Sonea fror. Auf einmal spürte sie etwas Warmes an ihrer Wange und vernahm eine leise, besorgte Männerstimme, die etwas murmelte. ''...jetzt schon seit zwei Tagen bewusstlos...gewiss nicht normal...Sorgen...keine Möglichkeit sie zu wecken...reagiert nicht...''.

Sie öffnete ihre Augen einen kleinen Spalt weit und machte eine, in einem scheußlichen Zartgrün gestrichene, Decke über sich aus. Unter ihrem Rücken spürte sie ein hartes Krankenbett. Dünne Decken waren um ihren Körper herum festgesteckt. Das sieht ja aus wie…als wäre ich in den…die Heilerquartiere! Wie um alles in der Welt bin ich da hingekommen und wessen Hände halten meine schlanken Finger da so besitzergreifend fest?

Sonea wusste, dass es, wenn sie einmal nach zu denken begann, es vorbei war mit der Ruhe und der Einsamkeit und war versucht die Augen wieder zu schließen und so in die Wärme und Weichheit der Bewusstlosigkeit zurück zu sinken. Aber da schlich sich ein Bild in ihre Gedanken. Eine Erinnerung. Ein schlanker, hoch gewachsener Mann, in schwarze Roben gewandet.

Etwas packte ihre Arme in eisernem Griff und zog sie auf die Knie. Schmerz schoss durch ihr linkes Bein. Der Mann lag in einer Blutlache auf den Marmorstufen der Universität. Seine langen bleichen Finger umklammerten ein reich verziertes Messer. Es steckte tief in seiner Brust. Der Blick aus den dunklen Augen traf sie und dann erschlaffte sein Körper.

Akkarin! Entsetzt stieß Sonea einen verzweifelten Schrei aus und fuhr mit rasendem Herzen in die Höhe. "Sonea, du bist wach! Du bist endlich wach!!", rief jemand laut. Sie hörte etwas laut zu Boden stürzen, zerbrechen und dann wurde sie so stürmisch umarmt, dass das wackelige Bett unter ihr ob des neuen Gewichts bedenklich knarrte, und sie überrumpelt zurück in die klumpigen Kissen fiel. Dorrien. Er hielt sie so fest an sich gedrückt, dass sie nur mit Mühe ächzen konnte: "Dorrien...Keine...Luft...".

Erschreckt wich dieser von ihr zurück, ließ sie los und musterte sie gleichsam erfreut wie besorgt. Als er sah, dass es ihr einigermaßen gut ging wollte er schon den Mund öffnen und sie wieder umarmen, doch eine ruhige Stimme sagte: "Lasst sie doch erst einmal zu Atem kommen!" Sonea drehte sich nach der Quelle der Stimme um und erkannte Lady Vinara, die steif neben dem Fenster an der Mauer stand.

"Was...wo...was ist geschehen?", fragte Sonea zögerlich, so als traute sie ihrer Stimme nicht so ganz. "Ihr habt euch völlig erschöpft und das gesamte Ausmaß eurer Kräfte auf einmal als ganzes aufgebraucht und euch nicht um die Auswirkungen Folgen gekümmert, die dieses unüberlegte Handeln auf euren Körber hatte.", erwiderte Lady Vinara mahnend. "Ihr seid völlig erschöpft zusammen gebrochen, habt kaum mehr geatmet und seid erst jetzt wieder aufgewacht. Vermutlich wird sich euer Körper erst in einer Woche völlig erholt haben.", meinte sie.

Unüberlegtes Handeln? Was sollte denn das heißen? Ich habe doch nur versucht Akkarin zu retten...Verwirrt blickte sie in Vinaras ziemlich unfreundlich blickendes Gesicht. ...Akkarin! Wo ist er? Wie geht es ihm? Lebe er? Habe ich ihn retten können? Unzählige Fragen schossen ihr durch den Kopf und ihre Sorgen um Akkarin verschlimmerten sich mit jeder mehr. Ich muss zu ihm! "...Und ihr dürft frühestens in einigen Tagen aufstehen!", fügte Vinara missbilligend hinzu, als Sonea sofort Anstalten machte, aus dem Bett zu steigen.

