Kapitel 2


„Guten Tag, Professor Snape", nutzte Hermine seine kurzweilige Sprachlosigkeit, um zumindest eine Begrüßung loszuwerden.

Das Gesicht ihres ehemaligen Lehrers verzog sich unmerklich. „Was wollen Sie hier?" Er stellte sich so in die Tür, dass sie keine Chance hatte, an ihm vorbei zu kommen.

Was sie ohnehin nicht ohne sein Einverständnis versucht hätte, aber diesen Einwand behielt sie für sich. „Können wir das eventuell drinnen besprechen? Ich möchte ungern auf offener Straße über Dinge dieser Art diskutieren."

Snape streckte den Kopf aus der Tür und sah die Straße erst in die eine, dann in die andere Richtung hinab. „Nun, ich denke, wir sind ungestört", ließ er sie dann sehr selbstgefällig wissen.

Hermine schloss kurz die Augen und schätzte sich glücklich, dass ihr Chef sie regelmäßig trainiert hatte, was ein Verhalten dieser Art betraf. „Man ist niemals ungestört, wenn man sich nicht in einem geschlossenen und mit Isolationszaubern geschütztem Raum befindet, Sir. Sie, als ehemaliger Spion, sollten das am besten wissen."

„Nun, wenn das so ist, suchen Sie sich am besten einen geschlossenen und mit Isolationszaubern geschützten Raum. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg dabei." Er wollte seine Tür schließen, was ihm allerdings nicht gelang. Hermine hatte wohlweislich ihren Fuß dazwischen gestellt. Woraufhin Snape langsam seinen Blick senkte, nur um ihn danach beängstigend langsam wieder zu heben. „Miss Granger, wären Sie so freundlich, Ihren Fuß aus meiner Tür zu entfernen?"

„Nein", antwortete sie schlicht.

„Miss Granger…", begann er erneut.

Doch Hermine unterbrach ihn: „Professor Snape! Ich garantiere Ihnen, dass ich Sie nicht aufgesucht hätte, wenn ich alleine zurechtgekommen wäre oder jemand anderes zur Verfügung stünde. Sie können also davon ausgehen, dass ich Ihre Hilfe brauche. Außerdem steht es mir als Angestellte des Ministeriums zu, Ihre Hilfe einzufordern." Sie schaffte es nicht, ihre Zufriedenheit gänzlich aus ihrem Gesicht fernzuhalten und sah mit Genugtuung, wie sich seines noch weiter verzog. „Also, wären Sie nun bitte so freundlich, mich herein zu lassen?"

Snape knurrte leise und wandte sich so abrupt von der Tür ab, dass diese aufschwang und innen lautstark gegen die Wand prallte. Ein wenig Putz bröckelte von der Stelle und fiel knisternd zu Boden, wie Hermine sah, als sie ihm folgte und die Tür schloss. Danach wanderten ihre Blicke durch den schmalen und sehr… nun ja, verfallen aussehenden Flur. Die Wände waren grau und ungeschmückt, außer einem Haken neben der Tür gab es hier nichts.

Sie folgte Snape durch den Flur in ein Wohnzimmer, zumindest vermutete sie, dass er es als solches benutzte. Man hätte es auch leicht für eine Bibliothek halten können. Die Wände waren gesäumt mit riesigen Bücherregalen, in denen sich Buchrücken in verschiedensten Farben aneinander reihten. Hier und da steckten Pergamente dazwischen oder quollen über den Büchern aus den Regalen; jede Holzlaus hätte hier mindestens ein Jahrtausend überleben können. Und Hermine, das musste sie zugeben, hätte sich hier gerne einmal genauer umgesehen.

Denn im Gegensatz zum Flur konnte man diesen Raum schon beinahe gemütlich nennen. Ein Kamin war auf der rechten Seite in die Wand eingelassen und im hinteren Teil führte eine Treppe nach oben, eine andere nach unten. Der Boden war mit alten Webteppichen belegt, die sich stellenweise überschnitten, an der Decke hing ein altersschwach anmutender Kronleuchter mit vergilbten Kerzen. Hermine wunderte es nicht, dass er über einer Stelle des Raumes hing, an der sich nichts außer der Teppiche befand.

