Teil 2

James - Last Chance

Die Stelle an meiner rechten Wange, auf die Lily mich geküsst hatte, glühte und brannte sich einen schmerzhaften Weg durch meinen Körper. Ich versuchte zu atmen, doch ich wusste nicht mehr wie. Es schien, als hätte ich alles um mich herum vergessen, bis auf Lily und mein stechendes Herz. Es verlangte sehnsüchtig nach ihr, als hätte ich sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Ich starrte ihren Rücken an, als sie sich entfernte und mit jedem Schritt, den sie ging, zog sich mein Herz immer weiter krampfhaft zusammen. Ich wollte ihr folgen, sie an mich drücken, sie spüren, doch meine Beine schlugen tiefe Wurzeln in die Erde, die mich festhielten, mich gefangen nahmen. Sie zogen mich in die Tiefe, um mich mit ihren Greifarmen zu umschlingen und meine letzte Kraft aus mir zu saugen. Mit jedem weiteren Schritt von ihr fiel ich tiefer und tiefer. Ein dumpfes Geräusch durchbrach die Stille und plötzlich spürte ich die Wurzeln an meinen Knien. Sie arbeiteten sich an meinem Körper hoch.

"Nein", entwich mir ein Wispern, doch sie reagierten nicht, weder Lily noch die todbringenden Schlingen. Lily rannte weiter und die Wurzeln umschlangen meine Beine fester als zuvor, zwangen mich in die Knie.

"Lily, bitte...", hörte ich mich flüstern. Sie musste zurück zu mir, denn nur sie allein hatte die Macht mich zu retten, doch sie kam nicht. Da lag ich nun auf meinen Knien wie ein gefallener Krieger und der Mensch, den ich mehr als alles andere auf der Welt liebte, wollte mich nicht mehr. Nie hatte ich ihr die drei Worte gesagt, dafür fehlte mir der Mut, doch ich hatte ständig versucht, es ihr auf einer anderen Art und Weise zu zeigen. Ich war wohl nicht sehr überzeugend gewesen.

Eine innere Stimme befahl mir, es jetzt zu tun, meine letzte Chance zu ergreifen und es ihr zu sagen. Auf einmal durchströmte mich eine sonderbare Kraft und warf die Fesseln von mir. Hastig sprang ich auf die Beine.

"Lily!", schrie ich nun laut. Dieses Mal musste sie mich gehört haben. Ihre Schritte verlangsamten sich, bis sie ganz stoppten und sie sich umdrehte. Ich war zu weit weg, um ihren Gesichtsausdruck zu erkennen, geschweige denn zu deuten. Nur das Mondlicht spiegelte sich auf ihrer hellen Haut wider und brachte sie zum Leuchten. Sie sah aus wie ein Engel.

Eine seltsame Stille umgab uns, eine Stille, die je nachdem was ihr folgte, über Liebe oder Leid entscheiden würde. Sie wog so schwer, dass sie mir den Hals zuschnürte, doch die Kraft hinderte sie daran. Die Stille musste sich für die Liebe entscheiden, anders durfte es nicht ausgehen. Ich atmete noch einmal tief ein und die Worte verließen ohne Schwierigkeiten meinen Mund.

"Ich liebe dich, Lily."

Erwartungsvoll schaute ich in ihre Richtung. Doch ich konnte keine Regung in ihrem Gesicht erkennen. Mein Herz pochte nervös, immer schneller, und dann geschah es, von einem Moment auf den anderen blieb es stehen. Ein tiefes Loch erschien unter meinen Füßen und wurde mit jeder Sekunde größer. Die Erde aus der dunklen Höhle unter mir schoss hoch und bildete eine Wand ohne Fluchtmöglichkeit um mich herum. Dann fiel die Wand langsam in sich zusammen und alles rieselte auf mich ein. Sie hatte den Kopf geschüttelt, als würde sie sagen wollen, das änderte nichts an der Tatsache.

