Odin´s POV:

Drei Tage später wurde Loki dem Volk vorgestellt und die Reaktion war durchweg positiv, doch konnte ich auch leise Stimmen vernehmen, die sich fragte wie Frigga denn noch einmal schwanger hatte werden können, wo ich doch mitten im Krieg gesteckt hatte.
Diese Gerüchte besorgten mich, denn obwohl ich wusste, dass die Asen niemals laut etwas gegen meine Frau ausgesprochen hätten, war mir auch klar das Thor irgendwann einmal Fragen stellen würde und ich hoffte, dass ich dann eine Antwort für ihn hatte.

Thor´s POV:

Die Jahre vergingen wir im Flug und als ich das sechste Lebensjahr erreichte, sorgte mein Vater dafür das ich eine umfangreiche Ausbildung erhielt.
Ich wurde in der Entstehungsgeschichte und der Mythologie unterrichtet, lernte Lesen und Schreiben und musste auch das Rechnen erlernen. Die Lehrer waren streng aber fair und obwohl ich dem ganzen „Zeug", wie ich es nannte, nichts abgewinnen konnte, versuchte ich trotzdem mein bestes zu geben, denn ich wollte ein gutes Vorbild für Loki sein.
Überhaupt begann sich mit dem ersten Treffen alles in meiner Welt nur noch um meinen kleinen Bruder zu drehen. Ich war dabei, als er seine ersten Schritte machte und als er sein erstes Wort sprach. Meine ganze Freizeit verbrachte ich bei ihm, sodass mein Vater eines Tages in meinen Gemächern stand und ein ernsthaftes Gespräch mit mir führen wollte. „Thor. Ich möchte mit dir über etwas wichtiges reden.", begann er und ich versuchte in seiner unbewegten Miene eine Gefühlsregung zu erkennen.
„Nur zu Vater. Ich bin ganz Ohr!", sagte ich und mein Vater ließ sich auf einem der Stühle nieder, die um einen runden Tisch in meinem Zimmer standen. Meine Gemächer waren wesentlich kleiner, als die meiner Eltern. Ich hatte nur ein Schlafzimmer mit eben diesem runden Tisch und einem großen Himmelbett. Eine Tür führte in das Badezimmer und große Fenster ließen die untergehende Sonne hell in mein Zimmer scheinen.
„Thor", fuhr mein Vater fort und riss mich somit aus meinen Gedanken: „Du weißt, dass du in den nächsten Jahren allerlei Unterricht und Training erhalten wirst. Du bist mein Erstgeborener und musst somit darauf vorbereitet werden später einmal meinen Thron zu besteigen. Das ist dir doch klar."
Ich nickte und versuchte hinter die Bedeutung seiner Worte zu kommen. Das waren alles Informationen die mir schon meine Lehrer um die Ohren gehauen hatten, als ich mal wieder geistig den Unterricht verlassen hatte.
„Thor ich möchte das du ab heute dich vor Allem auf deine Studien konzentrierst. Deinen Bruder wirst du noch viele Jahre haben, aber jetzt musst du erst einmal lernen. Deshalb habe ich beschlossen dich nach Midgard zu schicken, zusammen mit deinen Lehrern. Auf der Erde wirst du hoffentlich konzentrierter deinen Studien nachgehen."
Einen Weile sprach niemand mehr. Völlig schockiert saß ich auf meinem Stuhl und versuchte die Worte meines Vaters in meinem Kopf zu ordnen.
Ich sollte fort von hier? Sogar auf einen anderen Planeten? Das konnte doch unmöglich sein Ernst sein! Doch der Blick meines Vaters ließ meine kleine Hoffnung , auf den schwachen Versuch eines Witzes seitens Odin´s, zerplatzen wie eine Seifenblase.
„Aber Vater,", rief ich: „Was soll ich denn da. Ich meine dort gibt es nichts außer wertlosen Menschen und-"
„Thor Odinsson, diese Worte will ich nicht gehört haben!", donnerte mein Vater und ich zuckte unter seinem harten Blick zusammen.„ Du bist nicht besser als die Menschen, nur weil du ein Kind Asgards bist und du musst lernen auch die anderen Welten zu respektieren."