„Nun, Miss Granger, der Raum ist geschlossen und ich versichere Ihnen, dass Isolationszauber nicht nötig sind. Werden Sie los, was Sie loswerden wollen." Snape war zu einem Schrank gegangen und schenkte sich ein Glas mit einer Flüssigkeit ein, die auf die Entfernung verdächtig wie Sherry aussah. Vermutlich war es auch Sherry. Natürlich bot er Hermine weder einen Sitzplatz noch ein Getränk an, aber wirklich erwartet hatte sie dies auch nicht.

Sie ging zum Tisch hinüber, der soweit wie möglich an der linken Seite des Raumes vor das Bücherregal gerückt war – zweifellos um dem Kronleuchter aus dem Weg zu gehen. „Ich arbeite beim Ministerium in der Abteilung für Vermisstenfälle", begann sie, während sie ihre Unterlagen sortierte. „Mein momentaner Fall beschäftigt sich mit einem 45-jährigen Archäologen, der am Stonehenge verschwunden ist. Ich habe mir den Ort heute Vormittag angesehen und konnte keinen Anhaltspunkt dafür finden, wohin er verschwunden sein sollte. Durch alte Unterlagen habe ich erfahren, dass Sie selbst einmal für zwei Wochen vermisst gemeldet wurden, ebenfalls am Stonehenge. Möglicherweise können Sie mir helfen, diesen Fall aufzuklären."

Snape hatte ihr den Rücken zugewandt, doch sogar aus dieser Position konnte sie sehen, dass seine Haltung bei der Erwähnung von Stonehenge merklich steifer geworden war. Nun legte er den Kopf in den Nacken und Hermine wurde bewusst, dass er seinen Sherry in einem Zug herunterstürzte. Danach erst drehte er sich zu ihr um. „Nun, ich kann Ihnen nicht helfen. War es das, Miss Granger?"

Sie verschränkte die Arme vor der Brust, woraufhin er erneut das Gesicht verzog und sich einen weiteren Sherry eingoss. Zweifellos hatte er verstanden, dass er aus dieser Sache nicht ohne eine Diskussion herauskommen würde. „Professor Snape", begann sie, doch dieses Mal war es an ihm, sie zu unterbrechen.

„Hören Sie auf, mich Professor zu nennen, Miss Granger! Ich bin kein Lehrer mehr in Hogwarts und werde es auch nie wieder sein." Ein weiteres Mal leerte er sein Glas, allerdings nicht, ohne ihr vorher feixend zuzuprosten.

Mr Snape", begann Hermine deswegen von Neuem und kämpfte um ihre Geduld. „Ich habe mir die Akte zu Ihrem Fall bereits durchgelesen. Es stehen mehrere Verhöre mit Ihnen darin und ich weiß, dass Sie mir helfen können."

„Wenn schon alles in der Akte steht, dann weiß ich nicht, warum ich Ihnen helfen muss. Oder haben Sie es bis heute noch nicht geschafft, die Informationen, die sie in schriftlicher Form bekommen können, sinnvoll miteinander zu verknüpfen?"

„Ich kann Informationen miteinander verknüpfen", presste Hermine mühsam hervor. „Aber in dieser Akte steht nicht drin, wo genau Sie und höchstwahrscheinlich auch Steve Ruber verschwunden sind. Ich weiß nicht, wo ich mit meiner Suche anfangen soll. Und da es anscheinend nicht ganz ungefährlich ist, dort, wo auch immer Sie und Mr Ruber hingekommen sind, würde ich es sehr schätzen, wenn Sie sich ein wenig kooperativer zeigen würden!" Tatsächlich war der andere Mann, mit dem Snape verschwunden war – Frederick Ferret – nicht zurückgekehrt. Snape hatte später ausgesagt, er sei verstorben.

In diesem Moment allerdings fasste der ehemalige Lehrer für Zaubertränke sich mit übertrieben leidender Miene an die Stirn. „Miss Granger, bitte verschonen Sie mich mit diesen Schachtelsätzen! Sie waren ein Grund, warum ich meinen Beruf aufgegeben habe."