Lily - Waterfall

Ohne ein Ziel vor Augen zu haben, rannte ich durch die Gänge von Hogwarts, lief Treppen hoch und runter, als wäre ich auf der Flucht. Ich achtete nicht darauf, wo ich lang ging, denn dann würde ich denken und genau das wollte ich verhindern. Ich wollte nicht mehr denken, niemals mehr. Konnte mir nicht jemand alle Gedanken raussaugen und mich leer und zufrieden zurücklassen? Gab es da nicht irgendeinen blöden Zaubertrank? Lauf weiter, Lily, dachte ich, und lass deine Gedanken einfach verschlossen, anders geht es nicht. Mit pochendem Herzen setzte ich einen Schritt vor den anderen, bis ein Ziehen durch meinen Körper ging und mich zwang stehen zu bleiben. Der Schmerz drohte mich zu überwältigen und so presste ich mich gegen die Wand und atmete tief ein und aus, um mich zu beruhigen. Entfernt hörte ich Stimmen und Gelächter, die mit jeder Sekunde näher kamen. Wo war ich hier überhaupt gelandet? Mein Blick glitt über den bedürftig beleuchteten Gang und blieb an der Statue von Boris dem Bekloppten hängen. Ich war also im fünften Stockwerk, schlussfolgerte ich.

Die Stimmen wurden lauter und ich suchte verzweifelt ein Versteck, da ich keinen Nerv für blöden Fragen hatte. Wieder traf mein Blick die Statue und ich sprang auf die Beine, lief an die Tür rechts von Boris dem Bekloppten und flüsterte leise: "Drachenzunge." Schnell schlüpfte ich durch die Tür und verschloss sie lautlos hinter mir.

Das Schulsprecherbad war sehr geräumig und ganz in Marmor gehalten. Die in den Boden eingelassene Badewanne war so groß, dass sogar einige Schwimmzüge möglich waren. An bitterkalten Wintertagen half auch kein Wärmeschutzzauber, um im See schwimmen zu gehen. Stattdessen war ich dann immer hier und genoss die Wärme des Wassers und die Ruhe von allem, was außerhalb dieses Raumes herrschte. Aber genau diese Stille machte mich am heutigen Abend verrückt. Sie gab den Stimmen in meinem Kopf die Möglichkeit, immer lauter zu werden und auf mich einzureden. Mit einem Schlenker meines Zauberstabs drehte ich alle Wasserhähne auf. Das Geräusch des Wasser hatte schon immer eine beruhigende Wirkung auf mich gehabt.

Ich stand mitten im Raum und lauschte dem Plätschern des Wassers. Das Rauschen und das Geräusch, als es auf dem Boden auftraf, versetzte mich in eine friedliche Zeit zurück, eine Zeit ohne Sorgen und Schmerzen. Die Atmosphäre, die das Wasser im Bad erzeugte, erinnerte mich an einen der Sonntagsausflüge mit meinen Eltern und meiner Schwester.

An jenem Tag waren wir in einem verwunschenen, kleinen Park gelandet, wo wir einen verzauberten Ort entdeckten, den ich niemals vergessen werde. Zwischen all den riesigen, wilden Bäumen fanden wir einen kleinen wunderschönen See, der zum Teil umrundet war mit Felsen, die fast so groß waren wie ich selbst. Ich weiß noch genau, wie ich mit meinem Blick erstaunt dem klaren Wasser folgte. Erst sah ich das rauschende Auftreffen in den blauen See und dann blickte ich immer weiter hinauf, an der steilen Wand entlang, bis hoch oben, wo das Wasser herkam.

Nie zuvor in meinem Leben hatte ich einen Wasserfall gesehen, und dementsprechend faszinierend wirke der Anblick des lebendigen Wassers auf mich. Ich war in meinem Element und eine beruhigende Stimmung erfasste mich, doch ich hatte die Angst vergessen, die ich zu der Zeit fühlte und die auch nicht weit von mir entfernt stand. Sie nahm sofort die Situation wahr und nutzte umgehend die Chance der Abgeschiedenheit von meinen Eltern, die etwas abseits von uns standen.

"Weißt du, was ich hier am liebsten machen würde?", fragte mich Petunia mit der lieblichen Stimme, auf die meine Eltern immer wieder hereinfielen. Ich kannte diese verlogene Seite an ihr, doch nie hatte ich die Hoffnung aufgegeben, dass sich das eines Tages besseren würde und meine Schwester und ich wie früher beste Freundinnen sein könnten.