Verzweifelt sank diese wieder in die Kissen und Decken zurück. Sie wusste, dass es keinen Zweck hatte, Vinara jetzt zu widersprechen. Das Oberhaupt der Heiler würde sie vielleicht sogar mit Magie ans Bett binden, wenn sie jetzt nicht gefügig war. Ihre Angst um Akkarin machte sie fast blind und taub für alles andere, doch mit einigem Erstaunen hatte Sonea vernommen, dass das Oberhaupt der Heiler sie jetzt mit 'euch' ansprach, beschloss aber, das vorerst auf sich beruhen zu lassen. Wieder blitzte ein Bild vor ihrem Inneren Auge auf. Blut, viel zu viel Blut.

Es ergoss sich Auf ihre Roben, bedeckte ihre Hände... Akkarins Blut. Sonea öffnete erneut den Mund, aber Vinara schüttelte den Kopf und meinte streng: "Ihr müsst euch jetzt schonen, schlaft! In einer Stunde wird man euch etwas zu essen bringen. In einer Woche ist, eine Stunde vor Sonnenuntergang, eine Versammlung der Magier in der Gildehalle angesetzt. Auch ihr seid dazu geladen und müsst dort erscheinen." Danach ist das Begräbnis.

Begräbnis? Schock durchfuhr Soneas ganzen Körper als sie unwillkürlich an das eine dachte, was nicht sein durfte. Lady Vinara drehte sich um, fasste Dorrien am Arm und komplimentierte ihn etwas unsanft auf den Gang hinaus. "Wartet! Halt! Welches Begräbnis? Wo ist... was ist mit...", wollte Sonea verzweifelt wissen, doch Vinara sagt ungerührt: "Schlaft. Ab Morgen dürft ihr Besuch bekommen. Natürlich nichts, was euch zu sehr aufregt!". Sonea sah kurz Dorriens entschuldigendes Lächeln, dann schlug die Tür laut hinter den beiden zu. Blitzschnell dachte Sonea nach. Sie würde bestimmt nicht hier liegen bleiben und bis Morgen warten - oder noch länger -, geschweige denn, schlafen! Also fasste sie schnell einen Entschluss.

Sonea musste wissen, was mit Akkarin geschehen war! Sie klammerte sich an der Bettkante fest, setzte sich mühevoll aufrecht hin und stellte vorsichtig beide Beine auf den Boden. Das ging ja schon mal ganz gut, keine Übelkeit, keine Schwächeanfälle.... Schließlich kniff sie die Augen fest zusammen, spannte alle Muskeln an und stand vorsichtig auf. Sie wankte, das Zimmer drehte sich immer schneller vor ihr und dann gaben die Beine unter Sonea plötzlich nach. Sie stürzte auf den kalten beigen Krankenhausfußboden und schlug sich den Kopf hart an. Sonea seufzte und rieb sich die schnell anschwellende Beule an ihrem Hinterkopf. Sie seufzte. Das hat ja toll geklappt. Auf einmal bemerkte Sonea, dass sie so ein entsetzliches, scheußliches Krankenhemd trug, weiß, bis zum Saum durchgeknöpft, fast durchsichtig, und knielang. Man konnte da so einiges durch den dünnen, hellen Stoff erkennen.

Sie musste Dorrien ja einen tollen Anblick geboten haben. Seufzend stemmte sie sich wieder hoch und diesmal gelang es ihr sogar, das Gleichgewicht einigermaßen zu halten. Sie stand auf und ging, schwankte eher, - auf ziemlich wackeligen Beinen zwar, aber immerhin - auf die Türe zu. Vorsichtig öffnete Sonea diese und spähte auf den Flur hinaus. Gott sei dank, er war menschenleer. Sonea überlegte.

Wenn Akkarin noch am Leben war - und davon ging sie fest aus, das musste sie, denn allein schon bei dem leisesten Zweifel, dass dies nicht so war, begann sie zu zittern und spürte Tränen in den Augen, er lebte, das musste er einfach! - wo sie ihn wohl untergebracht hätten. Ihr fiel nichts ein und sie beschloss, einfach die nächste Tür zu öffnen. Sie legte ihre Hand vorsichtig auf den kalten, angelaufenen Messinggriff der Tür. Sonea umschloss ihn mit blassen, schmalen Fingern fester und nach kurzem Zögern drückte sie die Klinke schließlich hinunter.