HYA ihr Lieben!
Nun werden wir sehen, was Liam von der Begegnung mit der neugierigen Vampirfrau Siobhan hält!
viel Spaß und allerliebste Grüße
Tali
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And as you walk through death's dark veil,
The cannon's thunder can't prevail,
And those who hunt thee down will fail,
And you will be my ain true love.
(Alison Krauss, You will be my ain'true love)
Liam
Pro Deo, Rege et Patria, Hibernia Unanimis - Für Gott, König und Vaterland, Irland ist vereint.
Ist es zumindest ein Ziel, dass wir hatten.
In diesem neuen Leben nun, sehe ich, wie wir den Krieg verlieren. Hm, aber die Rebellion war bis hier her hervorragend. Niemand führt eine Rebellion wie die Iren.
Seit einigen Tagen habe ich den Eindruck, dass mir einer unseresgleichen folgt. Die letzten Zusammentreffen mit anderen Vampiren sind weniger glimpflich ausgegangen.
Es ist eine junge Frau, die mir gefolgt ist, ein Mädchen fast. Sie scheint wieder nach mir Ausschau zu halten. Was will sie?
„Wer bist du?", frage ich. Spüre die Rage, die seitdem ich in diesem Leben aufgewacht bin, ständig in mir wütet. Habe aber den Eindruck, dass ich immer besser damit zu recht komme.
Sie zuckt nicht einmal, sieht mich nur überrascht an.
„Mein Name ist Siobhan. Wie ist dein Name?", ihre Stimme klingt anders, als die der anderen Vampire. Weicher. Weniger aggressiv. Dennoch scheint sie vorsichtig zu sein, richtet sich auf. Nicht bedrohlich aber dennoch beeindruckend. Sie ist beinahe so groß wie ich.
„Du bist mir gefolgt.", ich wüsste nicht, dass wir höfliche Konversation betreiben, bevor wir uns um Nahrungsquellen zanken werden.
„Du bist nicht gerade vorsichtig, was das angeht.", behauptet das Mädchen recht frech.
„Ich bin mir sicher, dass dir jemand beigebracht hat, wie unhöflich es ist, nicht auf Fragen zu antworten.", das Kind belehrt mich. Hinreißend, wenn sie bissig sind. Ihre roten Augen sind eine Herausforderung, die langen Wimpern unterstreichen ihren auffordernden Blick.
Ich werde ihr den Gefallen tun und ihr meinen Namen sagen, weil ich meine Mutter sehr zu schätzen wusste. Herr hab sie selig.
„Liam."
„Wann wurdest du verwandelt, Liam?", schießt sie die nächste Frage gleich hinterher. Was wird das hier? Warum interessiert sie das? Was geht es sie an?
„Wieso willst du das wissen, cailín deas(hübsches Mädchen)?"
Siobhans Mund verzieht sich zu einem Schmunzeln.
„Kennst du die Regeln unserer Welt? Weißt du, wer die Volturi sind?"
„Regeln? Volturi? Wovon redest du, cailín?", ich habe noch nie davon gehört, dass es Regeln gibt. Keiner der anderen schien davon zu wissen.
„Wann wurdest du verwandelt?", wiederholt sie. Mädchen! Warum ist das wichtig? Überlege, ob ich ihr antworten sollte.
Von ihr scheint keine Bedrohung auszugehen. Sie wird sich nicht mit mir in einen Revierkampf begeben.
Selbst wenn ich wollte, könnte ich es ihr nicht genau sagen. Die letzten Wochen, vielleicht sogar Monate gehen in diesem schrecklichen Durst unter. Ich erinnere mich, von einem Kriegsschauplatz zum nächsten gekommen zu sein, habe mich vom Blut treiben lassen. Die Guerillas im Unterland fand ich bisher am Großartigsten. Wären sie nicht meine Nahrungsquelle gewesen, ich hätte mich mit ihnen verbrüdert, um diesen dreckigen Rotjacken das Fell zu gerben.