Diese Worte machten mich unendlich wütend, doch ich verbiss mir einen Kommentar. Wohl wissend wie mein Vater auf den Einspruch „Jotunheim" reagieren würde. Ich hielt also den Mund und wartete bis mein Vater sich wieder beruhigt hatte, bevor ich wieder zu ihm aufsah. Der Blick seines verbliebenen Auges war in weite Ferne gerichtet und ich fragte mich woran er dachte, als er scheinbar aus seinen Erinnerungen zurückkehrte und mir wieder in die Augen sah.
„Du wirst morgen in aller Frühe aufbrechen. Geh deine Mutter und deinen Bruder verabschieden und pack deine Sachen. Morgen Früh hole ich dich ab und begleite dich zum Bifröst." Und mit diesen Worten rauschte er aus dem Zimmer.
Der Weg zu meiner Mutter war heute besonders schwer, denn auch wenn ich sie manchmal tagelang nicht sah, weil sie zusammen mit meinem Vater politische Besuche tätigte oder einen Ausflug unternahm, war ich noch niemals selbst so weit weg gewesen und ich fühlte mich elend.
Wieder standen zwei Wachen vor der Tür und nachdem der Wächter geklopft hatte, betrat ich das Zimmer ohne eine Antwort abzuwarten. Meine Mutter saß mit Loki auf dem Schoß vor dem Kamin und hielt ein großes Buch in den Händen. Ich selbst kannte es noch sehr gut. Es war ein Kinderbuch, welches mit bunten Bildern Asgards Entstehungsgeschichte veranschaulichte. Auch Odin und Frigga hatten mittlerweile Einzug in das Buch gehalten und als Loki´s große, grüne Augen das Bild unseres Vaters entdeckten, tippte er mit seiner Hand darauf und sagte: „Papa!"
Dabei lächelte er fröhlich und ich musste an mich halten den Kleinen nicht sofort in den Arm zu nehmen. Er sah einfach zu süß aus!
In diesem Moment bemerkte mich meine Mutter und ich konnte an ihren Augen sehen, dass sie bereits über den Entschluss meines Vaters informiert war. Sanft setzte sie Loki auf den weichen Teppich und legte das Buch beiseite, bevor sie aufstand und zu mir kam. Sie zog mich in ihrem Arme und ich spürte wie ihr schmaler Körper von unterdrücktem Schluchzen zitterte.
„Ach Thor.", sagte sie: „Nun ist es also soweit." Sie löste sich von mir, sodass ich ihre blauen Augen sahen, die leicht wässrig waren und ich schüttelte sanft den Kopf.
„Weine nicht, Mama. Es ist ja nicht für immer. Vielleicht ist es auch ganz gut. So kann ich neue Kulturen kennen lernen und ein starker Krieger werden, genau wie Vater." Mit diesen Worten ließ ich sie ganz los und trat auf meinen kleinen Bruder zu. Seine grünen Augen bohrten sich in meine und einen Moment hatte ich das Gefühl, das der Zweijährige ganz genau wusste, was hier gerade vor sich ging.
Ich schüttelte den Kopf um diesen absurden Gedanken loszuwerden. Es konnte gar nicht sein das Loki bemerkte was uns bedrückte. Und doch setzte ich mich zu ihm auf den Boden und zog ihn an mich.
„Hör zu, kleiner Bruder! Ich muss morgen sehr weit weggehen und deshalb überlasse ich dir den Palast. Pass gut auf Mama auf und tu immer was Vater sagt. Wenigstens bis ich wieder da bin. Und vergiss mich nicht!"
Damit ließ ich ihn wieder los und verließ das Zimmer, ohne mich noch einmal umzudrehen. Loki´s Weinen folgte mir bis in meine Gemächer.

Der nächste Morgen kam viel zu früh und als mich mein Vater abholte, um mich zum Bifröst zu bringen, war ich alles andere als bereit. Ich schlurfte neben ihm her durch den Palast, auf dem Weg zu den Stallungen und vereinzelt sah ich Diener und Krieger innehalten und mich beobachten. Scheinbar schienen alle zu wissen das ich Asgard für eine Weile verlassen musste.
