Im Hause der Potters war Ruhe eingekehrt. Bei so vielen Beherbergten war das ein reines Wunder. Aber alle hatten sich in ihre Zimmer zurück gezogen oder wenigstens dahin, wo ihre provisorischen Betten aufgestellt waren. Joanna und Sirius lagen nebeneinander in dem Bett in ihrem alten Kinderzimmer. Sirius schlief selig, während Joanna noch wach lag und ihren Gedanken nachging, zu denen sie bei all dem Trubel und Wirrwarr, welcher um sie herum herrschte den ganzen Tag, nicht immer oder zumindest immer seltener kam.

Sie dachte noch einmal an ihre Fast-Begegnung des Spätnachmittags nach. Es erschauderte sie immer noch, wenn sie daran dachte, was wohl passiert wäre, wenn Lucius Malfoy, seine Frau und ihr kompletter Anhang sie wohl entdeckt hätten. Zwar war sie in der Öffentlichkeit gewesen und die Winkelgasse relativ belebt – wenn auch bei Weitem nicht so voll wie sie früher einmal gewesen war – aber in gegenwärtigen Zeiten war es schon so weit gekommen, dass Todesser sich nicht mehr zu verstecken brauchten. Sie konnten frei flanieren und sich bewegen… Alles was daraus resultierte, waren zugeklappte Fensterläden, ängstliche Menschen und stockende Atmen. Alle versuchten möglichst schnell das Weite zu suchen, wenn die Todesser erschienen, denn jeder von ihnen könnte der Grund für ihr Erscheinen sein. Und wenn die Anhänger des Dunklen Lords einmal da waren, um nach jemanden zu suchen, half nur noch eine geistesgegenwärtige Reaktion und ein schnelles Apparieren. Und die Hoffnung, dass nicht einer von ihnen sich an einen drangehangen hatte während dessen…

Voldemort verbreitete inzwischen eine solche Angst und einen solchen Schrecken, dass Todesser, wenn sie sich zu mehrt bewegten, nur noch mit einem großen Team an Auroren oder Ordensmitgliedern in ihre Schranken zu weisen waren. Einzelne Auroren oder Mitglieder des Orden des Phoenix konnten nichts ausrichten gegen eine solche Anzahl von Todessern, wie Joanna sie heute gesehen hatte, und riskierten nur ihre Gefangennahme oder Tod, wenn sie sich ihnen alleine stellten.

Und häufig waren die Todesser schon wieder verschwunden, wenn das Aurorenteam die aus der Zentrale an dem Ort des Geschehens ankam. Nicht, weil der Weg zu lange dauerte, sondern weil die Nachricht, dass jemand angegriffen wurde, erst ihren Weg in die Aurorenzentrale finden und dort verbreitet werden musste, bevor die Auroren zum Geschehen apparieren konnten.

Schafften sie es aber doch, entwickelte sich nicht selten ein harter Kampf, welcher schon viele Opfer von beiden Seiten gefordert hatte.

Noch hielt das Ministerium dem Einwirken und Erpressen der dunklen Seite stand. Joanna fragte sich jedoch, wie lange noch. Niemand wollte es laut aussprechen, aber keiner war sich wirklich sicher, ob das Ministerium nicht bald unter dem Druck nachgeben würde, wenn es nur noch einmal einen schlimmen Schlag erleiden würde. Der Zaubereiminister hielt sich wacker… Aber bei den Methoden der Todesser, war es sicherlich ein Leichtes, auch ihn aus dem Weg zu räumen.

Es war jetzt schon nicht mehr sicher, frei zu reden, solange man sich auf dem Gelände des Ministeriums aufhielt. Man konnte niemals wissen, wer wo seine Ohren hatte und wer eventuell Informationen weitergab. Der Dunkle Lord hatte seine Spitzel und Späher überall und gezielt im Ministerium eingesetzt.

Ein Blick auf die Uhr sagte Joanna, dass es inzwischen kurz nach zwei war. Sie war erst vor einer Stunde ins Bett gegangen, nachdem der Orden noch lange beratschlagt hatte, welche weiteren Schritte eingeleitet, was wohin verlegt und was wie organisiert werden sollte. Als Mitglied des Ordens beteiligte Joanna sich natürlich immer daran, ebenso wie ihre Freunde.

Sie schloss die Augen. Schlaf würde ihr gut tun. Sie brauchte ihn außerdem dringend, denn sie musste am nächsten Morgen wieder sehr früh aus dem Bett. Ihre Schicht in der Aurorenzentrale begann um halb acht und trotz Apparierens dauerte es momentan im potterschen Haus wirklich lange, bis man ein unbesetztes Badezimmer fand, noch schnell ein Frühstück zu sich genommen hatte und in all dem Chaos seine Sachen zusammen gesammelt hatte, die man mit zur Arbeit nehmen musste oder wollte.

