Hier nun die Fortsetzung...


21. August 2002,
9.04 Uhr EST,
JAG-Hauptquartier,
Washington, D.C.

Mit einem Seufzer ließ sich Mac auf ihren Schreibtischstuhl sinken und verfluchte insgeheim zum unzähligen Male den Gips, welcher beinahe ihr gesamtes rechtes Bein einhüllte.

„Holt einen Krankenwagen", sagte jemand und betrat Macs Büro. „Der Marine ist vier Minuten zu spät."

Sie sah auf und blickte direkt in Harms grinsendes Gesicht. „Haha, sehr witzig, Harm", erwiderte Mac genervt und wandte sich ihrer Arbeit zu. Ihr Bein tat weh und sie hatte Kopfschmerzen. Ihr war jetzt nicht nach Scherzen oder einer Unterhaltung zumute. Und schon gar nicht mit ihrem Partner, was sie ihm unmissverständlich zu verstehen gab, indem sie ihn nicht mehr beachtete.

Er bemerkte, dass etwas nicht stimmte. „Alles in Ordnung, Mac?" fragte er besorgt, woraufhin sie ein wenig überzeugendes „Hmm" brummte. Harm beschloss, nicht weiter nachzufragen, da er seinen Marine lange genug kannte, um zu wissen, wenn sie lieber alleine sein wollte. Wortlos verließ er ihr Büro.

Als er gegangen war, seufzte Mac und stützte den Kopf in die Hände. 'Ich halte das nicht mehr aus', dachte sie verzweifelt. Sie konnte es nicht mehr ertragen, ihn jeden Tag zu sehen, ohne ihn berühren, ihn küssen zu dürfen. Seit ihrem Sturz aus dem Fenster war ihr klar, dass sie Harm liebte. Mehr als sie jemals einen Mann geliebt hatte. Immer unerträglicher wurde die Situation jeden weiteren Tag.


9:47 Uhr EST,
JAG-Hauptquartier

Harms Blick wanderte immer wieder zu Macs Büro. Durch das Fenster konnte er sehen, wie Mac unruhig den Kopf von einem Arm auf den anderen stützte und nicht besonders konzentriert zu arbeiten schien. Außerdem war sie ein wenig blasser als sonst, was Harm allerdings auf schlechte Lichtbedingungen schob.

'Was ist bloß los mit ihr? ' fragte er sich und beobachtete, wie Mac nachdenklich auf einem Kugelschreiber herum kaute. Seit dieser Geiselnahme vor ein paar Monaten benahm sie sich ziemlich seltsam, vermied es mit ihm zusammenzuarbeiten oder ging ihm von vornherein aus dem Weg, was sich auf den Krücken allerdings nicht gerade einfach gestaltete. Er konnte ja verstehen, dass es ihr nicht leicht fiel, wieder zum Alltag zurückzukehren, ihm ging es ja nicht wesentlich anders, aber sie könnte es zumindest versuchen. Auch ihn hatte diese Geiselnahme schwer mitgenommen. Immerhin hätte er Mac, seine Mac, beinahe für immer verloren.

Harm wurde aus seinen Gedanken gerissen, als er sah, wie Mac ihre Bürotüre aufriss und mit ihren Krücken eilig in den Flur humpelte. Er stand auf und eilte ihr beunruhigt hinterher, sah aber nur noch, wie sie auf der Toilette am Ende des Korridors verschwand.

Nur ein paar Minuten später kam sie wieder und wollte an Harm vorbei, der an der Tür auf sie gewartet hatte, in ihr Büro zurückgehen, aber er hielt sie auf. „Mac, was ist los?"

Er wollte ihr in die Augen schauen, aber sie wich seinem Blick aus. „Was soll los sein?!" antwortete sie hart und ging ohne noch etwas zu sagen an ihm vorbei.

Er sah ihr kopfschüttelnd hinterher. 'Verdammt, Mac', dachte er traurig. 'Bitte lass alles so wie früher sein!'


