1. Dezember
Liebe Leser! Nach dem gestrigen kleinen Teaser-Gedicht – in spontanem Übermut verfasst von unserer vielseitig begabten Buffy66 – habt Ihr es bestimmt schon geahnt: auch in 2014 hat das Rudel keine Mühen gescheut, Euch mit einem Kalender die Adventszeit zu versüssen!Den Einstieg macht dieses Jahr Schneekatze mit einem absolut wundervollen Beitrag über Freundschaft.
www. fanfiktion. de /u/Schneekatze
(Nehmt bitte die Leerzeichen nach www. und nach fanfiction. raus)
Süße Adventszeit
Harry seufzte und sein Atem hinterließ eine weiße Wolke an der Fensterscheibe seines Zimmers vor der Dunkelheit der Nacht. Die Schule war wegen der zunehmenden Angriffe der Todesser geschlossen. Erneut eine Adventszeit ohne seine Freunde. Erneut ein Weihnachten in seinem Zimmer. Erneut ein Dezember ohne Eulenpost. Hedwig flatterte bereits seit Tagen unruhig in ihrem Käfig. Sie tat ihrem Besitzer Leid, doch Vernons Anweisung war eindeutig gewesen. Der Junge streichelte mit einem Finger den Schnabel des empörten Tieres. Die Eule schloss kurz die Augen und lehnte sich sanft in seine Berührung. Schon schämte er sich für seinen Gedanken vorhin. Hedwig war doch seine Freundin und sie war bei ihm. Sie war ebenso eingesperrt wie er.
„Du wärst auch gern bei den anderen Eulen, nicht wahr?" flüsterte er ihr zu und streichelte sie weiter. Der Vogel schuhute beruhigend, als bräuchte sie nichts weiter außer ihm. Der Junge seufzte dankbar und legte kurz seine Stirn an ihren Käfig, bevor er sich aufs Bett verzog. Es knisterte leicht, als er sich auf die dünne Bettdecke stützte. Die Erinnerung an den Brief, den er am Morgen aus dem Briefkasten gefischt hatte, durchfuhr ihn. Seine Hände tasteten vorsichtig danach. Er war an ihn adressiert gewesen und es war ihm gelungen, ihn an seinem Onkel vorbei in sein Zimmer mitzunehmen. Jetzt in der nächtlichen Dunkelheit traute er sich, ihn hervorzuziehen. Mit pochendem Herzen hielt er ihn in der Hand. Er lauschte angsterfüllt, als müsste genau in diesem Moment sein Cousin oder sein Onkel hereinkommen, um ihm auch diese kleine Freude zu nehmen. Doch es blieb still. Lange sah er den Brief nur an. Ein rot-gelbes Firmenlogo prangte oben links in der Ecke. Name und Adresse waren in starrer Computerschrift aufgedruckt.
Harry machte sich nichts vor. Er wusste, es handelte sich nur um eine Werbesendung, wie sie in der Adventszeit zuhauf versendet wurden. Irgendeine anonyme Hilfskraft in einem Großraumbüro hatte aus der Kartei seine Adresse gezogen. Trotzdem war es ein Brief an ihn. Ein kleiner Schatz in dieser dunklen Zeit, in der ihn keine Eulenpost erreichte. Er atmete tief durch und öffnete den Umschlag, der eine Karte enthielt.
„Werter Herr Potter,
wir wünschen Ihnen eine angenehme Adventszeit mit ihren Lieben."
Ein Adventsgruß für ihn! Die ersten Worte jubilierten in ihm nach, doch die letzten versetzten ihm einen Stich. Sein Blick suchte Halt bei Hedwig, die den Kopf schräg legte und müde mit den Augen blinkerte. Unwillkürlich lächelte er milde. Er sah wieder auf die Karte in seinen kalten Händen und drehte sie herum. Was er dort sah, war ein klassisches Weihnachtsmotiv. Eine Familie war auf dem Weihnachtsmarkt unterwegs, knabberte süße Leckereien und ein kleiner Junge zeigte lachend auf ein buntes Karussell, auf dem eine kleine 1 stand. Bei genauerem Hinsehen entdeckte er weitere Zahlen. Ein Adventskalender, ging es Harry auf.