Also fragte ich sie hoffnungsvoll, was sie denn gerne machen würde. Ihre Miene änderte sich schlagartig von dem Engelsgesicht in ein teuflisches Grinsen. Sie kannte mich einfach zu gut und nutzte die Gutgläubigkeit jedes Mal aus. Und ich? Naiv wie immer, fiel ich drauf herein, in der Hoffnung, meine Schwestern irgendwo in dieser mir fremden Person wiederzufinden.

"Am liebsten würde ich dich von diesem langweiligen Wasserfall runterschubsen und dir beim Fallen zusehen. Besonders der Aufprall würde mir gefallen. Dann könntest du kleine Missgeburt mit deiner bescheuerten Gabe zeigen, was du drauf hast, um dich bei Mum und Dad einzuschleimen. Oh, ich bin eine blöde Hexe, ihr müsst mich lieb haben."

Den letzten Satz rief sie wie eine Verrückte mit einer schrillen Stimme aus. Und als sie die Tränen sah, die sich langsam einen Weg durch meine Augen suchten und an meinen Wangen herunter liefen, lachte sie zufrieden auf. Sie hatte mir Angst eingejagt und mich zum Weinen gebracht, genau das, was sie angestrebt hatte.

Ich schüttelte meinen Kopf hin und her, um die Erinnerung loszuwerden. Langsam öffnete ich die Augen, die ich während der Erinnerung geschlossen hatte, doch etwas war anders. Meine Augenlider fühlten sich schwerer an. Ich hob meine Hände, die prüfend über meine Augen strichen, und erschrak über die Nässe, die ich auf meinen Fingerspitzen fühlte. Schroff wischte ich die Tränen, die ich während meiner Erinnerung vergossen hatte, von meinen Gesicht, doch kaum hatte ich geblinzelt, flossen weitere kleine Flüsse über meine Wangen. Wütend auf mich selbst und auf meine nicht existente Selbstkontrolle ging ich grob mit den Händen über mein Gesicht, um die Tränen aufzuhalten. Es half nicht. Die Flüsse entwickelten sich zu Sturzbächen und ich hatte keinerlei Kontrolle mehr über meinen Körper.

Erschöpft sank ich auf die Knie, schlang die Arme um meinen Oberkörper und weinte mir jeden schrecklichen Moment aus der Seele, den ich je erlebt hatte. Am schlimmsten war die Erinnerung an James und an das Ende von uns. Als ich an dem Punkt angelangt war, schluchzte ich laut auf und fing an zu wimmern.

Die Wunde in meinem Herzen wuchs und wuchs, bis sie zu groß war und mein Herz verschlang. Da war kein Herz mehr, das Qualen litt, nur noch ein tiefes Loch, eine unheilbare Wunde, die ununterbrochen blutete. Nichts konnte diese Blutung stoppen, außer ihm, James. Allein seinen Namen in meinen Gedanken zu hören war schlimm, doch kurz darauf sein Gesicht zu sehen, gab mir den Rest.

Ich konnte sie nicht mehr wegsperren. Der Schlüssel zu meinen verschlossen Gedanken war sein Name und kaum hatte ich an ihn gedacht, öffnete sich das Schloss und ließ meinen Gedanken freien lauf.

Er hatte gesagt, dass er mich liebte. Das erste Mal hatte er diese drei Worte zu mir gesagt. Ich zweifelte nicht an ihnen, doch die Liebe, die ich empfand, war anders als die von James. Er liebte nur für den Moment, ich allerdings liebte endgültig.

Ich stand auf, lief zum Waschbecken und blickte in den beschlagenen Spiegel, worin ich nur noch schemenhaft zu sehen war. Ich rief wieder die Erinnerung in mein Gedächtnis, die nun frei war, und hörte mir immer und immer wieder an, wie er mir seine Liebe gestand.

"Ich liebe dich auch, James", flüsterte ich leise, und um es zu verdeutlichen, schrieb ich die Worte auf den beschlagenen Spiegel. Ich wollte wieder zurück zu James und ihm sagen, dass es nur ein blöder Scherz von mir gewesen war, oder eine blöde Wette, nur um die letzten Tage mit ihm auszukosten, bevor er selbst uns trennen würde und jemand anderes an meine Stelle trat. Der Endgültig-Liebende würde irgendwann durch jemand anderes ersetzt, so lief das nun einmal ab.