Hermine stöhnte frustriert und ließ die Unterlagen auf den Tisch fallen. „Hören Sie, es geht nur darum, mir zu zeigen, wie ich wo-auch-immer hinkomme, um da nach Steve Ruber zu suchen. Danach können Sie machen, was auch immer Sie wollen."

Er sah sie eine Zeitlang nachdenklich an, ehe er nickte. „Also gut."

Hermine blinzelte mehrmals. Also gut? War das alles? Keine weiteren Bedingungen? Genau das fragte sie Snape auch.

„Sollte ich Bedingungen stellen, Miss Granger?" Er hob seine Augenbrauen.

„Nein", beeilte sie sich zu sagen. „Nein, alles bestens." Trotzdem konnte sie die Überraschung nicht gänzlich abschütteln. „Also dann… Worauf muss ich mich vorbereiten?"

Snape stellte sein Glas weg und kam weiter in den Raum. Hinter einem der beiden Ohrensessel, die neben dem Tisch standen, blieb er stehen und stützte sich auf der Lehne ab. „Auf das Schlimmste, Miss Granger."

Sie schluckte, als ihr unwillkürlich eine Gänsehaut den Rücken hinab lief. Dieser Mann schaffte es noch immer, sie mit einem verschlagenen Blick und einer drohenden Äußerung aus dem Konzept zu bringen. „Und das heißt?"

„Das heißt, dass ich für Sie hoffe, dass Sie eine vernünftige Kampfausbildung und ein ausreichendes Wissen über Verteidigungszauber aller Art besitzen. Rüsten Sie sich mit Wasser und Lebensmitteln, sowie den Basistränken zur Wundversorgung aus! Und ziehen Sie sich etwas Bequemeres als das an!" Er deutete flüchtig auf die formelle schwarze Kleidung, die sie trug.

„Danke für diesen Hinweis", erwiderte sie knirschend. „Gut, dann würde ich sagen, wir treffen uns in zwei Stunden am Stonehenge."

„Zwei Stunden, Miss Granger? Sagten Sie nicht, es würde eilen?"

„Die Basistränke zur Wundversorgung brauen sich nicht in zehn Minuten, Sir. Das sollten Sie am besten wissen." Während sie dies sagte, räumte sie die Unterlagen wieder zusammen, die sie nun gar nicht benötigt hatte.

„Für zehn Galleonen bringe ich alles mit, was Sie brauchen."

Hermine sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Mit Verlaub, aber das ist Wucher!"

„Aber es spart Ihnen mindestens eine Stunde. Außerdem haben Sie ein Spesenkonto." Er verschränkte die Arme vor der Brust und gab sich nicht die geringste Mühe, seine Zufriedenheit zu verbergen.

Hermine atmete neuerlich tief durch und konnte es sich nur schwer verkneifen, einige wenig magische Flüche zu murmeln. „Also gut. Dann in einer Stunde am Stonehenge. Sie bringen die Tränke mit und ich das Geld. Bis dann, Mr Snape." Sie wandte sich um und suchte sich den Weg nach draußen alleine. Darauf zu warten, dass Snape sie hinausbegleitete, wäre vergeudete Zeit.


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Zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen (oder wie es Zauberer ausdrückten, zwei Todesser mit einem Fluch zu treffen) war nur ein Grund für Severus, sich auf das anstehende Gespräch mit der Direktorin von Hogwarts zu freuen. Mit einer inneren Genugtuung, die im krassen Gegensatz zu seinem Unmut gegenüber einer gewissen Miss Granger stand, schnappte er sich eine Handvoll Flohpulver und lehnte sich weit über das neu entfachte Feuer zu seinen Füßen.

„Direktorin McGonagalls Büro", sagte er mit fester Stimme und unterdrückte ein Husten, als der Rauch seinen Rachen kitzelte. Die Direktorin saß an ihrem Schreibtisch und stand auf, als Severus mit einem Räuspern auf sich aufmerksam machte.