„Ich weiß nicht genau.", erkläre ich. „Wir waren so kurz davor, Coote und den anderen verdammten English in den Hintern zu treten, als MacMahon alles in den Sand gesetzt hat!"
Allein der Gedanke daran, versetzt mich zumindest zum Teil in Hochstimmung. Bis wir gefallen sind. Zwei Drittel der irischen Soldaten sind auf dem Feld gestorben. „Es war das reinste Gemetzel!", letzten Endes leider.
„Ein Rebell also?", fragt sie. In ihren Augen blitzt Interesse.
Niemand rebelliert so wie wir. Niemand. Also nenn mich ruhig so, hübsches Kind.
Die schöne Siobhan bietet sich an, mir zu erklären, was unsere obersten Prämissen sind. So hübsch wie das Mädchen ist, ist sie ein Küken im Vergleich…
Hat sie gerade gesagt, sie ist 140Jahre alt? Halleluja!
„Warum sollte dich kümmern, was wird?"
Sie müsste sich nicht dafür interessieren, was aus mir wird. Ich brauche keinen Geleitschutz. Tz. Ein 140Jahre altes Mädchen!
„Je mehr gleichgesinnte Vampire auf einem Schlachtfeld, desto mehr Verluste erleiden gegnerische Truppen."
Damit hat sie mich.
Diesen kleinen miesen Rotjacken werde ich das Fell über die Ohren ziehen!
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Wir folgen den Soldaten, nicht aus Melancholie, sondern weil es einfacher ist, unbemerkt meinen Blutdurst zu stillen, behauptet Siobhan.
Nachdem sie mich nun ausgefragt hat, bin ich bereit ihr ein paar Fragen zu stellen.
„Wie kommt es, dass du der erste Vampir bist, der mir begegnet, der… zivilisiert ist?"
Auch wenn sie bisher keine Anstalten gemacht hat, mich anzugreifen, könnte es eine Arglist sein. Sie hat mir erklärt, was der Unterschied zwischen uns beiden ist.
Sie ist ein Vampir, der wieder in der Lage ist, klare Gedanken zu fassen und nicht ausschließlich von Blut getrieben wird und ich sei ein Neugeborener! Tz, was für eine Beleidigung! So würde man neue Vampire nennen, in den ersten 12 Monaten, dann wenn wir nur eine Priorität haben, Blut. Dieses Wort mag ja auf andere junge Vampire zu treffen, Kinder, die noch nicht gelebt haben, bevor sie durch einen Biss ums Leben kamen, aber ich werde mich ganz sicher nicht als Neugeborener bezeichnen lassen.
„Ich nehme an, viele von den anderen sind wie du. Neugeborene. Andere befinden sich im Blutrausch. Seitdem die Volturi darauf achten, dass wir uns nicht zu erkennen geben, nutzen manche jede Chance auf ein Massaker. Was wiederum zu mehr neuen Vampiren führt."
Sie hat erzählt, dass ein holländischer Vampir in dem Kampf gewütet haben soll, in dem ich gefallen bin. Vielleicht ist er der Ursprung meiner Verwandlung. Aber es interessiert mich wirklich nicht, wer mich zu dem gemacht hat, was ich bin. Jetzt kann ich den Engländern und ihren lästigen schottischen Freunden alles heimzahlen.
„Wann sind die Volturi an die Macht gekommen?"
Die Könige der Vampire! Aber wenn sie fair sind und ihre Macht nicht missbrauchen, kann ich mit ihnen leben. Wenn sie uns die Sicherheit geben, die sie versprechen, wenn sie uns wirklich vor Verrat schützen, sollen sie im fernen Italien tun und lassen, was sie wollen.
„Ich weiß nicht genau. Sie sind schon sehr lange um unsere Sicherheit bemüht. Über 1000Jahre."
„Sie lassen die Vampire in Ruhe, solange wir unseren Stand nicht verraten?"
Die Hübsche nickt.
„Gut."
„Wie kommt es, dass DU nicht wie die anderen Neugeborenen bist?", wir sind seit anderthalb Tagen zusammen unterwegs, seither versiegen ihre Fragen nicht.
