Kapitel 2

Manchmal, aber wirklich nur manchmal, fragte irgendetwas tief in seinem Inneren, ob das Leben, welches er zu führen gewöhnt war, wirklich das war, was es für ihn zu sein schien: Der Weg zur Macht. Oder ob es nur aus der Not heraus geboren worden war, weil sein Weg von Jugend an über eine steinige Strasse geführt hatte.

Mit seinem Vater Cosinga hatte er sich wie mit dem Rest seiner Familie nicht verstanden. Schließlich, nach ihrem Tode, war er der alleinige Erbe des Hauses Palpatine gewesen und hatte als Erstes alle Zelte in der tiefsten Provinz von Naboo abgebrochen, um nach Theed zu fliehen.

Damals war er bereits Schüler von Darth Plagueis gewesen und hatte ihm Stab von Senator Kim, seinem Vorgänger, gearbeitet.

Damals hatte er auch langsam Geschmack an der Vorstellung von Reichtum und Macht bekommen. Damals hatte er sich von seinem alten Leben gelöst, alles hinter sich gelassen und es tief in sich vergraben.

Er hatte es auch tunlichst vermieden, über seine Vergangenheit zu berichten, wenn er gefragt worden war. Irgendwann hatte man dies sogar respektiert, nachdem irgend so ein Schmutzfink von Schreiberling eines Regenbogenblattes, den „Unfall" seiner Familie ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren gewagt hatte und er emotionsgeladen gebeten hatte, dies doch zu unterlassen, es sei moralisch verwerflich, sich am Unglück anderer zu weiden. Er vermisse schließlich schmerzlich seine Familie und betrauere bis heute ihren Verlust.

Das war kompletter Unsinn, natürlich. Er hatte sich in einem Anfall von Wut ermordet und sie dann im Hyperraum verschwinden lassen, aber das wusste nur Darth Plagueis und der hatte es mit in den Tod genommen.

Nein, eine eigene Familie zu gründen, so wie man es von den Naboo erwartete, hatte nie ernsthaft zur Debatte gestanden. Natürlich hatten andere hohe Häuser Naboos anstalten gemacht, ihm ihre Töchter anzutragen, doch er hatte stets höflich das Weite gesucht. Ihm waren, so war er von je her der Meinung gewesen, andere Ziele wichtiger, denn Reichtum anzusammeln, die Politik eines Provinzplaneten mitzubestimmen und mit einer Frau, die er an sich abstoßend fand, ein Kind nach dem nächsten in diese Welt zu setzen. Alles zum Ruhme des alten Hauses Palpatine.

Es war seltsam zu sehen, dass jemand anderes von Naboo, jemand, von dem er es am Wenigsten erwartet hatte, anscheinend auch die Flucht nach Vorn, raus aus der Provinz und weg von den angestaubten Traditionen der Naboo unternommen hatte: Padme Amidala. Er hatte angenommen, sie würde spätestens bei ihren Studien zur Interplanetaren Politik jemanden kennenlernen und dann ihre Plänen ad acta legen, um sich einer heranwachsenden Familie zu widmen.

Jetzt, am frühen Morgen, die Dämmerung setzte gerade erst ein, bemerkte er die offenkundige Einsamkeit, in der er lebte. Es war still, absolut geräuschlos, und es war kalt in seinem Bett. Außer ihm befand sich kein weiteres Lebewesen in seiner unmittelbaren Umgebung. Vor den Türen seiner Residenz standen lediglich Mitglieder der senatorialen Garde und gewiss würde im Überwachungsraum ein Sicherheitsoffizier seinen Dienst tun, aber...

Nein, es war etwas anderes, etwas ganz anderes: Diese Kälte.

Er hatte sie selten gespürt und dann stets ignoriert oder von sich gewiesen. Sie verhieß ihm, dass sie nicht von außen kam, sondern von innen, von ihm, und sie hatte sein Herz in Beschlag genommen.

Wäre er nicht Politiker geworden, so hätte er bestimmt als Schauspieler eine große Karriere vor sich gehabt und hätte mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit einen Preis nach dem nächsten eingeheimst. Er war gut darin, Gefühle zu zeigen, die das komplette Gegenteil von dem waren, die er tatsächlich empfand. Die Jedi nahmen an, er sei ein Befürworter und Unterstützer, dabei verachtete er sich aufs Tiefste. Es hieß er sei ins sich gekehrt, scheu...das traf auch nur bedingt auf ihn zu. Er liebte es, farblos und harmlos zu erscheinen und seine Feinde, von denen die meisten nicht wussten, dass sie überhaupt welche waren, in trügerischer Sicherheit zu wiegen.

Unwillkürlich fröstelte ihm und er schlang seine Decke noch ein letztes Mal enger um seinen Körper, nur um dann doch aufzustehen, sich einen Morgenmantel über das Nachtgewand zu werfen und langsam barfuß an sein Fenster zu treten um dort in einem Sessel Platz zu nehmen und für eine Weile in die Dämmerung zu starren, den nächsten Tag fokussierend.