„Severus", begrüßte die alte Dame und anhand ihrer Miene konnte Severus erkennen, dass sie ganz sicher mit seiner Zusage rechnete. Ein Grund mehr für ihn, sich auf seine Absage zu freuen. Es kostete ihn einiges an Überwindung, sie nicht anzugrinsen. Doch er hatte schließlich einen Ruf zu verlieren. Also setzte er seine miesepetrigstes Gesicht auf und kniff seine Augen feindselig zusammen, während die Direktorin näher kam und sich ein wenig nach unten beugte. „Ich hätte nicht gedacht, so bald von Ihnen zu hören", zirpte sie.

„Ja, auch ich hätte nicht geglaubt, sobald eine Entscheidung treffen zu können."

„Sie haben es sich also anders überlegt?", fragte McGonagall und nickte erwartungsvoll. Sie verschränkte die Arme hinter ihrem Rücken, als würde sie einen Erstklässler mit einer langen Rüge bestrafen wollen. Dieses Mal musste sich Severus in seinem eigenen Wohnzimmer in den Unterarm kneifen, um nicht boshaft zu lachen. Erstens wäre das seinem Hustenreiz nicht sonderlich zuträglich, andererseits wollte er seine Gesprächspartnerin noch etwas zappeln lassen.

„Minerva", begann er schließlich mit wohlüberlegten Worten. „Meine Zeit in Hogwarts war sehr ... lehrreich. Und es war mir eine große ... Freude, mein Wissen an kleine, besserwisserische Bälger weiterzugeben."

McGonagall schnaubte ungläubig.

„Es war immer ein zweites Zuhause. Und all die guten Erinnerungen...", sagte er weiter und McGonagall sah ihn misstrauisch an. Langsam aber sicher hatte wohl auch sie mitbekommen, dass sich eine Zusage von ihm ganz sicher anders entwickelt hätte.

„Kommen Sie auf den Punkt! Nehmen Sie den Posten an oder nicht?"

„Nein!", antwortete Severus mit aller Überzeugung, den er aufbringen konnte – und das war eine ganze Menge. „Ich habe nicht vor, jemals wieder einen Fuß in die Kerker, die Gemeinschaftsräume, die Klassenräume oder irgendeine andere Örtlichkeit zu setzen, die im Entferntesten mit Hogwarts, Schülern und Unterricht zu tun haben."

McGonagall riss ihre Augen auf und ihr Mund öffnete und schloss sich wieder und wieder, als würde sie nicht die passenden Worte für ihren Wutanfall finden können.

„S... Severus!"

„Und glauben Sie mir, es hat keinen Zweck, mich in naher Zukunft erreichen zu wollen. Im Auftrag des Ministeriums begebe ich mich auf eine Mission mit unbegrenzter Dauer." Dass diese Mission für ihn persönlich kaum mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen würde, war dabei natürlich vollkommen irrelevant. Und dass er dies im Auftrag einer gewissen Hermine Granger tat, war noch viel weniger wichtig. „Ich wünsche noch einen angenehmen Tag. Ach...", fiel ihm im letzten Moment ein und diesmal umspielte tatsächlich ein fieses Lächeln seine Mundwinkel. „.. warnen sie den neuen Lehrer für Zaubertränke vor zukünftigen Schülern mit dem Namen Longbottom, Weasley oder auch Potter. Er wird es Ihnen danken."

Mit diesen Worten zog er seinen Kopf zurück und erhob sich von seiner Position auf den Knien. Die innere Genugtuung kribbelte noch immer angenehm in seinem Bauch und er klopfte sich einige Asche von seinem Umhang. Er hatte noch einiges zu erledigen, bevor er am verabredeten Treffpunkt sein musste.


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Ein Knacken kündigte Hermines Ankunft an, doch niemand war da, der es hören konnte.

Sie apparierte etwa 50 Meter vom äußeren Steinring entfernt und drehte sich einige Male im Kreis, bevor sie ihren Rucksack von den Schultern nahm und ihn neben sich auf dem Rasen abstellte.

Stonehenge war weiträumig abgesperrt und in der Ferne konnte sie flatternde Bänder sehen, die das gesamte Gebiet für neugierige und unerwünschte Möchtegerndetektive unzugänglich machten.