„Tz. Ich bin kein Neugeborener. Dieses Wort allein!", verächtlich. Habe ich nicht bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass mir dieses lästige Wort zuwider ist?
„Aber du bist anders, als die Neuerschaffenen Vampire, die ich bisher getroffen habe." Danke.
Kneife meine Augen zusammen. Hm, ihre Augen sind weit geöffnet und mustern mich interessiert. Lächele. Seitdem wir zusammen unterwegs sind, versuche ich sie aus der Reserve zu locken, doch nichts scheint sie aufzubringen.
„Ist das etwas Schlechtes, álainn (Schönste)?"
„Nein. Eher interessant.", schmunzelt sie.
Wir können das Blut riechen. Wir sind nicht mehr weit von einem Kampf entfernt. Wir nicken uns zu, bevor wir zum Ursprung des mundwässernden Geruchs aufbrechen.
Um uns herum tobt ein Kampf, die irische Konföderation gegen eine Truppe von Cromwell. Deren rote Jacken sind ziemlich zerschlissen, anscheinend wird ihre Nachversorgung schwieriger.
Ich gönne ihnen ihr Ende, aus tiefstem Herzen.
Wir sind nicht allein. Ein anderer Vampir hat ebenfalls die Witterung aufgenommen und zielt auf eine einfache Jagd. Knurre, ich teile mein Jagdgebiet nicht, egal ob ich bereits getrunken habe oder nicht, und die halbe Portion ist sicherlich einfach in die Flucht zu schlagen. Der andere duckt sich, geht in Angriffshaltung. Spüre die Rage zurückkehren, die alles Rot zu färben scheint. Ich kann das Blut noch intensiver riechen.
„Liam, nicht!", Siobhans Stimme ist leise, dennoch verstehe ich sie gut. Sie legt mir eine Hand auf den Arm, sieht mich überrascht an, als ich zu ihr herab sehe.
„Wir suchen uns anderes Jagdgebiet. Komm.", Siobhans zierliche Hand umfasst meine und zieht mich vom Kampf weg. Wir rennen durch den Wald, dicke grauen Wolken ziehen über uns hinweg. Erst nachdem wir einige Kilometer vom Schauplatz entfernt sind, kommt meine Begeleitung zum Stehen.
Ich frage mich wieder, warum ich ihr all das glaube, was sie mir erzählt. Woher weiß ich, dass sie nicht lügt? Woher weiß ich, dass sie mich nicht vernichten wird, wenn ich ihr nicht mehr… nütze? Nicht mehr ein Novum bin? Kann ein irisches Gal so viel Heimtücke besitzen?
Sie hat mir erzählt, sie sei zwanzig gewesen, als sie ein Vampir wurde. Frage mich, ob sie Kinder geboren und ihren Ehemann geliebt hat und wieder brennt sich Rage an die Oberfläche.
Siobhan mag Krieg nicht, oder kämpferische Konfrontationen. Da hat sie sich wohl nun einen falschen Zeitpunkt ausgesucht, um in ihre Heimatland zurück zu kehren.
Ich bin immer noch überzeugt, dass dieser kleine asiatische Vampir keine Chacne gehabt hätte, wären wir aufeinander losgegangen. Aber ich habe inzwischen verstanden, dass wir alle Soldaten hätten töten müssen, weil ihnen unser Kampf aufgefallen wäre.
Außerdem gibt es immer noch ausreichend Blut.
„Nun suchst du dir also doch Verbündete, đáng yêu (Liebliche)?"
Der Vampir vom Schlachtfeld springt aus einer Baumkrone, knurre. Was will er hier? Versperre Siobhan den Weg. Sie legt mir die Hand auf die Schulter, sagt, dass sie ihn kennen würde.
Ich kann das Knurren nicht unterdrücken, woher? Was verbindet diesen Zwerg und die schöne Irin?
Siobhan unterhält sich über Belanglosigkeiten mit dem Eindringling, der eine Antwort fordert.