13:31 Uhr EST,
JAG-Hauptquartier

Obwohl sich die Akten auf Macs Schreibtisch häuften, saß Mac immer noch an der gleichen wie heute Morgen. Sonst arbeitete sie immer gewissenhaft und konzentriert, aber heute schweiften ihre Gedanken immer wieder ab. 'Ich halte diese verdammte Situation einfach nicht mehr aus', dachte sie nach einer Weile, nachdem sie mindestens zehn Minuten vergebens auf das weiße Blatt Papier vor sich gestarrt hatte. 'Ich muss etwas unternehmen, sonst werde ich noch verrückt! ' Mehr oder minder entschlossen angelte sie sich ihre Krücken und verließ den Raum.

Als sie nach knapp einer halben Stunde wiederkam, klopfte sie an die Tür von Harms Büro. Noch bevor ein „Herein" erklang, stürmte Mac auf ihren Krücken hinein und schloss sie Tür unsanft hinter sich. Dann baute sie sich vor seinem Schreibtisch auf.

„Was gibt's, Mac?" fragte er, ohne aufzusehen.

„Ich habe Ihnen etwas zu sagen, Commander", sagte sie mit ungewohnt scharfem Ton, so dass er sie, auch wegen der förmlichen Anrede, ein wenig überrascht anschaute.

„Ich höre", entgegnete er ruhig. „Ich war gerade beim Admiral und habe um meine Versetzung gebeten!" fuhr Mac fort.

„Du hast WAS?", entfuhr es Harm, der ohne es zu bemerken, zum Du übergegangen war.

Ein wenig betreten blickte Mac zu Boden. „Ich habe den Admiral um meine Versetzung gebeten", wiederholte sie. 'Ich hätte mir denken können, dass er so reagiert', dachte sie, sagte dann laut: „Er sagte, er wird es sich überlegen und mir morgen seine Entscheidung mitteilen."

Harm starrte seine Partnerin fassungslos an. Er konnte immer noch nicht glauben, was sie da gerade gesagt hatte. 'Ist ihr unsere gemeinsame Arbeit so wenig wert?' „Sag mal, hast du sie noch alle, Mac?!" Harm sprang aufgebracht von seinem Stuhl hoch und umrundete seinen Schreibtisch. Dann packte er sie an den Schultern und drehte sie zu sich. „Warum, Mac?" Er verstand gar nichts mehr.

Mac befreite sich aus seinem Griff und trat einen Schritt zurück, wobei sie beinahe wegen ihres Gipsbeines hingefallen wäre, sich aber im letzten Moment fing. „Das ist ja wohl immer noch meine Entscheidung! Es geht Sie gar nichts an!" keifte sie. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden." Mit diesen Worten verließ sie sein Büro, bevor er sie daran hindern konnte.

Wie vor den Kopf geschlagen sank Harm auf seinen Stuhl und stützte den Kopf in die Hände. 'Das darf doch nicht wahr sein', dachte er verzweifelt. 'Wie kann sie mir das bloß antun? Was soll ich bloß ohne sie machen?'


19:04 Uhr EST,
Nahe dem Ausgang,
JAG-Hauptquartier

Völlig in Gedanken versunken ging Harm Rabb in Richtung Ausgang, als er gegen jemanden prallte. Er erkannte diesen jemand als seine Partnerin Sarah „Mac" MacKenzie, die ihn aufgebracht anschaute.

„Haben Sie keine Augen im Kopf, Commander", fauchte sie und Harm wich vorsichtshalber ein Stück zurück.

„Ist doch nichts passiert", beschwichtigte Harm sie.

Ihre Augen blitzen. „Sie laufen doch auch nicht auf Krücken herum", entgegnete sie prompt und nicht sehr freundlich.

Bei einem wütenden Marine, insbesondere bei diesem sehr wütenden, konnte man nie wirklich sicher sein, ob man am nächsten Tag nicht mit irgendwelchen schwerwiegenden Verletzungen zur Arbeit kommen musste.

„Entschuldigen Sie bitte, ich habe Sie nicht gesehen", entschuldigte sich Harm bei ihr, aber ihr platzte der Kragen.

„Sie sehen mich anscheinend NIE und verstehen tun Sie mich auch nicht!" Sie hatte ihre Stimme erhoben und näherte sich ihm mit wütender Miene.