Sie horchte auf den gleichmäßigen Atem von Sirius und hoffte, er würde ihr beim Einschlafen helfen. Im leichten Dämmerschlaf nahm sie noch wahr, wie ihre Freund sich auf die andere Seite drehte und einen Arm um sie legte und sie nah an sich ran zog. An ihrem Rücken spürte sie, wie sich seine Brust regelmäßig hob und senkte und sein Atem blies ihr auf die Schulter. Wohlig kuschelte Joanna sich tiefer in das weiche Kissen.

Als der Wecker klingelte schraken Lily und James beide gleichzeitig in ihrem Bett hoch. „Wie spät ist es?", murmelte Lily verschlafen und rieb sich die Augen, während James sich über die Uhrzeit informierte. „Viertel nach sieben", murmelte er und schob seine Brille grade auf die Nase.

„Viertel nach sieben!?" Schnell war Lily über James hinweg gekrabbelt und stolperte aus dem Bett die paar Meter zu der Tür, welche ins Bad führte. Ihre Wohnung bestand aus einem großen Zimmer, einem kleinen Badezimmer und einer Wohnküche, die relativ geräumig war. In dem Zimmer, in dem sie schliefen, stand außerdem noch ein riesiger Schreibtisch, auf dem sich unübersichtlich diverse Papiere, Dokumente, Mappe und Ordner stapelten, da James und Lily noch nicht dazu gekommen waren, ihre Lernsachen auseinander zu klamüsern. An Lernen war momentan sowieso nicht zu denken.

Lily kam schon wieder aus der Dusche und dem Badezimmer heraus, als James sich erst bequemte, aus dem Bett aufzustehen. In Windeseile trocknete Lily sich die Haare mit dem Zauberstab und zog ein T-Shirt an, welches sie aus einem der vielen Klamottenstapel zog, die den Boden bevölkerten.

„Ich komme zu spät!", murrte sie und warf einen Blick auf die Uhr. Fünf Minuten vor halb acht. In fünf Minuten begann ihre Schicht im St. Mungos Hospital. Sie knotete sich schon die Schuhe zu und putzte sich gleichzeitig die Zähne, als James ihr einen Kaffee hinhielt, doch Lily lehnte lächelnd ab. „Tut mir leid, keine Zeit mehr."

Sie gab ihm einen Kuss auf die Wange und verschwand dann mit einem leisen Plopp. James stand mit dem Kaffee in der Hand kurz unschlüssig da, zuckte dann jedoch die Achseln und trank ihn selbst. Schnell sprang er danach unter die Dusche, zog sich an und setzte sich dann an den Küchentisch, um noch ein paar Schlagzeilen des Tagespropheten zu überfliegen. Wie jeden Tag hauptsächlich Hiobsbotschaften. Dass der Tagesprophet überhaupt noch so negativ über Voldemort berichtete, verwunderte James schon seit geraumer Zeit. Wahrscheinlich würde sich das aber auch in nächster Zeit ändern, dachte er grimmig, und Voldemort würde es irgendwie schaffen die Kontrolle über sämtliche Angelegenheiten der Zeitung zu übernehmen. So wie er es mit allem tat, was er in die Finger bekam.

Genervt klatschte der den Tagespropheten auf den Tisch, seinen Kaffeebecher daneben und griff dann nach einer Jacke. Obwohl es Sommer war, herrschte draußen fast zu jeder Tages- und Nachtzeit ein rauer Wind und häufig regnete oder gewitterte es. Die sonst für den Sommer normalen Temperaturen von ungefähr 30 Grad hatten sich auf 20 oder weniger reguliert. Für die Muggel waren das alles Naturphänomene. „Der kälteste Sommer seit Jahrhunderten" schrieben sie in ihren Zeitungen und irgendwelche Meteorologen versuchten wahnwitzige Erklärungsversuche dafür abzugeben. James und die gesamte restliche Zaubererwelt wusste jedoch, dass etwas ganz und gar anderes dafür verantwortlich war… Der Grund. Weshalb sich momentan alles rapide verschlechterte. Voldemort.

James lies seinen Blick noch einmal über alles gleiten um zu überprüfen, ob er alles bei sich hatte. Hier war es zwar bei Weitem nicht so chaotisch wie in seinem Elternhaus, aber Ordnung sah definitiv auch anders aus. Als er sich sicher war, nichts vergessen zu haben, apparierte auch er.