Vor vielen Jahren, noch bevor sie überhaupt gewusst hatte, dass sie eine Hexe war, hatte sie Stonehenge zusammen mit ihren Eltern besucht. Ein Bus, vollgequetscht mit Dutzenden Mitreisenden – dickbäuchige und verschwitzte Männer und Frauen – hatte sie hierher gebracht. Hermine hatte die meiste Zeit damit verbracht, laut Hintergrundinformationen aus einem Reiseführer vorzulesen, die keinen interessierten. Nur ihr Vater hatte immer an den richtigen Stellen genickt und Fragen gestellt, während ihre Mutter sie aufforderte, endlich ihre Nase hinter dem Buch hervorzuholen, bevor sie die Realität über die gedruckten Worte hinweg verpasste.

Hermine lächelte bei dem Gedanken daran. Sie nahm sich fest vor, ihre Eltern wieder zu besuchen, wenn sie mit diesem Auftrag fertig war. Vielleicht könnte sie ja noch zwei Karten für die Quidditch-Weltmeisterschaft auftreiben. Vielleicht...

Mit dem Wind im und dem Rucksack auf dem Rücken stieg sie einen kleinen Hügel hinauf und sah dahinter den Tatort, den sie bereits vor einigen Stunden kurz besichtigt hatte. Eine Fläche von etwa 8x10 Meter war noch einmal separat von rot-weiß-gestreiftem Plastikband abgetrennt und auch jetzt noch konnte sie nichts, aber auch rein gar nichts sehen, was Ursache für einen Vermisstenfall sein könnte. Das Gras war etwas mager und kurz. Dunkle Erde blitzte darunter hervor wie die Kopfhaut ihres Vorgesetzten. Einige Meter entfernt war der Boden noch aufgewühlter. Ein Wohnwagen und zwei Zelte hatten laut Aussagen der Muggelpolizei dort gestanden.

Ein weiteres Knacken ertönte, halb übertönt vom pfeifenden Wind, der ohne Hindernis über die Ebene der Salisbury Plainst fegte.

„Mr Snape", begrüßte sie den Neuankömmling mit lauter Stimme und betonte die ungewohnte Anrede im Besonderen.

„Miss Granger", entgegnete der schwarzhaarige Mann. Er trug legere Kleidung und zu Hermines großer Überraschung keinen Umhang. Unter einem grauen Jackett trug er einen dunkelroten, wollenen Rollkragenpullover und als Hermine einen Blick auf die Bügelfalte seine Hose warf, musste sie ganz bewusst ihren Unterkiefer wieder nach oben klappen. Seine Haare wurden ihm wiederholt ins Gesicht geweht und jedes Mal wischte er sie unwirsch beiseite. Sein Gang war steif und genauso, wie Hermine es aus ihren Zaubertränkelehrstunden her in Erinnerung hatte.

„Haben Sie noch etwas vor?", fragte Hermine so unschuldig wie möglich und rückte den Riemen über ihrer Schulter zurecht. „Etwas Besonderes?"

Severus rechtes Auge zuckte verdächtig und er deutete nonchalant über Hermines Kopf hinweg in die Richtung des Tatorts. „Nach Ihnen."

Mit gesenktem Haupt trottete Hermine los und blieb erst stehen, als das flatternde Band ihr gegen die Hüfte klatschte.

„Was ist mit den Tränken?", fragte Hermine, stellte wieder ihren Rucksack ab und gab sich dabei Mühe, Snape nicht anzublicken.

„Haben Sie denn zehn Galleonen?", gab er als Antwort und warf einen unsicheren Blick auf den unscheinbaren Flecken Erde neben ihn.

„Sie sind ein arroganter Ganove", grummelte Hermine. Snapes Blick war ihr nicht entgangen, was ihrem Selbstbewusstsein nicht gerade einen positiven Schub gab. Sie hatte keine Vorstellung, worauf sie sich hier einließ und hatte die irrwitzige Fantasie, im Laufe dieses Auftrag auf einem blutigen Opferstein einer nomadischen Gottheit geopfert zu werden. Sie erschauderte bei dem Gedanken und holte die Münzen aus einer kleinen Tasche, die sie um den Hals zu hängen hatte. Mit knirschenden Zähnen zählte sie zehn Galleonen ab und hielt sie Snape mit einer ungehaltenen Geste vor die Nase.