„Commander Rabb, Colonel MacKenzie, was zum Teufel ist hier los?", polterte plötzlich die Stimme ihres Vorgesetzten, Admiral Chegwidden, durch den Gang.

Sofort schwiegen die beiden und nahmen Haltung an.

Chegwidden kam gerade aus seinem Büro und wollte ebenfalls Feierabend machen, als er seine Anwälte bemerkte. Er kam auf die beiden zu und baute sich vor ihnen auf. „Stehen Sie bequem", sagte Chegwidden und kniff die Augen zusammen. „So, Commander, wären Sie so freundlich und würden mir den Grund für diese lautstarke Auseinandersetzung verraten?" Der Admiral blickte prüfend von einem zum anderen, doch ihre Mienen verrieten nichts.

„Sir", meldete sich Mac zu Wort und räusperte sich ein wenig verlegen. „Der Commander hat mich vorhin beinahe umgerannt und ich bin wohl ein bisschen laut geworden..." Betreten blickte sie zu Boden.

„Major, ich hätte mir ein besses Verhalten von Ihnen gewünscht", sagte der Admiral und klang nicht sonderlich begeistert. "Und von Ihnen auch, Commander!"

„Entschuldigen Sie, Sir", sagte Mac in und blickte stur geradeaus. „Es wird nicht wieder vorkommen."

„Ja, Sir, mir tut es auch leid", fügte Harm hinzu.

Chegwidden betrachtete seine beiden offiziere mürrisch. „Ich dulde keinen Streit in meinen Büros, also wenn Sie noch einmal in der Richtung auffallen sollten, dann werden Sie die nächsten Jahre nichts anderes mehr als Papierkram auf ihren Tischen sehen! Habe ich mich deutlich genug ausgedrückt?"

„Ja, Sir", antworteten Harm und Mac gleichzeitig.

„Einen schönen Abend noch", knurrte Chegwidden und ging dann an ihnen vorbei durch die Tür.

„Mac, hören Sie", begann Harm, aber seine Partnerin warf ihm einen wütenden Blick zu und humpelte schwerfällig auf ihren Krücken vorbei.

„Guten Abend, Commander", verabschiedete sie sich bissig von ihm und war schon zur Türe hinaus.

'Warum das alles, Mac? ' fragte er stumm um eine Antwort und machte sich ebenfalls auf den Weg nach Hause.


19.54 Uhr EST,
Appartement „The Washington 2812",
Georgetown, Washington D.C.

Mit einem leisen Seufzen schloss Mac die Haustür hinter sich und lehnte sich dagegen. 'Wieso muss er es mir bloß so schwer machen? ' Sie mühte sich mit ihren Krücken in Richtung Couch und ließ sich darauf fallen. Mühsam befreite sie sich von ihrer Jacke und kickte ihren Schuh von sich weg. Unter Aufwand aller Kraft stand sie wieder auf und humpelte, diesmal ohne Krücken, in die Küche.

Oder sie versuchte es zumindest. Denn auf halber Strecke rutschte sie aus und knickte mit dem Fuß weg. Mit einem Male wurde Macs gebrochenes Bein doppelt belastet. Sie schrie schmerzerfüllt auf und fiel unsanft auf den harten Parkettboden. Unerträglicher Schmerz durchflutete ihren Körper und brachte Mac an den Rand ihrer Selbstkontrolle. Verbissen kämpfte Mac mit den Tränen. Sie würde nicht weinen, sie war ein Marine, sie war stark. Sie sog scharf die Luft ein, als könne sie den Schmerz dadurch lindern. Nach einer Weile, die sie reglos und zusammengekrümmt auf dem Boden verbracht hatte, versuchte sie aufzustehen, musste es jedoch wieder aufgeben, da sie sich vor Schmerzen kaum bewegen konnte. Mac fluchte lauthals, während sie gleichzeitig fieberhaft überlegte, was sie nun machen sollte.

Langsam robbte sie in Richtung Telefon und zog sich an der Couch in eine aufrechte Position. Eilig wählte sie die Nummer, die sie im Schlaf konnte, und betete inständig, dass er zuhause war.


