~Kapitel 2: Schiffbruch~
All die Eindrücke, die William Turner all die Jahre entbehrt hatte, strömten mit einem Mal auf ihn ein. Der Gestank nach verbrauchter Luft, Rum, Schweiß, Mundgeruch und ungewaschener Körper. Der Lärm der Piraten, die sich trinkend, spielend und kämpfend ihre Zeit vertrieben, weil sie keinem Schiff angehörten oder dieses hier vor Anker lag. Er war noch nie zuvor hier gewesen, doch kam es ihm sehr bekannt vor, so sehr glich dieser Ort der Insel Tortuga. Schiffbruch, der einzige Hafen, den er, Captain der Flying Dutchman, betreten konnte. Er durfte kein Land betreten, aber diese Festung war kein Land, sie war eine wie durch Magie zusammengehaltene Konstruktion aus hunderten und aberhunderten von Schiffen. Und in mitten dieser Hochburg der Piraten, in der es keine größeren Sorgen gab als die Frage, wer die nächste Runde Rum bezahlte, fühlte er ein Stück Leben in sich zurückkehren, während sein Geist doch so vom Tod überschattet war.
Er brauchte nicht lange suchen, bis er den Mann gefunden hatte, wegen dem er bis zu dieser abgelegenen Insel gesegelt war; Er saß mit einigen anderen Piraten, die Will nicht kannte, an einem Tisch in der Ecke und spielte Karten. Will verharrte im Eingang des Schankraumes und wappnete sich für das, was er zu tun vorhatte. Er selbst hatte es nicht glauben wollen, wie sollte er es ihm dann erklären? Will betrachtete den Piraten nachdenklich, bis er überraschend und grob in den Rücken gestoßen wurde. Als er sich verwirrt umblickte, umfing ihn ein Schwall Mundgeruch.
"Steh nicht im Weg, du Idiot!" Ein schmutziger alter Seeräuber drängte sich an ihm vorbei und verschwand im Dschungel aus Piraten und Dirnen.
Will schnaubte. Wenn dieser Mann wüsste, wen er gerade beleidigt hatte... Aber sein Ärger flaute rasch ab, als er sich letztendlich seinem Ziel näherte. Er seufzte. War er mehr wert als dieser einfältige alte Mann, nur weil er eine Position auf dem Meer innehatte, die er sich nicht verdient hatte? Dass er noch lebte, dass er Captain der Flying Dutchman war, hatte er allein Jack Sparrows Gnade zu verdanken, unerwartet und unfassbar.
Er spürte einen heftigen Stich, als er daran dachte. Hätte Jack nicht aus für ihn so ungewöhnlicher Selbstlosigkeit gehandelt, hätte er selbst das Herz durchbohrt, ihn, William Turner, sterben lassen, so stünde er nun an dieser Stelle, nicht Will.
Der Gesuchte saß mit dem Rücken zu ihm. Als Will noch einen Schritt auf ihn zu trat, direkt hinter ihm stand, beobachtete er für einen kurzen Augenblick, wie die Feder auf dessen Hut, deren Spitze schon vor Jahren abgeschlagen worden war, erzitterte, als er sich ein wenig nach vorne beugte, um seinen Einsatz in die Mitte des Tisches zu legen. Er sah auf, weil er in diesem Moment bemerkte, wie ein Mann mit langen schwarzen Haaren und Bart an der anderen Seite des Tisches seine Augen vom Spiel abgewandt hatte, um den Neuankömmling in einer Art gelangweilter Interesse zu beobachten. Der Fremde war Will äußerst unheimlich, hatte er doch etwas Vertrautes an sich, auch wenn Will sich sicher war, ihn noch nie gesehen zu haben.
"Captain?"
Gleich mehrere Köpfe drehten sich ihm zu.
"Captain Barbossa!", korrigierte Will ungeduldig.
Der Angesprochene, der auf den ersten Ruf nicht reagiert hatte, drehte sich unnötig langsam um.
"Captain Barbossa?", erwiderte er spöttisch. "Es mag Euch entgangen sein, aber mein Schiff wurde erneut von unserem unwürdigen alten Freund Jack Sparrow gestohlen..."