„Bitte schön, Sie... Sie..." Sie suchte nach den passenden Worten. Einem Schimpfwort, das sich eigentlich in ihrem Schimpfwortvokabular befand, aber harmlos genug war, damit sie sich danach nicht mies fühlen würde.

„Ja, nicht das formale 'Sie' vergessen, Miss Granger. Wir möchten doch nicht unhöflich werden." Er lächelte süffisant, eine Mimik, die sie bei ihm schon so oft gesehen hatte. So brauchte sie einige Sekunden, ehe sie bemerkte, dass er ihr einen kleinen Beutel vor dir Nase hielt. Hastig griff sie danach und drückte ihm die Bezahlung in die aufgehaltene Hand.

„Es war mir eine Freude, mit Ihnen Geschäfte zu machen, Miss Granger."

„Ja, was auch immer", erwiderte Hermine ungehalten und gestikulierte in den eingezäunten Bereich. „Wie komme ich jetzt... wo auch immer hin?"

Snapes Augenbraue zuckte in die Höhe und er ließ kurz seinen Blick über Hermines Figur wandern.

„Sie wissen, dass Sie womöglich nicht zurückkommen werden, oder?", sagte er schließlich mit gedämpfter Stimme.

„Ich gedenke sehr wohl zurück zu kommen, Mr Snape. Und je früher ich weiß, wo ich hin muss, desto eher komme ich zurück."

„Wenn Sie das sagen." Snape zuckte mit den Schultern, zeigte mit der linken Hand auf die Fläche und zog mit der rechten seinen Zauberstab aus einer Innentasche seines Jacketts. „Stellen Sie sich dorthin!", befahl er und Hermine sah ihn misstrauisch an. „Ich werde Sie schon nicht in einen Wurm verwandeln, damit sie sich in die Unterwelt buddeln können."

„Unter... Unterwelt?"

„Hey, Sie wollen doch den Muggel retten, oder nicht?"

„Natürlich, aber..."

„Na schön." Snape machte einige kreisende Bewegungen mit der Spitze seines Zauberstabes und zielte auf den Boden unter Hermines Füßen. Unsicher sah sie sich um und erstarrte, als kleine Sandwellen plötzlich auf sie zugerast kamen und sie innerhalb eines Atemzuges bis zu den Knien eingesunken war.

„Was machen Sie da?", kreischte Hermine hysterisch und zuckte verdutzt zusammen, als ihr Rucksack auf sie zugeflogen kam, begleitet von den Worten ihres Professors: „Den wollen Sie doch bestimmt mitnehmen."

Ihr blieb noch Zeit, einmal kräftig Luft zu holen und den Rucksack fest an ihren Oberkörper zu pressen, bevor eine letzte Welle über ihr zusammenbrach. Dann war es dunkel.


oOoOo


Severus Snape starrte einige Sekunden lang auf den Punkt, an dem der brünette Haarschopf von Hermine Granger verschwunden war, in Gedanken bereits weit weg von diesem Ort. Wirklich schade um die junge Frau, sie war die einzige während seiner gesamten Laufbahn als Zaubertränkelehrer, der nie auch nur ein einziger Kessel explodiert war.

Er wollte sich bereits umdrehen und disapparieren, als ein Gegenstand seine Aufmerksamkeit erhaschte. Ein Zauberstab, hellbraun. Etwa 5 Zoll weit ragte er aus dem Boden und Severus hätte schwören können, dass der Stab ihm böse Blicke zuwarf.

„Das darf doch nicht wahr sein", schimpfte er mit unterdrücktem Zorn und zögerte einen Moment, bevor er mit einem ruckartigen Schlenker seines Zauberstabes die raschelnde Plastikfolie zur Seite zwang, sich bückte und mit einem alles-vernichtenden Augenrollen zusah, wie die Erde ihn verschluckte.


TBC...