Eine Viertelstunde später

Es klopfte. Mac sah auf und rief: „Wer ist da?"

Erleichterung machte sich in ihr breit, als ihr eine vertraute Stimme antwortete: „Ich bin's: Harm! Was ist passiert, Mac?"

„Kommen Sie erst mal herein, die Tür ist offen", erwiderte sie gepresst.

Harm betrat die Wohnung. Als er Mac neben der Couch auf dem Boden kauern sah, war er in wenigen Schritten bei ihr und kniete sich neben sie. „Mac, was ist passiert?" wiederholte er besorgt seine Frage, woraufhin sie ihm kurz schilderte, was sich zugetragen hatte. „So Mac, ich helfe Ihnen jetzt erstmal auf und dann schaue ich mir Ihren Fuß mal näher an."

Sie nickte mit zusammengebissenen Zähnen, als er ihre Hand nahm und mit dem anderen Arm unter ihre Schulter griff. Er zog sie mit sich hoch und sie stand von ihm gestützt neben ihm. Doch als sie einen Schritt nach vorne versuchte, sackte der Fuß unter ihr weg und beinahe wäre sie gefallen, wenn Harm sie nicht geistesgegenwärtig aufgefangen und hochgehoben hätte.

Mac schluckte. Es war ihr irgendwie unangenehm, Harm so nahe zu sein, auch wenn sie sich das gerne wünschte. Trotzdem schwieg sie. Sie lehnte den Kopf an seine Schulter und schloss die Augen. Sein Herzschlag beruhigte sie und plötzlich war ihr schmerzender Fuß nur noch nebensächlich.

Harm setzte sie schließlich auf ihrem Bett ab, bevor er ihren Fuß vorsichtig untersuchte.

Ruhig sah ihm Mac zu. Sie vertraute ihm völlig, weswegen sie wusste, dass er ihr nicht wehtun würde. Dennoch zuckte sie zusammen, als er ihren Fuß leicht zur Seite drehte.

Wortlos stand Harm auf und verließ das Zimmer. Wenige Augenblicke später kam er mit einem Kühlpack zurück, das er zwischen fünf verscheidenen Eissorten und einem Päckchen Tiefkühl-Burger gefunden hatte.

„Am besten schonen Sie Ihren Fuß ein paar Tage. Wenn's dann noch nicht besser ist, sollten Sie am besten mal beim Arzt vorbeischauen", sagte Harm, während er das Kühlpack vorsichtig um Macs verletzten Fuß legte.

Sie nickte nur und er setzte sich neben sie aufs Bett. Eine Weile herrschte Schweigen. Ein nicht ganz angenehmes Schweigen. Für beide nicht. Mac hoffte, ihr Partner würde nicht wegen dem Versetzungsgesuch fragen, Harm brannte diese eine Frage auf der Seele. Seit der Geiselnahme konnte er dich keinen Reim mehr aus Macs Verhalten machen. Die ganze Situation verwirrte ihn.

„Sie erwarten jetzt sicher von mir, dass ich Ihnen die Sache mit der Versetzung erkläre, nicht wahr?" fragte Mac nach einer Zeit zögernd, durchbrach damit die Stille.

Überrascht blickte Harm seine Partnerin an. „Allerdings", gab er zu und nickte bekräftigend, gespannt auf die Antwort.

Mac senkte den Kopf und fuhr leise fort: „Es tut mir leid, aber ich kann Ihnen die Gründe nicht sagen. Sie… Sie würden das nicht verstehen…"

„Mac, ich bin Ihr Freund, ich dachte, wir hätten keine Geheimnisse voreinander", warf Harm ein, woraufhin Mac lautlos seufzte.

„Es ist nur, ich komme einfach nicht mehr klar", sagte Mac zögernd.

„Wieso das denn? Sie sind beliebt und haben viele Freunde bei JAG, Sie sind eine Top-Anwältin - warum sollten Sie nicht mehr klarkommen?"

„Es geht einfach nicht", beteuerte Mac nachdrücklich, ließ sich zurück in die Kissen fallen und drehte den Kopf in die entgegengesetzte Richtung von Harm.

