„Schatz, jetzt steh doch endlich auf! Du verschläfst sonst den ganzen Tag. Ich kann eh nicht verstehen, wie man so lange schlafen kann.", tadelte sie jemand, doch sie konnte und wollte ihre Augen einfach nicht öffnen. Für sie war es noch viel zu früh um aufzustehen geschweige denn die Augen zu öffnen.
„Mhm. Lass mich doch einfach schlafen. Irgendwann komm ich aus dem Bett, versprochen.", nuschelte sie nur als antwort und hörte auch gleich darauf eine Tür zugehen.
‚Typisch Mama', dachte sie sich, drehte sich um und schlief auch gleich wieder ein.
Sie wusste nicht wie viel Zeit sie geschlafen, doch sie hörte wieder die Stimme ihrer Mutter, die sie wieder tadelte.
„Kazuha! Nun steh endlich auf. Du hast besuch unten. In zehn Minuten bist du da, verstanden?!", meckerte sie ihre Tochter wieder an, doch dieses Mal war Kazuha bewusst, dass es keinen Ausweg mehr gab. Sie musste aufstehen, ob sie es wollte oder nicht.
Widerwillig öffnete sie als erstes das rechte Auge und kurz darauf das Linke. Verschlafen streckte sie sich und rieb sich den Schlaf aus den Augen.
Ihr erster Blick galt wie jeden Tag, ihrem Kalender, der auf ihrem Nachttisch stand. Der ganze Monat war mit roten Kreuzen übersäht, denn an jedem Abend eines Tage, kreuzte sie den Tag aus dem Kalender. Seit fast einem Jahr tat sie das nun, jeden Abend.
‚Morgen kommt Heiji wieder.' dachte sie sich und war auch auf der Stelle wach. Wie sie doch diesen Tag herbei gesehnt hatte. An ihren letzten Abend konnte sie sich erinnern, als wäre er gestern gewesen. Sie hatte ihm versprochen auf ihn zu warten bis er wieder kam. Und das tat sie auch. Ihr Blick fiel auf die Bilder, die genau neben dem Kalender standen. Auf jedem von den vier Bildern war sie mit Heiji oder nur er zu sehen. Das eine zeigte Heiji als er ca. drei Jahre alt war und mit Kazuha im Sandkasten eine Sandburg bauten. Ein anderes zeigte Heiji, wie er zusammen mit ihr vor dem Eifelturm stand, da hatte er sogar seinen Arm um sie gelegt und sie war errötet. Das lustigste Bild von den vieren war das, wo Heiji am Schlafen war und alle viere von sich streckte. Und das letzte, und für Kazuha wichtigste, Bild war, ein Bild von Heiji, wo er unter einem Kirschblütenbaum stand und sanft in die Kamera lächelte. Damals war Kazuha es, die das Foto schoss und einfach nicht genug Fotos von ihm machen konnte, weil er so ein schönes Lächeln auf gesetzt hatte. An dem Tag hatte sie gemerkt, dass sie Heiji liebte und das von ganzem Herzen.
„Kazuha!!", rief ihre Mutter und sie fuhr erschrocken aus dem Bett hoch. Den Besuch, der unten auf sie wartete, hatte sie ganz vergessen. Zu sehr hatte sie sich an die alten Zeiten und an ihre große Liebe gedacht. Eilig zog sie sich an und machte ihre Haare. Dabei dachte sie wieder an Heiji. In der Zeit, in der er Weg war, dachte sie ununterbrochen an ihn und an keinen anderen Mann. Sie wollte nur mit ihm zusammen sein und wollte ihm auch ihre Gefühle offenbaren, wenn er wieder kam. Das hatte sie sich vorgenommen. Viele Jungs in ihrem Alter waren in dem Jahr hinterher, doch sie interessierte das nicht, sie schenkte ihnen keine Beachtung oder wies sie zurück.