Ich mag es nicht, dass sie näher auf ihn zu geht, er könnte angreifen. Sie sollte fern bleiben.
Frage mich, wie lange Siobhan in seiner Gesellschaft gereist ist? Und was sie dazu veranlasst hat, sich mit ihm abzugeben.
„Neugeborener? Niemals. Dann hätten wir zwei uns da draußen nicht ohne Kampf voneinander getrennt! Das wäre ja amüsant gewesen!", der Zwerg klatscht in die Hände. Toshiro sei sein Name. „Wie alt bist du?"
„Ich wüsste nicht, was dich das angeht, Ghirr(Zwerg)."
Blicke kurz zu Siobhan, die lachen muss. Ihre Augen funkeln.
„Was hat der Riese gesagt?", ich mag es nicht, wie er mit ihr spricht.
„Du hast ihn doch gehört.", also ist sie immer recht frech.
Unser asiatischer Besucher brummt, „Halbwegs. Sein Akzent ist schlimmer als deiner.", redet er sich heraus.
Dann sieht er Siobhan an und will wissen, ob sie mich erschaffen hat. Ich meine, seine Kränkung heraus zu hören.
„Ich glaube nicht, dass du ein Neugeborener bist.", Toshiro baut sich vor mir auf. Er gibt ein armseliges Bild ab, reicht mir nur bis zur Brust. Ich kann dieses Wort nicht ausstehen. Und dann wagt er es auch noch, mich anzufassen! Er glaubt, dass mir sein Stoß irgendetwas anhaben könnte!
Packe seinen Arm und schleudere ihn herum. Ha. Er landet krachend in einer Baumreihe.
Ich würde sagen, das haben wir geklärt.
Sehe Siobhan an, die den Kopf schüttelt und zu ihm springt.
Ich mag es nicht, dass sie nach ihm sieht. Ich dachte uns Vampire zerstört nur Feuer. Doch Toshiro hat eine Beinverletzung. Und selbst wenn uns nicht nur Feuer vernichtet, er ist doch selbst Schuld. Er hat angefangen. Siobhan erklärt, dass das an der Kraft der Neugeborenen liege, tz, das hätte ich auch so gekonnt.
Ich sehe die Wendung des Gesprächs nicht kommen, kann aber gut damit leben.
„Dann lass dich hier nicht von den Kobolden fangen!", zwitschert Siobhan und rennt davon.
Toshiro will ihr ebenfalls nachsetzen.
Oh nein, das wird er nicht.
Stoße ihn mit einem Arm um. „Lass sie in Ruhe. Das war doch deutlich, aye!?"
Toshiro knurrt, mein Knurren ist lauter.
Wir sehen uns an, die Rage wütet, aber anders als sonst. Habe nicht den Eindruck, alles rot getüncht wahr zu nehmen.
Der Asiat gibt ruckartig seine lauernde Haltung auf.
Er hat keine Chance, es ist egal, ob ich noch von Neugeborenen- Kraft profitiere oder nicht. Das Wiesel hätte ich auch so erschlagen.
Renne in dieselbe Richtung wie Siobhan los und hoffe, dass ich ihrer Fährte folgen kann.
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Sie muss hier gewesen sein. Hier an dieser Stelle ist ihr Duft am Stärksten, aber hier verliert sich ihre Spur auch. Ob sie ins Wasser gegangen ist?
Dann kann ich sie kichern hören. Sehe mich um, versuche sie ausfindig zu machen.
„Ich dachte schon, jetzt haben die Kobolde dich gekriegt.", mit einem Mal steht sie neben mir.
Die Kobolde also.
„Du glaubst doch nicht wirklich an die alten Geschichten?"
„Hast du an Vampire geglaubt, bevor du sie getroffen hast?", kontert sie. Gut, den Punkt hat sie. „Außerdem gibt es Werwölfe, ich habe in Rumänien mal einen gesehen. Also, warum nicht auch Feen und Kobolde? Nur weil Vampire im Verborgenen bleiben, heißt dass ja auch nicht, dass es uns nicht gibt."