Nein, hör auf, dir Hoffnungen zu machen, sagte eine Stimme in mir. Du würdest in naher Zukunft wieder das Selbe erleben, und nichts würde dieses Ereignis aufhalten können. Bald hast du es hinter dir. Wenn du ihn nicht mehr siehst, wird es einfacher werden, redete meine innere Stimme auf mich ein.

Ich war froh, nein, froh war keine passende Beschreibung für die Empfindung, ich war eher erleichtert und ermutigt durch die Stimme, die mir versuchte zu helfen und nicht versuchte, mich weiter runterzuziehen. Ich schöpfte Kraft aus den Worten. Die Stimme hatte recht, ich musste mich zusammenreißen. Als ich das kalte Wasser, das aufgrund meines Zaubers durch den Wasserhahn floss, ins Gesicht spritze, schärften sich meine Sinne wieder und ich war stark genug, das Schloss zu meinen Gedanken an James zu verschließen. Ich hatte die richtige Entscheidung getroffen, anders wäre es bloß schlimmer ausgegangen.

Ich sprach den Zauberspruch aus, der die Wasserfluten stoppte, schnappte mir ein Handtuch und trocknete mein Gesicht. Gerade in dem Moment hörte ich die Tür hinter mir zuschlagen. Erschrocken drehte ich mich um und sah meinen Schlüssel vor mir, nicht in Gedanken, nein, er stand leibhaftig da.

James - Scream

Ich hatte wohl die selbe Idee wie Lily gehabt und dachte, dass das Schulsprecherbad ein passender Ort wäre, um ungestört nachzudenken. Mit so einem schnellem Wiedersehen hatte ich auf keinem Fall gerechnet. Es warf mich total aus der Bahn, Lily wiederzusehen, so dass ich natürlich keine Ahnung hatte, was ich tun oder sagen sollte. Dies war ja auch einer der Gründe, wieso ich in Ruhe nachdenken wollte. Ich wollte über meine nächsten Schritte entscheiden, mir einen Plan zurechtbasteln und alles, was in den letzten Minuten zwischen Lily und mir schief gelaufen war, wieder gerade biegen. Doch nun stand mein Engel vor mir und alles, was ich hervorbrachte, war ein lausiges "oh". Dabei hatte ich so vieles auf dem Herzen, so viele unbeantwortete Fragen, dass ich mich selbst hätte schlagen können für meine Dummheit.

Eine endlose Sekunde lang herrschte absolute Stille im Raum, dann unterbrach Lily das Schweigen.

"Du kannst bleiben. Ich gehe", sagte sie leise und kaum, dass ich mich versah, lief sie ohne zu zögern an mir vorbei und verschwand aus der Tür. Als sie an mir vorbei ging, erhaschte ich einen kurzen Blick auf ihre Augen und ich wusste nicht, ob das Licht mir etwas vorgespielt hatte und ihre Augen wirklich rot unterlaufen waren.

Hatte sie etwa geweint? Aber da stimmte etwas nicht. Ich müsste derjenige sein, der weinte, immerhin hatte sie mich verlassen und nicht umgekehrt. Also was war der Grund für ihre Tränen?

Ich hielt inne und versuchte mich zu orientieren und meine Gedanken zu ordnen, doch es gelang mir nicht, der Schock lag mir noch tief in den Knochen. Es war mir nicht möglich, einen einzigen sinnvollen Gedanken zu fassen. Wie sollte ich in so einem Zustand über meine weiteren Schritte nachdenken? Irgendwie musste ich mich aus diesem Schockzustand rausholen. Ich erinnerte mich an einen Abend, an dem ich einen schrecklichen Schluckauf hatte, der einfach nicht verschwinden wollte. Ein nicht erwarteter Schrei von Remus brachte mich so aus der Fassung, dass ich befreit war von der furchtbaren Plage. Man konnte schwer einen Schluckauf mit einem Schockzustand vergleichen, aber mir blieb nichts anderes übrig, etwas extremes musste herhalten.