Erschrocken lauschte er noch einmal auf die Geräusche im Rest des Hauses. Es blieb still. Wahrscheinlich war nur Produktwerbung hinter den Türchen. Doch es war sein Adventstürchen und niemand war hier, um es ihm zu nehmen. Auch wenn es nur eine anonyme Hilfskraft war, die ihm irgendein Massenwerbeprodukt der Firma zugeschickt hatte, rührte ihn die Geste, denn es würde die einzige bleiben, die ihm zuteil wurde. Mit klammen Fingern nestelte er an dem Türchen herum, während der Anblick der Karte vor seinen Augen zu verschwimmen begann.
Plötzlich rief jemand nach ihm. Harry erschrak und sprang reflexartig auf, obwohl er nichts sah. Es war plötzlich hell und der Boden fühlte sich weich an und knarzte unter seinen Füßen. Dann traf ihn ein eiskalter Treffer an seinem Kopf und ließ ihm Kälte durch den Körper fahren. Er schüttelte den Kopf, wie um die wirren Eindrücke abzuschütteln. Das Weiß vor seinen Augen bröckelte als Schneeklumpen von seinem Kopf. Er sah vor sich Ron, der sich lachend den Bauch hielt und mit der anderen Hand auf ihn zeigte. Er stand in seinem extra dicken Weasleypullover mitten in einer Schneelandschaft.
„Ron!" rief Harry überrascht, woraufhin dieser auf ihn zukam.
„Voll erwischt, Kumpel!" klopfte der Rothaarige ihm versöhnlich auf die Schulter. Harry grinste, glücklich seinen Freund zu sehen.
„Komm, wir bauen einen Schneemann!" schlug der Weasleyspross vor.
„Kann es nicht auch eine Schneefrau sein?" kam Hermine in einem warmen braunen Mantel hinzu, bevor eine Antwort möglich war. Harry grinste breit. Er hinterfragte nicht, woher sie kam. Er fragte nicht, warum er dort war und plötzlich warme Winterkleidung trug und woher der Schnee stammte. Er musste Halluzinationen haben. Die Schmerzen am Kopf standen womöglich damit im Zusammenhang.
Er musterte die aufgeregten Gesichter seiner Freunde, die miteinander in der üblichen hitzigen Art die Schneemanntradition diskutierten.
„Ich bin für einen Schneeelfen." unterbrach der Schwarzhaarige die beiden lächelnd. Wenn er schon solche Halluzinationen in der einsamsten Zeit des Jahres hatte, würde er sie genießen.
Hermine war begeistert von der Idee eines Hauselfen aus Schnee. Ron zuckte nur genügsam mit den Schultern. Die Jugendlichen verbrachten die nächste Stunde im Schnee bei ihrem Projekt - immer wieder unterbrochen von kleineren Schneeballschlachten und Lachanfällen.
Als der Schneeelf fertig war, waren sie stolz auf ihre Arbeit. Hermine umarmte Harry. Dann wurde es wieder weiß vor seinen Augen. Der Anblick des lachenden Rons verschwand. Die Wärme von Hermines Umarmung verschwand. Er war wieder auf seinem Bett mit der Karte in der Hand.
„Das ist mein Geschenk für dich." klang die flüsternde Stimme der klugen Hexe in seinem Ohr nach. Hinter der geöffneten Tür Nr. 1 auf der Karte war ein Schneeelf abgebildet. Auf einmal wusste Harry, dass er noch 23 wunderbare Adventstürchen vor sich hatte und dass er niemals so einsam war, wie er manchmal dachte.