Werwölfe. Rumänien. Wo hat sich diese Frau nur herum getrieben? Was gibt es in einem finsteren Land schon zu sehen? Es soll dort viel Dunkelheit geben, wenn man den Schauermärchen glaubt.
Wir machen uns auf den Weg nach Galway, es gibt Gerüchte, dass sie kapitulieren wollen!
Es ist unfassbar! Siobhan ermahnt mich, wir dürften uns nicht in ihre Belange einmischen. Es sei ihre Politik, ihr Auskommen. Mit ‚ihre' meint sie die Menschen.
Ob es sie nicht treffe, zu sehen, wie wir, wir als Iren, aufgeben?
Ob es mich nicht viel schlimmer treffe, die Verschwendung von Blut zu sehen? Von jungen, unschuldigen Leben.
Wir sind nun seit einer Woche zusammen unterwegs, Toshiro hat sich noch nicht wieder gezeigt, aber an manchen Orten kann man seine Fährte wahrnehmen. Er hat uns also noch nicht verlassen. Und erst heute Morgen sind wir einem verwüstenden Zirkel ausgewichen.
Die ganze Woche scheint sie mit Fragen zu hadern, die sie nicht stellt.
Siobhans hübsches Gesicht ist angespannt.
„Stell dir vor, deine Kinder würden hier fallen. In einem blutigen Krieg um unsere Unabhängigkeit."
Das ist es also, was sie nicht fragt. Ihre roten Augen bohren sich in meine. „Hast… hattest du Kinder? Sag die Wahrheit, trodaí (Krieger)!"
Frage mich, ob ihr entzückende Röte in die Wangen geschossen wäre, wenn noch eigenes Blut in ihren Adern fließen würde? Auch wenn sie als starke, eigensinnige Frau auftritt, scheint manchmal ein junges Mädchen durch. Eine junge Frau, wie sollte es auch anders sein, sie ist erst 20!
Sehe meine Hände an. Ich bin nicht stolz darauf, dass ich nach einigen Jahren im Krieg meinen Ehering abgenommen habe. Aber wir waren so jung, als wir die Ehe schlossen. Und waren davon begeistert, unser eigener Herr zu sein. Wir waren zusammen groß geworden, meine Frau war eher mein Kumpel, als eine feine Dame. Dennoch haben wir unseren Familien den Dienst getan, Kinder in die Welt zu setzen. Drei an der Zahl. Nach dem ersten Aufstand 1641 bin ich jedoch nicht zurück gekehrt. Viele von uns haben zu viel gesehen, viel von uns wussten, dass dies nur der Beginn war. Wir haben geschworen, dass wir unsere Freiheit, unsere Heimat, verteidigen würden. Wir konnten nicht zu unseren Familien zurück gehen, sie hätten gehofft, dass wir bleiben.
Auch ist es möglich, dass in den kommenden Jahren noch Kinder entstanden sind. Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, was mit meiner Familie geschehen ist, aber hoffe, dass sie angenommen hat, ich sei gefallen, damit Grainne ein neues Leben beginnen konnte, einen anderen Mann heiraten.
„Aye. In diesem anderen Leben."
Siobhan wendet ihren Blick kurz ab.
„Was ist aus ihnen geworden?"
„Ich weiß es nicht, álainn (Schönste). Ich habe sie schon lange nicht gesehen."
„Wenn dein erstes Jahr vorüber ist, könnten wir nach ihnen sehen. Wenn du willst."
„Nein danke."
Ich war die meiste Zeit abwesend, habe mehr Zeit mit der Rebellion verbracht, schon bevor wir aufgebrochen sind, um zu kämpfen. Ich muss nicht so tun, als wäre es anders gewesen.
Siobhan sieht enttäuscht aus. Anscheinend hat sie eine andere Antwort erwartet.
„Wie viele Kinder hattest du, deise (Hübscheste)?"
Siobhan lächelt.
„Keines."