Dieser resignierte. Er wusste, dass er nichts aus diesem sturen Marine herausbekommen würde. Langsam erhob er sich und meinte dann sanft: „In Ordnung, es geht mich ja auch gar nichts an. Kann ich Ihnen noch etwas bringen? Irgendetwas zu essen oder so?"

Mac schluckte. „Vielleicht etwas zu essen", erwiderte sie und blickte zu Harm, der gerade in Richtung Küche verschwand. Als er außer Sicht war, angelte Mac ein Blatt Papier aus dem Nachttisch. Es war ein Brief an Harm, indem sie alles erklärt - oder zumindest versucht - hatte. Dann faltete sie das Blatt und steckte es in die Tasche von Harms Jacke, die er auf ihrem Bett abgelegt hatte. Gerade war sie fertig, als er mit einem Sandwich zurück ins Schlafzimmer kam. Sie richtete sich auf, bedankte sich und nahm den Teller entgegen. „Ich würde jetzt gerne alleine sein", sagte sie ohne Harm anzusehen.

Dieser nickte wortlos, nahm seine Jacke und verließ Macs Wohnung.

Als er gegangen war, stellte Mac den Teller neben sich aufs Bett, ließ sich in die Kissen zurückfallen und begann zu weinen.


Vor Harms Appartement,
Nördlich der Union-Station,
Washington D.C.

Harm stand vor seiner Tür und kramte in den Jackentaschen nach seinem Schlüssel, als er plötzlich die Stirn runzelte. Er beförderte ein zusammengefaltetes Blatt Papier zutage, von dem er sich nicht erinnern konnte, es jemals auch nur gesehen zu haben.

Prüfend drehte er es und stutzte, als er seinen Namen darauf stehen sah. Er faltete es auseinander und erkannte auf Anhieb, dass es Macs Schrift war. Neugierig begann er zu lesen…

Lieber Harm, es fällt mir nicht leicht, dies hier zu schreiben, aber es muss sein, weil ich sonst auf ewig Schuldgefühle hätte. Ich möchte dir sagen, warum ich gehen muss. Mir ist bei der Geiselnahme klar geworden, dass du mir sehr viel bedeutest - mehr als die Regeln zulassen und mehr als ich dürfte. Ich kann einfach nicht mehr jeden Tag mit dir zusammenarbeiten, wenn ich genau weiß, dass wir „nur Freunde" sind und sich daran nichts ändern wird. Ich weiß, dass ich mit meiner Entscheidung meinen besten Freund verlieren werde, aber du musst mich verstehen. Ich konnte noch nie gut mit Gefühlen umgehen - ich bin ein Marine, Marines sind allzeit bereit, tapfer und mutig, sie stellen sich jeder Herausforderung. Ich schätze, hier habe ich versagt. Lieber lebe ich in Einsamkeit, als in einer Lüge. Ich kann und will meine Gefühle nicht mehr verstecken, deswegen habe ich meine Entscheidung getroffen. Bitte versuche nicht, mich aufzuhalten, ich möchte nicht, dass es noch schwerer wird - für mich genauso wie für dich. Leb wohl, Sarah

Mit zittrigen Händen starrte Harm auf den Brief. Plötzlich setzten sich alle Teile des Puzzles zusammen: Macs Verhalten, das Versetzungsgesuch - einfach alles passte ins Bild. Er wusste, wie viel Überwindung es Mac gekostet haben musste, diesen Brief zu schreiben. Und dass sie es ernst meine, erkannte er außerdem an ihrer Unterschrift. „Sarah", sagte er halblaut, während er mit den Tränen kämpfte. Nun hatte er Gewissheit, dass Mac das gleiche für ihn empfand wie er für sie. Und jetzt sollte er alles verlieren, was ihm etwas in seinem Leben bedeutete? Eines wusste er: Kampflos würde er nicht aufgeben!


Am nächsten Morgen,
JAG-Hauptquartier,
Washington D.C.

Die Türen des Aufzugs glitten fast lautlos vor ihr auf. Ihr entfuhr ein müdes Seufzen, als sie sich mit ihren Krücken auf den Weg zu ihrem Büro machte.