"Captain Jack Sparrow." Will presste die Lippen zusammen. Es war ein Reflex gewesen, aber gerade jetzt konnte er Barbossas Hohn nur schwer ertragen.
Barbossa musterte ihn mit kaum merklich hochgezogenen Augenbrauen, als habe er Wills Unbehagen bemerkt, sagte dann aber:
"Nun denn, Captain Jack Sparrow, wenn Ihr so wollt. Wen Ihr also ein weiteres Schiff und Crew benötigt, müsst Ihr wohl ihn fragen." Als wäre das Problem für ihn somit abgehandelt, wandte er sich wieder dem Spiel zu und fragte sein Gegenüber, was als Letztes gesetzt wurde.
Will holte rasch noch einmal Luft. Die Sache schien sich schwerer zu gestalten, als er sich erhofft hatte.
"Die Pearl braucht einen Captain." Hätte er ein Herz gehabt, es hätte unruhig schneller geschlagen. Er spürte die Last, die er schon seit Tagen mit sich herumtrug, immer schwerer werden.
Barbossa sah ihn wieder an, diesmal verwirrt.
"Was ist mit Jack?" Er wirkte misstrauisch. "Hat er es schon wieder geschafft, sich von Davy Jones wegsperren zu lassen?", fragte er spöttisch. "Ach nein", fügte er voller Ironie hinzu. "Den habt Ihr ja schon vor Jahren getötet, wie konnte ich das vergessen..."
Will sah ihn nicht an.
"Jack ist tot."
Barbossa starrte ihn unverhohlen fassungslos an.
"Wer hat...?"
"Niemand hat ihn getötet." Noch immer seinen Blick meidend sah Will an die Decke. "Es war ein Unfall. Während des letzten Sturmes..." Für einen Augenblick vergaß er, weswegen er hier war, als er die morsche und kurz vor dem Zusammenbrechen scheinende Decke sah, verzog das Gesicht und sah wieder nach unten, was bedeutete, dem Piraten direkt ins Gesicht zu sehen. Er traf seinen Blick gerade im richtigen Moment, um mitanzusehen, wie sich der zutiefst überraschte Gesichtsausdruck in ein Lachen verwandelte. Für den Bruchteil einer Sekunde fragte er sich angewidert, ob sich Barbossa tatsächlich so sehr freute.
"Oh ja, sehr gut", lachte er. "Ich wäre Euch beinahe auf den Leim gegangen." Er schnaubte. "Welches Interesse hat Jack daran, mich glauben zu lassen -?"
"Ihr seid dran, Barbossa", unterbrach ihn eine tiefe, ruhige Stimme von der anderen Seite des Tisches.
Barbossa zuckte sacht zusammen und drehte sich wieder um.
"Verzeihung, Captain Teague, natürlich...", antwortete er in einer Art unterwürfigen Zurückhaltung, die Will von ihm so gar nicht kannte. Allerdings rührte der Name etwas in seinem Gedächtnis, auch wenn er ihn nicht zuordnen konnte. Bevor er weiter darüber nachdenken konnte, sprach Barbossa, nachdem er eine Karte genommen und den vorhergehenden Einsatz um das Doppelte überboten hatte, diesen jedoch direkt an.
"Wisst Ihr, Captain Teague, wer der Bursche hinter mir ist?"
Will richtete sich unwillkürlich ein wenig auf.
"Das ist William Turner, der Kapitän der Flying Dutchman..."
Der Mann, der Barbossa zuvor schon unterbrochen hatte, sah Will an, für einen Augenblick blitzten seine Augen auf und es traf Will wie eine Kanonenkugel - jetzt begriff er, was ihm an dem alten Mann so bekannt vorgekommen war: Es waren die Augen! Wie oft schon hatte er sie in einem anderen Gesicht auf diese Weise aufblitzen sehen...
"... er behauptet, Euer Sohn sei tot. Bei einem Sturm ums Leben gekommen. Welch ein Unsinn, findet Ihr nicht auch? Habt Ihr eine Ahnung, warum Jack will, dass ich ihn für tot halte?"