Bitte was? Sie lügt doch. Sie sagt, sie sei zwanzig gewesen, als sie von einem Vampir gebissen wurde. Sie habe in einer kleinen Stadt bei Kilkenny gelebt und sei kurioser Weise ein Einzelkind. Ich kenne es nur so, dass Eltern von nur einem Kind möglichst früh versuchen, ihre Kinder durch Ehen unterzubringen. Es gilt als schlechtes Zeichen, dass es nur ein Kind gibt und je früher verheiratet, desto höher die Chancen auf viele Nachkommen.
„Oh komm schon, Saighdiúir(Soldat), sieh mich nicht so geschockt an!", wiegelt sie ab. „Ich brauchte keinen Ehemann. Ich konnte ganz gut für meine Mutter und mich sorgen.", Siobhan lächelt verträumt. Da ist die junge Frau wieder, deren Blick in die Ferne geht, die man auf die Stirn küssen will, festhalten, bis der Schlaf sich senkt. Gut, Schlaf ist nun keine Option mehr. „Ich war ein bisschen bekannt, in unserer Gegend.", beginnt sie. „Ich war Einzelkind. Mein Vater war der einzige Mann, der größer war als ich. Was sollte ich mit diesen ganzen…", Gnomen? Zwergen? Toshiros? „Kleinen Männern? Außerdem waren alle ziemlich verschreckt, dass ich Vaters Hufschmiede weiter betrieben habe, statt mir einen Ehemann zu suchen, der das übernimmt.", Siobhan sieht mich wieder an. Stolzes Funkeln in den hübschen Augen. „Sie nannten mich das große Schmiedmädchen. Ich war Lokalprominenz, damals 1510!", Siobhan kann ihr Lachen nicht mehr unterdrücken und kichert. Es ist irgendwie mitreißend, aber auch erschreckend, wie lange sie schon gelebt hat.
Und ich erinnere mich dunkel, an eine Geschichte, die uns einer der Kameraden erzählt hat. Er kam aus der Gegend und Kilkenny und berichtete von dem Märchen über das schönste Mädchen von Kilkenny, dass angeblich ganz allein eine Schmiede betrieb. Ihre Geschichte hat sich solange gehalten, weil niemand genau weiß, was mit ihr geschah. Mein Mitstreiter wusste von drei Möglichkeiten, die sich die Menschen erzählen.
Überlege, ob ich die Varianten zusammen bekomme…
In der einen Geschichte, stirbt die Mutter des Mädchens und das Mädchen wendet ihrem Ort den Rücken zu und soll ins Meer gegangen sein, um zu ertrinken. Nachts könne man den Geist der Mutter an der Schmiede weinen hören. In Neumondnächten, soll man hören können, wie das Mädchen antwortet.
In der anderen Geschichte, verschwindet das Mädchen einfach so. Die Dorfbewohner erzählen sich, sie sein mit einem Mann durch gebrannt.
Und die dritte Möglichkeit… hatte irgendetwas mit… Ich weiß es nicht mehr. Meine menschlichen Erinnerungen sind so schwach und unscharf, dass ich es nicht mehr zusammen bekomme.
„Ich bin verschwunden, weil ich ein Vampir geworden bin. Meine Mutter hat mein Ableben überlebt, aber es hat ihr das Herz gebrochen, so habe ich gehört. Als ich sicher genug war, dass ich sie nicht versehentlich töten würde, war sie schon gestorben.", kurz flackert Traurigkeit über ihr Gesicht. „Obwohl mir die Geschichte mit dem Ertrinken auch ganz gut gefällt.", sie lächelt wieder.
Es muss doch seltsam sein, Geschichten über sich selbst zu hören.
„Es ist unheimlich amüsant.", kichert sie.
Als wir nachmittags die Grenze des County Galway überqueren, kommen wir wieder in Berührung mit Vampiren. Diesmal ist es ein Paar, wieder scheint Siobhan zumindest den männlichen Vampir zu kennen. Grr.