Nachdenklich ging sie runter, direkt ins Wohnzimmer. Auf dem Sofa saßen ihre beiden besten Freunde. Mamoru Segawa, der etwa so alt wie ich bin, also 19 und dann noch Natsumi Okino, die ein Jahr jünger als wir sind. Ja wir waren schon lange die besten Freunde, um ehrlich zu sein, hatte ich mich an die beiden geklammert nachdem Heiji gegangen war, da ich nicht alleine das Jahr überstehen musste. Doch mittlerweile konnte ich schon gar nicht mehr ohne die beiden.
„Hey Kazu! Man wir dachten du stehst heute gar nicht mehr auf. Wollten schon nen Suchtrupp nach dir schicken.", lachte mich Mamoru an und umarmte mich zur Begrüßung.
„Tut mir leid, aber an einem Sonntag früh aufstehen ist bei weitem nicht leicht für mich. Das solltet ihr wirklich langsam wissen.", grinste ich breit zurück und schloss auch Natsumi in die Arme.
„Wollen wir dann heute noch mal los? Sonst verpassen wir den Film am Ende noch, weil du so lange brauchst.", ärgerte Mamoru mich weiter, wofür ich ihn gespielt böse auf den Arm schlug.
„Ist ja schon gut. Wir können ja gleich los, hole nur noch meine Tasche.", sagte ich und verschwand noch mal hoch in mein Zimmer, wo ich nach meiner schwarzen Tasche suchte.
Sie war eines der Sachen, ohne die ich nicht aus dem Haus ging, denn sie war ein Weihnachtsgeschenk von Heiji an mich.
Am Kino angekommen holten wir uns unsere Karten, kauften uns Popkorn und wollten gerade den Kinosaal betreten, als Kazuha stehen blieb.
„Ehm, Kazu? Wieso bleibst du stehen?", fragt mich Natsumi verwirrt, nachdem sie in mich hinein gelaufen ist.
Sie bekommt keine Antwort von ihrer Freundin und immer noch verwirrt folgt sie ihrem Blick. Kazuha staut mit gemischten Gefühlen auf ein Filmplakat, das vor ihr hing. Der neue Hello Mrs. Kathy würde bald rauskommen. Der dritte Teil davon, dem Lieblings Film von ihr und Heiji. Beide hatten die beiden Filme schon so oft gesehen, dass ihn schon so gut wie auswendig konnten. Sie musste anfangen zu lächeln, doch sie spürte auch, dass ihr eine einzelne Träne über die Wange lief.
Sie vermisste ihn so schrecklich, ihr Herz bekam jeden Tag einen neuen Riss und sie wusste nicht, wie lange sie es noch ohne ihn aushalten würde.
Die Tränen konnte sie nicht mehr aufhalten und sie liefen ihr jetzt wasserfallartig die Wangen runter. Schwungvoll drehte sie sich um, um die Toiletten aufzusuchen. Vor ihren Freunden wollte sie nicht wie eine Heulsuse dastehen. Nicht schauend wo sie hinlief, stieß sie mit jemand zusammen und beide lagen auf dem Boden. Verdutzt schaute sie sich um und erst als jemand unter ihr aufkeuchte, merkte sie, was passiert war. Gerade als sie sich bei der Person entschuldigen wollte, bemerkte sie wer es war.
„Sag nicht, dass das Wahr ist. Heiji?", fragte sie erschrocken.
„Man Kazu, hast du zugenommen? Du warst mal deutlich leichter.", antwortete ihr Freund ihr mit seinem typischen Grinsen.
‚Es war ja wieder typisch Heiji', dachte sie sich und schlug auf ihn ein.
„Nimm das zurück du Vollidiot!!", presste sie zwischen ihren Lippen hervor, schlug weiter auf ihn ein, wobei er anfing lauthals zu lachen.
„Niemals!"
„Dann kannst du dich auf meine Rache gefasst machen, du…", weiter kam sie nicht, denn Heiji zog sie in eine Umarmung zu sich runter.
„Ich hab dich vermisst.", flüsterte er ihr ins Ohr, worauf sie rot wie eine Tomate wurde.