„Colonel MacKenzie?" rief jemand hinter ihr.

„Ja?" Es bereitete ihr ein wenig Mühe, mit den Krücken, dem Gipsbein und dem seit gestern verstauchten Fuß eine Kehrtwendung zu machen. Sie erkannte Harriet, die einen riesigen Strauß roter Rosen in den Armen hatte. Mac lächelte. Hatte sich Bud mal wieder für irgendetwas entschuldigen müssen? „Suchen Sie eine Vase für diesen wundervollen Strauß", erkundigte sich Mac, doch Harriet schüttelte den Kopf.

„Aber nein", rief sie, „der wurde gerade für Sie abgegeben, Ma'am!"

Mac riss die Augen auf. „Für mich?!" 'O Gott, lass es nicht das sein, was ich denke. Rote Rosen… bedeuten sie wirklich das, was ich denke… ich hatte ihm doch gesagt, dass er es mir nicht noch schwerer machen soll…'

„Ma'am?" Harriet trat näher. „Wo soll ich die Blumen hinbringen?"

„Äh... in mein Büro", sagte Mac unsicher. Mit langsamem Tempo folgte sie Harriet und sah zu, wie die blonde Frau den Strauß Rosen in einer Vase auf Macs Schreibtisch arrangierte. „Danke", meinte Mac nur und nickte Harriet zu, die auch schon wieder im Begriff war zu gehen.

Harriet erwiderte die Geste wortlos, bevor sie im nächsten Büro verschwand.

Mac ließ den Blick durch ihr Büro schweifen, als ihr auffiel, dass der Stapel Akten, den sie Harm eigentlich gestern hatte geben wollen, immer noch mitten auf ihrem Schreibtisch thronte. Mac seufzte. Es half nichts, früher oder später musste sie die Akten bei Harm liefern. Und das lieber früher als später. „Auf in den Kampf, Marine", sagte sie zu sich und organisierte es irgendwie, den Aktenstapel unter den Arm zu klemmen.

Dann hinkte sie hinüber zu Harms Büro. Von drinnen erklangen Stimmen und Mac erstarrte, als sie ihren Namen hörte. Sie wollte nicht lauschen, aber weggehen konnte sie auch nicht. Stattdessen schob sie sich langsam näher und lugte um die Ecke, darauf bedacht nicht gesehen zu werden. Sie erblickte Harm, der hinter seinem Schreibtisch saß, und Gunny, der ihrem (noch-) Partner gegenüber saß.

„Das ist nicht einfach, Gunny", hörte sie Harm sagen. „Ich kann sie nicht einfach gehen lassen…"

Mac schloss die Augen. Sie wusste genau, dass er über sie sprach.

Nun meldete sich Gunny zu Wort. „Warum haben Sie es überhaupt soweit kommen lassen?"

Stille folgte. Dann erwiderte Harm: „Ich weiß es nicht! Ich war so dumm zu glauben, dass ich könne meine Gefühle für Mac ewig unterdrücken." Einer von ihnen räusperte sich. „Ich kann nicht zulassen, dass sie geht… Ich liebe sie…"

Macs Augen weiteten sich, ihr Herzschlag setzte für einen Moment aus, tausend Gedanken rasten ihr durch den Sinn. Die Akten unter ihrem Arm rutschten weg und fielen auf den Boden, wobei einzelne Blätter durch die Luft segelten.

Im Büro richteten sich gleichzeitig die Blicke von Harm und Gunny auf die Tür, doch nur Harm erkannte, dass es Mac war, die wie erstarrt vor seiner geöffneten Bürotüre stand. „Mac!" rief er mit einer Mischung aus Besorgnis und Erschrecken. Er sprang auf.

Im gleichen Augenblick warf ihm Mac einen bestürzten Blick zu und machte auf dem Absatz kehrt. Sie musste raus hier, und zwar sofort! Ohne auf den stechenden Schmerz in ihrem Bein zu achten hastete sie mit ihren Krücken durch das Office in Richtung Aufzug.

„Mac!" rief Harm erneut, war in wenigen Sätzen aus seinem Büro geeilt.