Teague antworte nicht sofort. Er beobachtete für einen Moment den jungen Seemann, der direkt neben Barbossa saß, mit bohrendem Blick (dieser beendete rasch seinen Zug, um ihn von sich abzulenken), dann sagte er langsam:
"Ihr wisst so gut wie ich, Hector, dass es nicht in Jacks Sinne liegt, auf diese Weise seinen Tod vorzutäuschen." Keine Gefühlsregung war in seinem Gesicht zu sehen.
Barbossa sah aus, als hätte der andere Pirat ihm ins Gesicht geschlagen. "Aber Captain... ich bitte Euch... ein Unfall..." Er lachte nervös.
"Es ist wahr, Barbossa", warf Will ein. "Ich habe ihn gesehen!"
Diesmal drehte sich Barbossa nicht um. "Dummes Zeug!", knurrte er.
"Ich selbst habe ihn ins Reich der Toten begleitet...", sagte er leise, aber er war sich sicher, dass Barbossa ihn gehört hatte. Der schnaubte in diesem Moment wütend und warf seine Karten unfeierlich auf den Tisch.
"Ich passe", bellte er und stand auf. "Wenn Ihr verzeiht", er nickte Teague kurz und steif zu und war im nächsten Augenblick schon in der Menge Richtung Tür verschwunden.
Will beobachtete noch eine Weile die Piraten beim Kartenspielen, ohne wirklich hinzusehen.
Es war noch gar nicht lange her, nicht länger als ein oder zwei Wochen seit jener schrecklichen Nacht. Er war damals wie bestimmt seinen Pflichten nachgegangen, hatte die auf See Verstorbenen ins Reich der Toten geleitet. Er hatte sich in den letzten Jahren angewöhnt, nicht allzu oft auf das Wasser zu sehen, während sie am Grunde des Meeres waren. Immer hatte er Angst, jemanden zu sehen, den er kannte oder sogar mochte. Er wusste zwar, dass es keinen Sinn hatte, änderte es doch nichts daran, dass sie tot waren und dass er es bald darauf so oder so erfahren würde, doch hasste er das Gefühl, einen alten Freund so nah bei sich zu entdecken und zu wissen, dass er ihn nie wieder sehen würde.
Am Grund des Meeres glich jede Nacht der anderen. Es gab dort keinen Wind, aber trotzdem trieben Schiff als auch Boote mit immer gleicher Geschwindigkeit dahin. Will stand am Steuerrad, mit geschlossenen Augen. Er spürte das kalte Holz unter seinen Fingern. Es war kein Lenken nötig, das Schiff fand seinen Weg ohne Zutun. Noch weniger als sonst verspürte er die Lust, die Wasseroberfläche zu erkunden, hatte ihn doch schon seit Tagen eine unruhige Vorahnung erfasst, die er weder erklären noch abschütteln konnte.
"William..." Es war die Stimme seines Vaters, leise, sanft, bedrückt.
Ein unwillkürlicher Schauer erfasste ihn. Davor hatte er Angst gehabt. Er nahm einen tiefen Atemzug, von dem er sich ein wenig Beruhigung erhoffte, und öffnete die Augen. Für einen Augenblick sah er hinunter auf das Deck, auf dem einige Matrosen mangels Beschäftigung verteilt saßen und sich mit gedämpften Stimmen unterhielten, dann wandte er sich seinem Vater zu.
"Wer?" Er spürte einen unerträglichen Kloß im Hals.
Stiefelriemen antwortete nicht. Er wirkte traurig, vielleicht auch ein wenig mitleidig. Er wandte sich an die Steuerbordseite der Brücke und sah hinunter. Will folgte ihm widerwillig. Und er fühlte seine lange und unangenehme Vorahnung bestätigt, als sein Inneres aus ihm heraus in die Tiefen des Meeresgrundes zu fallen schien.
"Jack!" Er schnappte nach Luft. "Jack!", wiederholte er noch lauter und verzweifelter. Für einen wahnwitzigen Moment lang hoffte er, dass der Mann in dem Boot, das direkt neben dem Schiff trieb, nicht der legendäre Piratenkapitän war, der ihm so oft geholfen und ihm das Leben gerettet hatte, dass er ihm nur ähnlich sah, aber als der Mann nach oben sah, wusste Will, dass es kein Irrtum war - dieses Grinsen hätte er unter Tausenden wiedererkannt.