Im Ministerium angekommen, schlug er den direkten Weg in die Aurorenzentrale ein und nicht wie üblich über diverse Umwege um diesen oder jenen Plausch zu halten. Er wollte einfach nur so schnell wie möglich an seinen Schreibtisch und den Kopf auf die Tischplatte legen, bis irgendjemand ihn dazu auffordern würde, seiner Arbeit nachzugehen. James' anderer Plan war, sich schwarzen Kaffee entweder literweise oder intravenös zuzuführen, um irgendwie auch nur die Augen offenbehalten zu können.

„Guten Morgen James", wurde er von einem ebenfalls jungen Auroren begrüßt, der ein paar Jahre früher als er selber die Schule beendet hatte. „Morgen Kingsley.", murmelte James und hob die Hand zum Gruß, bevor er noch Marlene McKinnon passierte und ihr ebenfalls freundlich zunickte und sich dann an seinen Schreibtisch setzte. Er wollte gerade schon den Kopf auf die Tischplatte niedersausen lassen, als Sirius den Raum betrat, in der Hand einen Stapel Blätter. „Hallo alle zusammen!"

Seine Stimme war lauter und wirkte auch irgendwie wacher als die von James und dieser zuckte erschrocken auf, als sich die große Hand seines besten Freundes mit einem Klatsch auf seine Schulter legte. „Prongs, noch am Schlafen?", witzelte der Schwarzhaarige und grinste sein typisches Grinsen, welches James in den meisten Fällen anzustecken pflegte. So auch heute.

„Was hast du da in der Hand, Padfoot? Was Neues für uns?", neugierig musterte das Papier in Sirius' Händen, doch dieser winkte ab. „Nichts interessantes… nur irgendwelcher Bürokram, Durchschläge von abgesegneten Berichten und Formulare für neue…" Er brach mitten im Satz ab, als Joanna den Raum betrat und ihrerseits ebenfalls mit ein paar Blättern in der Hand winkte. „Ich habe sie!"

Schnell bildete sich eine Traube der anwesenden Auroren um sie, doch sie kämpfte sich durch bis zu einer großen schwarzen Wand, die mit Stoff verkleidet war, und an der schon Fotos und Steckbriefe einiger schwarzmagischer Zauberer und Todesser hingen.

Ein Bild nach dem anderen pinnte sie mit Reißzwecken an die Wand. Sirius pfiff laut durch die Zähne. „Rosier? Ernsthaft?" Wenn Sirius aber mal weiter drüber nachdachte, wunderte ihn das eigentlich nicht. Der Typ war ihm schon auf Hogwarts, wo er einige Klassen unter dem offensichtlichen Todesser gewesen war, schon immer ziemlich unheimlich gewesen. Einer von zwei jungen Männern, welche exakt gleich aussahen, lachte hohl auf. „Macnair. Dieser Lappen? Das glaubt man ja fast nicht! Kriegt der eigentlich einen einzigen ordentlichen Zauber zustande, außer sich morgens die Haare zu föhnen?" Der Mann der von ihm nicht zu unterscheiden war, grinste. „Voldemort braucht anscheinend jeden Mann. Nehmen jetzt auch noch welche auf, die den IQ eines Flubberwurms oder noch weniger besitzen?"

„Macnair liegt ganz eindeutig unter dem von Flubberwürmern.", murmelte James, während er noch weiter die anderen Bilder durchging. Vier Neuzugänge an der sogenannten „Wanted"-Wand. Ein besonders widerwärtiges Exemplar von Todesser hing genau vor seiner Nase und lachte ihm höhnisch ins Gesicht. Fenrir Greyback. James erschauderte. Er hatte ihn noch nicht persönlich getroffen, aber nach allem was man so hörte, war er sogar unter den Todessern noch als besonders gewalttätig und grausam verschrien. Wahrscheinlich ein eher unangenehmer Zeitgenosse.

„An die Arbeit, an die Arbeit!", drang es plötzlich vom Eingang an ihr aller Ohr und plötzlich stoben alle Mitarbeiter der Aurorenzentrale hektisch auseinander und taten sehr geschäftig. Ihr Vorgesetzter, Alastor Moody, kam zur Tür hinein. Sein magisches Auge rotierte Blitzschnell in seiner Halterung, bis es James erfasste. „Potter! Mal wieder zu spät gewesen!"

Der Angesprochene seufzte. Es war ihm irgendwie unheimlich, dass Mad Eye, wie ihn alle nannten, anscheinend nicht nur alles sah, sondern auch alles wusste. „'Tschuldigung, Chef. Lange Nacht gehabt."