Die umstehenden Leute wurden auf die beiden Anwälte aufmerksam und verharrten in ihren Tätigkeiten. Alle Blicke richteten sich auf Harm, der am einen Ende des Office stand, und auf Mac.

„Mac, ich bitte dich, bleib hier", flehte Harm, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, dass er mitten im Office vor seinen Kollegen stand. „Bleib bei mir, ich brauche dich!"

Gebannt verfolgten die Anwesenden das Geschehen.

Mac wurde langsamer, teils wegen Harm, teils wegen dem Schmerz, der durch ihr Bein raste.

„Ich liebe dich!"

Sie blieb stehen. Ihr Herz klopfte wie verrückt, Tränen schossen ihr in die Augen. Im Office war es totenstill.

„Ich liebe dich", wiederholte Harm flehend und hoffte inständig, dass Mac, die wie erstarrt mit dem Rücken zu ihm stand, etwas tun würde. Sie konnte ihn wenigstens anbrüllen oder sonst wie reagieren, aber diese Stille hielt er nicht aus.

Nach einer Ewigkeit drehte sie sich um - langsam und zögernd. Schließlich blickte sie Harm an, der ungefähr vier Meter von ihr entfernt stand und er erkannte, dass eine Träne an ihrer Wange herunter lief. „Warum?" fragte sie mit zitternder Stimme. „Warum ausgerechnet jetzt?"

Harm trat auf sie zu. Er schluckte. „Weil mir erst jetzt klar geworden ist, dass du mein Leben bist. Wir haben so viel zusammen durchgemacht, wir hatten gute und schlechte Zeiten. Du kennst mich besser als sonst jemand. Ich dachte, ich wüsste, was es heißt, jemanden zu lieben, aber erst du hast mir gezeigt, dass Liebe viel mehr ist. Vertrauen, Respekt, Geborgenheit, über alles miteinander reden zu können." Harm stand mittlerweile nur noch knapp einen Meter von ihr entfernt. „Ich liebe dich, Sarah." Er kam noch ein Stück näher und hob seine Hand an ihre Wange, um ihr die Träne wegzuwischen.

Harms Worte und diese zärtliche Berührung ließen ihre innere Mauer restlos einstürzen.

Ihre Blicke trafen sich, die Umstehenden konnten die Spannung, die von ihnen ausging, förmlich spüren.

Mac wechselte eine Krücke zur anderen Hand und platzierte die nun freie Hand auf Harms. Sie schluckte und holte einmal tief Luft, bevor sie nach einem kaum merklichen Zögern zugab: „Ich liebe dich auch, Harm." Ihre Hand wanderte in seinen Nacken, ihre Gesichter kamen sich immer näher, bis ihre sich Lippen endlich in einem unendlich sanften und viel versprechendem Kuss fanden.

Die Umstehenden begannen wie wild zu klatschen und zu pfeifen, Harriet stand neben Bud und hatte seine Hand ergriffen, die sie fest drückte.

Harm schloss Mac in eine zärtliche Umarmung, während ihr Kuss nicht zu enden schien.

Währenddessen raunte Harriet ihrem Mann zu: „Ich bin sofort wieder da." Bud sah ihr nach, wie sie in einem leeren Büro verschwand und die Tür hinter sich schloss. Trotz des lauten Applaus konnte er hören, wie jemand lauthals einen Freudenschrei ausstieß. Augenblicke später erschien Harriet wieder mit dem breitesten Grinsen, das er je bei ihr gesehen hatte.

Die Tür des Admirals ging auf und Chegwidden trat, angelockt vom Lärm, näher, bis er schließlich seine zwei Offiziere in den Armen des jeweils anderen liegen sah. Seine Mundwinkel wanderten nach oben, als er auf das Blatt Papier in seinen Händen sah - Macs Versetzungsgesuch -, es kurzerhand in mehrere Stücke zerriss und in den Papierkorb neben ihm warf. „Ich denke, das wird jetzt nicht mehr nötig sein", sagte er sich mit einem Schmunzeln und richtete seinen Blick wieder auf das immer noch küssende Paar.


Ende