Das einzig Extreme in diesem Raum erschien vor meinen Augen und ohne eine Sekunde zu zögern, sprang ich in die riesige Badewanne und tauchte in das angenehm warme Wasser. Unter Wasser stieg in mir das Verlangen auf, alles hinauszuschreien, und schon öffnete sich mein Mund und ich schrie mir den Schock, den Kummer und die Schmerzen aus dem Leib. Lauter kleine Luftblasen suchten sich einen Weg durch das Wasser an die Oberfläche. Das Schreien war so befreiend, dass ich mich gleich darauf wieder etwas klarer im Kopf fühlte, und nicht mehr eingefroren im Nichts, als könnte ich nicht mehr empfinden.

Langsam tauchte ich wieder auf und erfreute mich an meinen nun freien Gedanken. Gerade als ich Ordnung in das Chaos in meinem Kopf bringen wollte, hinderte mich jemand daran. Diese Person, wenn man das so sagen durfte, hatte ich total vergessen.

"Weißt du, wenn man baden geht, zieht man sich vorher erst einmal aus", flüsterte mir eine unangenehme Stimme ins Ohr.

Oh, bitte nicht, flehte ich, doch ich wurde nicht erhört. Niemand anderes als die Maulende Myrte saß neben mir am Beckenrand.

"Myrte", begrüßte ich sie unfreundlich. Wieso musste immer mir so was geschehen?

"James Potter, Schulsprecher und Kapitän der Qudditch Mannschaft", flüsterte sie wieder. Es sollte wohl verführerisch klingen.

"Myrte, heute ist nicht mein Tag. Kannst du mich also alleine lassen?"

Schlagartig änderte sich ihr Tonfall. "Oh, nicht nur der Herr hatte keinen guten Tag. Ich kann dir versichern, dass dein Tag nichts im Vergleich zu meinem war. Erst heult mir dieses blöde Mädchen hier die Ohren zu." Sie verzog ihren Mund, als hätte sie etwas scheußliches gegessen. "Und dann springst DU mit deinen KLAMOTTEN ins Wasser", schrie sie aufgebracht. Dann, von einer Sekunde auf die andere, lächelte sie mich sanft an. Ich befürchtete schlimmes, Myrte war für ihre schnellen Stimmungsschwankungen bekannt.

"James", sagte sie nun süßlich und mir schauderte es am ganzen Körper. "Du könntest mir den Tag noch retten. Wenn du doch bloß wie gewohnt baden gehen würdest." Sie grinse verschmitzt und schlug dabei ihre Augen kokett auf. Ich würgte die aufkommende Übelkeit runter. Doch dann machte es klick und ich verstand den Zusammenhang von Myrtes Worten.

"Ein Mädchen hat hier geweint?", fragte ich etwas freundlicher. Myrte fiel das sofort auf, sie fühlte sich geschmeichelt, weil ich mich für ihren Tag interessierte. Wenn sie wüsste.

"Ja, das rothaarige Mädchen. Du hast sie gesehen, als du hier reingekommen bist." Lily hatte also doch geweint, meine Augen hatten sich nicht getäuscht.

"Wieso hat sie geweint? Hast du sie etwa erschreckt?", entgegnete ich und forderte sie gleichzeitig auf mehr zu erzählen.

"Ich hab sie nicht erschreckt", sagte sie beleidigt, "ich zeige mich in diesem Bad keinen Mädchen. Sie hat einfach blöd rumgeweint und dann hat sie was auf den Spiegel geschrieben. Ich hatte keine Schuld."

Blöd rumgeweint? Am liebsten hätte ich ihr den Hals umgedreht für diese Worte, doch ein plötzliches Quieken lenkte mich von meinen Mordplänen ab.

"OH, NEIN", schrie sie verzweifelt auf und flog quer durch den Raum auf den Spiegel zu. Mit ihren Händen versuchte sie etwas von dem Spiegel wegzuwischen, doch ihre Händen gingen einfach durch den Spiegel hindurch.

"Vergiss, was ich gesagt habe, James. Das Mädchen hat rumgeweint. Punkt. Aus. Danach nichts mehr", rief Myrte hektisch.