„Hauke mein Freund!", Hauke ist ein Vampir mit einem freundlichen runden Gesicht, aber glühend roten Augen, fast wie die eines neu erschaffenen Vampirs. Er ist mindestens vierzig gewesen, als er gebissen wurde. Seine Begleiterin ist groß und dünn, ihre langen braunen Haare wehen ihr unentwegt ins Gesicht, man kann nicht erkennen, ob sie lächelt oder den Mund anderweitig verzieht.
„Siobhan, Liebliche! Schön wie eh und je!"
„Was führt euch hier her? Ich dachte, du wolltest fortan nur noch in wärmeren Gefilden jagen.", Siobhan nickt der Vampirin freundlich zu, die angespannt neben Hauke steht und uns taxiert.
„Ich habe jemanden ‚to hell or to Connacht' rufen hören und wollte wissen, was es damit auf sich hat. Wir haben die letzten Tage in London diniert.", wenn der Vampir grinst, hat er Pausbacken.
Aye, die kleinen Engländer werden sich an uns noch ihren eitlen Hals brechen.
„Wer hätte gedacht, dass ihr die Gallier der Inseln seid, was?"
Verzeihung, was?
„Niemand rebelliert so wie wir.", erklärt Siobhan und grinst mich an. Aye!
„Wie geht es deiner Schwester?", erkundigt sich Siobhan bei den Besuchern.
Die beiden anderen sehen sich an. Haukes Puppillen werden schwarz.
„Ich nehme es den Volturi immer noch krumm."
Siobhan blickt ihn verwirrt an.
„Sie haben sie getötet. Ihr Zirkel sei zu groß geworden. Vor Jahren in Lissabon. Seltsam nur, dass sie eine verschont haben.", Haukes Stimme ist voller Bitterkeit.
„Die Schöne Heidi.", stößt Siobhan hervor, sichtlich geschockt, dass diese Hilda zerstört wurde.
Hauke nickt.
„Aber kommen wir auf erfreulichere Dinge zu sprechen! Wie ich sehe, reist du nicht mehr allein!"
Siobhan blickt kurz zu mir, bevor sie antwortet.
„Das ist Liam.", sie blickt mich wieder an. „Hauke und ich sind uns in Norditalien begegnet.", erklärt sie, bevor sie die Augenbrauen zusammenzieht. „Und deine Begleitung ist doch nicht…?"
„Doch, genau die ist es. Marie, erinnerst du dich an Siobhan? Du warst damals noch ein kleines Mädchen, aber du hast tagelang von niemand anderem gesprochen!", seufzt Hauke.
Betrachte unsere Besucher. Sie haben keine Familienähnlichkeit, dass bedeutet, es ist unwahrscheinlich, dass sie verwandt sind. Aber wie konnte er die Frau kennen, als sie noch ein kleines Mädchen war?
„Ich möchte Kobolde sehen.", antwortet das Mädchen plötzlich, streicht sich die Haare aus dem Gesicht. Sie ist wirklich noch eher ein Mädchen. Optisch zwei, drei Jahre jünger als Siobhan.
Das hat man ihr also eingeredet? Und sie glaubt daran?
„Du darfst sie aber nicht fangen. Wenn du es überhaupt schaffst, bringt es Unglück.", behauptet Siobhan.
„Nicht mal zum Spaß? Ich würde ihnen auch nicht weh tun."
„Nicht mal zum Spaß.", ermahnt Siobhan das Kind.
„Es tut mir leid, wir sind sehr durstig.", entschuldigt sich Hauke. „Aber ich möchte hören, wie es dir ergangen ist."
„Wir sind auch noch auf der Jagd.", berichtet meine Begleitung. „Dann treffen wir uns hinterher wieder?"
Hauke nickt und rennt mit Marie davon.
Sehe Siobhan fragend an.
„Was, keinen Durst mehr?", neckt Siobhan. „Da du ja kein ‚Neugeborener' sein willst, wette ich, dass ich schneller rennen kann als du!", fordert mich das Mädchen heraus und rennt los.
Na warte!