"Ahoi, Captain Turner!", grüßte er sorglos. "Ich ahnte schon, dass wir uns wiedersehen würden!"
"Was ist passiert, Jack?", rief Will atemlos hinab.
Jack lächelte vage.
"Calypso meinte es einfach nicht gut mit mir, was kann man da schon machen." Sein Lächeln verschwand. "Sag Barbossa, er soll gut auf meine Pearl aufpassen. Er mag vielleicht ein Mistkerl sein, aber er ist immer noch der fähigste Captain, den ich kenne - mal abgesehen von mir selbst natürlich", fügte er wie selbstverständlich hinzu.
Wills Verstand raste. Er konnte nicht zulassen, dass Jack ging, Jack, dem er sein Leben, dieses Schiff zu verdanken hatte, Jack, der seine so lange gesuchte Unsterblichkeit für ihn aufgegeben hatte. Es gab vielleicht eine Möglichkeit, er hatte es nie versucht...
"Jack", begann er dann hastig. "Sag mir, Jack, fürchtest du den Tod?"
Jack lachte, kopfschüttelnd, als hätte Will keine albernere Frage stellen können. "Warum sollte ich den Tod fürchten, Junge? Wie kann ich etwas fürchten, das schon hinter mir liegt?"
"Nein!" Will schüttelte den Kopf, ungläubig, unwillig, die Wahrheit zu akzeptieren.
Jack sah seinem Schicksal ruhig entgegen, als die Boote allmählich im Wasser versanken. Er blickte noch einmal zu Will hinauf.
"Um es mit Swanns Worten zu sagen: Ich werde - nun, deine Mutter kenne ich nicht - aber dafür werde ich Davy Jones von dir grüßen. Er wird sich sicher freuen." Sein vergnügtes Lachen war das letzte, das Will von ihm hörte, als Jack Sparrow ins Reich der Toten verschwand.
"Mr Turner?"
Will hatte gar nicht bemerkt, dass das Spiel zu Ende war. Wie aus einem Traum erwachend richtete er sich auf und versuchte von dieser unangenehmen Erinnerung los zukommen. Deshalb fixierte er den Mann, der ihn angesprochen hatte. Es war Teague. Die anderen Mitspieler waren bereits verschwunden.
Teague stand neben ihm und sammelte die Karten auf dem Tisch ein. Barbossa hatte drei Könige gehabt.
Es dauerte einige Sekunden, in denen Will dem älteren Mann zusah, bis er sich erinnerte, was er zuvor gehört hatte.
"Captain Teague, Sir?"
Der Angesprochene richtete sich vom Tisch auf und sah ihn an, einen Stapel ziemlich mitgenommen aussehender Spielkarten in der einen und einen kleinen Sack voll Gold und anderer mehr oder weniger wertvoller Dinge in der anderen Hand. Er hatte das Spiel offenbar gewonnen.
"Stimmt es? Ihr seid Jack Sparrows Vater?"
"Das stimmt." Er verstaute die Karten in einer Innentasche seines Mantels.
"Ich..." Er wusste nicht, was er sagen sollte. "Es tut mir Leid."
"Was tut Euch Leid?" Auch sein Gewinn verschwand irgendwo in seinem Mantel.
Sein Verhalten verunsicherte Will zutiefst.
"Also... ich meine, Euer Sohn ist tot!"
"Ja - und?" Sein Gesicht spiegelte noch immer das gelangweilte Desinteresse wieder, das er er schon zu Beginn zur Schau getragen hatte.
Will starrte ihn an.
"Ich dachte nur..." er verstummte.
"Nun, wenn das so ist!", erwiderte Teague spöttisch. "Wenn Ihr mich nun entschuldigt..." Er drängte sich an Will vorbei und verschwand in die selbe Richtung, in die schon Barbossa gegangen war. Will sah ihm fassungslos hinterher.