„Wie lange werde ich fort sein, Vater?", fragte ich und betrachtete Odin von der Seite. Er trug nur eine dünne Rüstung über einer tiefblauen Tunika und sein roter Umhang raschelte leise auf dem Boden. Er warf mir einen kurzen Blick aus seinem gesunden Auge zu, bevor er antwortete: „Das wissen nur deine Lehrer. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen dir alles beibringen, was du für dein Leben brauchen wirst. Und das Leben ist kompliziert."
Ich senkte den Blick und versuchte meine Trauer zu verbergen. Wie sollte ich bloß auf einem fremden Planeten zurecht kommen und das nur mit ein paar trockenen Lehrern.
„Mach dir nicht so viele Sorgen, Junge. Wir werden dich besuchen kommen und auch du wirst Gelegenheit haben nach Asgard zu kommen. Dies ist keine Verbannung. Ich will nur das Beste für dich."
Wir erreichten den Stall, bevor ich antworten konnte und ich hätte auch nicht gewusst, was ich noch sagen sollte. Ein Stallbursche führte Odin´s achtbeiniges Ross Sleipnir und einen hübschen Fuchs heraus, auf dem ich heute zum Bifröst reiten sollte.
„Deine Lehrer sind schon vorgegangen und bereiten auf Midgard alles für deine Ankunft vor und nun sitz auf.", sagte Odin und schwang sich selbst in den Sattel. Schnell tat ich es ihm gleich und musste voller Ironie feststellen, dass Vater mich nie auf einem großen Pferd hatte reiten lassen. Bis zum heutigen Tag.
Mit einem letzten Blick auf den Palast gab ich meinem Pferd die Sporen. Ich wollte Odin keinen Grund geben, mich zu ermahnen. Mit geübten Bewegungen brachte Vater Sleipnir auf gleiche Höhe mit meinem Ross und schlug den langen Weg zum Bifröst ein. Doch selbst dieser kam mir heute bei weitem nicht lang genug vor.
Am Ende der ausladenden Straße erwartete uns Heimdall mit seiner üblichen, stoischen Miene. Erst als mein Vater von seinem Pferd stieg, bewegte sich der Wächter des Bifröst und verneigte sich vor seinem König.
„Mein Herr, es ist alles bereit. Wenn ihr wünscht, kann es sofort beginnen.", sagte Heimdall und als er sich aufrichtete, glänzte seine goldene Rüstung in der Sonne. Odin gab ihm das Zeichen schon einmal in die riesige Metallkuppel zu gehen und drehte sich zu mir um. Ich sah ihm an, dass er sich nun von mir verabschieden würde und bereitete mich innerlich auf alles vor.
„Thor…mein Sohn.", begann er bevor er mich in seine Arme zog: „Sei ein guter Junge und lerne fleißig. Denk daran. Je schneller du lernst, desto eher darfst du wieder nach Hause." Er ließ mich los und sah mir ein letztes Mal in die Augen, bevor er mir einen Kuss auf die Stirn drückte und flüsterte: „Werde ein Mann auf den Asgard stolz sein kann."
Mit diesen Worten löste er sich endgültig von mir und ging zurück zu Sleipnir. Durch eine einzige fließenden Bewegung schwang er sich in den Sattel und verschwand, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Traurig sah ich ihm hinterher und warf einen letzten Blick auf Asgard, bevor auch ich den Bifröst betrat und mich vor den Durchgang stellte. Heimdall´s unergründlicher Blick lag auf mir, während er auf der Erhöhung stand, sein Schwert bereits zur Hand.
„Ich wünsche dir viel Glück, Thor Odinsson. Sei versichert, dass ich immer ein Auge auf dich haben werde.", sagte der Schwarze und ich nickte ihm zu, als Zeichen, dass ich die leichte Drohung verstanden hatte.
Dann steckte er sein langes Schwert in den Schacht und der Bifröst entfaltete seine ganze Macht. Mit angehaltenem Atem und pochenden Herzen wartete ich auf das unvermeidliche und mein letzter Gedanke, bevor mich der Sog der Regenbogenbrücke mit sich riss, galt Loki.