Aufgrund der Tatsache, dass Moody selbst am Vorabend noch lange im Hause seiner Eltern gewesen war, lies dieser es wohl auch bei dieser spitzen Bemerkung und humpelte dann an James vorbei in sein Büro. Nicht, ohne vorher noch Sirius anzuherrschen. „Black! Ich warte immer noch auf deinen Bericht von Dienstag! Brauchst du eine schriftliche Vorladung in meinem Büro? Haben dir die sieben Aufforderungen noch nicht gereich?"

Sirius stand sofort stramm und war kurz davor zu salutieren, wie James amüsiert feststellte. Mad Eye war einer der wenigen Menschen, vor denen Sirius nicht nur Respekt, sondern auch eine Menge Strang hatte. „Kommt, kommt, er ist so gut wie fertig!" Sprachs, rannte zu seinem Schreibtisch und suchte in dem Zettelwust vor ihm nach dem angefangenen Bericht, den er vier Tage zuvor irgendwo abgelegt hatte. Anhand des panischen Gesichtsausdrucks, den Sirius grade bekam, wusste James sofort, dass er ihn nicht mehr fand. Sirius stützte frustriert den Kopf in die Hände, als James sich auf die Kante seines Tisches plumpsen lies. „Kopf hoch, Pad. Neu machen. Nützt ja nichts."

„Ja. Schon klar. Ich weiß bis heute nicht, warum ich die letzten zwei Wochen sämtliche Berichte alleine schreiben musste von allen Einsätzen, die wir hatten."

James grinste abermals. Doch, das wusste Sirius, ebenso wie alle anderen hier, sehr genau. Moody hatte ihm mehrmals gedroht, dass wenn Sirius sein aufbrausendes Temperament nicht etwas runterdrehte, er die Konsequenzen tragen musste. Und vor zwei Wochen, bei einem ihrer Einsätze, hatte Sirius dann letzten Endes etwas die Selbstbeherrschung verloren und einem gefangengenommenen Todesser voller Wonne und Inbrunst seine Faust in der Magengegend versenkt.

Ein normaler Arbeitstag in der Zentral fing an. James und Joanna arbeiteten verschiedene Festnahmen durch und deren Anklagen, während Sirius so schnell wie möglich versuchte, endlich seinen Bericht fertig zu schreiben. Diverse Papierfliegermemos flatterten alle paar Minuten durch den Raum um Nachrichten zu überbringen oder ihren Weg in ein anderes Stockwerk zu suchen. Ab und zu verirrte sich auch mal eine Eule zu ihnen. Das Ministerium hatte vor einem halben Jahr die Eulenpost innerhalb des Gebäudes einstellen lassen, aber manche älteren Kollegen weigerten sich noch immer entschiedene gegen den Fortschritt, den die Papiermemos brachten.

Fünf Minuten vor der Mittagspause, welche keiner von ihnen wirklich in Anspruch nahm sondern sich nur schnell in der Cafeteria ein Sandwich oder Ähnliches holte, kam Moody aus seinem Büro gestürmt. „Es geht los!"

Sein letztes Wort war im ohrenbetäubenden Geräusch der magischen Sirenen untergegangen und dem Fußgetrampel welches in der nächsten Sekunde einsetzte.

„Wohin?!", rief einer der Zwillinge, die sich vorher über Macnair lustig gemacht hatten. „Augen auf, Prewett!", brüllte Moody über den Lärm hinweg und deutete auf eine Tafel, auf der im selbigen Moment eine Adresse erschien. „Keiner rührt sich!", brüllte er schon wieder und die Meute war mit einem Schlag ruhig und jeder einzelne verharrte in seiner Bewegung.

„Wir formieren uns sofort nach der Ankunft!", bellte Moody, „Keine Alleingänge! Jeder appariert Seite an Seite mit seinem Partner! Wenn ihr das Signal seht, sofort disapparieren und nicht, ich wiederhole, nicht den direkten Weg hierher zurück nehmen!" Die Worte kamen so schnell hintereinander, dass sie Verwirrung hätten stiften können, aber die Anwesenden hatten sie in letzter Zeit so oft gehört, dass sie sie im Schlaf hätten aufsagen können.

James und Sirius hatten sich gegenseitig an den Armen gepackt und sich per Blickkontakt darauf geeinigt, dass Sirius apparieren und James mitnehmen würde. Gleiches galt für Joanna und Marlene, welche sich fest umklammerten.

„Bereit ein paar Todesserärsche aufzureißen?" Sirius grinste James an und konnte weder Aufregung noch die Angst verbergen, mit denen sie alle immer zu den Plätzen apparierten, an denen der Kampf tobte. James nickte. „Du kennst mich."

„Eins, zwei, drei!"

Und bei drei apparierte die gesamte Aurorenabteilung.