Sie drückte ihren Kopf auf seine Brust und fing wieder an zu weinen, doch dieses Mal aus Erleichterung und Freude.
„Ich dich auch Heiji, ich dich auch.", flüsterte sie eben so leise zurück, aber sie wusste ganz genau, dass er sie verstanden hatte, denn danach fuhr er ihr mit der Hand über den Rücken.
Mamoru, Natsumi und die Besucher des Kinos schauten verblüfft die beiden an. Als erstes lief Kazuha einen, für ihre besten Freunde, wildfremden um, dann fing sie an ihn zuschlagen, worauf er begann zulachen und zu guter letzt umarmte er sie und sie fing an zu weinen. Ach die Tatsache, dass beide auf dem Boden eines Kinos lagen, machte die ganze Sache um einiges komischer.
„Wir sollten lieber aufstehen, die Leute gucken schon ganz komisch", sprach Heiji nach einiger Zeit.
Immer noch mit einem roten Kopf erhob sich Kazuha und reichte Heiji die Hand um ihm aufzuhelfen. Die Geste von ihr brachte ihn dazu wieder auf seine Art zu grinsen, worauf er sich einen Boxhieb von ihr einfing.
„Au! Kaum bin ich zu Hause bekomme ich auch schon Schläge!", sagte er gespielt eingeschnappt und rieb sich über die Stelle, an der er getroffen wurde.
„Ich dachte du kommst erst Morgen?! Beim letzten Mal als wir telefoniert hatten, meintest du das zumindest.", erinnerte sie sich wieder und sah ihn fragend an.
„Ich wollte dich überraschen. Deswegen habe ich gesagt, dass ich erst Morgen komme. Du bist mir doch nicht böse, oder?", fragte er vorsichtig, doch sie schüttelte ihren Kopf.
Wie konnte sie ihm nur böse sein? Dafür hatte sie ihn viel zu sehr vermisst.
Anscheinend genügte ihm das Kopfschütteln nicht, denn sein Blick blieb der Selbe.
Er hatte nur für einen Moment geblinzelt und schon fand er sich in einer Umarmung von Kazuha wieder. Zuerst verkrampfte er, doch dann entspannte er sich und schloss sie fest in seine Arme. Ein glückliches Lächeln fand den Weg in sein Gesicht.
„Ich bin froh, dass du wieder da bist. Ich hab dich so vermisst.", sprach sie und fing darauf an zu schluchzen.
„Hey, ist doch alles wieder gut. Hör doch bitte auf zu weinen. Tränen stehen dir nicht. Und außerdem bin ich doch nun hier bei dir.", versuchte er sie zu beruhigen, was ihm dann auch gelang, denn er merkte, wie ihr Körper sich wieder entspannte.
Vorsichtig drückte sie sich von ihm und sah ihm direkt in die Augen.
„Du bleibst jetzt auch hier bei mir? Oder gehst du noch mal weg?", fragte sie ihn.
„Ich bleibe hier bei dir! Hab auch nicht vor wieder nach L.A zu gehen. Osaka ist definitiv die schönere Stadt. Außerdem hält mich da nichts und hier bist du Kazuha.", versichert er ihr und lächelt sie sanft an, worauf sie beginnt zu strahlen.
„Ehm, wir wollen ja nicht stören oder unhöflich sein, doch Kazuha wenn du den Film heute noch sehen willst, dann wird es höchste Zeit.", spricht jemand und beide drehen sich verwirrt um.
Vor ihnen stehen Mamoru und Natsumi mit Popkorn bepackt und total durch den Wind.
„Tut mir leid, doch Kazuha kann leider heute nicht mit ins Kino mit euch, denn sie hat mir glaub ich so einiges zu erzählen. Nicht wahr?", antwortet Heiji bevor Kazuha auch nur den Mund öffnen kann.
Ohne auf eine Reaktion zu warten, nimmt Heiji ihre Hand und zieht sie sanft zum Ausgang des Kinos.
