermine wusste nicht, wie lange sie es noch mit Cormac aushalten würde. Sie stritten sich immer wieder über blöde Kleinigkeiten. Wahrscheinlich ging es nie wirklich um den Müll, das Abendessen oder Geld. Wahrscheinlich ging es darum, dass sie sich auseinander gelebt hatten.
Weder Harry, noch Ron, noch Ginny konnten Cormac leiden, und wenn Hermine ehrlich war, dann wusste sie selber nicht mehr ganz genau, was es nun genau gewesen war, dass sie für Cormac begeistert hatte. Er war sehr direkt gewesen, ein angenehmer Gesprächspartner. Mittlerweile sprachen sie kaum noch und ihr graute davor wieder ihre Sexdiskussion zu führen. Eigentlich hatte sie schon keine Lust mehr nach Hause zu gehen. Aber eine dreijährige Beziehung brauchte vielleicht manchmal ein bisschen Arbeit.
Manchmal auch ein bisschen mehr, als man sich selber eingestehen wollte.