Einige Mitglieder seines Mitarbeiterstabes fanden es offensichtlich irritierend, dass er, seitdem er auf Coruscant lebte, noch keine nennenswerte Beziehung unterhalten hatte, mehr noch, dass er sich kaum von jemanden berühren ließ und stets allein auf Festivitäten ging, während andere Senatoren durchaus mit ihren Konkubinen erschienen.

Pestage hatte nicht nur einmal angeboten, ihm jemanden für eine Nacht zu beschaffen, ganz gleich ob weiblich oder männlich. Er hatte diese Option stets abgelehnt, was ihm nicht immer leicht gefallen war.

Schließlich war auch er nur ein Mensch, ein Mann, und ja, er besaß auch einen Sexualtrieb, den er jedoch erfolgreich zu ignorieren wußte.

Beziehungen lenkten ab und bauten eine Bindung zu der anderen Person auf, ganz gleich, ob es sich nur um eine Bettgeschichte handelte oder um etwas ernstes. Gelegentlicher Sex hingegen baute Aggressionen ab und half dem Wohlbefinden. Genau das aber benötigte er doch so sehr: Agressionen und Frust!


Wenn er die Augen schloß, die vielen Stimmen um ihn herum ignorierte und einfach nur dem Orchester zuhörte, hatte der Senatsball durchaus einen gewissen Reiz. Nur leider durfte er nicht die Augen schließen, konnte unmöglich die Stimmen, die um ihn herum und mit ihm plauderten ignorieren und durfte nur mit einem Ohr leise der Musik lauschen, so dass der Abend wie so viele zuvor einfach nur ein lästiges Pflichtprogramm für ihn darstellte.

Schon bevor er, frisch rasiert und umgekleidet, sein Büro verlassen hatte, hatte er Anweisung gegeben, ihn um Punkt 2200 mit wichtigen Nachrichten zu „belästigen", die es ihm ermöglichten, dem Ball zu entfliehen, ohne eine Ausrede erfinden zu müssen. Es gab beiweiten Wichtigeres als sich mit einem Senator aus dem Outer Rim über die angestiegenen Transportpreise für Handelsgüter zu unterhalten.

Die üblichen Verdächtigen hatten bereits das Büffett am anderen Ende des Saales geplündert, und auch er spürte ein leises Magenknurren; ein bekanntes Gefühl, allgegenwärtig in den letzten Jahren. Entweder litt er unter Appetitlosigkeit oder aber er wurde gestört, gerade wenn er die ersten Bissen zu sich genommen hatte. Ob er es wagen sollte, sich los zu eisen?

Mit einer Entschuldigung beendete er die letzte Unterhaltung und strebte, etwas umwegig, das Büffett an. Mit einem kleinen Teller bewaffnet, versuchte er zu ergründen, welche der vielen feilgebotenen Speisen für den menschlichen Organismus verträglich waren.

„Guten Abend, Kanzler."

Unweigerlich zuckte er zusammen. Überraschung, ein seltenes Gefühl. Fast wäre er mit Senatorin Amidala zusammen gestoßen, die ebenfalls das für Menschen bereits stark eingeschränkte Angebot des Büffetts frequentierte.

„Oh, Senatorin Amidala. Es freut mich zu sehen, dass Ihr Euch bereits etwas akklimatisiert habt. So ein Ball macht die Kommunikationsaufnahme mit anderen Senatoren weitaus einfacher, nicht wahr?"

Etwas verlegen lächelte sie: „Nun ja, möglicherweise,..."

„Wenn Ihr mir gestattet, ein Rat, Milady, als Euer Freund und alter Mentor: Das hier mögen alles hochrangige Senatoren und hochdekorierte Staatsdiener sein, aber unter ihnen tummeln sich einige wohlbekannte Frauenhelden, die stets nach neuen Gesichtern Ausschau halten."

„Ich wusste gar nicht, dass Ihr Euch für den Senatstratsch interessiert?", Amidala lachte amüsiert. Es war schon allzu lange her, dass er ihr einen väterlichen Rat gegeben hatte; und wenn sie ehrlich war, vermisste sie das.

„Zwangsläufig werden mir die Geschichten zugetragen", er seufzte, „Mas Amedda zum Beispiel ist immer auf dem neusten Stand der Dinge und wenn er sich mit Sly Moore oder Pestage unterhält, bekomme ich mehr mit, als ich möchte."

Ein scheues Lächeln mogelte sich auf seine dünnen Lippen. Unwillkürlich musterten seine Augen Amidalas Erscheinung. Die junge Frau kleidete sich im Stil der Naboo, figurbetont, aber nicht allzu offenherzig.

Eine dezente Erscheinung.

Eine Vergeudung für das Haifischbecken der Politik.