Da stimmte doch etwas nicht. Wie war das noch, fragte ich mich selbst und rief mir Myrtes Worte wieder ins Gedächtnis. Sie hat einfach blöd rumgeweint und... und was? Diese Worte hatten mich so rasend gemacht, dass ich den anderen kaum Beachtung geschenkt hatte.

"Myrte", knurrte ich drohend auf. "Was ist mit dem Spiegel?"

"Nichts, nichts, da steht nichts besonderes drauf", winselte sie. Dann wurden ihre Augen riesengroß und sie schlug sich mit beiden Händen vor den Mund. Ich hatte verstanden. Schnell kletterte ich aus der Badewanne und rannte mit triefenden Klamotten auf den Spiegel zu, vor dem Myrte schwebte. Kaum war ich angekommen, stürzte sie sich auf mich und mich durchströmte eine eisige Kälte, als sie durch mich hindurchflog.

"Lass den verdammten Scheiß, Myrte", schrie ich wütend auf. "Verzieh dich in deine Wasserhähne."

"James", wimmerte sie nun, vergessen war der Spiegel. Sie zog eine Schnute, schrie laut auf und verzog sich wie befohlen in ihre Wasserrohre.

Endlich allein hauchte ich den Spiegel ohne Pause an, bis sich in der Mitte des Spiegels langsam Wörter bildeten. Ich war so überwältigt von den Worten, dass es ein paar Minuten dauerte, bis ich in der Lage war, wieder ruhig zu atmen. Sie liebte mich, sie hatte es hier aufgeschrieben, Lily Evans liebte mich, James Potter. Aber, aber... was sollte dann das Ganze? Wieso hatte sie mich verlassen? Das Fragezeichen in meinem Kopf wurde immer größer und größer. Ich verstand überhaupt nichts mehr.

Der nächste Schritt, schoss es mir durch den Kopf, du musst was tun, James! Aktion, Reaktion. Ich musste reagieren, aber wie? 'Wie' war jedoch nicht die einzige Frage, die sich mir stellte, das 'wo' war auch wichtig. Wo war sie, wo war meine Lily? Wie sollte ich reagieren, wenn ich nicht wusste, wo sie war? Ich schob das 'wie' beiseite, darüber konnte ich mir später noch Gedanken machen, das 'wo' war jetzt um einiges wichtiger. Die Karte der Rumtreiber fiel mir ein. Mit Hilfe der Karte würde ich sie definitiv finden. Nur mit Lily in meinen Gedanken rannte ich auf die Treppen zu, nichts anderes beherrschte mich.

An dem Treppen traf ich auf Sirius. Er hatte einen Arm um die Taille eines braunhaarigen Mädchens geschlungen und ging mit ihr langsam die Treppen hoch. Ich rannte schnell zu ihnen, und als Sirius mich sah, blickte er etwas verwirrt wegen meine nasse Erscheinung.

"James, was ist den mit dir passiert?", fragte er erstaunt. Gleich darauf erhellte sich seine Miene und ein verschlagenes Grinsen umspielte seine Lippen. "Ein mitternächtliches Bad im See mit der Liebsten?" Er wackelte vielsagend mit den Augenbrauen, woraufhin das Mädchen leise zu kichern anfing.

"Wo ist Lily? Hast du Lily gesehen?", fragte ich hektisch nach Luft japsend. Die nassen Klamotten erschwerten mir das Rennen.

Ein Ausdruck der Verwunderung glitt über sein Gesicht. "Ist sie nicht mit -", doch das Mädchen unterbrach ihn.

"Sie ist rausgegangen. Ich hab sie gesehen, als wir aus der Großen Halle gekommen sind."

Mehr brauchte ich nicht zu wissen. Den Weg zum Gryffindorturm und zu der Karte konnte ich mir nun sparen, denn Zeit war kostbar. Ohne eine Sekunde länger unnötig verstreichen zu lassen, drehte ich mich um und lief schnell die Treppen hinunter. Hinter mir hörte ich noch Sirius etwas rufen, doch ich achtete nicht darauf. Nichts war jetzt wichtiger als mein Ziel Lily zu finden.